So hat ein Luzerner Journalist die Verurteilung des Massenmörders erlebt
  • Gesellschaft
Für den 32-jährigen Matthias Stadler war der Prozess eine Grenzerfahrung. (Bild: zvg)

Attentat in Christchurch So hat ein Luzerner Journalist die Verurteilung des Massenmörders erlebt

5 min Lesezeit 29.08.2020, 12:00 Uhr

Der australische Rechtsextremist Brenton Tarrant ist in Neuseeland zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Über 50 Menschen hatte er bei einem Attentat im März 2019 erschossen. Der Journalist Matthias Stadler hat lange Zeit in Luzern gelebt – diese Woche war er bei der Urteilseröffnung dabei.

Zugegeben: Viel Erfahrung in der Prozessberichterstattung habe ich nicht. Das «Höchste» der Gefühle war bis vor Kurzem ein Artikel über einen Prozess am Landgericht Ursern in Andermatt, bei dem ein älterer Herr wegen ein paar Diebstahldelikten verurteilt wurde.

Zu sagen, dass die Erfahrung, die ich in den vergangenen Tagen am «High Court» im neuseeländischen Christchurch gemacht habe, unwirklich und aussergewöhnlich war, wäre aber trotz meines Mangels an Erfahrung in der Prozessberichterstattung nicht übertrieben.

Der Grund ist schnell erklärt. Brenton Tarrant, rechtsextremer Terrorist aus Australien, wurde am Donnerstag zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe ohne Chance auf Bewährung verurteilt. Das heisst: Er wird nie mehr in die Freiheit entlassen.

Die Strafe hat er für seine Terrorattacke auf zwei Moscheen in Christchurch am 15. März 2019 erhalten, bei der er 51 Gläubige eiskalt umbrachte. Die Strafe ist mit Abstand die höchste in der Geschichte des Landes. Das passt, denn der Anschlag ist die mit Abstand schlimmste Straftat, die jemals auf neuseeländischem Boden begangen wurde.

51-facher Mord, 40-facher versuchter Mord und die Begehung eines terroristischen Akts: Zu diesen Anklagepunkten bekannte sich Tarrant vor gut einem halben Jahr schuldig.

Das Gerichtsgebäude wurde von bewaffneten Polizisten bewacht. (Bild: mst)

Da er dies tat, war ein Prozess gemäss neuseeländischem Recht nicht mehr nötig. Der Richter konnte entsprechend direkt zur Urteilsverkündung schreiten. Davor wollte er den Angehörigen und Opfern aber die Gelegenheit geben, sich direkt an die Öffentlichkeit und an den Täter zu wenden – was diese Woche geschah.

Zwischen Trauer, Wut und Fassungslosigkeit

Ich war als freischaffender Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Zeitungen vor Ort. Ich verbrachte vier Tage im gläsernen Gerichtsgebäude von Christchurch, von schwerbewaffneten Polizisten, Scharfschützen auf den Dächern und Bombenspürhunden umgeben.

90 Menschen sprachen von Montag bis Mittwoch im Gerichtssaal, wo sie dem Attentäter gegenüberstanden. Die Stimmung im Saal schwankte zwischen Trauer, Wut und Fassungslosigkeit. Draussen in den Gängen des Gebäudes hingegen waren die Leute gelöst. Ich sah überraschend viele fröhliche Gesichter. Vielleicht weil sich die Betroffenen die Trauer und Wut vom Leib reden und dem Täter dabei direkt in die Augen blicken konnten.

Nach der Urteilsverkündung am Donnerstagnachmittag brach auf den Strassen vor dem «High Court» Jubel aus. Hunderte Personen hatten sich dort versammelt, klatschten jedes Mal, wenn Angehörige aus dem Gerichtsgebäude traten. Es wurde gesungen, man lag sich in den Armen und war sichtlich erleichtert, dass der Täter die Höchststrafe erhalten hatte.

Einer der Hauptschauplätze der Tat: die Al-Noor-Moschee in Christchurch. (Bild: mst)

Den Kopf durchlüften

Auch ich bin erleichtert, dass die Urteilsverkündung vorbei ist. Die vier Tage waren anstrengend. Der Staatsanwalt beschrieb zu Beginn der Anhörung den Tathergang mit allen Details. Auch viele Opfer gingen darauf ein, wie der Täter um sich schoss und dabei auch Kleinkinder nicht verschonte. Und zu guter Letzt fasste auch der Richter bei seiner Urteilseröffnung die Tat noch einmal ausgiebig zusammen.

Mental ist es sehr herausfordernd, das Unfassbare immer und immer wieder durchzugehen. Aber natürlich: Für die Opfer ist es noch deutlich schlimmer. Für mich galt, die Konzentration hochzuhalten, mich aber so gut es ging von der Geschichte nicht zu sehr vereinnahmen zu lassen. Eine kritische journalistische Distanz muss auch bei Tragödien gewahrt werden.

Auch andere Journalisten sind froh, dass sie die Tage im Gerichtsgebäude nun hinter sich haben. Da einige von ihnen in Christchurch leben und während des Attentats in der Stadt waren, ging ihnen die ganze Geschichte noch einmal deutlich näher als mir. Der Kommunikationschefin des Gerichts beispielsweise flossen während einer Anhörung Tränen über die Wangen.

Ich werde noch einige Tage brauchen, um das Erlebte zu verarbeiten. Ich versuche, nun in den Bergen beim Skifahren den Kopf durchzulüften. Ich hoffe, meine nächsten Aufgaben danach mit neuem Elan angehen zu können. Diese sind hoffentlich mit schöneren Geschichten verbunden.

Der Prozess hat ein enormes Medieninteresse ausgelöst. (mst)

Ein grausamer Freitagnachmittag

Am 15. März 2019 fuhr der damals 28-jährige Australier Brenton Tarrant von Dunedin nach Christchurch, um seinen während Jahren sorgfältig ausgearbeiteten Plan in die Realität umzusetzen: «So viele Muslime wie möglich» umzubringen, wie er es selber formulierte. Zwei Monate vor seiner Tat hatte er die grösste Moschee der Stadt gar mit einer Drohne überflogen, um das Grundstück auszuspionieren. Bei der Terrorattacke führte er sechs Schusswaffen, darunter mehrere Sturmgewehre und Schrotflinten sowie ein Bajonett mit sich. Auch eine Kamera hatte er montiert, um das Geschehen direkt auf Facebook zu streamen. Zudem hatte er vier gefüllte Benzinkanister im Auto, um die Gebäude niederzubrennen, wozu er allerdings nicht kam.

Er wählte einen Freitag aus, da dann wegen des Freitagsgebets jeweils am meisten Gläubige in den Moscheen zugegen sind. In der Al-Noor-Moschee angekommen, eröffnete er das Feuer auf die unbewaffneten Personen. Mehrere Minuten dauerte die Attacke, 44 Personen kamen ums Leben. Danach fuhr er in das Lindwood Islamic Centre, wobei er unterwegs von seinem Auto aus noch «afrikanisch aussehende Passanten», wie es der Richter nannte, angriff. Da die Waffe einer Fehlfunktion erlag, kamen sie mit dem Leben davon. Bei der zweiten Moschee angekommen, eröffnete er das Feuer erneut, wobei wieder mehrere Personen tödlich getroffen wurden. Ein Mann stellte sich ihm kurz darauf mutig in den Weg und schlug ihn mit einem Kreditkartengerät und einer von Tarrant fallengelassenen Waffe in die Flucht, wobei es sich der Attentäter von seinem Auto aus nicht nehmen liess, dem Mann noch ein «ich werde euch verdammt nochmal alle umbringen» nachzurufen. Kurz darauf, auf dem Weg zu einer dritten Moschee, gelang es der Polizei, ihn festzunehmen. Die schreckliche Bilanz: 51 Tote, 40 Verwundete, Hunderte Angehörige mit Traumata bis an ihr Lebensende.

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