Luzerner Beraterin: «Sans-Papiers gehen in der Krise noch mehr vergessen»
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Nicola Neider, Präsidentin des Vereins Sans Papiers und Theologin (links) und Politologin Barbara Hosch. (Bild: ida)

Wie Menschen im Schatten von Corona leiden Luzerner Beraterin: «Sans-Papiers gehen in der Krise noch mehr vergessen»

8 min Lesezeit 09.01.2021, 19:09 Uhr

Sie arbeiteten als Reinigungskraft, als Pflegerin und haben mitten in der Pandemie ihren Job verloren: Menschen ohne gültige Aufenthaltsbewilligung. Aus Angst aufzufliegen lassen sich viele auch bei Coronasymptomen nicht testen, sagt eine Beraterin der Luzerner Beratungsstelle. Diese wurde 2020 regelrecht überrannt.

Man sieht sie kaum, denn sie leben versteckt und dürften aus rechtlicher Sicht gar nicht hier sein: Sans-Papiers.

Auch die Medien berichten nur spärlich darüber, wie es Menschen ohne Aufenthaltsbewilligungen in der Schweiz derzeit geht. Als wir die Kontakt- und Beratungsstelle Sans-Papiers in Luzern besuchen, treffen wir auf Nicola Neider, Präsidentin des Vereins und Theologin sowie auf Barbara Hosch, Politologin und Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit.

Tiefe Sorgenfalten zeichnen die Gesichter der beiden. Jahr für Jahr suchen immer mehr Sans-Papiers ihre Stelle auf – 2020 fiel das besonders auf. Rund ein Drittel mehr Ratsuchende waren es. Es fanden insgesamt 1450 Beratungsgespräche statt. Darunter suchten alleine während der ersten Welle im Frühling 200 Sans-Papiers die Beratungsstelle auf, da sie aufgrund der Coronapandemie ihre Arbeit verloren hatten und ihnen teilweise Obdachlosigkeit drohte.

«Sans-Papiers sind noch mehr am Limit als sonst», sagt Barbara Hosch. «Sie gehen die in der Krise noch mehr vergessen. Dabei sind es Sans-Papiers, die als Erstes durch die Maschen fallen.» Und das bekommt die Beratungsstelle zu spüren. «Besonders alleinstehende Frauen waren in einer verzweifelten Lage, in der oft auch Nötigung und Gewalt im Spiel war, da sie sich schlecht wehren konnten.»

Viele Menschen vor der Obdachlosigkeit gerettet

Sans-Papiers arbeiten oft als Reinigungskraft, in der Gastronomie, in der Landwirtschaft oder in der Pflege und Kinderbetreuung. «Viele Schweizer Mütter könnten wohl gar nicht arbeiten, wenn nicht eine Sans-Papiers ihre Kinder hüten würde», sagt Hosch. Doch in der Pandemie änderte sich vieles. Hosch erzählt von einer asiatischen Haushaltshilfe, die Anfang der ersten Welle ihren Job verlor. Sie konnte die Miete nicht mehr zahlen, der Vermieter habe ihr Hab und Gut in einem Raum gesperrt – als Pfand. «Und das ist nur ein Beispiel von Dutzenden.»

«Gerade während der ersten Welle haben wir viel Präventionsarbeit geleistet und einige vor dem Obdach gerettet.»

Barbara Hosch, Verein Sans-Papiers Luzern

Dank Spenden des Vereins Sans-Papiers konnte die Frau ihre Miete wieder zahlen und landete nicht auf der Strasse. «Gerade während der ersten Welle haben wir viel Präventionsarbeit geleistet und einige vor dem Obdach gerettet.» Für zwei Menschen kam die Hilfe zu spät, sie landeten auf der Strasse, die Beraterinnen mussten sie in die Notschlafstelle schicken.

«Oft kommen die Menschen erst dann zu uns, wenn es mindestens fünf nach zwölf, eher Viertel nach zwölf ist», sagt Nicola Neider. Sprich erst dann, wenn sie bereits alles ausgeschöpft hätten. «Viele hoffen auf ein Wunder. Wir können ihnen dann nur die möglichen Optionen aufzeigen.»

So haben Sans-Papiers derzeit zu kämpfen

Doch wie hadern Sans-Papiers derzeit in Luzern? Hosch schildert mehrere Beispiele.

Ein junger Mann aus Italien wollte sich Papiere in Genf beschaffen. Er sei im Zug wegen Schwarzfahren erwischt worden und kam in Ausschaffungshaft. Weil sie ihn aber nicht nach Italien zurückführen konnten, landete er auf der Strasse – ohne Nothilfe. Denn durch Corona geraten Rückführungen ins Stocken. «Auch Touristen, die mit einer Aufenthaltsbewilligung in die Schweiz einreisten, wurden plötzlich zu Sans-Papiers. Dies, weil die Bewilligung abgelaufen ist und sie nicht zurückreisen konnten.»

Ein anderer Fall: Ein Musiker aus Südamerika hat akute Zahnprobleme, braucht eine Prothese. Er erhielt eine 5000 Franken teure Zahnarztrechnung und wusste nicht, wie er das Geld auftreiben soll.

Eine junge, alleinerziehende Mutter aus Eritrea soll mit ihrem zweijährigen Sohn die Wohnung, die der Kanton angemietet hat, verlassen und in die Notunterkunft. Die Mutter sei psychisch angeschlagen, die Notunterkunft gut gefüllt.

Ein Schweizer brachte die Pflegerin seiner Eltern zur Luzerner Sans-Papier-Stelle, weil er seine Eltern ins Altersheim zügelte und die Pflegerin nicht mehr brauchte. «Er hat die Frau förmlich bei uns abgeladen», sagt Hosch.

«Unsere Gesellschaft ist lernfähig, in der Coronakrise ist man solidarisch mit vielen», erklärt Neider. «Nur für die Sans-Papiers zählt diese Solidarität aus Sicht des Kantons scheinbar nicht.» Erklärungen dazu findet die Theologin, auch wenn sie diese nicht nachvollziehen kann. «Was für viele zählt, ist der illegale Aufenthalt.» Auch wenn man das ganze Jahr über von ihrer Arbeit profitiere, seien Sans-Papiers bei einem Teil der Gesellschaft nicht gerne gesehen.

Sans-Papiers lassen sich nicht testen – aus Angst, aufzufliegen

Unter sogenannt sekundären Sans-Papiers versteht man Menschen, die in der Schweiz geblieben sind, nachdem ihr Asylgesuch abgelehnt oder ihre Bewilligung entzogen wurde. Sie sind den Behörden bekannt – somit sind sie registrierte Sans-Papiers –, und sie haben derzeit Anspruch auf Nothilfe. Bei Coronasymptomen können sie zum Arzt, die Kosten werden im Rahmen der Nothilfe übernommen.

Die primären Sans-Papiers sind Menschen, die meist legal in die Schweiz einreisten, einen Job fanden und hier geblieben sind. Sie sind nicht registriert, den Behörden nicht bekannt. Meistens können sie sich keine Krankenversicherung leisten und werden somit nur in einem Notfall medizinisch betreut. Ansonsten werden sie abgewiesen.

Das bereitet dem Verein Sorgen. «Die unregistrierten Sans-Papiers würden sich nie testen lassen, auch wenn sie Symptome haben. Bei ihnen ist die Angst zu gross, entdeckt zu werden und aufzufliegen», sagt Nicola Neider. Ungewollt würden sie so zur Ausbreitung des Virus beitragen. Deswegen forderte der Verein zu Beginn der Coronapandemie den Regierungsrat auf, dass sich auch diese Menschen anonym auf Corona testen können und die Kosten einer Behandlung ausserhalb eines Notfalls übernommen werden sollen. Die Regierung sah keinen Handlungsbedarf. «Die Antwort der Regierung war für uns sehr bitter», sagt Nicola Neider.

«Der städtische Sozialdirektor rief uns direkt zu Beginn der Pandemie an und erkundigte sich, ob wir Unterstützung brauchen. Vom Kanton würden wir einen solchen Anruf nie erwarten.»

Nicola Neider, Präsidentin Verein Sans-Papiers Luzern

Hält der Kanton an seiner Meinung fest? Auch jetzt, wo der Bund und das eigene Gesundheitsdepartement raten, dass sich möglichst viele Menschen testen lassen sollen? David Dürr, Leiter der Dienststelle Gesundheit und Sport, weist darauf hin, dass Sans-Papiers das Recht auf eine Krankenversicherung haben und er empfiehlt, wann immer möglich davon Gebrauch zu machen. Zeigt die Person Coronasymptome, werden die Kosten bei einer krankenversicherten Person übernommen. «Nicht nur beim Testen, sondern auch beim Impfen ist es gemäss unserem heutigen Wissensstand zwingend, dass man über eine gültige Krankenversicherung verfügt.»

Die Stadt springt in die Bresche, der Kanton schaut zu

Der Verein nimmt die Zusammenarbeit mit Stadt und Kanton unterschiedlich wahr. «Der städtische Sozialdirektor rief uns direkt zu Beginn der Pandemie an und erkundigte sich, ob wir Unterstützung brauchen», sagt Nicola Neider. Und sie fährt fort: «Vom Kanton würden wir einen solchen Anruf nie erwarten.»

Die Stadt unterstützte den Verein zudem mit einem einmaligen Beitrag, vom Kanton kam nichts. Nicola Neider wünscht sich vom Kanton mehr Grosszügigkeit gegenüber den Sans-Papiers, die in besonderer Weise unter der Coronakrise leiden. «Die generelle politische Linie des Kantons ist Repression. Wir hingegen sehen tagtäglich, dass mit Repression alleine nicht alles gelöst werden kann.»

Edith Lang, Leiterin der Dienststelle Soziales und Gesellschaft beim Kanton Luzern, verweist darauf, dass die Gemeinden für die Beratung von Sans-Papiers zuständig sind. «Die persönliche Sozialhilfe und damit auch die Beratung von Sans-Papiers fällt im Kanton Luzern in die Zuständigkeit der Gemeinden. Daraus erklärt sich auch die finanzielle Unterstützung der Stadt Luzern und allenfalls weiteren Gemeinden.» Lang führt aus, dass der Kanton gezielt Massnahmen zur sozialen und beruflichen Integration unterstützt und in den letzten Jahren kontinuierlich in diese Bereiche investiert hat. Wie andere Kantone verfolgt auch Luzern dabei die Strategie «Bildung vor Arbeit vor Sozialhilfe». Im Falle der Sans-Papiers regle das Gesetz den Anspruch auf Nothilfe.

Auch in Bundesbern will man zu Krisenzeiten nicht speziell auf die Probleme der Sans-Papiers eingehen. In einem kürzlich erschienen Bericht hält der Bundesrat fest, dass der geltende Rechtsrahmen für Sans-Papiers angemessen sei und deren Aufenthalte nicht legalisiert werden sollen.

Sans-Papiers-Verein ist enttäuscht

Die Lage ist für den Verein Sans-Papiers unbefriedigend. «Ich bin enttäuscht, gerade von unserem Kanton. Weil die Solidarität, die wir spüren, nicht auf allen Ebenen zum Ausdruck kommt», sagt Barbara Hosch.

«Wir sind nur ein Puffer, wir federn bei uns nur einen Teil der Not ab.»

Nicola Neider

Nicola Neider spricht den toleranteren Umgang mit Sans-Papiers anderer Kantone wie Basel, Bern und Genf an. «Es zeigt ja auch: diese andere Umgehensweise, basierend auf denselben Gesetzen, funktioniert.»

Frustriert sei sie aber nicht. «Dafür sind wir schon viel zu sehr daran gewöhnt.»

Viele Einzelschicksale

Auch wenn es sich bei jedem Menschen, der sich an die Sans-Papiers-Stelle wendet, um ein Einzelschicksal handelt, reihen sie sich aneinander. «Es sind eine Menge Menschen, die leiden», sagt Barbara Hosch.

«Wir sind nur ein Puffer, wir federn bei uns nur einen Teil der Not ab», ergänzt Nicola Neider. «Diese Menschen kommen oftmals freiwillig, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, aber immer auch im Dienste der Familie in ihrer Heimat.» Viele würden sich quasi opfern, um das Überleben der Familie in ihrer Heimat oder eine Ausbildung sichern zu können. «Es ist ein Spiegelbild der Armut in diesen Ländern, von wo die Leute herkommen – das sich aber genau vor unserer Haustür abspielt.»

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