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Luzerner Drogenszene macht sich wieder in Parks breit
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Die ZHB im verschneiten Vögeligärtli in Luzern.

Insider über Schwulenstrich und Brennpunkte Luzerner Drogenszene macht sich wieder in Parks breit

6 min Lesezeit 05.03.2018, 19:16 Uhr

An der Oberfläche präsentiert sich Luzern nahezu perfekt. Doch wer die Brennpunkte kennt und die Menschen auf der Gasse, der sieht vieles, was Otto Normalbürger verpasst. Bei den Drogenabhängigen und beim Strich auf dem Inseli sollte Luzern jedoch genauer hinschauen.

Im Vögeligärtli treffen sich Familien, beim Inseli geniessen Studenten Sonne und Bier, in der Eisengasse leistet man sich Fondue oder ein Schmuckstück. Die ehemaligen Brennpunkte der Luzerner Drogenszene und der Schwulenstrich sind verschwunden. Aber nur scheinbar.

«In Luzern gibt es eine Drogenszene. Und diese muss irgendwo einen Platz haben», betont Roland Lang. Lang kennt die Drogenszene und auch den Schwulenstrich gut. Besonders in Luzern, seiner Heimat. Mittlerweile im Methadon-Programm, war er jedoch lange Zeit selbst heroinabhängig und beschaffte sich sein Geld für die Drogen auch durch Prostitution (zentralplus berichtete).

Starker Bezug zur Szene

Lang weiss, dass mehrere Hundert Drogensüchtige in Luzern verkehren. Heute beobachtet er die Szene für seine Führungen bei «Abseits – Luzern», in welchen er den Besuchern einen Einblick in die Schattenseiten der Leuchtenstadt gibt. Regelmässig besucht er die Orte, spricht mit Abhängigen, Dealern und Strichern, von welchen er viele auch persönlich kennt. «Ich möchte wissen, was läuft und wie es den Männern auf dem Strich beim Inseli oder allgemein den Menschen auf der Gasse geht.»

Auch mit einer anderen Perspektive, für seine Arbeit als Guide für die Stadtführungen «Abseits – Luzern», wolle er einen Überblick über die ganz aktuelle Situation haben.

Unterirdische Zustände beim Inseli

Seine jüngsten Beobachtungen zeichnen ein düsteres Bild. Die Zustände auf dem Schwulenstrich beim Inseli-WC bezeichnet er als unterirdisch.

«Ich habe mitbekommen, wie ein Freier im Münzfach gekramt hat. Das ist der absolute Horror.»
Roland Lang, «Abseits – Luzern»-Guide und Kenner der Drogenszene Luzern

Die Zahl der Männer, die dort auf den Strich gehen, habe sich massiv erhöht. Freier würden die Stricher teilweise direkt mit «Material» bezahlen – also beispielsweise mit Koks. «Das habe ich vorher noch nie gehört und das sollte auch nicht möglich sein», betont Lang. Die Stricher würden auch jünger – ein paar seien um die 16 Jahre alt. «Doch gesucht werden noch Jüngere. Das sieht man teilweise auch bei den Sprüchen mit Zeiten oder Telefonnummern, die Freier an die Wände des WCs schreiben.» Er habe dort angerufen, und es seien tatsächlich Nummern von Freiern gewesen.

Im Inseli-WC wird direkt gesucht.

Im Inseli-WC wird direkt gesucht.

(Bild: jwy)

Das «Überangebot» drücke nun auch die Preise. «Ich habe mitbekommen, wie ein Freier nach dem Geschäft im Münzfach seines Portemonnaies gekramt hat. Und ich habe gehört, wie er die Franken rausgezählt hat. Das ist der absolute Horror.» Er habe Ende der 80er-Jahre in Zürich nie weniger als 100 Franken auf dem Strich verdient.

Auch der Umgangston beim Strich auf dem Inseli werde härter, beobachtet Lang. «Und die Männer können auch nicht mehr vor der Dienstleistung einkassieren.»

Stadt: Kein Handlungsbedarf

Der Stadt Luzern sei bekannt, dass sich zeitweise Männer beim Inseli-WC prostituierten, sagt Christina Rubin, Leiterin der SIP, auf Anfrage. Auch die Polizei bestätigt dies, betont jedoch auch, dass sich im Grossen und Ganzen im Laufe der letzten Jahre nicht viel verändert habe. «Die Polizei zeigt im besagten Gebiet starke Präsenz und es werden regelmässig Personenkontrollen durchgeführt. Wenn strafbare Handlungen festgestellt werden, werden diese zur Anzeige gebracht», so Urs Wigger von der Luzerner Polizei.

Christina Rubin erklärt, auch die SIP kontrolliere täglich mehrmals die WC-Kabinen und sei vor Ort präsent. «Unsere Mitarbeiter sprechen die Männer und Freier an und weisen sie im Gespräch auf das Prostitutionsverbot hin», so Rubin.

Auch Jürg Bläuer, Outreachworker bei «S&X Sexuelle Gesundheit Zentralschweiz», hat die Situation auf dem «Männerstrich» nicht als besonders brennend wahrgenommen. Doch die Aussagen lassen ihn aufhorchen und er betont, das Inseli wieder verstärkt in den Fokus zu nehmen. Er wolle sich vor Ort ein Bild machen und auch mit den Guides, welche die Beobachtungen gemacht haben, Kontakt aufnehmen.

Vom Busperron zurück ins Vögeligärtli

Roland Langs Beobachtungen bereiten jedoch nicht nur in Bezug aufs Inseli, sondern vor allem auch bei anderen Parkanlagen der Stadt Luzern Sorgen. Und zwar falle seit einigen Wochen nicht nur ihm, sondern auch anderen Guides der Führungen auf, wie sich die Drogenszene wieder vermehrt in den kleinen Parks um den Bahnhof herum abspiele. «Besonders spürbar ist es abends beim Vögeligärtli. Immer wieder ziehen sich Personen ins Dunkle oben an der Kirchentreppe zurück», so Lang.

Einen Grund für die Verschiebung sieht Lang in der Vertreibung der Konsumenten und Dealer vom Busperron 2 beim Bahnhof, aber vor allem im Gassen-Angebot, das in Luzern seiner Meinung nach ausgebaut werden müsste.

«Ich wünsche mir, dass die Stadt die Augen offen hält.»
Roland Lang

Roland Lang nennt Basel als vorbildliches Beispiel. «Dort hat es mehrere Gassenküchen. Und wenn die eine schliesst, öffnet eine andere. Die Menschen auf der Gasse haben damit 24 Stunden eine Anlaufstelle.» Basel sei natürlich grösser, aber das Einzugsgebiet der Stadt Luzern ist mit den umliegenden Zentralschweizer Kantonen sehr gross. «Abhängige aus Dörfern kommen in die Stadt. Und Luzern hat bloss eine Gassenküche, die von 9 bis 17 Uhr geöffnet hat, und eine Notschlafstelle, die um 20 oder 21 Uhr öffnet.»

Die Luzerner Polizei macht ab und an Kontrollen beim Busperron 2.

Die Luzerner Polizei macht ab und an Kontrollen beim Busperron 2.

(Bild: Christine Weber)

Er habe die Befürchtung, dass sich die Szene ohne ein weiteres Angebot wieder in Richtung Vögeligärtli und andere Parkanlagen verschiebt. «Ich wünsche mir deshalb, dass man das Thema nicht wieder verdrängt, sondern dass die Stadt die Augen offen hält», so Lang. «Verdrängung hat noch nie funktioniert. Die drogenabhängigen Menschen verschwinden nicht, wenn man sie wegscheucht.»

Keine Beobachtungen bei den Behörden

Konfrontiert mit den Beobachtungen von Roland Lang, antworten Stadt und Polizei mit exakt demselben Satz: «Zurzeit beobachten wir keine aussergewöhnliche Verlagerung der ‹Drogenszene›.» Man sehe deshalb auch keinen Handlungsbedarf. Auch die Frage nach einem Ausbau des Angebots für Gassenpersonen stelle sich zurzeit nicht.

«Süchtige und Gassenpersonen halten sich spätabends auch kaum mehr an den Brennpunkten auf.»
Christina Rubin, SIP Luzern

Natürlich sei es so, dass, wenn die Kontrolltätigkeit an einem Ort erhöht werde, Dealer und Konsumenten versuchten, diesen Kontrollen auszuweichen. Deshalb werde die Lage laufend beobachtet und die Kontrolltätigkeit entsprechend angepasst, «um allfällige Gesetzesverstösse zu ahnden und Parkanlagen oder Toiletten für diesen Personenkreis unattraktiv zu machen», so die Polizei.

Auch die SIP sei an den immer wieder aufkommenden Brennpunkten präsent, im Gegensatz zu früher auch flexibler, betont Christina Rubin. «Nach Mitternacht unterwegs zu sein macht jedoch wenig Sinn, da schwierige Situationen meistens durch überhöhten Alkoholkonsum entstehen und dafür die Polizei zuständig ist. Präventionsarbeit und Betreuung ist in der Nachtphase kaum möglich. Süchtige und Gassenpersonen halten sich spätabends auch kaum mehr an den Brennpunkten auf», so Rubin.

Die Stadt Luzern betont dabei aber auch, dass Gassenpersonen im öffentlichen Raum «sichtbar sein dürfen».

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