Luzerner Forscher erfinden den virtuellen Braumeister
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Marc Bravin (HSLU), Kevin Kuhn (Jaywalker Digital) und Adrian Minnig (MN Brew; v.l.) bei der Degustation von «Deeper». (Bild: zvg)

«MN Brew» testet Rezepte aus dem Computer Luzerner Forscher erfinden den virtuellen Braumeister

3 min Lesezeit 30.09.2020, 18:21 Uhr

Beim Schach ist die Software dem Menschen schon lange überlegen. Nun haben Forscher der HSLU gemeinsam mit «MN Brew» und der Firma Jaywalker Digital einen Generator entwickelt, der eigene Bierrezepte erfindet. Braumeister Adrian Minnig ist aber überzeugt, dass es ihn trotzdem noch eine Weile braucht.

Am Anfang war ein einfaches Brauset, mit dem sich Mitarbeiter eines Forschungsteams an der Hochschule Luzern ihr eigenes Bier «gekocht» haben. Die Arbeit mit den fixfertigen Mischungen aus Hopfen und Malz brachte die Mitglieder des Algorithmic Business Research Lab auf eine Idee: «Wäre es nicht toll, wenn eine künstliche Intelligenz eigene Bierrezepte entwickeln könnte?», formuliert Initiant Kevin Kuhn den Ursprung des Projekts «Brauer AI» – ausgesprochen: «Brauerei».

Mit seiner Firma Jaywalker Digital AG, bei der er Mitinhaber ist, und Informatiker Marc Bravin, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule Luzern, begann er, die Idee zu konkretisieren. Die Rohdaten bezieht die künstliche Bier-Intelligenz (KI) aus einer Datenbank mit 157’000 internationalen Bierrezepten. Dank sogenannter neuronaler Netze sucht sie darin nach Mustern und leitet daraus ihre eigenen Kreationen ab. Dazu wählt man von Hand erst den Stil wie Indian Pale Ale, Weizen oder Amber und lässt die künstliche Intelligenz dann ihre Arbeit tun (siehe Grafik am Ende des Artikels).

«Die besten Resultate erzielen Mensch und Maschine gemeinsam.»

Die «Brauer AI» soll Braumeisterinnen als Inspirationsquelle dienen, um neue Biere zu kreieren. Doch für den Reality-Check brauchten die Initianten noch Verstärkung: Experten, die beurteilen können, was die Rezepte taugen. Nach einigem Suchen haben sie Adrian Minnig gefunden, den Mikrobrauer aus MN (Emmen). «Adrian hat ein Flair für das Technische und war rasch von der Brauer AI begeistert», so Kuhn.

Kein einfacher Durchschnitt

Für den Versuch entschied man sich für die Sorte «Indian Pale Ale». Mit dem Resultat «Deeper» haben sich die Initianten vor Kurzem zugeprostet.

Braumeister Minnig ist zufrieden mit dem Resultat. Den Verdacht, die Software hätte ihm einfach ein «Durchschnittsbier» ausgerechnet, weist er zurück. Stattdessen würdigt er «Deeper» als «sehr spannend und sehr fruchtig». Ganz ohne sein Zutun sei der Brauvorgang aber nicht möglich: «Feinjustierungen im Bereich der Farbe und des Alkoholgehalts waren trotzdem notwendig.» Dass es Auge, Nase und Geschmackssinn des echten Braumeisters weiterhin brauchen wird, ist für ihn deshalb klar. «Die besten Resultate erzielen Mensch und Maschine gemeinsam.»

Das Endprodukt: «Deeper» gibt es zurzeit nur als Versuchsproduktion. (Bild: zvg)

Der erste Badge von 550 Litern wird nicht in den Verkauf gebracht, er ist für Degustationszwecke reserviert. Für Minnig ist durchaus denkbar, dass «Deeper» und weitere Nachfolgeprodukte in den Handel kommen. «Eine weitere Zusammenarbeit mit der HSLU kann ich mir sehr gut vorstellen», sagt er. Vielleicht läge sogar eine Bier-Linie mit Rezepten aus der «Brauer AI» drin, sinniert er.

Auch andere Brauereien sollen profitieren

Minnig will gerne mithelfen, die künstliche Intelligenz weiter zu verbessern. «Was noch fehlt, ist eine Rückgabemöglichkeit: Toll wäre, wenn wir das angepasste Rezept wieder in die Datenbank einspeisen könnten und die Brauer AI davon lernt, was wir aus ihrem Vorschlag gemacht haben.»

Für sich alleine beanspruchen will Minnig die «Brauer AI» allerdings nicht. Er ist der Überzeugung, dass auch andere Mikrobrauereien davon profitieren und im dynamischen Biermarkt auf neue Ideen gebracht werden sollen.

Auch bei Jaywalker steht eine Kommerzialisierung vorderhand nicht im Vordergrund: «Auch wenn wir nicht ausschliessen, dass es das einmal geben wird: Für uns ist es ein Forschungsprojekt, das Spass macht.» Profitieren tue man allerdings schon: aus dem Projekt für andere, durchaus kommerzielle Anwendungen lernen. Und: Am Endergebnis haben die Studierenden ebenfalls ihre Freude.

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