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Luzerner Neustadt-Geschäfte profitieren kaum vom Tourismus
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Das Bellini im Vögeligärtli in der Neustadt: Wie viele Touristen kommen hierher? (Bild: zvg)

Neue Umfrage zeigt Erstaunliches Luzerner Neustadt-Geschäfte profitieren kaum vom Tourismus

4 min Lesezeit 9 Kommentare 16.07.2019, 04:57 Uhr

Luzern lebt vom Tourismus – ganz Luzern? Eine Umfrage des Neustadt-Vereins zeigt ein anderes Bild. Für den Umsatz der dortigen Geschäfte ist der Tourismus vernachlässigbar.

Eine neue Umfrage bestätigt, was Luzernerinnen schon wissen: Touristen meiden die Neustadt grösstenteils. Zum Glück, sagen sich viele Einheimische, die wiederum die touristischen Ballungsräume Kapellbrücke/Schwanenplatz/Grendel weiträumig umfahren. Luzern – eine zwischen Massentourismus und Einwohnerschaft separierte Stadt?

Der Quartierverein Hirschmatt-Neustadt hat die Diskussion aufgegriffen und wollte von seinen Geschäften im Juni wissen, inwiefern diese von den Reisenden profitieren. Denn die Touristiker werden angesichts der Skepsis, die sich breitmacht, nicht müde zu betonen: Alle profitieren vom Tourismus.

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Das trifft aber nur bedingt auf die Neustadt zu: «Die Umfrage zeigt auf, dass nicht automatisch alle vom Tourismusboom in Luzern profitieren», sagt Markus Schulthess, Co-Präsident des Quartiervereins. Das Resultat entspreche seinen Erwartungen. «Nun wissen wir auch, dass es tatsächlich so ist.»

Grosser Rücklauf

Bei der Umfrage haben 74 von 167 angefragten Unternehmen – also rund 44 Prozent – mitgemacht. Die Neustadt lebt im Unterschied zur Altstadt von eher kleinen, unabhängigen Geschäften – Touristenshops und Luxus-Uhren sucht man hier vergebens.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Weniger als 5 Prozent des Umsatzes werde mit Touristen erzielt, gab die Hälfte der Geschäfte an. 31 Prozent teilten sogar mit, gar keinen Umsatz mit Touristen zu erzielen.

Es gebe zwar vereinzelt Geschäfte in der Neustadt, die dank des Tourismus an Aufträge kommen – es seien aber verschwindend wenige, so Schulthess.

So wenig Umsatz machen die Neustadt-Geschäfte mit Touristen:


Bei rund 40 Prozent der Geschäfte gehören Schweizer Tagestouristen und Individualreisende durchaus auch zur Kundschaft. Die mit Cars herbeichauffierten Gruppenreisenden hingegen schaffen es kaum in die Neustadt (nur 2 Prozent der Geschäfte).

Für Schulthess überraschend: «Viele Geschäfte haben Schweizer Tagestouristen, aber diese machen einen geringen Anteil am Umsatz aus.»

Welche Touristen verkehren in Neustadt-Geschäften:


«Gruppenreisende spielen bei den kleinen Läden und Unternehmen – ausgenommen bei den Hotels – keine Rolle», bilanziert der Quartierverein. Der Anteil der Touristen habe sich bei den allermeisten Unternehmen nicht verändert, obwohl sonst die Anzahl Besucher in Luzern seit Jahren steigt. Für Schulthess ist das eine erstaunliche Erkenntnis.

Wie folgende Grafik zeigt, ist bei 77 Prozent der Geschäfte der Anteil an Touristen unverändert geblieben, bei 19 Prozent hat er zugenommen – und bei 4 Prozent abgenommen. Und auf die Frage, ob das Geschäft von der kürzlichen Riesengruppe von chinesischen Touristen profitiert habe, sagten ganze 91 Prozent Nein.

So hat sich der Anteil von Touristen als Kunden verändert:


Beitrag an hitzige Diskussion

Man wolle mit der Umfrage einen Beitrag leisten an die aufgeflammte Diskussion, wohin sich die Touristenstadt entwickeln soll, so der Quartierverein. «Es ging uns aber nicht darum, den Tourismus in Luzern schlecht oder gut zu reden.»

Schulthess präzisiert: «Wir wollen erreichen, dass auch die kleinen Läden und Unternehmen der Neustadt gehört werden.» Denn diese drohen in der Debatte neben den einflussreichen und tourismusfreundlichen Vereinigungen unterzugehen.

Gutschein-Heftli reicht nicht

«Es gibt das Versprechen, dass man den Dialog mit der Bevölkerung über den Tourismus sucht, aber bisher hat man diesen gescheut», bedauert Schulthess. Denn Charmeoffensiven, wie das kürzlich lancierte Gutscheinheft der IG Weltoffenes Luzern, seien gut und recht, aber reichen nicht.

Die Umfrage wurde bei Mitgliedern des Quartiervereins und Nutzerinnen der lokalen Shopping-App «Findeling» durchgeführt. Sie erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch. 78 Prozent der Geschäfte, die teilnahmen, liegen in der Luzerner Neustadt, die restlichen im Bruchquartier, der Kleinstadt oder Altstadt.

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9 Kommentare
  1. andrea Haltiner, 18.07.2019, 15:41 Uhr

    kein Wunder verdienen nur wenige: denn die Busfahrer/Touristenfuehrer werden “geschmiert” (bekommen einen Umsatzanteil von den Touristen welche sie in BESTIMMTE Geschaefte bringen); das die Polizei und Behoerden schon nicht laengst eingeschritten sind – das wirft noch weitere Fragen auf. Den eigentlich sind der Schweiz, “kick-backs”, Korruption oder wie man es nennen will – verboten!

  2. André Bachmann, Lichtteam SPHINX, Co-Präsident IG Weltoffenes Luzern, 17.07.2019, 13:17 Uhr

    Als langjähriges und aktives Mitglied des Neustadtvereins überrascht mich die Interpretation. Das würde doch bedeuten, dass Marketing-Aktionen wie die Shopping-APP Findeling oder auch Printprodukte wie Karten usw. ihr Zielpublikum nicht finden bzw. bisher keine Wirkung erzielen konnten. Einheimische Kunden brauchen wohl keine Orientierungshilfen. Oder wird ein City-Shopping-Tourist nicht als Tourist im Sinne der Umfrage betrachtet?

    Die Umfrage und die Interpretation sind spannend:
    Wie wird der Begriff “Tourist” definiert? Wie wurde die Partizipation an der Wertschöpfung durch die an der Umfrage teilnehmenden bzw. bei der Interpretation der Ergebnisse betrachtet – Gilt ausschliesslich der direkt mit einem “Touristen” erzielte Umsatz und die restliche Wertschöpfungskette zählt nicht? Sind Besucherinnen und Besucher bspw. kultureller Veranstaltungen, Schweizer-Shopping-Touristen und Gäste der Gastronomie auch eine Form von Tourismus? Sind Mitarbeitende welche ihr Einkommen direkt oder indirekt im Tourismus erzielen, in der Stadt wohnen und in der Folge auch ihre Lebenshaltungskosten hier grossmehrheitlich umsetzen teil der Überlegungen und Interpretation? Was sind die Konsequenz aus den Ergebnisse?
    – Die Neustadt profitiert nicht und will künftig mehr profitieren?
    – Die Neustadt ist noch ohne Touristen und dies soll unbedingt so bleiben?
    – Geschäfte in anderen Stadtteilen profitieren mehr – richtig, falsch, unfair?
    Ich teile die Ansicht, dass wohl nur eine unabhängige Studie Klarheit schaffen würde. Doch was wollen wir wissen? Dass es einzelne Unternehmen (Uhren- und Schmuckgeschäfte, Hotels, SGV, KKL, Verkehrshaus, Gletschergarten, …) gibt, welche direkt vom Tourismus stark profitieren? Wohl kaum – dafür brauchen wir keine Studie. Spannender erachte ich die Frage, welche Wertschöpfung der Tourismus insgesamt erzielt und welche Massnahmen erforderlich sind, damit dies Wertschöpfung nachhaltig gesichert und entwickelt werden kann, damit die Luzernerinnen und Luzern möglichst stark davon profitieren. Das dies nicht mit grenzenlosem Wachstum sehr wohl aber mit Lenkung, Förderung, allenfalls auch Einschränkungen und bestimmt mit Investitionen verbunden ist, erachte ich als zentralen Lösungsansatz.

    1. remo.genzoli, 17.07.2019, 19:19 Uhr

      Besten dank für ihren beitrag. Im grundsatz stellen sie die richtigen fragen. Als steuerzahler und in der stadt lebender normalbürger interessiert mich natürlich am meisten, mit welchen kosten das tägliche tourismusbusiness die öffentliche hand belastet, wer die bezahlt, bzw. ob es sich für mich allenfalls lohnt, den täglich stattfindenden tourosmuswahnsinn zwischen schwanwnplatz

    2. remo.genzoli, 17.07.2019, 19:38 Uhr

      Fortsetzung von oben, sorry:
      …..schwanenplatz und löwendenkmal in kauf zu nehmen, da ich ja weiss, dass ich/wir teilhaber der von den tourimusprofiteuren immer wieder hochgelobten “wertschöpfung für alle” bin/sind. Das gleiche gilt für den begriff “arbeitsplätze”. Wie sie richtig feststellen, sind diese fragen nur mit einer seriösen, schonungslosen, unabhängigen und professionellen studie beantwortbar, z.b. in form eines forschungsauftrages für die hslu abteilung wirtsschaft. Es liegt also an ihnen und ihrer ig, das nötige dazu glaubhaft in die wege zu leiten. Leider bin ich aber nicht sicher, ob sie und die anderen interessensgruppen überhaupt gewillt und bereit sind, die für eine solche studie notwendigen daten einfach so offenzulegen.

  3. Casagrande Robert, 16.07.2019, 14:53 Uhr

    Liebe Leser
    Ich finde es toll, dass der Quartierverein sich für die Geschäfte einsetzt.
    Aber aus den Ergebnissen herauszulesen und zu interpretieren, dass nicht Alle vom Tourismus profitieren ist nicht hilfreich für die Diskussion.
    Vielleicht hätte man Fragen sollen, möchten Sie Touristen als Kunden, ist Ihr Betrieb für den Verkauf an Touristen ausgelegt. Standort etc.
    Aber eben, der Tourismus ist ein wichtiger Arbeitgeber, Ich und unsere Mitarbeiter verkehren auch in der Neustadt und anderen Orten. Ein Teil davon wohnt im Quartier. Wir kaufen dort keine Uhren, aber wir schätzen die kleinen Geschäfte und kaufen vielleicht die aussergewöhnlichen Kleider, Fernseher, Möbel, gehen ins Kaffee oder Essen in einem der In Lokale.
    Darum behaupte ich nun halt doch:
    WIR ALLE PROFITIEREN VOM TOURISMUS.

    1. remo.genzoli, 16.07.2019, 16:22 Uhr

      Ja, herr casagrande, logisch, dass sie das behaupten, sie gehören ja zu den profiteuren des touristischen overkills. Ich warte auf eine seriöse und unababhängige studie, die ihre behauptungen beweisen.

  4. Vincent Wu, 16.07.2019, 14:00 Uhr

    Was machen wir mit all den Touristensinfrastrukturen in der Altstadt, wenn die Chinesische Regierung Zölle für Luxusgüter im Land stark senkt und stattdessen für Einfuhren von Reisenden erheben und der Einkaufstourismus aus China so komplett ausbleiben würden?

  5. Remo Genzoli, 16.07.2019, 08:26 Uhr

    Diese zwar nicht repräsentative umfrage bestätigt meine hypothese: das von der tourismuslobby hochgelobte und immer wieder mantramässig wiederholte legitimationsargument der “wertschöpfung für alle” gilt nur für einige wenige, die kräftig absahnen. Ich bin überzeugt, dass eine seriöse und unabhängige studie diesen sachverhalt erhärten würde. Die tourismuslobby ist an einer solchen natürlich nicht interessiert und versucht mit einer alzu durchschaubaren gutschein charmeoffensive die bewohnerinnen und bewohner zu besänftigen. Das gleiche gilt für das killerargument der “arbeitsplätze”, eine seriöse studie fehlt.

    1. Robert Casagrande, 17.07.2019, 22:31 Uhr

      Herr Genzoli, Sie beurteilen verlangen Studien (die es bereits gibt) und bringen neue bösartige Dynamik mit bösartigen Ausdrücken wie „overkill“ in die Diskussion.
      Ja, natürlich lebt unsere Familie davon, wir investieren (und verpflichten bewusst nur einheimische Firmen)und schaffen Arbeitsplätze und wenn ich mich ärgere über Schlagzeilen die einfach nicht stimmen, tue ich dies vor allem um die Arbeitsplätze unserer 120 Mitarbeiter und deren Familien zu verteidigen. Tourismus killt nicht! Tourismus fördert das Verständnis und den Respekt gegenüber Anderen.

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