Luzerner Mykologe: «Pilze könnten die Lösung sein für das Pestizidproblem»
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Seine Begeisterung für Pilze ist unermesslich: Patrick Mürner in seinem neuen Labor. (Bild: wia)

Er forscht mit Pilzen, die verseuchte Böden reinigen Luzerner Mykologe: «Pilze könnten die Lösung sein für das Pestizidproblem»

6 min Lesezeit 18.06.2021, 17:01 Uhr

Aus ihnen werden Medikamente gewonnen, sie können den Boden sanieren und einige von ihnen sind lecker: Pilze sind äusserst vielfältig verwendbar. Umso erstaunlicher, dass der Luzerner Patrick Mürner der beinah einzige Pilzforscher weit und breit ist. Zeit für einen Besuch in seinem Labor in Emmenbrücke.

Vor dem weissen Container auf dem NF49-Areal in Emmenbrücke steht ein meterlanges Terrarium. Was sich darin befindet, sieht aus wie eine überdimensionierte Crèmeschnitte, die ihren Zenit deutlich überschritten hat. Die braun-weiss geschichtete Masse ist mit Pilzen überwuchert. Igitt? Nicht doch.

Was hier vor sich hin gammelt, ist Teil eines Forschungsversuchs, der wegweisend sein könnte für die Sanierung verseuchter Böden. Dessen ist sich Patrick Mürner, der Besitzer des Containers, sicher.

Dieser kleine Container dient dem Pilzforscher bis dato als Forschungslabor. Bald zieht Mürner jedoch vom NF49 in Richtung Viscosistadt, wo gerade etwas Grösseres entsteht. Kulturschaffende und Wissenschaftler haben in einem alten Fabrikgebäude die Quings-Akademie aufgezogen. Dort soll das Know-how verschiedener Sparten zusammengebracht und verknüpft werden. Der Container kommt mit. «Für die gefährlichen Sachen», sagt Mürner und erklärt: «Gewisse Pilze bilden unglaublich viele Sporen. Wenn ich diese nicht separiere, habe ich die überall.» Wenig später werden wir sehen, dass diese Trennung absolut Sinn macht.

Pilze könnten diese Probleme lösen

Wenn Mürner über Mykologie spricht, tut er das mit viel Begeisterung, sagt Dinge wie: «Ich bin überzeugt, dass man die grossen Probleme der Gesellschaft mit Pilzen lösen könnte.»

Wir bitten um Erklärung. «Egal womit der Boden belastet ist, ob mit Cadmium, Zink oder Blei, für jede Verschmutzung gibt es Pilze, die den Stoff abbauen können. Damit könnte man etwa verseuchte Strassenränder oder Fabrikgelände sanieren.»

Es handelt sich nicht bloss um eine Hypothese. Derzeit arbeitet Mürner gemeinsam mit der ZHAW Wädenswil und einer Bodenschutzfirma an einer Lösung, wie man mit belasteten Oberböden umgehen könnte. «Klar dauert es länger, Pilze für die Zersetzung von Schadstoffen einzusetzen. Doch ist diese Lösung, gerade wenn die Belastung nur leicht über dem Grenzwert ist, prima geeignet und ausserdem viel günstiger als die herkömmliche Sanierung mittels Deponie.»

Demnach ist das Crèmeschnitten-Projekt vor dem Container erfolgreich? «Absolut.»

«Die westliche Medizin ist nicht darauf ausgerichtet, die Wirkstoffe von Pilzen zu nützen.»

Beiläufig fügt er an: «Pilze könnten übrigens auch die Lösung sein für das Pestizidproblem, das die Schweizer Landwirtschaft derzeit hat. Mykorrhiza-Pilze können symbiotisch mit Pflanzen verwendet werden und diese vor Schädlingen schützen. Mit 20 bis 30 Pilzsorten könnte man praktisch alle Nutzpflanzen bedienen.» Nur müsste dafür die Agrargenossenschaft Fenaco einen Schritt in Richtung Pestizid-verträgliche Landwirtschaft machen und Verantwortung übernehmen, ist Mürner überzeugt.

Er sagt weiter: «Pilzmycelien bestreben den stofflichen Ausgleich im Boden. Alles, was zuviel ist, wird chemisch umgebaut und über die Bäume oder die uns bekannten ‹Pilze› in Form von Fruchtkörpern an die Oberfläche getrieben.»

Auch der Schimmel hat sein Gutes

Das klingt ja alles ganz prima. Aber gibt es nicht auch «böse» Pilze? Schimmel beispielsweise hat ja wahrlich keinen guten Ruf. «Zum Schimmel muss man sagen, dass dieser sehr wohl einen positiven Effekt hat. So ist er etwa zuständig dafür, eine tote Maus im Wald zu zersetzen. Daraus können wiederum Pflanzen wachsen.» Doch durchaus gibt es sogenannte parasitäre Pilze wie etwa den Hallimasch. «In Oregon gibt es ein Exemplar, das auf einer Fläche von neun Quadratkilometern den Baumwuchs dezimiert. Handkehrum können Sikahirsche die dadurch entstandenen Freiflächen als Paarungsplatz nützen», sagt der Pilzforscher.

Im Container des 51-Jährigen ist es übersichtlich. Einige Glaskästen stehen da, in denen verschiedene Pilze fröhlich zu gedeihen scheinen. Es gibt Schränke, ein Frischluftgebläse und merkwürdige Maschinen. Dann öffnet Mürner einen Schrank, darin: die totale Pilzparty. Aus den darin lagernden weissen Plastiksäcken, die mit Sägemehl und Weizensubstrat gefüllt sind, wuchern Pilze, die Regale sind gänzlich mit braunem Puder bedeckt. Um beim Confiserie-Jargon zu bleiben: Sieht aus wie die oberste Schicht eines Tiramisu, ist aber offenbar viel gesünder. «Es handelt sich um die Sporen des Reishi, eines tollen Vitalpilzes, der sehr viel wert ist», klärt Mürner auf.

Sieht aus wie Tiramisu, riecht aber etwas strenger. Hier wächst der wertvolle Reishi heran.

Die Pilze, mit denen Mürner zu tun hat, können nämlich mehr, als «nur» verseuchte Böden zu sanieren. «Der Reishi, der auf Deutsch Glänzender Lackporling genannt wird, wird in der chinesischen Medizin rege genutzt. Er wirkt etwa antiviral und stärkt das Immunsystem.» Auch in der westlichen Schulmedizin gibt es Medikamente, die auf Pilzen basieren, so etwa Penicillin.

«Bis heute weiss man nicht genau, welche Kombination der Pilz-Wirkstoffe welchen Effekt hat.»

«Die westliche Medizin ist jedoch nicht darauf ausgerichtet, die Wirkstoffe von Pilzen zu nutzen. Dies insbesondere, weil ein Pilz vielleicht 30 verschiedene Wirkstoffe hat. Bis heute weiss man nicht genau, welche Kombination welchen Effekt hat.» Eine Tatsache, die das Interesse der hiesigen Pharmaindustrie schmälere. «Diese will pro Medikament möglichst nur einen Wirkstoff.» Und er fügt hinzu: «Sonst könnte ein Medikament gegen mehrere Leiden eingesetzt werden, womit sich weniger Geld verdienen liesse. Das ist nicht das Ziel der Branche.»

Ein Schrank voller Pilzsporen. Was nach viel Putzarbeit aussieht, hat seine Berechtigung.

Das Potenzial von Pilzen werde generell unterschätzt, sagt der Luzerner und weist darauf hin, dass es in der Schweiz bislang keinen Lehrstuhl für Mykologie gibt. Einen solchen zu gründen ist eines von Mürners grossen Zielen. «Ich bin einer der wenigen Leute weit und breit, die Pilzforschung betreiben. Ohne das Wissen und die Vernetzung im Internet könnte ich das hier gar nicht machen.»

Samtfussrübling und Klapperschwamm

Szenenwechsel. Wir fahren in die Viscosistadt, besuchen die Quings-Akademie, in der Mürners Forschung mittlerweile hauptsächlich passiert. In der alten Fabrik treffen wir auf Künstlerinnen und Grafiker, die gerade den Ausbau des Gebäudes vorantreiben. Im Gang steht ein langer Tisch, auf dem Mürner mannigfaltige Pilz-Exemplare und verschiedene Lehrwerke ausgestellt hat. Dahinter an der Wand hängt ein riesiges Plakat, auf dem der Pilzforscher die Eigenschaften von Samtfussrübling, Klapperschwamm und Rotrandigem Fichtenporling dokumentiert. Es handelt sich dabei um Vitalpilze. Das neue Labor, an dem Mürner gerade baut, soll so gross werden, dass auch mal ganze Schulklassen hier an einem Projekt arbeiten können.

«Pilze sind das A und O des Lebens!»

Mürner war früher als Produktedesigner und Innenarchitekt tätig. Wie kam es, dass er von dort aus den Abzweiger in Richtung Pilzwelt genommen hat? «Ich ging immer schon gern ‹pilzlen›. Vor neun Jahren fragte mich dann ein Kollege, ob ich während seiner monatelangen Absenz sein Pilzlabor hüten würde.»

Etwas später wurde er von einem bosnischen Freund angefragt, ob er ihm helfe, eine Trüffelzucht aufzubauen. «Wir nahmen dafür Haselnüsse als Symbionten, haben diese mykorisiert, also mit Pilzsporen geimpft, und dann in der Erde vergraben. Doch haben wir nicht alle Reihen mykorisiert», erzählt Mürner. «Einige Monate später rief mich mein Kollege aufgebracht an: Die Nüsse, die mykorisiert waren, hatten überlebt. Die anderen waren vertrocknet. Da hat’s mich gepackt.» Begeistert fährt er fort: «Pilze sind das A und O des Lebens!»

Sieht aus wie ein ulkiges Museum, ist jedoch ein Pilzforschungslabor.

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