Luzerner Experte: Initiative gegen KESB «veraltet und kleinbürgerlich»
  • Politik
Eingang zur Kesb in der Stadt Luzern. (Bild: giw)

Hochschule Luzern befasst sich mit Kindesschutz Luzerner Experte: Initiative gegen KESB «veraltet und kleinbürgerlich»

4 min Lesezeit 8 Kommentare 16.05.2018, 11:59 Uhr

Eine Initiative will die Kesb entmachten. Die Vertretung von Betroffenen soll nicht mehr in professionelle Hände gelegt werden, sondern durch Angehörige übernommen werden. Doch Luzerner Experten warnen – das Gedankengut der Initianten sei veraltet.

Am Dienstag wurde die eidgenössische Kindes- und Erwachsenenschutzinitiative im Bundesblatt publiziert (siehe Box). Der Initiativtext will die Kesb-Behörden entmachten, indem automatisch die Vertretung durch Angehörige vorgesehen wird. Ausschliesslich nahe Verwandte wie Eltern, Ehegatten oder Lebenspartner sollen anschliessend umfassend das alltägliche Leben der Betroffenen regeln.

Die Hochschule Luzern hat passend zur Lancierung der Unterschriftensammlung eine Fachtagung zum Thema organisiert. Diesen Mittwoch geht es um das Thema «Angehörige im Kindes- und Erwachsenenschutz – Chance oder Risiko». Daniel Rosch, Co-Tagungsleiter und Dozent, forschte in den vergangenen Jahren zum Thema. Er und Co-Autor Andreas Jud haben dabei Daten aus der ganzen Welt analysiert.

Soll nur die Verwandtschaft entscheiden?

Unter anderem kommt Jud bei Fremdplatzierungen von Kindern zum Schluss: «Es gibt keine generellen Vor- oder Nachteile durch die Platzierung bei Angehörigen.» So betrachtet Rosch die Initiative auch kritisch. «Die Initianten beschwören ein veraltetes, kleinbürgerliches Familienbild», sagt Rosch.

100’000 Unterschriften bis November 2019

Hinter der Initiative stehen der SVP-Nationalrat Pirmin Schwander und die Thurgauer Autorin Julia Onken. Das Komitee hat bis am 19. November 2019 Zeit, 100’000 Unterschriften zu sammeln. Am Donnerstagmittag will das Komitee über seine Forderungen informieren.

Wer eine Vormundschaft übernehme, hänge nach einer Annahme der Initiative vorwiegend von einer «Blutsverwandtschaft» ab und nicht von der Beziehung zu den betroffenen Menschen respektive der Fähigkeit, Unterstützung zu leisten. Die Gesellschaft bewege sich jedoch schon lange in eine ganz andere Richtung. «Zuweilen sehen Kinder ihre Eltern kaum und haben stattdessen andere wichtige Bezugspersonen in ihrem Leben.» Doch der Verwandtschaftsgrad sage noch lange nichts darüber aus, ob die Verwandten auch geeignet seien, eine Vertretung zu übernehmen.

Angehörige werden teilweise zu stark involviert

Die gängigen Werbebilder mit glücklich lachenden Familien stimmten oft nicht mit der Realität von Familien im Kindes- und Erwachsenenschutz überein, so Rosch. Viel wichtiger als die reine Verwandtschaft sei die Beziehung zwischen den Betroffenen und ihrem Umfeld. Hier leiste die Kesb eine wichtige Arbeit, indem sie professionelle Abklärungen vor einem Entscheid zu Fremdplatzierung oder einer Beistandschaft treffe.

«Im Zweifelsfalle lieber eine Fachkraft.»

Daniel Rosch, Dozent Hochschule Luzern Soziale Arbeit

Der Vorwurf, dass die Behörden bei den Abklärungen die Angehörigen nicht genügend berücksichtige, stimme nicht. Eher das Gegenteil sei der Fall: «Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass die Verwandten von der Kesb zuweilen zu stark miteinbezogen werden.» Im Kindesschutz hätten Behörden auch schon Verwandte involviert, die das Kind gar nicht kannten.

Daniel Rosch, Dozent an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit.

Daniel Rosch, Dozent an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit.

(Bild: zvg)

Für Rosch ist klar, dass Angehörige zuweilen einen Beitrag leisten können, aber nicht immer: «Die Nähe kann ein Problem sein», sagt Rosch. Internationale Studien in China, Japan oder auch im angelsächsischen Raum hätten gezeigt, dass sich dadurch Fälle von Missbrauch häufen und bei Verwandten, welche die Vertretung oder Beistandschaft übernehmen, auch eine Bereicherung stattfinden kann.

«Der Staat greift im Gegensatz zu früher nur noch dort ein, wo es notwendig ist.»

Daniel Rosch, Dozent Hochschule Luzern Soziale Arbeit

«In Japan und Südkorea, wo die Familie enorm wichtig ist, will man deshalb gerade weg von der Betreuung durch Angehörige und hin zu Fachkräften.» In der Schweiz möchten die Initianten nun wieder in die Gegenrichtung. Für Rosch ist klar: «Entscheidungen, wer als Vertreter eines schutzbedürftigen Menschen geeignet ist, gehören in fachliche Hände. Im Zweifelsfalle lieber eine Fachkraft.»

Bestehendes Gesetz berücksichtigt Wille der Betroffenen

Komme hinzu, dass die Initiative eine automatische Vertretung ohne staatliche Mitwirkung vorsieht – das sei problematisch. «Dadurch fehlt eine Aufsicht über diese teilweise jahrelange Vertretung vollständig.» Das würde unter anderem im Bereich Erwachsener internationales Recht verletzten, sagt Rosch. Die Schweiz habe heute eines der modernsten Gesetze für Kindes- und Erwachsenenschutz. In Zentrum stünde dabei die Selbstbestimmung der Betroffenen – so können sie gesetzliche Vertreter vorschlagen: «Die Behörden müssen dem nachkommen, soweit der Vorschlag geeignet ist», sagt Rosch.

Zudem werde im Vergleich zu früher Beiständen viel weniger Kompetenzen übertragen. «Der Staat greift im Gegensatz zu früher nur noch dort ein, wo es notwendig ist», sagt der Dozent. Eine vollständige Urteils- und Handlungsfähigkeit finde sich höchstens bei schwersten Fällen von Alzheimer, Demenz oder bei schwerer geistiger Behinderung. Den Menschen die Kompetenzen in allen Lebensbereichen zu entziehen, das wolle man heute nicht mehr. Die Kesb-Behörden setzten heute vielmehr auf verhältnismässige Massnahmen.

Obwohl Rosch mit der Arbeit der Kesb-Behörden in der Schweiz generell zufrieden ist, gibt es dennoch Verbesserungsmöglichkeiten. Immer noch gebe es erhebliche Unterschiede in der Behandlung von Fällen. «Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Personalressourcen nicht überall im gleichen Ausmass vorhanden sind.»

Auch bei der Kommunikation gegen aussen müssten einige Behörden sich genau überlegen, wie sie vorgehen. Zudem handle es sich bei der Kesb um eine junge Institution, den Beruf Kesb-Mitarbeiter gab es vor sechs Jahren noch gar nicht. Nun gehe es darum, Abklärungen und Verfahren schweizweit zu standardisieren.

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8 Kommentare
  1. Paul Schüpbach, 18.05.2018, 17:14 Uhr

    Andreas Jud, Mitentwickler, auf der HP: «Für alle Involvierten wäre nachvollziehbar, welche Aspekte ausschlaggebend sind, damit Massnahmen ergriffen werden.»
    Been genau das stimmt NICHT – keiner weiss, wie der Algorythmus (in der die Meinung der Entwickler steckt) funktioniert. Als Betroffener sieht man lediglich das ERGEBNIS, nicht aber wie es zustande gekommen ist. Als Betroffener würde ich mir gerichtlich die Herausgabe des Quellcodes erstreiten – gab in USA mehrere solche Fälle, die Erfolgreich waren. Nur auch hier gilt: falls dadursch ein Schaden geltend gemacht werde kann, zahlt wieder der Steuerzahler die Zeche: die KESB-Mitrarbeiter sind fein raus…

  2. Paul Schüpbach, 18.05.2018, 17:03 Uhr

    «Der Staat greift im Gegensatz zu früher nur noch dort ein, wo es notwendig ist»
    Nun gehe es darum, Abklärungen und Verfahren schweizweit zu standardisieren.

    Wenn man studiert hat, heisst das noch nicht unbedingt, dass man auch schlau ist…

    Die erste Behauptung mag ich – zumindes in vielen Fällen – zu bezweifeln. Bei der 2. Aussage wirds interessant: hier kommt der Irrglaube an die Allmacht von Algorythmen und BigData in Spiel (und an die eigene Unfehlbarkeit). An der HS LU und der Fachhochschule Bern wurde ein Abklärungsinstrument von Hr. Rosch und seinem Team entwickelt. So heisst es auf der HP dazu:
    […]Ausserdem ist das «Berner und Luzerner Abklärungsinstrument zum Kindesschutz» als Webapplikation entwickelt. Dies macht eine praktische Anwendung ergänzend zu den herkömmlichen EDV-Erfassungssystemen möglich.[…]

    Also zentrale Datenverwaltung – ist für mich als IT-ler für solch sensible Daten schon äusserst fragwürdig. Aber für heutige Uni-Profs muss es ja für alles eine App geben.
    2. Einwand: Der Glaube an die Allmacht von BigData ist in USA bereits wieder stark im Rückgang. Selbst wenn ein System gut und ausgereift ist (kann es aber erst werden, wenn genügend Daten gesammelt wurden) und in 85% der Fälle richtig entscheidet – was gigantisch gut wäre – , bleiben 15% Kollateralschaden zurück. Der unbeirrbare Glaube und das Festhalten an das System wird verheerende Konsequenzen haben für diese 15%. Bei BigData für Werbung mag das irrelevant sein – aber hier?
    In USA spricht man für BigData Anwendungen in solchen und vielen anderen Bereichen daher vop ‚WMD‘ – also von ‚Weapons Of Math Destruction‘ –> Mathematische Vernichtungswaffen.
    Denn eines ist sicher: Die Modelle (also die zu erhebenden Daten und die Art der Verarbeitung) sind lediglich in Mathematik eingebettete MEINUNGEN.
    Und die Aussage, Algorythemn seien neutral, kann deshalb schon nicht zutreffen.
    Deshalb arbeite ich nicht mehr an solchen Systemen – aber die Datenhaltung, Sicherheitsaspekte und die Art, wie das System entscheidet, würde mich schon interessieren, denn ich bezweifle stark, dass ein solches System gute Arbeit leisten kann. Es heisst ja immer: jeder Fall müsse individuell abgeklärt werden – also das Gegenteil von Standard.
    Aber es ist halt wie überall beim SozFilz: der Steuerzahler zahlt das schon… somit sicher ein gutes GEschäft für den Hr. Rosch.

  3. Helen Meier, 17.05.2018, 10:24 Uhr

    Vielleicht ist es ein bisschen frech, auf Kosten der Steuerzahler zu dozieren an der Uni, und seinen Studenten weiszumachen, kleinbürgerlich zu sein, sei ein Übel. Wenn die Kleinbürgerlichen einmal weg sind, wird es besser… Nicht wörtlich, aber sinngemäss so ausgedrückt vom Soziale-Arbeit-Professor. Wer ist das genau, diese kleinbürgerlichen Familien? An meinem Wohnort lebt ein Teil der CH-Familien und ein Teil der Immigr-Familien das „kleinbürgerliche“ Modell. Die Mutter widmet sich ein paar Jahre den Kindern. Bei beiden wäre auch die Option Schülerhort, je nach dem, sinnvoll. Weil das Deutschlernen dort leicht geht. Oder weil man als Einzelkind gern regelmässig in einer Kinderhorde ist. Familien denken praktisch. Wenn aber ein Soziale-Arbeit-Professor über „kleinbürgerliche“ Familien mit eindeutiger Verachtung spricht, trägt er nicht zu Kompromissen und Einigung bei. Er polarisiert.

  4. Helen Meier, 17.05.2018, 09:03 Uhr

    p.s. Es sollte heissen: Der Jugendliche geht für eine gewisse Zeit den Kopf lüften bei anderen –

  5. Helen Meier, 17.05.2018, 08:59 Uhr

    Ein Experte sagt: „Zuweilen sehen Kinder ihre Eltern kaum und haben stattdessen andere wichtige Bezugspersonen in ihrem Leben.“ („Stattdessen“? Hmmm … Ich hatte gehofft, der Experte würde sagen, diese Kinder kennen beides gut, ihr Umfeld UND ihre Familie!)
    In den 70-er-Jahren waren die Kinder weniger verplant. Sie gingen bei ihren Freunden klingeln, gingen zusammen „veruse“. Liebe Experten: Das gibt es heute noch. Solche Kinder haben ein Umfeld, das es wüsste, wenn das Kind Eltern hätte, die unappetitliche Geheimnisse hüten. (Ja, es gab den Fall von Frau Halbheer, einer wirklich sympathischen jungen Frau. Ihre Eltern hatten Drogenprobleme, und lebten in einer faktisch geschlossenen Community.)
    Wenn unser „Experte“ schon so stark betont, die heutige Gesellschaft sei derart anders als die früheren: Stimmt, heute leben Kinder in Nachbarschaften, in denen es atheistische und religiöse Familien, Weleda-Fans und McDonald-Gänger, Tierliebhaber und IT-Nerds gibt… …Kurz gesagt: Wenn das Kind mit allen Mitschülern Kontakt pflegen darf, dann brauchen wir seinem sozialen Umfeld nicht zu unterstellen, dass es auf die Idee käme, kollektiv die Behörden an der Nase herumzuführen.
    Auf eine solche normale Familie kann der Kesb-Hammer trotzdem niedersausen. Und eine schlaue Kesb kann in die Akten schreiben, man habe das ganzen Umfeld mit einbezogen. Dass für die Kesb das „Umfeld“ aus dem Schulsozialarbeiter und einer weiteren sogenannten Fachkraft besteht, sagt man nicht.
    Mehr als die Hälfte der Kesbs macht die Sache gut, vermute ich. Wie wäre es, wenn man die Kesb daran messen würde, was sie tut, wenn eine Intervention beendet wird, weil da nix war? Entschuldigt sich die Kesb? Möchte sie lernen? Kann sie auch denen in die Augen schauen, die mal aus Neugier zu einer Verbeiständung „ja“ gesagt haben, sich aber mit der Familie schon bald zusammenrauften? Wer von uns haute nicht mit 15 mal zu den Grosseltern ab? Oder zu Leuten, die man gut kannte? Der Jugendliche geht für eine gewisse Zeit den Kopf geht bei anderen – und ist es die „kleinbürgerliche“ Familie, die in Panik gerät? Die „kleinbürgerliche“ Familie vertraut, siehe da!, ihrem Jugendlichen und seinen temporären Gastgebern. Wer jetzt Surm läuft, ist die Kesb.
    Komisch, dass gewöhnliche Leute wissen, was Pubertät ist. Gewisse „Fachkräfte“ wissen’s nicht.

  6. Michel Ebinger, 16.05.2018, 14:57 Uhr

    Da fragt sich, wessen Meinung veraltet ist. Die Initiative ist genau der richtige weg. Wenn wir es wieder den Bürokraten überlassen, dann können wir in 30 Jahren einen Milliardenfond für Opfer der KESB errichten, es hat sich nun genügend oft gezeigt, das der Bürokratismus nicht der Richtige ist. den Bürokraten wissen immer alles besser und knöpfe sich immer die vor, welche einen eigenen Willen haben und nivht dem Mainstream folgen. Ebenso falsch ist die Ansicht, das der professionelle Weg immer der richtige ist. Experten und andere Möchtegern-Profis lassen oft jeglichen gesunden Menschenverstand vermissen. Die Initiative löst zudem weitere Probleme, welche entstehen, wenn ein Partner stirbt, es ist absolut entwürdigend was Partner sich bieten lasse müssen, wenn sie nach dem Tod eines Partners bei den Behörden betteln müssen. um überhaupt noch Handlungsfähig zu sein. Veraltet ist das behördliche Denken, das davon ausgeht, das der Bürger per Se urteilsunfähig und dumm ist und genau davon gehen noch zu viele Verwaltungen aus!

    1. Samuel Kneubühler, 16.05.2018, 20:35 Uhr

      Als ob es im alten System (1912-2012) keine Opfer gegeben hätte! Dass Laien schneller überfordert sind, zeigt sich an den diversen Missbrauchsfällen und schlechten Platzierungen. Die KESB ist besser, lasst ihr Zeit!

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