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Luzerner Kehrtwende in Sachen Unisex-Toiletten
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Das Restaurant Anker am Pilatusplatz bietet als erstes der Stadt eine Unisex-Toilette. (Bildmontage: zentralplus)

Regierungsrat fasst gesetzliche Änderung ins Auge Luzerner Kehrtwende in Sachen Unisex-Toiletten

4 min Lesezeit 02.05.2017, 00:02 Uhr

Bislang verboten, vielleicht bald legal: Der Luzerner Regierungsrat will prüfen, ob Unisex-Toiletten in Zukunft zulässig sein sollen. Ungewollt losgetreten wurde die Debatte vom Restaurant Anker in Luzern, wo männliche und weibliche Gäste seit Dezember dasselbe WC benutzen. Trotz grösstenteils positiver Reaktionen: Nachahmer wird es kaum geben.

Wer im Restaurant Anker am Luzerner Pilatusplatz auf die Toilette geht, trifft dort wahrscheinlich auf einen Gast des anderen Geschlechts: Als erstes Lokal der Stadt hat der «Anker» seit der Neueröffnung im Dezember sogenannte Unisex-Toiletten. Der Haken: Das ist im Kanton Luzern illegal. Gemäss der kantonalen Gastgewerbeverordnung müssen Restaurants nach Geschlechtern getrennte Toiletten anbieten.

Doch die Remimag AG als Betreiberin widersetzt sich der Anweisung. Und nun kommt auch politisch Wind in die Sache: Der Regierungsrat will eine entsprechende Anpassung der Gastgewerbeordnung prüfen, sofern der Kantonsrat dem zustimmt. Denn diese stammt aus dem Jahr 1998 und ist damit schon fast 20-jährig. Für den Regierungsrat Grund genug, sie generell mal wieder unter die Lupe zu nehmen. «Im Rahmen einer solchen Überprüfung kann auch die Zulässigkeit von Unisex-Toiletten thematisiert werden», heisst es in der Antwort auf eine Motion von SP-Kantonsrat Giorgio Pardini, der das Thema auf die politische Bühne hievte.

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Unbewusst Gesetz gebrochen

Bei der Remimag freut man sich über den Stein, den man ins Rollen gebracht hat – auch wenn das keineswegs geplant war. «Es war nie unsere Absicht, das Gesetz zu ändern. Für uns war von Anfang an entscheidend, dass das Unisex-WC in Sachen Hygiene und Sicherheit überzeugt», sagt Verwaltungsratspräsident Peter Eltschinger. Dass der «Anker» damit gegen das Gesetz verstosse, sei ihnen nicht bewusst gewesen, schiebt Sohn und Geschäftsleiter Bastian Eltschinger nach. «Wir wollten damit nicht provozieren.»

«Wieso sollten wir das wieder ändern, wenn es niemanden stört?»

Bastian Eltschinger, Geschäftsleiter Remimag AG

Trotzdem beharrte die Remimag auf der Unisex-Toilette und wehrte sich mittels Beschwerde gegen den geforderten Rückbau. «Wieso sollten wir das wieder ändern, wenn es niemandem weh tut und niemanden stört?»

Sorge um Privatsphäre

Die Resonanz auf die erste Unisex-Toilette der Stadt war gross – und grösstenteils positiv. «Wir registrierten 99,9 Prozent Zustimmung und Begeisterung», sagt Peter Eltschinger. In der Schweiz noch praktisch unbekannt, sei die Unisex-Toilette im «Anker» für viele Gäste ein Erlebnis. Dazu beitragen dürfte auch der Fotoautomat im Untergeschoss, an dem die WC-Gänger vorbeikommen und den viele für ein Quartett Erinnerungsfotos im alten Stil nutzen.

Treffpunkt Waschbecken: Links und rechts die Toiletten für jedermann und -frau.

Die Unisex-Toilette im «Anker»: Seitlich die Kabinen für jedermann und -frau.

(Bild: zvg)

Doch gerade auch zu Beginn tauchten im Internet etliche negative Kommentare auf. Von Gästen, die sich um ihre Privatsphäre sorgten; Männern, die nun lange Schlangen und Frauen, die schmutzige Toilettenbrillen befürchteten. Laut Bastian Eltschinger basierten diese Meinungen aber meist auf einem Missverständnis. «Viele dachten, die Pissoirs seien offen und man würde gleich daneben vorbeispazieren.» Aber jede der sieben Kabinen habe eine Türe. Wer die Unisex-Toilette dann sehe, dessen Kritik verstumme in der Regel.

Regierung will keine Hygiene-Scheine

Luzerner Restaurants müssen den Gästen wohl auch in Zukunft keine Hygiene-Zertifikate vorweisen. Der Regierungsrat lehnt ein Postulat von SP-Kantonsrätin Marlene Odermatt ab, die gefordert hat, dass die Zeugnisse der amtlichen Kontrollen öffentlich sind. Auslöser war eine Busse des Lebensmittelinspektors, wobei dieser nicht sagen durfte, um welches Restaurant es sich handelt (zentralplus berichtete). Die von Odermatt geforderte Qualitätsbescheinigung bietet den Konsumenten laut Regierungsrat aber keinen Mehrwert. Sie stelle nur eine Momentaufnahme dar – und zwar vom Zeitpunkt der Kontrolle. Die Betriebe müssten jedoch die meisten Mängel unmittelbar beheben. Zudem stellt die Regierung angesichts der häufigen Wirtewechsel die Umsetzbarkeit in Frage. Wenn ein Gesundheitsrisiko bestehe, würde ein Betrieb sowieso geschlossen. Zuvor wehrte sich bereits der Gastroverband gegen Hygiene-Zeugnisse (zentralplus berichtete).

Dass sich jemand unwohl oder unsicher gefühlt habe, sei ihnen nicht bekannt. «Im Gegenteil: Die Unisex-Toilette ist sicherer, weil in der Regel immer jemand anders im Raum ist», sagt Peter Eltschinger.

Keine grosse Welle erwartet

Ob mit einer allfälligen Gesetzesänderung die Unisex-Toilette en masse in Luzern Einzug hält, darf trotz den positiven Erfahrungen der Remimag bezweifelt werden. «Es wird nicht haufenweise Nachahmer geben», sagt Patrick Grinschgl vom städtischen Gastroverband. Eine Unisex-Toilette werde vermutlich nur bei Restaurants ein Thema, die sowieso vor einem Umbau stehen – oder bei ganz kleinen, die aus Platzgründen auf geschlechtergetrennte WCs verzichten möchten. Auch Peter und Bastian Eltschinger ist kein Restaurant bekannt, das nachziehen will.

Allerdings sei noch keineswegs in Stein gemeisselt, dass Unisex-Toiletten auch tatsächlich erlaubt werden, so Grinschgl mit Verweis auf die zurückhaltende Formulierung des Regierungsrates. Dass der Regierungsrat eine Änderung ins Auge fasst und den Gastronomen möglicherweise mehr Spielraum lässt, begrüsst der städtische Gastroverband jedoch. «Der Staat soll regeln, was wichtig ist. Wer wo auf die Toilette geht, gehört sicher nicht dazu.»

«Wir legen weder jemandem Steine in den Weg noch forcieren wir das.»

Patrick Grinschgl, Präsident städtischer Gastroverband

Für den Verband hingegen sei die Frage nach den Toiletten «ziemlich weit hinten auf der Traktandenliste», so Grinschgl. «Wir legen weder jemandem Steine in den Weg noch forcieren wir das.»

Verfahren hängig

Dass der «Anker» nebst dem Werbeeffekt nun im Nachhinein den gesetzlichen Segen für das ohne Bewilligung gebaute WC erhalten könnte, dürfte in der Branche indessen nicht allen gefallen. Ausgebadet ist die Sache für Remimag jedoch noch nicht. Denn das Verfahren ist nach wie vor hängig, wie Erwin Rast vom zuständigen Justiz- und Sicherheitsdepartement auf Anfrage sagt. Was eine allfällige Anpassung der Verordnung für die Beschwerde bedeutet, dazu nimmt man mit Verweis auf das laufende Verfahren keine Stellung.

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