Luzerner Islam-Experte zum Burkaverbot: «Es sind keine unterdrückten Frauen»
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Nur wenige Frauen in der Schweiz tragen laut dem Luzerner Religionsforscher Andreas Tunger-Zanetti einen Nikab. (Symbolbild: Unsplash/Elin Tabitha)

Neues Buch zur Abstimmung vom 7. März Luzerner Islam-Experte zum Burkaverbot: «Es sind keine unterdrückten Frauen»

5 min Lesezeit 3 Kommentare 18.01.2021, 05:00 Uhr

In der Zentralschweiz lebt kaum eine verhüllte Frau, wie das neue Buch von Andreas Tunger-Zanetti zeigt. Der Luzerner Religionsforscher sagt, was wirklich hinter der Burka-Debatte steckt und wie die alltäglich gewordenen Corona-Masken die Abstimmung am 7. März beeinflussen könnten.

Warum diskutiert die Schweiz seit 15 Jahren über ein Kleidungsstück, das praktisch nie anzutreffen ist?

Diese Frage stellt der Luzerner Religionsforscher Andreas Tunger-Zanetti, der gemeinsam mit fünf Studentinnen das Buch «Verhüllung» verfasst hat (siehe Box). Es erscheint pünktlich zum Abstimmungskampf über die Burka-Initiative, die am 7. März an die Urne kommt.

Das Buch liefert interessante Erkenntnisse, etwa was die Zahlen betrifft. Gemäss Tunger-Zanetti tragen wahrscheinlich zwischen 20 und 30 Frauen den Nikab – ein Gesichtsschleier, der die Augenpartie freilässt (im Unterschied zur noch strengeren Ganzkörper-Verschleierung Burka, der im Bereich der Augen eine Art Sichtfenster hat). In der Zentralschweiz könne man davon ausgehen, dass es keine oder höchstens eine sei. Laut dem Buch sind verhüllte Frauen in der Schweiz also ein absolutes Randphänomen.

Wieso irritiert uns der Schleier?

Und dennoch: Wer auf eine verschleierte Frau trifft, reagiert oft mit Befremden. «Klar, das ist auch für mich irritierend, denn wir sind uns das nicht gewohnt», sagt Tunger-Zanetti. Wobei sich das mit den Corona-Gesichtsmasken nun ändert, aber dazu später mehr. Den Frauen, die sich für die Verhüllung entscheiden, sei die Irritation sehr wohl bewusst. Wieso entscheiden sie sich trotzdem dazu?

«Es sind keine unterdrückten Frauen, aber ihr Entscheid ist eine Form der Selbstausgrenzung.» 

Bei dieser Frage räumen die Autoren des Buchs mit einem oft gehörten Vorurteil auf. «Frauen in Westeuropa verhüllen sich nicht, weil sie von einem Mann dazu gezwungen werden», stellt Andreas Tunger-Zanetti klar. «Typischerweise sind sie im Westen sozialisiert, durchschnittlich bis sehr gut gebildet – und tragen den Nikab aus eigener Überzeugung, oft sogar gegen den Willen ihrer Familie.» Denn für Angehörige bedeutet das oft schwierige, unangenehme Situationen. Auch die Frauen selber erlebten oft negative Reaktionen und würden verbal oder sogar tätlich angegriffen – was das Sicherheitsargument in der Debatte ins Gegenteil verkehrt.  

Neues Buch erschienen

Das Buch «Verhüllung. Die Burka-Debatte in der Schweiz» ist im Januar 2021 im Verlag Hier und Jetzt erschienen. Das 160-seitige Werk von Andreas Tunger-Zanetti und den fünf Studentinnen Cornelia Niggli, Asia Petrino, Noémie Marchon, Julia Meier und Lea Wurmet ist für 29 Franken im Handel erhältlich.

Insofern ist laut Andreas Tunger-Zanetti das Tragen des Gesichtsschleiers für die Betroffenen mit einem hohen Kraftaufwand verbunden. «Es sind keine unterdrückten Frauen, aber ihr Entscheid ist eine Form der Selbstausgrenzung.» 

Das veranschaulicht das Gespräch mit einer Schweizer Nikab-Trägerin, die im Buch zu Wort kommt. Bei ihr waren mehrere Gründe ausschlaggebend für die Verhüllung: Einerseits der Wunsch, sich gegenüber Männern abzugrenzen. «In der Gesellschaft vertrete ich oft vielleicht nicht das, was die grosse Allgemeinheit vertritt: mit unserer Körperkultur, unserer Nacktheit, mit dem lockeren Umgang gegenüber dem anderen Geschlecht», wird sie zitiert. Ihr Aussehen solle dem eigenen Mann vorbehalten sein.

Gleichzeitig versteht sie die Verschleierung für sich als Möglichkeit, ihre Gottesfurcht auszudrücken – ohne das auch von anderen Musliminnen zu erwarten.

Wer hat Angst vor Fakten?

Solche Stimmen von Direktbetroffenen hört man in der öffentlichen Debatte selten. Bis auf die im März 2020 verstorbene Nora Illi vom Islamischen Zentralrat kamen Nikab-Trägerinnen in den Medien kaum je selber zu Wort.

Für Tunger-Zanetti ein Indiz, dass die Debatte losgelöst von der individuellen Realität der Betroffenen geführt werde. Ohnehin dringen Fakten in der Debatte zu wenig durch, so das Fazit der Buchautoren nach einer Medienanalyse im zweiten Teil des Buches. Aufgrund des Wandels in der Medienlandschaft gebe es auf den Redaktionen immer weniger Fachkompetenz, um religiöse Phänomene adäquat einzuordnen.

«Weil es im Kern gar nicht um die Frage der Kleidung, sondern um Entwürfe für die Gesellschaft geht, sind es eher die konkreten Fakten, die stören.»

Stattdessen prägten plakative Bilder und Emotionen den Diskurs. «Und weil die Diskussion von Emotionen lebt, stört das auch kaum jemanden, im Gegenteil: Weil es im Kern gar nicht um die Frage der Kleidung, sondern um Entwürfe für die Gesellschaft geht, sind es eher die konkreten Fakten, die stören», analysiert der Religionswissenschaftler.

Islamwissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti lehrt an der Universität Luzern.

Argumente für ein Burka-Verbot sucht man im Buch vergebens. Es gebe schlicht keine, sagt Andreas Tunger-Zanetti. Er macht aus seiner persönlichen Haltung kein Geheimnis, sondern weist sie in der Einleitung transparent aus. Gleichwohl ist es kein politisches Buch, sondern das populäre Sachbuch eines Sozialwissenschaftlers. «Ich verstehe mich nicht als politischen Akteur, sondern als Wissenschaftler, der auch eine gewisse Verpflichtung hat, gesellschaftlich relevante Erkenntnisse seiner Arbeit in eine öffentliche Debatte einzubringen.» 

Und plötzlich sind alle verhüllt

Und diese Debatte geschieht nun pikanterweise genau während der Coronakrise. Ob im Bus, im Laden oder am Arbeitsplatz: Verhüllte Gesichter sind zum Standard geworden. Die Initianten rund um das «Egerkinger Komitee» betonen, dass Covid-19 die Initiative nicht tangiere. Der Initiativtext sehe Ausnahmen vor, wenn gesundheitliche Gründe für eine Verhüllung des Gesichts vorliegen (oder auch wenn man Skifahren oder an die Fasnacht will).

«Das Argument, man könne wegen des verdeckten Gesichts nicht kommunizieren, dürfte weniger Gewicht haben.»

Andreas Tunger-Zanetti ist derweil überzeugt, dass die Maskenpflicht während der Coronakrise einen Einfluss auf die Burka-Debatte hat. Die für das Buch befragte Nikab-Trägerin gab zu Wort, dass sie bereits positive Auswirkungen spüre – die Anfeindungen seien stark zurückgegangen. «Vielleicht hat in den Köpfen der Leute ein Umdenken stattgefunden», sagt sie im Buch.

Auch die politische Debatte ist davon nicht ausgenommen. «Das Argument, man könne wegen des verdeckten Gesichts nicht kommunizieren, dürfte weniger Gewicht haben», so der Luzerner Islamwissenschaftler. «Und vielleicht wird das Thema angesichts der Coronakrise heute eher als unwichtig wahrgenommen.» 

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3 Kommentare
  1. A. Ammann, 19.01.2021, 10:14 Uhr

    Wir tun so, als seien sich im Orient alle Menschen einig. Und würden Hijab oder gar Burka als eine schöne, von der Vätern weitergegebene Tradition betrachten.
    Toll wäre, wenn wir zur Kenntnis nehmen würden, dass im 21.Jahrhundert auch die Orientalen im Internet heftig debattieren. Frauenverhüllung zu erlauben, mag gut gemeint sein, aber wie wird so etwas von fortschrittlichen Orientalen empfunden? Sherif Gaber zum Beispiel beweist mit seinem neusten Video, einem Video über die Geschichte der Verschleierung, dass nicht nur Westler Vorbehalte haben!

  2. Groucho, 18.01.2021, 17:21 Uhr

    Solche Generalisierungen «Es sind keine unterdrückten Frauen… » sind wenig hilfreich, ja geradezu gefährlich; es ist unsere heilige (sic!) Pflicht, gegen die (leider immer noch weltumspannende) Ansicht, dass die Frau minderwertig sei, mit aller Macht entgegenzuwirken – aus welcher Ecke sie auch immer kommt !
    Wer sich verschleiern will, möge dies tun – aber jeglich möglicher Zwang dazu muss unbedingt bekämpft werden.
    Es darf keinerlei vorsintflutlich patriarchalische Dogmen mehr geben in dieser ach so fortschrittlichen Zeit.

  3. Silvan Studer, 18.01.2021, 10:23 Uhr

    Es geht nicht um ein Kleidungsstück, sondern um ein Symbol für eine totalitäre Weltanschauung, die überhaupt nicht in die Schweiz passt.
    Wer so herumläuft, lehnt unsere Gesellschaft ab.

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