Luzerner Dok-Filmer zieht’s von der «Rue de Blamage» auf die Alp
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Die stolzen «Eltern» des Dokumentarfilms «Kühe auf dem Dach»: Produzentin Christina Caruso und Regisseur Aldo Gugolz.

Vaterschaft, Tierliebe und Todesfall Luzerner Dok-Filmer zieht’s von der «Rue de Blamage» auf die Alp

5 min Lesezeit 28.11.2020, 18:00 Uhr

Mit dem Baselstrasse-Dokumentarfilm «Rue de Blamage» feierte der Luzerner Regisseur Aldo Gugolz einen Achtungserfolg. Sein aktueller Film «Kühe auf dem Dach» beschreitet neues Terrain. zentralplus hat ihn und die Produzentin Christina Caruso zum Interview getroffen.

Es ist ein ruhiger Film, den Aldo Gugolz gedreht hat. Ein feinfühliges Porträt vor karger Bergkulisse. Dreh- und Angelpunkt der Dokumentation ist das Leben (und Leiden) eines jungen Bauers Fabiano, der eine wenig rentable Alp im Tessiner Gebirge geerbt hat – samt Schulden. Er bietet Aussteigern eine Arbeit auf dem Hof, Gestrandeten und Geflüchteten. Und einer von ihnen verschwindet plötzlich. Wenig später wird ein abgetrenntes Bein im nahen Wald gefunden. Wilde Gerüchte stellen Fabianos ohnehin schon fragile Welt auf den Kopf.

Gugolz hat den Film zusammen mit der Produzentin Christina Caruso gedreht. Beide betreiben seit 2007 die Produktionsfirma revolumenfilm in Luzern und legen den Fokus auf Dokumentarfilme.

zentralplus: Aldo Gugolz, «Rue de Blamage» war ein beachtlicher Erfolg. Lastet ein gewisser Erwartungsdruck auf Ihnen?

Aldo Gugolz: Nicht unbedingt. Ein ähnlicher Erfolg wie bei «Rue de Blamage» wäre natürlich toll, aber davon kann man nicht zwangsweise ausgehen. Wir haben den neuen Film unabhängig vom Erfolg des Vorgängers angefangen.

Christina Caruso: Wir machen einfach gerne Filme und gehen lustvoll an jedes neue Projekt heran. Unser Ziel ist es, eine qualitative Kontinuität zu halten.

«Wir wollten keinen normalen «Alpenfilm» drehen, von denen gibt es schon genug.»

Aldo Gugolz, Regisseur

zentralplus: Was ist ihr persönlicher Bezug zum Film?

Gugolz: Auf der Alpe d’Arena war ich zum ersten Mal 1989 mit einem Freund. Damals trafen wir den Älpler Giorgio, der alleine da oben mit seinen Tieren gelebt hat. Für mich war das Leben da oben ein Sinnbild für Glück und Naturverbundenheit.

2016 bin ich dann mit meiner Kamerafrau, den Kindern und dem Freund von damals noch einmal auf die Alp und hab eine eingeschworene Männergemeinschaft vorgefunden, die den Hof nun bewirtschaftete. Ich fand das Zusammenleben dieser Männer faszinierend und wusste: Darüber will ich einen Film machen.

Der Hof auf der Alpe d’Arena bildet den Hauptschauplatz des Films.

zentralplus: Wie hat sich das Projekt entwickelt?

Gugolz: Die ursprüngliche Idee war, ein Film über das Leben und die Leute auf dieser Alp zu drehen. Etwas Aussergewöhnliches. Wir wollten keinen normalen «Alpenfilm» drehen, von denen gibt es schon genug. Aber mit dem Todesfall und dem Eintreffen von Fabianos Partnerin hat sich der Film dann zu etwas völlig anderem entwickelt. Diese neue Rahmenhandlung war – dramaturgisch gesprochen – willkommen. Aber auch schwer einzubauen.

Uns ging es aber nicht darum, eine Reportage über den Todesfall zu machen. Das hat das Fernsehen schon sehr gut erledigt. Vielmehr standen für uns das Leben und der Umgang nach der Tragödie im Mittelpunkt. Wie geht Fabiano damit um? Diese Schuldfrage bildet nun ein zentrales Element des Films.

zentralplus: Was waren die grössten Herausforderungen bei der Produktion?

Gugolz: Die Finanzierung war eine Herausforderung. Wir haben vom Kanton Luzern Geld für den Startschuss bekommen und uns dann mit der jungen Tessiner Produktionsfirma Rough Cat zusammengeschlossen, um Beiträge aus dem Tessin beantragen zu können. Das hat aber bedingt, dass im Film auch Italienisch gesprochen wird. Zum Glück ist Fabiano zweisprachig aufgewachsen.

Caruso: Das war aber auch toll. Koproduktionen zwischen der Deutschschweiz und dem Tessin sind sehr selten. Wir sind froh, dass wir mit Rough Cat einen begeisterten jungen Co-Produzenten gefunden haben.

Gugolz: Ausserdem war die Planung schwierig. Wir mussten den Film an den Wochenenden oder während der Schulferien unserer Kinder drehen. Wir – meine Frau Susanne Schüle fungiert als Kamerafrau – fuhren dann jeweils von unserem Wohnort Berlin ins Tessin und von da zu Fuss mit der ganzen Technik auf die Alp – ein Fussmarsch, für den wir jeweils 2,5 Stunden brauchten. Aber wir hatten wahnsinniges Glück, dass wir während den 25 Drehtagen die entscheidenden Wendepunkte der Geschichte einfangen konnten.

Der Bauer Fabiano beschäftigt mehrere Aussteiger auf der Alp.

zentralplus: Gab es technische Einschränkungen?

Gugolz: Der Handyempfang da oben ist schlecht, deswegen war es auch nicht immer einfach, verlässliche Termine mit Fabiano abzumachen. Bei manchen Fahrten wussten wir nicht, ob wir nun tatsächlich drehen können oder bloss zu einem gemütlichen Wochenendausflug ins Tessin fahren.

Ein nächster Knackpunkt war die Stromversorgung auf der Alp. Zwar gab es einen Generator, aber der stieg während des Drehs komplett aus. Wir haben dann einen neuen Generator mit dem Helikopter einfliegen müssen. Den haben wir Fabiano dann nach den Dreharbeiten auch überlassen – im Tausch gegen zwei Laib Alpkäse.

zentralplus: Wie war die Arbeit für die Beteiligten? Fabiano zum Beispiel?

Gugolz: Zu Beginn machte es ihm nichts aus. Später hatte er immer wieder Mühe, wenn die Erinnerungen wieder hochkamen. Da ist es wichtig, dass man sich gegenseitig vertrauen kann.

Caruso: Wir haben ihm psychologische Begleitung angeboten. Aber das wollte er nicht. Vielleicht muss er die Erlebnisse auch erst richtig verarbeiten.

Gugolz: Beim Dreh selbst wird man Teil der Familie. Wir haben auf der Alp gelebt und haben die Sorgen und Ängste der Bewohner mitbekommen.

Althippie Philippo, der Vater von Fabiano, hat seinem Sohn ein schweres Erbe hinterlassen.

zentralplus: Haben Sie mit den Protagonisten Ihrer Filme auch nach dem Dreh Kontakt?

Gugolz: Nach Möglichkeit schon. Ich versuche ein gutes Verhältnis zu den Leuten zu pflegen, mit denen wir gearbeitet haben. Manchmal telefonieren wir zusammen oder gehen einen Kaffee trinken. Mit den Leuten von «Rue de Blamage» ist das natürlich einfacher als bei «Kühe auf dem Dach» – rein von der Distanz her.

zentralplus: Nach dem Film ist vor dem Film. Was steht als Nächstes an?

Gugolz: Wir arbeiten derzeit an einem Projekt über die Schweizer Mundart.

Caruso: (lacht) Wir versuchen uns an einer Komödie. Für einmal etwas Lustiges.

Im Interview erklärt Regisseur Aldo Gugolz, wie der Film entstanden ist und was die Zuschauer davon erwarten können.
Der Teaser-Trailer zum Film «Kühe auf dem Dach».

Über «Kühe auf dem Dach»

Zwischen Ziegen, Kühen und Alpen wird der 38-jährige Fabiano Vater. Aber die Idylle trügt. Er ist bemüht, den Alpkäse so herzustellen, wie das seine Aussteiger-Eltern in den 70er-Jahren machten. Neben Schulden nagen auch Schuldgefühle an ihm. Im Vorjahr verunfallte ein mazedonischer Schwarzarbeiter tödlich. Seitdem lässt sein Tod den frischgebackenen Vater nicht mehr los.

«Kühe auf dem Dach» vermischt die Themen um die Beschwerlichkeit des bäuerlichen Lebens, Schuldbewusstsein und Aussteigertum zu einem ruhigen Dokumentarfilm vor imposanter Bergkulisse.

Der Film läuft ab Donnerstag, 26. November, in den Schweizer Kinos.

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