Luzerner Freikirchen protzen auf der Allmend
  • Gesellschaft
Das Freikirchen-Musical «Life on Stage» kommt nach Luzern. (Bild: Netzwerk Schweiz)

Mehr als Viertelmillion für Musical-Abende Luzerner Freikirchen protzen auf der Allmend

4 min Lesezeit 2 Kommentare 05.11.2017, 05:03 Uhr

In Luzern machen Freikirchen derzeit exzessiv Werbung für ihren sechstägigen Grossevent in der Allmend Messe. Das Ziel der Freikirchen: Menschen von ihrer prüden Moral und der bibeltreuen Heilslehre zu überzeugen. Trotz hohen Kosten ist fraglich, ob die Show viele Aussenstehende anzieht.

Flyer im Briefkasten, Plakate am Strassenrand und Aufkleber an Autos: Die Werbung für das Musical «Life on Stage» ist derzeit in Luzern omnipräsent. Während sechs Tagen finden ab dem 7. November jeweils einstündige christliche Shows plus Predigt statt in der Allmend Messe. Kostenpunkt: 276’000 Franken. Der Eintritt ist gratis, es wird eine Kollekte aufgestellt.

Hinter dem Event stehen zehn Luzerner Freikirchen – sie organisieren jedoch nur den Veranstaltungsrahmen: vom Catering bis zur Organisation. Produziert wird das Theater von Netzwerk Schweiz, einem Verbund von Freikirchen mit Sitz in Aarau. Die Aufritte bestreitet eine professionelle Truppe, welche seit 2008 durch die Schweiz tourt. Das sind 15 Musical-Darsteller, eine Live-Band, Tänzer, ein Orchester sowie professionelle und ehrenamtliche Mitarbeiter rund um die Bühne.

Organisatoren hoffen auf tausende Zuschauer

Die Musicals mit Titeln wie «Manuela und Vladimir – Zerbrochenes Familienglück» oder «Claudia – Suche nach Heilung» werden schweizweit gespielt. Immer geht es bei den Stücken um schwierige Lebensphasen und den Weg zum Glauben in freikirchlicher Sicht. Das Neue Testament soll möglichst wörtlich interpretiert und mit konservativen Werten verbunden werden: Von Sex vor der Ehe wird abgeraten, Homosexualität soll nicht ausgelebt werden, so der Zürcher Religionsexperte Georg Schmid.

«Wir haben das Musical ‹Life on Stage› gemietet», sagt Sprecher Joel Suter von der Freikirche ICF Luzern. «Uns geht es darum, die gute Nachricht der Bibel zu verbreiten», sagt Suter. «Rund 1000 Plätze hat der Raum. Zumindest Freitag, Samstag und Sonntag hoffen wir auf eine volle Halle.» Für Suter sind neben den eigenen Mitgliedern die wichtigsten Zielgruppen des Grossevents Freunde, Verwandte und Arbeitskollegen.

Joel Suter von ICF Zentralschweiz.

Joel Suter von ICF Zentralschweiz.

(Bild: ICF Zentralschweiz)

«Heilung durch den Glauben»

Und wer besucht die Veranstaltung tatsächlich? «Der allergrösste Teil kommt von den Freikirchen selbst und deren nahem Umfeld», sagt Religionsexperte Georg Schmid. Die freikirchlichen Bewegungen schrumpften insgesamt in der Schweiz, wie Schmid erklärt. Trotz des grossen Werbeaufwands würden laut Schmid jeweils nur wenige Menschen anderer Weltanschauung die Veranstaltungen besuchen, noch geringer sei die Zahl der Bekehrungen, und diese seien zudem meist nicht nachhaltig.

Im Zentrum von «Life on Stage» steht Gabriel Häsler, der im Rahmen der einstündigen Veranstaltung jeweils eine Predigt hält. Häsler beschreibt sich als Event-Evangelisten. In einem aktuellen Video auf YouTube deutet der rhetorisch talentierte Mann an, dass Menschen durch ihren Glauben an Gott von körperlichen und seelischen Gebrechen geheilt werden können.

Gar, wenn die Schulmedizin bisher nicht geholfen haben soll. «Jesus kann dich neu machen.» Diese Fähigkeit habe er den Menschen übertragen. Sich sieht er offenbar auch als Heilsbringer: Am Ende des Videos betet er für Menschen mit körperlichen und psychischen Problemen und sagt: «Vielleicht hast du jetzt gerade eine Wärme gespürt, die durch deinen Körper durchgegangen ist.»

Gabriel Häsler will auf YouTube Menschen mit Gebeten heilen:

 

Mitglieder spenden Zehntel ihres Einkommens

Der Verein Netwerk Schweiz bezeichnet sich selbst als eine kirchliche Non-Profit-Organisation. Ihre Musicals und die Predigt werden in Luzern in Mundart gehalten, aber auch simultan auf Arabisch, Farsi, Hochdeutsch und Tigrinya übersetzt. Laut Suter besuchten im Durchschnitt gegen 50 Personen einen der Gottesdienste der Freikirchen – bei ICF in Kriens sind es gegen 150. Wie kommen diese kleinen Organisationen an das Geld?

«Freikirchlern wird in der Regel geraten, zehn Prozent ihres Einkommens in das Reich Gottes zu geben», sagt Experte Schmid. Darunter fallen auch missionarische Aktionen wie «Life on Stage». Für diese spenden Freikirchler gerne dann, wenn sie für ihren Glauben werben möchten, aber sich selbst nicht recht getrauen würden, andere Menschen anzusprechen. Wie sie ihren Zehnten genau investierten, sei den Gläubigen selbst überlassen. Ein Teil fliesse oftmals direkt in die Freikirche. «Da kann schon ein rechter Batzen zusammenkommen», sagt Schmid. Es gebe aber auch mausarme Freikirchen.

Netzwerk Schweiz übernimmt Risikobeitrag

Mediensprecher Suter sagt, die meisten Freikirchen, die den Event mitorganisierten und mitfinanzierten, erwarteten von ihren Kirchenmitgliedern einen symbolischen Jahresbeitrag. Bei ICF sei das etwas anderes. Die Kirche kennt keine Mitgliedschaft. «Wer die Gottesdienste regelmässig besucht, wird aber daran erinnert, zehn Prozent seines Einkommens an die Kirche zu spenden.» Die Zahlungseingänge würden aber nicht kontrolliert, erklärt Suter. Es bestehe kein Zahlungszwang. Das bestätigt auch Religionsexperte Schmid.

Die 276’000 Franken für «Live on Stage» werden laut dem Budget der Luzerner Freikirchen wie folgt finanziert: 29’000 stammen direkt von den Freikirchen, 90’000 Franken werden aus der Kollekte während dem Event erwartet, 47’000 Franken sind Privatspenden, 47’500 stammen aus Firmensponsorings, 9’000 Franken erwarten die Freikirchen aus Kursbeiträgen. Netzwerk Schweiz übernimmt den übrigen Risikobeitrag von rund 54’000 Franken.

Messe Luzern ist nicht besorgt

Dass die Freikirchen in der Messe Luzern feiern, stört den Vermieter nicht: «Es ist nicht an uns, Moralvorstellungen zu beurteilen. Wir sehen bei ‹Life on Stage› keinen besonders kritischen Hintergrund», sagt Silvan Auf der Maur. Die Messe sei Privatgrund: «Wir sind frei, Veranstaltungen abzulehnen.» Man prüfe jeweils potenzielle Mieter: «Sollten Zweifel über den Inhalt von Veranstaltungen bestehen, steht die Messe im Austausch mit der Luzerner Polizei.»

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2 Kommentare
  1. Mathias Rellstab, 12.11.2017, 16:04 Uhr

    Gähn – bei dem Thema hätte ich von Herrn Waldvogel einen originelleren Ansatz erwartet als den allgegenwärtigen Georg Schmid seine Standardsätze zu Sex vor der Ehe, Homosexualität und Finanzen rezitieren zu lassen – zum Beispiel dass er den Anlass selber besucht und dann meinetwegen einen „Verriss“ schreibt. Vielleicht hätte er dann immerhin bemerkt, dass bei aller „prüden Moral“ (von der ich irgendwie nicht viel mitbekommen habe) eine beachtliche musikalische Qualität geboten wird, und das mehrheitlich von Laiendarstellern. Da konnte ich nur staunen. Man mag mit dem Inhalt einverstanden sein oder nicht, aber dass eine Truppe von engagierten Menschen mit (relativ) bescheidenen finanziellen Ressourcen in Luzern einen solchen – für die Zuschauer grundsätzlich kostenlosen – Anlass auf die Beine stellt, verdient meiner Meinung nach Anerkennung.

  2. Regula Aeppli, 06.11.2017, 10:23 Uhr

    Protzen. Goht’s no, zentralplus​ Ihr enttäuscht mit dem Freikirchenbashing. Geht doch hin und überzeugt euch selbst. Wir werden das Musical ebenfalls besuchen, freuen uns darauf und ich bin überzeugt davon, dass wir berührt und begeistert sein werden. Geld haben wir übrigens keines geben müssen, auch keines gegeben und in die Kollekte werden wir was wahrscheinlich was geben. Ganz freiwillig. Ich meine, der Eintritt ist gratis. Wo gibt es sonst ein Gratiskonzert, Gratismusical, Gratistheater? Jeder hat Kosten: Miete, Technik, Profimusiker etc.

    P.S. Die Zehntenlehre verwerfe ich. Sie wird tatsächlich in den meisten Freikirchen gelehrt. In unserer, der Vineyard Luzern hingegen ist sie kein Thema.

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