Wegen Corona? Jetzt nehmen schon 12-Jährige Drogen und Xanax
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Normalerweise holen sich Jugendliche den Kick im ganz «normalen» Wahnsinn des Alltags – in Coronazeiten greifen manche auf Drogen und Medikamente zurück. (Symbolbild: Matteo Badini/Unsplash)

Luzerner Expertin ist besorgt Wegen Corona? Jetzt nehmen schon 12-Jährige Drogen und Xanax

6 min Lesezeit 5 Kommentare 05.02.2021, 05:00 Uhr

Alkohol, Cannabis oder eine Xanax-Pille: Jugendliche greifen während Corona vermehrt auf Drogen und Medikamente zurück. Eine Beraterin aus Luzern ist besorgt, da die Zielgruppe immer jünger wird. Für die Konsumentinnen ist es ein Spiel – das sehr gefährlich enden kann.

«Das ist unser soziales Leben, das geopfert wird» – diese Worte zierten jüngst einen Aushang, gesichtet in einem Luzerner Schulhaus (zentralplus berichtete).

Jugendliche fühlen sich während der Pandemie im Stich gelassen, gefangen in ihren eigenen vier Wänden. Sie dürfen nicht mehr feiern, reisen und auch das Daten ist schwierig. Um sich einen Kick zu verschaffen, konsumieren Jugendliche vermehrt Drogen oder Medikamente wie Xanax, sagt Sibylle Theiler. Sie ist Jugend- und Familienberaterin bei der Jufa – der Fachstelle für Jugend und Familie in Ebikon. Die Sozialarbeiterin berät Jugendliche aus dem ganzen Rontal.

zentralplus: Sibylle Theiler, Jugendpsychiatrien haben bereits gewarnt, dass Jugendliche in der Pandemie vermehrt auf Drogen zurückgreifen. Nehmen Sie diese Entwicklung nun auch im Rontal wahr?

Sibylle Theiler: Ja, der Drogen- und Medikamentenkonsum beschäftigt auch die Jufa. In den Beratungen begleiten wir seit Corona ungefähr zehn Jugendliche in diesem Zusammenhang. Es sind glücklicherweise immer noch Einzelfälle – doch sie nehmen zu. Beängstigend ist, dass die Zielgruppe – ab 12 Jahren – immer jünger wird.

Dir geht’s nicht gut? Oder du machst dir Sorgen um jemanden? Hier findest du Hilfe!

Wähle die Nummer 143 der «Dargebotenen Hand», wenn du dich nicht wohlfühlst, du Suizidgedanken oder anderen Kummer hast. Kostenlos und rund um die Uhr wird dir auch über die Nummer 147 (Pro Juventute) geholfen.

Eltern finden beim Elternnotruf über die Nummer 0848 35 45 55 kostenlos und anonym Unterstützung.

Wer seine Drogen auf gefährliche Substanzen testen lassen will oder ein Beratungsgespräch sucht, kann an jedem zweiten Montag das DILU – Drogeninformation Luzern aufsuchen. Kostenlos und anonym.

Wie gefährlich Mischkonsum mit Medikamenten und Alkohol ist, zeigt ein Faktenblatt von Infodrog – der Schweizerischen Koordinations- und Fachstelle Sucht.

zentralplus: Wie geht es den Betroffenen?

Theiler: Wir begegnen Jugendlichen, die einfach nichts mehr fühlen wollen. Teenager mit depressiven Verstimmungen, ohne Orientierung oder Zukunftsperspektiven. Häufig konsumieren die Betroffenen an den Wochenenden Ecstasy oder MDMA. Um dann herunterzukommen und wieder schlafen zu können, schlucken sie eine Xanax-Pille. Ein Teufelskreis. Gerade der Mischkonsum mit Medikamenten, Ampethaminen und Benzodiazepinen ist besonders gefährlich.

zentralplus: Letztes Jahr wurden einige schockierende Fälle publik, von Jugendlichen, die am Mischkonsum gestorben sind. In Luzern sind mindestens vier Jugendliche gestorben (zentralplus berichtete). In Zürich starben zwei 15-Jährige an den Folgen einer Medikamenten-Überdosis. Schrecken diese tragischen Ereignisse die Jugendlichen denn nicht ab?

Theiler: Ich hatte eine junge Frau bei mir, welche die beiden verstorbenen Jugendlichen aus Zürich gekannt hatte. Sie trauerte um sie. Doch sie realisierte nicht, dass sie sich mit ihrem eigenen Drogen- und Medikamentenkonsum genau dem gleichen Risiko aussetzt. Es gibt Jugendliche, die sich während der Pandemiezeit mit Drogen einen Kick verschaffen. Für sie ist es ein Spiel.

«Ich glaube weniger, dass die Situation verharmlost, sondern vielmehr total unterschätzt wird.»

zentralplus: Ein Spiel mit dem Leben? Das hört sich schockierend an.

Theiler: Jugendliche sind risikobereiter als Erwachsene, dafür ist die hormonelle Veränderung im Hirn während der Pubertät verantwortlich. Dadurch werden Jugendliche risikofreudiger und loten ihre eigenen Grenzen immer wieder neu aus.

zentralplus: Worin sehen Sie mögliche Gründe, dass Jugendliche diese Medikamente verharmlosen?

Theiler: Ich glaube weniger, dass die Situation verharmlost, sondern vielmehr total unterschätzt wird. Xanax ist nicht ohne Grund ein verschreibungspflichtiges Medikament. Die Hip-Hop-Szene spielt sicherlich auch eine Rolle. Zahlreiche Rapsongs handeln von Medikamenten wie Xanax, was den Eindruck erweckt, solche Tabletten zu nehmen, sei normal. Andere Jugendliche erzählten mir von bestimmten Netflix-Serien, in denen Drogen konsumiert, verkauft oder hergestellt werden. Solche Bilder lösen etwas aus – gerade bei Jugendlichen in einer labilen Situation.

zentralplus: Warum greifen Jugendliche in Krisenzeiten vermehrt auf Drogen und Medikamente zurück?

Theiler: Früher haben sie sich mit Konzerten, Reisen, Sport, Partys, Kinobesuchen oder Treffen mit Freunden abgelenkt. Jetzt sind die sozialen Kontakte zu Peers (Ihresgleichen), die für sie überlebenswichtig sind, eingeschränkt. Ihr Leben ist in die eigenen vier Wände zurückverlegt. Es liegt in der Natur der Jugendlichen, dass sie raus wollen, um gemeinsam mit ihren Peers ihre eigene Identität formen zu können. Können diese natürlichen Entwicklungsschritte nicht gemacht und die Erfahrungen nicht gesammelt werden, kann der Ausweg in die Drogen wie ein Ventil wirken.

zentralplus: Also versuchen Jugendliche, das Rebellische auf andere Arten auszudrücken und greifen deswegen auf Drogen zurück?

Theiler: Manche Jugendliche bestimmt. Kinder und Jugendliche sind aber extrem anpassungsfähig. Die grosse Mehrheit hält sich vorbildlich an die verordneten Regeln und ist solidarisch. Das Coronavirus stellt ihren Alltag auf den Kopf, dabei brauchen sie sich selbst kaum vor dem Virus zu fürchten. Normalerweise würden sie sich diesen Kick im ganz «normalen» Wahnsinn aus dem Alltag holen.

«Mit Xanax vergessen einige Jugendliche alles rund herum. Es hilft auszuhalten, was man sonst nicht ertragen würde.»

zentralplus: Was sind das für Jugendliche, die Drogen und Medikamente nehmen?

Theiler: Die meisten befinden sich in schwierigen Familiensituationen. Die Eltern arbeiten beispielsweise im niedrigen Lohnbereich. Wegen Corona haben sie Zukunftsängste, sie können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Oder Wohlstandsverwahrlosung – Eltern, die mit sich und ihrer Karriere beschäftigt sind, nur wenig zu Hause sind. Es findet kaum ein Austausch statt, die Kinder sind auf sich alleine gestellt. Oder es herrscht ein Rosenkrieg zwischen den Eltern, eine lieblose und kalte Atmosphäre in der Familie. Andere Jugendliche wachsen in armutsbetroffenen Familien auf, die auf engstem Raum zurechtkommen müssen. Mit Xanax vergessen einige Jugendliche alles rund herum. Es hilft auszuhalten, was man sonst nicht ertragen würde. Auf einmal ist es egal, wenn man alleine zu Hause im Zimmer sitzt und sich nur noch im virtuellen Leben bewegen darf.

«Wir sind wach.»

zentralplus: Wie reagieren Sie, um gegen diese Entwicklung vorzugehen?

Theiler: Uns bereitet die Entwicklung grosse Sorgen. Wir sind wach. Wir haben uns mit der Kriminalpolizei und anderen Fachgruppen vernetzt und haben im März einen Fachaustausch mit Schulleitungen aus dem Rontal geplant zum Thema Jugend und Drogen. Zudem werden wir zum Thema auch Elternabende durchführen.

zentralplus: Was können Eltern tun, wenn sie den Verdacht haben, dass ihr Kind etwas konsumieren könnte?

Theiler: Am besten ist es, wenn Eltern ihre Beobachtungen ausdrücken und ansprechen, was sie irritiert. Und dann unbedingt Rückfragen stellen, wie es die Kinder wahrnehmen. Wichtig ist, niemals mit Beschuldigungen auf das Gegenüber einzugehen. Wenn Jugendliche das Gefühl haben, verurteilt zu werden, werden sie abblocken. Es braucht Vertrauen, ein vorsichtiges Herantasten. Eltern, die Medikamente oder Drogen finden, sollten unbedingt die Hilfe von Fachpersonen in Anspruch nehmen, um gemeinsam mit diesen das weitere Vorgehen und die Intervention zu besprechen.

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5 Kommentare
  1. minou, 09.02.2021, 12:19 Uhr

    Bezüglich Corona Desaster könnte die Regierung endlich die Bevölkerung durchtesten. Der Roche Test ist günstig (gegenüber dem Lockdown) und erlaubt ohne Probleme Massentests.
    Hallo Bundesrat, macht endlich Schweizweit vorwärts mit den Impfungen und Tests. Damit die Schuldzuweisungen an Pensionäre endlich aufhören (aus der Sicht der Jugend).
    Übrigens machen sich viele Jugendliche mit Drogen, Zigaretten, Alkohol, Gamen und Fastfood kaputt und nicht erst seit Corona.
    Auf allen Spielplätzen wird noch geraucht, gekifft und gesoffen. Ihr Mütter und Väter, wo sind die Vorbilder der gesunden Jugend? Ich könnte weinen wenn die Kleinkinder ‹beraucht› werden und nicht mal Blickkontakt zu den Eltern haben, da das Handy wichtiger ist.
    Eltern wenn ihr vorsorgen wollt, dann diskutiert, erklärt, singt, spielt, kocht, lacht, spaziert und geht mit Masken raus.
    Natürlich erfreue ich mich an liebevollen Eltern, die ganz tolle Vorbilder sind.

  2. Isidora, 06.02.2021, 15:58 Uhr

    Ja! Endlich diesen Irrsinn stoppen!!!

    Niemand wehrt sich! Mich inklusive. Kusche ja auch. Und werde innerlich immer wütender.

    Wie könnten wir uns wehren?? Weiss jemand Rat?

  3. mebinger, 05.02.2021, 12:06 Uhr

    Haltet diese unmenschlichen Massnahmen noch länger aufrecht und wir haben eine verlorene Generation und ich weiss nicht wie ihr da euren Enkeln erklären wollt, dass ihr dieses Desaster zugelassen habt

  4. Rene, 05.02.2021, 10:58 Uhr

    Schlimm, dass wir die jüngsten in unserer Gesellschaft opfern damit andere zwei oder drei Jahre länger leben können.

  5. Paul Bründler, 05.02.2021, 10:28 Uhr

    Und wofür tun wir den jungen Menschen das an?
    Weil wir so vermessen sind zu glauben, man könne Coronaviren dauerhaft «unter Kontrolle» bringen?
    Um uralte Menschen für ein paar Monate zu «retten»?
    Um Spitäler zu «entlasten», die gar nicht überlastet sind und auch mit Überlastung gut umgehen könnten?
    Für den «Great Reset»?
    Hier stimmt doch einfach etwas hinten und vorne nicht.
    Auch wenn man es nicht will, wird man einfach das Gefühl nicht los, dass wir belogen und betrogen werden.

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