Luzerner Kino und Bibliotheken machen jetzt auf Netflix – nicht alle Zuger ziehen mit
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Das Kino Bourbaki bietet neu auch einen Streamingdienst an. (Bild: Montage uus)

Kino Bourbaki streamt Studiofilme Luzerner Kino und Bibliotheken machen jetzt auf Netflix – nicht alle Zuger ziehen mit

4 min Lesezeit 26.12.2019, 17:01 Uhr

Das Luzerner Kino Bourbaki streamt nun auch ins Wohnzimmer. Damit will es das eigene Kinoprogramm bewerben. Der Zuger Kinobetreiber ist skeptisch. Auch weil mit den Bibliotheken bereits ein weiterer Player mit einem Streamingdienst auf den Markt drängt.

Streamingdienste wie Netflix haben nicht nur verändert, wie wir Filme und Serien am TV konsumieren, sondern auch das Kino. Vor allem werden sie als Konkurrenz für die traditionellen Lichtspielhäuser wahrgenommen. Die Besucherzahlen sind seit Jahren rückläufig. Bis auf einige wenige Blockbuster-Premieren sind halbleere Ränge keine Seltenheit.

Die Kinobetreiber lechzen deshalb nach neuen Möglichkeiten, ihre Kundschaft ins Kino zu locken. Dass sie dabei ausgerechnet auf das Modell der Konkurrenz setzen, mutet zunächst widersprüchlich an: So bietet das Kino Bourbaki seit geraumer Zeit auf seiner Webseite einen «On demand»-Knopf an. Dort kann der Nutzer Filme streamen, die kurz zuvor noch im Kino liefen.

«Die Filme stehen in einem Bezug zu unserem aktuellen Kinoprogramm», sagt Frank Braun, Programmleiter bei der Neugass Kino AG, die auch das Bourbaki betreibt. Die Filme werden über den bestehenden Dienst Cinefile angeboten. Gezeigt werden – etwa im Unterschied zu den Basler kult.kino AG – explizit keine aktuell im Kino laufenden Filme.

Bourbaki streamt vor allem Studiofilme

Aktuell wird dem Besucher das Schaffen des Autoren- und Regiegespanns Oliver Nakache und Eric Toledano empfohlen. Die beiden haben mit Intouchables (2011) und Samba (2014) für zwei der grössten Hits des europäischen Kinos der vergangenen Jahre gesorgt. Gerade läuft im Bourbaki mit Hors normes ihr neuestes Werk. Während die ersten zwei Werke auf dem Portal für 7,50 Franken abrufbar sind, ist für den aktuellen Film ein Kinobesuch angesagt, der mit 18 Franken zu Buche schlägt.

«Es gibt bereits viel zu viele Streaming-Angebote. Da läuft man Gefahr, Energie in etwas zu stecken, das nicht mehr viele Möglichkeiten zur Profilierung bietet.»

Thomas Ulrich, Betreiber Zuger Kinos

Das Konzept der Bourbaki-Betreiber ist also klar: Mit dem Streamingdienst soll das Kino ergänzt werden. Das Angebot besteht vor allem aus Studiofilmen, die in grosser Zahl auf den Markt kommen und von denen die meisten nur wenige Wochen im Kino zu sehen sind. Filme aus dem noch laufenden Kinojahr, die ins Heimkino gestreamt werden können, sind etwa Dolor y gloria von Pedro Almodóvar oder Diego Maradona des Briten Asif Kapadia.

Zuger setzen auf klassisches Kinoerlebnis

Darin zeigt sich auch schon ein Problem: Beide letztgenannten Filme kann auch abrufen, wer ein Netflix-Abo besitzt. Für den Geschäftsführer der Zuger Kinos, Thomas Ulrich, sind streamende Kinos deshalb nicht zwingend der erhoffte Heilsbringer. «Dass Filme jederzeit und überall angeschaut werden können, und dies allenfalls sogar gleichzeitig wie im Kino, ist eine Konkurrenzsituation, die Kinobetreiber endlich akzeptieren müssen», sagt er. Und er hält fest: «Wir sind schon lange so weit.»

In Zug habe man noch nie Berührungsängste gegenüber neuen Vertriebskanälen gehabt, sagt Ulrich. Sich einem bestehenden Anbieter anzuschliessen oder darin einen Kanal zu betreiben, sei eine Überlegung wert. Aber einfach auf den Zug aufspringen will Ulrich nicht. Er hat einige Bedenken: «Es gibt bereits viel zu viele solche Angebote. Da läuft man Gefahr, Energie in etwas zu stecken, das nicht mehr viele Möglichkeiten zur Profilierung bietet.» 

Bibliothek Zug kündet für 2020 «Filmfriend» an

Ulrich sagt das insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass neben grossen amerikanischen Medienhäusern auch die Bibliotheken ein Angebot aufbauen. «Filmfriend» bietet zurzeit rund 2000 Titel an, die von deutschen Klassikern über Dokumentationen bis hin zu internationalen Arthouse-Kino und TV- und Kinderserien reichen.

Filmfriend ist für alle angemeldeten Mitglieder der Luzerner Stadtbibliothek oder der Zentral- und Hochschulbibliothek abrufbar. Auch in der Bibliothek Zug wird man ab dem kommenden Jahr den Streamingdienst anbieten – voraussichtlich wird er noch im Verlauf des Januars aufgeschaltet, wie es auf Anfrage von zentralplus heisst.

Kinobetreiber als Vermittler im Streaming-Chaos?

Einen eigenen Dienst aufzubauen, hätte laut Ulrich im überbordenden Angebot der Streamingdienste keine Chance. Denn anders als im Luzerner Bourbaki werden in Zug auch Blockbusterfilme wie Star Wars gezeigt. «Die Verhandlungen mit den einzelnen Anbietern wären zu schwierig.» Dies Gerade weil neben Netflix, Apple, Amazon nun auch etwa Disney mit einem eigenen Dienst auf den Markt drängt.

Die Rolle der Kinobetreiber könnte laut Ulrich sein, die Übersicht im immer dichter werdenden Streamingdschungel zu behalten: «Allenfalls könnte man als Vermittler auftreten, der die Titel dutzender Anbieter sammelt und sortiert.» Allerdings sei auch dies verhandlungstechnisch eher schwierig umzusetzen.

Erlebnis und Einfachheit bleiben Trümpfe der Kinos

So bleibe die Situation wohl so: «Es gibt viele Kunden, die genau wissen, was sie wollen, und sich ein personalisiertes Programm zusammenstellen möchten. Für sie bleibt es trotz –  oder gerade wegen – dem grossen Angebot ziemlich mühsam.»

Damit hebt Ulrich hervor, was seiner Meinung nach bis heute nur das Kino bieten kann: «Da ist es doch ehrlich gesagt einfacher, wenn man sich einfach im Kino seiner Wahl jede Woche den einen oder anderen guten Film aussucht. So hat man den Filmgenuss gesteigert und war nebenbei noch im Ausgang.»

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