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Luzerner Freikirche verteilt am Bahnhof Energy-Drinks
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Das Luzerner Fest 2011 endete beim Torbogen mit einer Schlägerei, an der sich gegen 30 Personen beteiligten. (Bild: Gabriel Ammon/AURA )

Stadt bewilligt umstrittene Aktion Luzerner Freikirche verteilt am Bahnhof Energy-Drinks

6 min Lesezeit 1 Kommentar 01.06.2017, 13:36 Uhr

Gleich mehrere Freikirchen waren diese Woche am Bahnhof Luzern unterwegs. Eine davon, die «Glow Church», hat ihren Sitz in Luzern. Sie schenkte Passanten Energy-Drinks und Gratis-Kaffee aus. Weshalb wird von der Stadt eine Bewilligung erteilt, während andere Städte religiöse Verteilaktionen auf öffentlichem Grund verbieten?

Wer diese Woche am Bahnhof Luzern war, dem ist vielleicht aufgefallen: Freikirchen verrichten Öffentlichkeitsarbeit. Am Montag wurde einem im Vorbeigehen ein grosser Becher Kaffee, Orangensaft oder Energy-Drink in die Hand gedrückt mit der Aufschrift: «Thank God it’s Monday». Dies war eine Aktion der Luzerner Freikirche «Glow Church». Am Mittwoch folgte die «You-Church», eine Freikirche mit Sitz in Kloten.

In anderen Städten werden religiöse Verteilaktionen kritischer gesehen: So wurde die Koranverteilaktion «Lies!» in Brugg verboten, Zürich stellt bis auf Weiteres keine Bewilligungen mehr aus. Auch Sekten wie Scientology erhalten immer stärkere Restriktionen bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit. Da stellt sich die Frage: Warum sind Verteilaktionen in Luzern erlaubt – und wer kontrolliert diese?

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Infosekta sieht Aktion kritisch

Die Fachstelle für Sektenfragen Infosekta ist gegenüber der Aktion eher skeptisch. Geschäftsleiterin Susanne Schaaf sagt, die «Glow Church» sei noch jung, man habe bisher kaum Beratungsanfragen erhalten – es könne aber durchaus sein, dass man bei Infosekta in den nächsten Jahren mit der Luzerner Freikirche in Kontakt kommen wird.

Auch sei die «Thank God it’s Monday»-Verteilaktion möglicherweise problematischer, als sie auf den ersten Blick wirkt. Schaaf: «Das Risiko liegt unserer Ansicht nach darin, dass die Einbindung in den evangelikalen Glauben, die angestrebt wird und später erfolgen soll, mit gewissen Problemen einhergeht.» Dies würden viele Anfragen zu Freikirchen bei Infosekta zeigen.

Auf Facebook fanden die verteilten Becher Anklang.

Auf Facebook fanden die verteilten Becher Anklang.

(Bild: screenshot)

Denn: «Die Aufbruchstimmung, der Kontakt zu neuen Menschen, die gemeinsamen Aktivitäten, die Orientierung an klaren Werten – all das wirkt auf viele Menschen attraktiv.» Das könne zu einer persönlichen Bereicherung führen und Mitglieder einer Freikirche würden ihr Leben nach der neu gewonnenen Perspektive ausrichten.

Dies sei unter Umständen problematisch. So käme es immer wieder zu schwerwiegenden familiären Konflikten, wenn diese Hingabe zur Verblendung führe, so Schaaf: «Angehörige von Freikirchen-Mitgliedern berichten, dass sie kaum mehr zu ihren bekehrten Familienmitgliedern vordringen können. Es sind kaum mehr Gespräche möglich, das Familienmitglied befindet sich in einer Art Parallelwelt.»

Islamistische Verteilaktion andernorts verboten

Dass religiöse Verteilaktionen zu hitzigen Debatten führen können, zeigt die Koran-Verteilaktion «Lies!». Nachdem Brugg die als extremistisch geltende Aktion verboten hatte, stellt nun auch Zürich zumindest vorübergehend keine Bewilligungen für Koran-Stände mehr aus. Hinter der Aktion steckt der salafistische Verein «Die wahre Religion».

Zwischen «Lies!» und der Verteilaktion der Freikirche gibt es aber Unterschiede. Ein Gutachten im Kanton Zürich zeigte: Die Ausrichtung der Aktion ist wichtig, nicht die Verteilaktion selber. «Lies!» dient laut Gutachten dazu, «Personen für die Unterstützung oder die Propaganda verbotener Tätigkeiten zu gewinnen».

Der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) sagte denn auch in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung»: «Der Bundesnachrichtendienst bestätigt, dass bei ‹Lies!› eine Gefährdung des Gemeinwesens vorliegt.» Dieser Hintergrund sei bei anderen Aktionen nicht vorhanden, so Fehr. In den Medien taucht hingegen kein Fall auf, in welchem die «Glow Church» negativ aufgefallen wäre.

Auch in Luzern gibt es für «Lies!» politischen Gegenwind. CVP-Kantonsrat Peter Zurkirchen aus Schwarzenberg fordert in einer Motion ein Verbot von extremistischen Organisationen. Auch die BDP Luzern fordert ein Verbot der Koranverteilaktion. In einem offenen Brief forderten sie Sicherheitsdirektor Paul Winiker (SVP) auf, gegen «Lies!» vorzugehen (zentralplus berichtete). Experten sind aber kritisch: Ein Verbot sei kontraproduktiv und rechtlich schwer umsetzbar.

Ein anderes Beispiel ist Scientology: In Basel baute die Sekte eine Kirche – mit dem Versprechen an die Stadt, in der Nachbarschaft nicht zu missionieren. Laut dem «Blick» wurde dieses Versprechen aber mehrfach gebrochen. Dagegen vorgehen kann man aber nicht, solange keine kriminellen Handlungen vorliegen.

Negative Beispiele von Evangelikalen Freikirchen gibt es aber auch: Teil der Missionierungsarbeit der Gideons-Gruppe ist es, Bibeln vor Schulen zu verteilen. Während man in Brugg restriktiv dagegen vorgeht fehlt in Basel laut der «Tageswoche» die rechtliche Grundlage, um etwas zu unternehmen.

APG: Keine Kenntnis von «Glow Church»

Für die Werbung im Bahnhof verantwortlich ist die Allgemeine Plakatgesellschaft (APG). Die Bestätigung für die Klotener «You-Church» bestätigt das Unternehmen auf Anfrage – von der Luzerner «Glow Church» habe man indes keine Kenntnis. Falls die Verteilaktion im Bahnhof stattgefunden hätte, so seien sie wohl von den Verantwortlichen der SBB am Bahnhof nicht erkannt worden. Denn: Aktionen ohne Bewilligung würden weggeschickt, so das Unternehmen.

Bundesgerichtsurteil: Bahnhof ist öffentlich

Die SBB selbst lassen verlauten, dass ihnen die Hände bei religiösen Kundgebungen oder Verteilaktionen mehr oder weniger gebunden seien. Mediensprecher Christian Ginsig sagt auf Anfrage: «Seit dem Bundesgerichtsentscheid vom 3. Juli 2012 gelten Bahnhöfe als öffentlicher Raum und entsprechend sind auch ideelle Promotionen zulässig.»

«Nie das Ziel, Mitglieder zu gewinnen»

Aaron Stutz, Pastor und Gründer der «Glow Church», erklärt, warum man bei den SBB keine Kenntnis von der Aktion habe: «Die Verteilaktion fand beim Torbogen statt, dafür hatten wir eine Bewilligung seitens der Stadt.» Auf Nachfrage bestätigt die Stadt die Bewilligung eines Gesuchs der «Glow Church».

Dass die Freikirche Passanten zu missionieren versuche, bestreitet Stutz: «Wir wollen den Leuten etwas Gutes tun.» Man verteile weder Broschüren noch würden sie den Namen der Kirche nennen, zu welcher sie gehörten – ausser jemand frage nach. Auf dem Becher selber ist der Name «Glow Church» aber vertreten.

Mit den «Thank God it’s Monday»-Kaffeebechern wolle man Leuten den Montag, der für viele als mühsamer Tag gelte, erleichtern. Man wolle zeigen, dass jeder Tag wertvoll sei. Stutz: «Viele Leute gehen nicht gerne arbeiten und warten nur auf das Wochenende. Daher kommt der Spruch: ‹Thank God it’s Friday›. Dazu wollten wir ein Gegengewicht schaffen und zeigen: Freue dich, dass Montag ist.»

Dass bei vielen Leuten die Alarmglocken klingeln, wenn sie hören «Freikirche verteilt Werbegeschenke», beunruhigt Stutz nicht. «Wir haben nur positive Erfahrungen gemacht. Wir hatten nie das Ziel, mit dieser Aktion Besucher zu gewinnen – und bei den Leuten kommen die Geschenke sehr gut an.»

Finanziert werde die Aktion, so Pastor Stutz, über Mitgliederbeiträge. 

Kirche: Aktionen an öffentlichen Orten

Die «Glow Church» hat einen jugendlichen Anstrich, mit dem Leitspruch «Church outside the Box» gibt sich die Kirche modern. Entsprechend sind die Teilnehmer zusammengesetzt. Aaron Stutz bestätigt: «Bei uns sind die meisten zwischen 20 und 30 Jahre alt.» Man habe aber kein Zielpublikum definiert. «Wir haben auch Menschen über 60 bei uns», so Stutz.

Die Freikirche ist sehr aktiv: Neben solchen Promotion-Aktionen arbeitet die «Glow Church» auch auf andere Weise öffentlichkeitswirksam: An der «Glow-Night» trifft man sich beispielsweise jeden zweiten Freitag, um zusammen durch die Stadt Luzern zu gehen und gemeinsam mit Personen in den «Gassen Luzerns» zu beten ­– falls diese dies wollten.

«Bei der Ausübung von Grundrechten werten wir im Voraus nicht inhaltlich.»

Stefan Geisseler, Bereichsleiter Stadtraum und Veranstaltungen Stadt Luzern

Auch hier ist die Infosekta-Geschäftsführerin Susanne Schaaf kritisch: «Der Auftritt vieler Freikirchen entspricht einem modernen Lifestyle – peppig, fröhlich, Anlässe mit entsprechendem Sound, junge Pastoren mit Jugendsprache und einfach verständliche Predigten.» Es sei vor allem für junge Menschen schwierig, vor dem Hintergrund eines positiven Erlebens die Folgen und möglichen Risiken eines evangelikalen Glaubens und der Gruppendynamik zu erkennen.

Stadt: Schutz der Glaubensfreiheit

Und wie steht die Stadt gegenüber religiösen Verteilaktionen? Stefan Geisseler, Bereichsleiter Stadtraum und Veranstaltungen der Stadt Luzern, erklärt: «Grundsätzlich geht es darum, ob die Möglichkeiten zur Nutzung des öffentlichen Raums für andere Personen eingeschränkt werden.» So seien Prozessionen oder Kundgebungen, aber auch Stände oder Verteilaktionen juristisch ein «gesteigerter Gemeingebrauch» des öffentlichen Raums – und daher bewilligungspflichtig.

So habe man denn auch das Bewilligungsgesuch der Freikirche geprüft. Geisseler: «Bei der Ausübung von Grundrechten werten wir im Voraus nicht inhaltlich. Es spielt grundsätzlich keine Rolle, ob es sich bei den Gesuchstellern um eine traditionelle Weltreligion oder eine modernere Freikirche handelt, da beide unter dem Schutz der Glaubensfreiheit stehen.» Wichtig sei, dass keine sexistischen, rassistischen oder kriminellen Inhalte transportiert würden – dies prüfe man jeweils im Einzelfall, so Geisseler.

Für die Bet-Aktion brauche es hingegen keine Bewilligung: «Da dort niemand in seiner Nutzung des öffentlichen Raums eingeschränkt wird, gelten solche Aktionen als nicht bewilligungspflichtig», so Stefan Geisseler.

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1 Kommentare
  1. Roli Greter, 01.06.2017, 16:06 Uhr

    Geschätzte Frau Schaaf, was ist denn an einem peppigen und fröhlichen Auftritt auszusetzen? Und an einfachen, verständlichen Predigten? So mancher katholischen und reformierten Kirche würde ein Blick über den Tellerrand nicht schaden, es existieren noch sehr viele alte Denkmuster welche dem Glauben der jungen Generationen im Weg stehen. Gruss von einem Konfessionslosen der an vieles glaubt. 😉