Luzerner Philosoph: «Vertrauen geht immer mit Verletzlichkeit einher»
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Der Philosophie-Professor Martin Hartmann forscht unter anderem zum Thema Vertrauen. (Bild: wia)

Martin Hartmann im Interview Luzerner Philosoph: «Vertrauen geht immer mit Verletzlichkeit einher»

8 min Lesezeit 1 Kommentar 11.07.2021, 19:00 Uhr

Vertrauen? Was für ein positives Thema. Nicht unbedingt, sagt Martin Hartmann, Professor an der Universität Luzern. Denn wer vertraut, macht sich verletzlich und abhängig. Der Philosoph erklärt im Interview, weshalb sich Junge lieber auf sich selber verlassen, weshalb die Schweiz nicht in der Tinte steckt und was die Basis ist, um überhaupt vertrauen zu können.

Vertrauen in die Liebe, ins Schicksal, in die Politik, in die Technik, in sich selbst. Das Thema Vertrauen ist omnipräsent. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern. Seit 20 Jahren bereits befasst er sich mit dem Thema Vertrauen.

Im Frühling 2020 wurde sein Buch «Vertrauen: Die unsichtbare Macht» veröffentlicht. Und erhielt gebührende Resonanz. Erst gerade wurde es in Österreich zum Wissenschaftsbuch des Jahres gekürt. Grund genug, den Professor auf ein Rivella ins Café beim Kunstmuseum einzuladen und zünftig auszuquetschen.

zentralplus: Martin Hartmann, vor genau einem Jahr ist Ihr Buch «Vertrauen: Die unsichtbare Macht» veröffentlicht worden. Es passt ganz wunderbar in die Pandemie, denn es scheint, als habe das Vertrauen der Schweizer Bevölkerung in die Politik arg gelitten. Wie sehen Sie das?

Martin Hartmann: Statistiken zeigen, dass die Schweiz im Moment ganz gut fährt, was das Vertrauen in die politischen Institutionen angeht. Im letzten Frühjahr stieg das Vertrauen in die Entscheide des Bundes markant an. Dann fielen die Fallzahlen, doch die Massnahmen blieben bestehen. Dies wiederum führte zu einem geringeren Vertrauen. Doch kann man nach wie vor sagen, dass das Grundvertrauen in das politische System weiterhin recht hoch ist.

zentralplus: Schaut man sich die letzten Abstimmungsergebnisse an, könnte man anderer Ansicht sein. Fast 40 Prozent lehnten das Covid-Gesetz ab. Das CO2-Gesetz wurde gar bachab geschickt. Das klingt für mich nicht nach Vertrauen.

Hartmann: Ich räume ein, diese Empfindlichkeiten hatte ich unterschätzt und war denn auch überrascht über die Resultate. Ich schliesse daraus, dass es zwar wohl Unzufriedenheiten gibt. Doch ist dies kein Ausdruck des tiefen Misstrauens. Kritiker ergriffen das Referendum, beteiligten sich an Demos, gingen abstimmen. Das Vertrauen in das System ist da und es wird genutzt. Ein Problem wäre viel eher, wenn die Bürger resignieren und sich gar nicht mehr beteiligen würden.

«Wir sollten keinen supergrossen Alarmismus an den Tag legen.»

zentralplus: Sie finden also nicht, dass die Schweiz in der Tinte steckt.

Hartmann: Es gibt wenige Anzeichen für eine echte Krise. Wir sollten darum keinen supergrossen Alarmismus an den Tag legen. Demokratie lebt von Streit und Auseinandersetzung, allemal eine direkte.

zentralplus: «Die Leute glauben, Vertrauen sei ein weiches Thema. Ganz im Gegenteil. Es handelt sich um ein hartes Thema.» Eine Aussage, die Sie in Ihrem Buch machen. Können Sie diese erläutern?

Hartmann: Tatsächlich ist das Vertrauen ein Thema, das freundlich anmutet. Wenn ich sage, dass ich darüber forsche, wollen alle gleich mehr erfahren. Doch wenn man sich damit befasst, sieht man schnell, dass Vertrauen auch seine rauen Seiten hat. Denn Vertrauen geht immer mit Verletzlichkeit einher, mit potenziellem Machtmissbrauch und Ungleichheit. Interessanterweise interessieren sich junge Menschen viel weniger für das Thema Vertrauen.

zentralplus: Das erstaunt.

Hartmann: Junge Leute können erfahrungsgemäss weniger damit anfangen, in meinen Vorträgen sind häufig etwas ältere Generationen vertreten. Wenn man vertraut, macht man sich abhängig. Meine Beobachtung ist, dass sich Junge lieber an sich selber orientieren und diese Abhängigkeit eher nicht in Kauf nehmen. Es kann natürlich sein, dass es sich da um eine Selbsttäuschung handelt, aber eben um eine, die ganz normal ist.

zentralplus: Ein Armutszeugnis unserer Zeit?

Hartmann: Ist es das? Ist es nicht natürlich, dass man als junger Mensch selbständig sein will, von zu Hause auszieht, weil man eben nicht mehr in der Rolle des verletzlichen Wesens sein will?

Eine meiner Studentinnen hat eine Arbeit über den Umgang mit der Datingplattform Tinder geschrieben. Die These ist, dass man sich auf diesen unverfänglichen Plattformen vor Verletzlichkeit schützt, indem man das Dating auf eine sehr pragmatische Ebene hebt. Man kann jederzeit abspringen, wenn die Gefahr besteht, dass es zu nah wird. Dieser Studentin ist das dann auch passiert. Nach einigen Monaten hat sich ein Freund, den sie auf Tinder kennengelernt hatte, von ihr getrennt, weil es ihm zu verbindlich wurde. Ich war erstaunt, wie schnell sie sich davon erholt hat. Bei mir früher war das ganz anders. Ich hatte als junger Mensch lange zu kämpfen an Herzensangelegenheiten.

«Ich glaube, dass wir eine genuine Sehnsucht nach Bindung haben.»

zentralplus: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Junge nicht doch das Bedürfnis nach tiefen, vertrauten Beziehungen haben.

Hartmann: Die Soziologin Eva Illouz hat ein Buch geschrieben mit dem Titel «Warum Liebe endet». Darin beschreibt sie Gefühle als Ware. Wenn etwas an einer Beziehung, an einem Menschen, nicht passt, sucht man sich, quasi wie im Laden, einfach die nächste Sorte. Diese Haltung ist mir selber zu düster, das gebe ich zu. Ich glaube schon, dass wir eine genuine Sehnsucht nach Bindung haben. Aber ich sehe eben auch, dass manche sich fürchten vor zu grossen Verbindlichkeiten.

zentralplus: Apropos düster. Ein Satz aus Ihrem Buch lautet: «Vertrauen ist per se nichts Gutes.» Können Sie das erklären?

Hartmann: Tatsächlich kann Vertrauen zum Problem werden, wenn dadurch Mauern entstehen. Es gibt eine Theorie, die besagt, dass sich Leute ähnlicher Herkunft gegenseitig eher Vertrauen schenken. Beispiele sind Quartiere, in denen nur Menschen gleicher Herkunft leben. Innerhalb dieser sogenannten Vertrauensmauern hat man es zwar gut, man geniesst Vertrauen. Denen, die ausserhalb dieser Mauern sind, wird hingegen grundsätzlich eher misstraut, allein aufgrund ihrer Herkunft. Ihnen wird immer gezeigt, dass man ihnen nicht vertrauen kann.

zentralplus: Sie leiten den Master-Studiengang Philosophie und Management. Das Thema Vertrauen ist auch in Büros ein grosses, wie jeder Angestellte weiss.

Hartmann: Schenkt man jemandem echtes Vertrauen, lässt man der Person Freiräume und Platz, sich ein Stück weit selber zu entfalten. Ein Vorgesetzter gibt einer Mitarbeiterin zu verstehen, dass sie eine Aufgabe bewältigen kann. Auch wenn sie selber vielleicht zunächst skeptisch ist, kann es gut sein, dass sie bei dieser Arbeit über sich hinauswächst. Natürlich geht damit auch das Risiko einher, dass sie scheitern könnte.

zentralplus: Gerade in der Zeit des Homeoffice hört(e) man oft, dass Chefs Mühe haben, ihren Mitarbeitenden zu vertrauen. Wie können Vorgesetzte so etwas lernen?

Hartmann: Die Sache mit dem Vertrauen ist die: Vertrauen zu «müssen» ist schwierig, es lässt sich nicht einfach auf Knopfdruck abrufen. Es muss aus einer inneren Haltung kommen. Erste Ergebnisse zeigen, dass Leute im Homeoffice gleich produktiv oder gar produktiver sind. Doch muss man unterscheiden: Nur weil einen der Chef allein lässt, heisst das nicht, dass er einem vertraut. Es kann sein, dass er schlicht keine Zeit hat, sich um die Mitarbeitenden zu kümmern. Ich denke, durch offene Kommunikation kann das gelingen. Nicht im Sinne von Kontrollgesprächen, sondern indem man die Mitarbeitenden einbindet und mit ihnen transparent ist. Bezüglich Homeoffice gibt es jedoch einen heiklen Punkt.

zentralplus: Der da wäre?

Hartmann: Dass viele glauben, die Hierarchien seien weg, nur weil sie nicht mehr sichtbar sind. Das ist ein Trugschluss: Es gibt immer jemanden, der mehr Macht hat. Meines Erachtens sind flache Hierarchien ein heuchlerisches Konzept.

«Wenn ich jemandem mein Vertrauen schenke, dann verzichte ich darauf, zu kontrollieren.»

zentralplus: Kann es sein, dass Menschen Mühe haben zu vertrauen, weil sie es sich zu 100 Prozent wünschen, jedoch immer ein Risiko besteht, dass Vertrauen missbraucht wird?

Hartmann: Ich denke, da verwechselt man Vertrauen mit Verlässlichkeit. Ein Mann kann jeden Abend um 18 Uhr mit seinem Hund vorbeispazieren. Man kann sich vielleicht darauf verlassen. Vertrauen braucht es dazu nicht. Im Gegensatz dazu lässt das Vertrauen Spielräume zu.

zentralplus: Wie meinen Sie das?

Hartmann: Wenn ich jemandem mein Vertrauen schenke, dann verzichte ich darauf, zu kontrollieren. Das Gegenüber kann mit sich selbst aushandeln, wie es damit umgeht. Ich empfehle zwar nicht, blind zu vertrauen. Aber wenn man vertraut, dann muss man loslassen können.

zentralplus: Nach den Terroranschlägen auf die Twin Towers 2001 hat man überall die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Auch an Orten, an denen ein Anschlag unwahrscheinlich wäre. Das Vertrauen sank, obwohl man selber nicht im Geringsten betroffen war. Wie ist dieses Verhalten zu erklären?

Hartmann: So funktioniert Terror. Es entsteht eine Idee der totalen Willkür des Mordens. Dass man nur am falschen Zeitpunkt an einer falschen Strassenecke stehen muss, wie erst gerade in Würzburg. Terror entzieht uns die Möglichkeit zu wissen, wo wir sicher sind. Er hinterlässt das Gefühl, dass es nie unmöglich ist, dass etwas passiert.

zentralplus: Kann hier das sogenannte Urvertrauen helfen? Die Haltung, dass es schon gut kommen wird?

Hartmann: Ich mag den Begriff Urvertrauen nicht und verwende lieber das Wort Grundvertrauen. Die Sache mit dem Grundvertrauen ist die: Ist man tödlichen Gefahren ausgesetzt oder wurde Opfer von Misshandlungen oder Missbrauch, kann man dieses verlieren. Grundvertrauen ist ein wertvolles Geschenk, aber angesichts von Terror oder anderen Gefahren muss man es sich gleichsam immer wieder neu aneignen. Manchen fällt das schwer.

zentralplus: Um zu vertrauen, müssen wir uns verletzlich machen. Geht es nicht auch umgekehrt? Dass Verletzlichkeit Vertrauen wecken kann? Ich denke da etwa an Politiker, die Fehler öffentlich einräumen und sich entschuldigen.

Hartmann: Grundsätzlich ja. Nur leben wir bedauerlicherweise in einer Kultur der Fehlerlosigkeit. Es gibt Beispiele von Politikern, die öffentlich Fehler eingeräumt haben, denen jedoch nicht verziehen wurde. In einigen Tagen spreche ich vor einem Teil der Landesregierung im Bundesland Hessen in Deutschland. Ich bin gespannt, was die sagen, wenn ich sie auffordere, mehr Fehler einzuräumen. Ich bin wirklich gespannt.

«Die Basis des Muts zum Vertrauen ist ein gesundes Selbstvertrauen.»

zentralplus: Braucht es grundsätzlich Mut, um zu vertrauen?

Hartmann: Man kann nicht vertrauen, wenn man sich selbst nicht vertraut, wenn man nicht glaubt, die Enttäuschungen aushalten zu können, die mit gebrochenem Vertrauen einhergehen können. Die Basis des Muts zum Vertrauen ist insofern ein gesundes Selbstvertrauen. Dieses gewinnen wir wiederum, indem uns vertraut wird, in der Philosophie spricht man von einem guten Zirkel, das eine bedingt das andere.

zentralplus: Wie haben Sie es selbst mit dem Vertrauen?

Hartmann: Ich denke, ich bin eher der misstrauische Typ. Gerade gegenüber Banken, dem Handel und dem Markt, weniger jedoch im Privatleben. Da fällt es mir leichter zu vertrauen. Ich bin seit anfangs 2020 Dekan der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und habe deshalb einige Mitarbeitende unter mir. Ich hoffe, dass diese spüren, dass ich ihnen mein Vertrauen schenke.

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1 Kommentare
  1. Hampi R., 14.07.2021, 09:35 Uhr

    Dürfen Staatsanwälte und Richter lügen, stehlen und betrügen? Dürfen sie sich parteiisch verhalten, nur um immer und immer wieder eine Partei zu begünstigen? Dürfen sie Prozesse durchführen, obwohl die Voraussetzungen nie vorhanden waren? Findet ihr es in Ordnung, wenn dem Rechtssuchenden den Zugang zum Recht regelrecht verweigert wird, sich während den ganzen Prozessen nie persönlich äussern durfte? Weder die Berufungsrichter noch die Kontroll- und Aufsichtsbehörden von Luzern finden Anlass, solche Vorfälle zu korrigieren. Vertrauen in die Justiz und die Politik… wohl eher fehl am Platz!

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