Luzerner Kantonsspital prüft den Aufbau einer Long-Covid-Anlaufstelle
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Nach der Corona-Erkrankung hat man's geschafft? Für einige Menschen gilt das nicht. Sie leiden an den Folgen der Viruserkrankung. (Bild: wia)

Viele spüren auch Monate nach Corona noch Symptome Luzerner Kantonsspital prüft den Aufbau einer Long-Covid-Anlaufstelle

5 min Lesezeit 4 Kommentare 17.03.2021, 05:04 Uhr

Wohin wendet man sich, wenn man Monate nach einer Covid-Erkrankung noch immer Symptome verspürt? Bislang landen Long-Covid-Betroffene zunächst beim Hausarzt. Das könnte sich jedoch bald ändern.

Je länger die Pandemie andauert, desto eher wird klar: Wer die akute Krankheit Covid überstanden hat, ist nicht automatisch aus dem Schneider. Viele Betroffene leiden auch Monate nach der Virusinfektion unter Symptomen. Diese können sehr unterschiedlich sein und von verringerter Lungenkapazität bis hin zu Gelenkentzündungen, Stimmungsschwankungen oder Kopfschmerzen reichen.

In der Schweiz, insbesondere im Kanton Zürich, laufen derzeit Studien zum Thema Long Covid. Dies im Rahmen von «Corona Immunitas», einem umfangreichen Forschungsprogramm der Swiss School of Public Health. Beim Mega-Forschungsprojekt beteiligt sind verschiedenste Schweizer Hochschulen, unter anderem auch die Universität Luzern.

In der Studie heisst es: «Es ist noch unklar, wieviele Personen an Long Covid leiden, welche Bedürfnisse diese Personen haben und welche Auswirkungen Long Covid auf das Schweizer Gesundheitssystem haben werden.»

Frauen sind häufiger betroffen

Gemäss Corona Immunitas nahmen 437 Covid-Infizierte an der Studie teil, 51 Prozent davon waren weiblich, das Durchschnittsalter lag bei 48 Jahren. Sechs Monate nach der Infektion berichteten 26 Prozent der Teilnehmer, dass sie nicht zu ihrem normalen Gesundheitszustand zurückgekehrt waren. Frauen waren etwa dreissig Prozent häufiger betroffen als Männer.

Selbst sind die Betroffenen

Weil man sich aufgrund von mangelnden messbaren Werten und da man sich vom Umfeld und der Ärzteschaft lange nicht ernst genommen gefühlt hat, gründeten zwei Betroffene von Long Covid im September des letzten Jahres eine Selbsthilfegruppe. «Long Covid Schweiz» ist eine mehrsprachige Gruppe, die insbesondere über Facebook Betroffenen Unterstützung bieten will. Basierend auf den wichtigsten und neusten Erkenntnissen der Wissenschaft und der Medien möchten diese den Austausch untereinander fördern. Die Facebook-Gruppe hat bereits 1400 Mitglieder.

Die häufigsten Symptome? Müdigkeit (54 Prozent), depressive Verstimmungen (26 Prozent) sowie Angstzustände (32 Prozent). Ein Viertel klagte über Kurzatmigkeit. «Es ist eine relevante absolute Zahl von betroffenen Personen zu erwarten, die bis zu mehreren Hunderttausend Personen in der Schweiz reicht, welche längerfristig milde bis noch immer schwere Beschwerden haben», befinden die Studienführer.

Diese schätzen ein, dass es eine frühzeitige Planung von Ressourcen und bedarfsgerechten Angeboten für Long-Covid-Erkrankte brauche. «Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine breite Palette von Versorgungsangeboten und integrative Ansätze erforderlich sein werden, um die Genesung dieser Personen zu unterstützen.»

SP-Politikerin scheitert mit Forderung nach Anlaufstelle

Eine Haltung, welche auch die Luzerner Kantonsrätin Sara Muff teilt. Sie fordert den Regierungsrat in einem Postulat auf, eine Anlaufstelle für Long-Covid-Betroffene und medizinisches Fachpersonal zu schaffen. «Das Wissen kann so an einem Ort zentriert werden, damit schneller und effektiver beraten und behandelt werden kann», ist sie überzeugt.

In der Kantonsratsdebatte vom Dienstag sprach die SP-Kantonsrätin Sara Muff von «alarmierenden Ergebnissen» betreffend der Häufigkeit und den Auswirkungen von Long Covid. Muff, die selber als Pflegefachfrau arbeitet, ist überzeugt, dass sich die Corona-Situation noch einmal zuspitzen werde.

«Angesichts der hohen Fallzahlen ist es entscheidend, dass schnell gehandelt wird.»

Sara Muff, SP-Kantonsrätin

Dass Betroffene von Long Covid derzeit erst beim Hausarzt vorstellig werden müssen, finde sie problematisch. Sie wünscht sich im Kanton Luzern eine spezifische, niederschwellige Anlaufstelle. «Wir können nicht erwarten, dass sich Hausärzte abends mit neuem Fachwissen rund um Long Covid eindecken, damit sie ihre Patienten richtig behandeln können», sagte die Sozialdemokratin in ihrem Votum. «Angesichts der hohen Fallzahlen ist es entscheidend, dass schnell gehandelt wird.»

Die Luzerner Kantonsrätin Sara Muff.

Das Luzerner Kantonsspital prüft Anlaufstelle

Trotz des drängenden Tons und des mehrheitlichen Konsens, dass Long Covid eine ernstzunehmende Angelegenheit sei, wurde Muffs Anliegen im Kantonsrat nicht gehört. Ihr Postulat wurde abgelehnt. Der Grund dürfte die beschwichtigende regierungsrätliche Antwort auf den Vorstoss gewesen sein. Gemäss dieser wird nämlich am Luzerner Kantonsspital der Aufbau einer spezifischen Long-Covid-Anlaufstelle bereits geprüft.

«Es besteht im Moment kein Bedarf, dass der Kanton zusätzlich eine Anlaufstelle schafft oder gar Fachpersonal anstellt. Die medizinische Versorgung ist gewährleistet und es wird bereits weltweit an dieser Krankheit geforscht», so die Exekutive in ihrer Antwort. Und weiter: «Wie bei allen Krankheiten sei es auch hier richtig, als erstes die Hausärztin zu konsultieren.»

Beim Luzerner Kantonsspital (Luks) gibt man sich derzeit jedoch wortkarg. Vielmehr verweist die Medienstelle auf besagte Stellungnahme des Regierungsrates.

«Rehospitalisierungen aufgrund der Covid-19 Erkrankung liegen schätzungsweise zwischen zwei und drei Prozent.»

Sonja Metzger, Kommunikationsbeauftragte Zuger Kantonsspital

Auch gibt das Luks noch keine Auskunft darüber, wie eine solche Anlaufstelle aussehen könnte. Nur so viel: «In dieser Anlaufstelle sollen Patientinnen und Patienten interdisziplinär behandelt werden.» Ebenso wenig kann man beim Luks derzeit sagen, wie viele Long-Covid-Fälle beim Kantonsspital bis heute behandelt wurden. «Die Patientenzahlen werden im Rahmen dieser Prüfung erhoben. Details dazu werden zu einem späteren Zeitpunkt der Öffentlichkeit gegenüber kommuniziert», so die Kommunikationsverantwortliche Bettina Wildi.

In Zug sieht man derzeit keinen Handlungsbedarf

Wie sieht die Lage in Zug aus? Auch das Zuger Kantonsspital kann bislang wenig zu Long Covid sagen. Dies insbesondere, da sich die Patienten an die Hausärzte wenden und je nach Diagnose an eine Spezialistin weiterverwiesen werden. «Rehospitalisierungen aufgrund der Covid-19 Erkrankung kommen selten vor und liegen schätzungsweise zwischen zwei und drei Prozent der am Zuger Kantonsspital stationär behandelten Covid-19 Patienten», erklärt Sonja Metzger, Kommunikationsbeauftragte beim Zuger Kantonsspital. Aus genannten Gründen sieht das Zuger Kantonsspital keine Dringlichkeit an der Schaffung einer entsprechenden Anlaufstelle.

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4 Kommentare
  1. Ziswiler Hugo , sen., 19.03.2021, 10:38 Uhr

    Ich unterstütze den Antrag der Kantonsrätin Sara Muff wonach im Kantonsspital Luzern eine Anlaufstelle für Covid long Patienten errichtet werden sollte.
    Covid long ist eine sehr belastende völlig neue Krankheit. Es fehlt an Erfahrungen und entsprechenden Kenntnissen. Mitwirkende einer solchen Anlaufstelle könnten diese erarbeiten und sowohl Betroffene wie Hausärzte könnten sehr davon profitieren.
    Persönlich bin ich bereit beim Aufbau einer solchen Anlaufstelle mit zu wirken.

  2. Paul Bründler, 17.03.2021, 09:45 Uhr

    Naja, es mag sicher solche Fälle geben, aber die Hauptsymptome «Müdigkeit» und «depressive Verstimmungen» sind so unspezifisch, dass man verschiedenste Ursachen hinein interpretieren kann.
    Bei den einen ist es der 5G Mast bei den anderen das Wetter, die Jahreszeit etc.
    Ich habe auch depressive Verstimmungen und Ängste, bei mir sind die aber eindeutig durch die Corona-Massnahmen und die Wirtschaftslage inkl. Negativzinsen ausgelöst.

    1. Kaufmann, 17.03.2021, 16:33 Uhr

      Kommentar gelöscht

    2. Paul Bründler, 17.03.2021, 16:59 Uhr

      @Kaufmann: Ich verstehe nicht was Sie meinen.
      Sie sind mit meinem Beitrag nicht einverstanden?
      Warum?
      Schreiben Sie doch Ihre Meinung, dann kann man darüber diskutieren.
      So bringt das ja nichts.

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