Luzerner Arzt provoziert mit Leistungsabbau für Alte
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Über 90-Jährige sollen keine Prothesen mehr erhalten, fordert der SVP-Kantonsrat und Arzt Beat Meister. (Bild: Fotalia)

Kantonsrat ruft Ethiker und Politik auf den Plan Luzerner Arzt provoziert mit Leistungsabbau für Alte

6 min Lesezeit 2 Kommentare 05.08.2017, 05:01 Uhr

Ab 90 Jahren soll Schluss sein mit Hüftprothesen, künstlichen Augenlinsen und Co. Das fordert der Hochdorfer Kantonsrat Beat Meister – und provoziert damit harsche Reaktionen. Doch nicht nur Politiker reagieren empört, auch ein Experte ist irritiert. Dennoch besteht durchaus Handlungsbedarf.

«Altersdiskriminierung in Luzern: Geiz-Meister will bei den Alten sparen», titelten die Jungsozialisten vergangene Woche empört. Der «Geiz-Meister» ist in den Augen der Juso SVP-Kantonsrat und Arzt Beat Meister. Dieser reichte im Juni einen Vorstoss ein, der provoziert: «Für die Implantation von künstlichen Prothesen wie Augenlinsen, Gelenken, Herzschrittmachern usw. bei über 90­-Jährigen soll der Kanton keine Beiträge mehr leisten», fordert er (zentralplus berichtete).

Der Politiker, der erst seit 2015 im Rat sitzt, thematisiert einen gesellschaftspolitischen Brennpunkt. Die Kosten für das Gesundheitswesen steigen konstant. Rund 71 Milliarden oder 11,1 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP) wurden in der Schweiz laut den aktuellsten Zahlen des Bundes 2014 für die medizinische Versorgung ausgegeben. Das Verhältnis der Gesundheitsausgaben ist damit seit 1995 um 2,3 Prozentpunkte angestiegen.

Damit weist die Schweiz einen der höchsten Werte in Europa auf. Dieser Anstieg äussert sich auch in der wachsenden Prämienlast. Doch ist die Forderung des SVP-Arztes aus Hochdorf ethisch vertretbar und macht sie gesundheitsökonomisch Sinn?

Ethiker: «Willkürlich und undifferenziert»

Settimio Monteverde, Co-Leiter Klinische Ethik am Universitätsspital Zürich, berät mit seiner Kollegin Tanja Krones Behandlungsteams bei ethisch komplexen Entscheidungen: «Die Forderung der Postulanten, eine Gruppe von Menschen einzig aufgrund ihres Alters von wirksamen Behandlungen auszuschliessen, ist diskriminierend.» Ausserdem stehe diese im Widerspruch zum Schweizerischen Krankenversicherungsgesetz (KVG), welches für Leistungen aus der obligatorischen Krankenversicherung die Wirtschaftlichkeit, die Wirksamkeit und die Zweckmässigkeit erfordert, erklärt Monteverde.

Jemandem einzig aufgrund seines Alters eine sinnvolle Behandlung vorzuenthalten, widerlaufe dem Solidargedanken. Natürlich gebe es Situationen, in denen Behandlungen sehr teuer sind und der Nutzen für den Patienten grenzwertig sei. Da brauche es eine kritische Abwägung. Doch dies sei primär keine Frage des Alters, sondern der sorgfältigen Indikationsstellung und guten Kommunikation: Hier gelte es, auf der Grundlage bestmöglichen Wissens mit dem Patienten und der Familie ins Gespräch zu kommen und Erwartungen und Möglichkeiten abzugleichen.  

Settimio Monteverde, Co-Leiter klinische Ethik am Universitätsspital Zürich

Settimio Monteverde, Co-Leiter klinische Ethik am Universitätsspital Zürich

(Bild: zvg)

Monteverde macht ein Beispiel: «Wenn eine hochbetagte Frau dank eines neuen Hüftgelenkes wieder zu Hause selbständig leben kann und nicht auf intensive Pflege und starke Schmerzmittel angewiesen ist, erhöht dieser Eingriff nicht nur die Lebensqualität, sondern spart hohe Kosten der Pflege und Betreuung.» Gerade die Eingriffe, die das Postulat erwähnt, können viel zur Selbständigkeit von hochbetagten Menschen beitragen und sind dadurch mittelfristig vermutlich auch wirtschaftlich. Dazu bräuchte es aber viel mehr Forschung, die diese Zusammenhänge belegt.

Monteverde sieht die Notwendigkeit einer offenen Rationierungsdebatte in der Schweiz, denn die Kostenentwicklung sei für die Gemeinschaft eine zunehmende Belastung. Doch für ihn taugt der Vorstoss wenig: «Über eine medizinische Behandlung alleine aufgrund des Alters zu entscheiden, ist willkürlich und undifferenziert.» Denn gleichzeitig mache es ja wenig Sinn, wenn ein junger, sterbenskranker Patient künstliche Augenlinsen erhält, allein aufgrund der Tatsache, dass er noch jung ist. Es sei deshalb entscheidend, dass jeder Fall differenziert betrachtet werde.  

Keine Maximalmedizin in den Spitälern

Ausserdem würde eine derart starre Gesetzgebung immer auch Fehlanreize schaffen, vermutet Monteverde: «Möglicherweise würden dann plötzlich die Kosten für künstliche Gelenke, Herzschrittmacher oder Augenlinsen bei den 89-Jährigen in die Höhe schiessen.» Für Ethiker Monteverde ist Meisters Forderung ausserdem auch gesellschaftlich äusserst problematisch: «Dieser Vorstoss birgt die Gefahr einer massiven Entsolidarisierung.» Bisher habe in der Schweiz niemand fürchten müssen, dass die Kosten für notwendige und erwiesenermassen wirksame Massnahmen nicht von der Gemeinschaft getragen würden: «Der Vorstoss wäre ein erster Schritt in eine Zwei- oder gar Dreiklassenmedizin.»

«Viele Patienten haben klare Vorstellungen über die Grenzen ihrer Therapie.»

Settimio Monteverde, Co-Leiter klinische Ethik am Universitätsspital Zürich

Für Monteverde handelt es sich bei Prothesen auch nicht – wie von Meister im Vorstoss formuliert – um «Maximalmedizin». Die Massnahmen, die das Postulat aufführt, sind Teil der medizinischen Grundversorgung. Hier von «Maximalmedizin» zu sprechen, sei irreführend. Dennoch sieht der Ethiker auch Probleme im derzeitigen System, welche die Gesundheitskosten steigern. Eine Schwierigkeit sei etwa, dass das System leistungsorientiert sei. Da denke man in anderen Ländern über alternative Modelle nach, die auch den Verzicht auf Leistungen vergüten. «Dadurch steigt das Risiko, dass Eingriffe vorgenommen würden, die nicht zwingend notwendig sind.»

Gespräch mit Patienten wichtig

Zudem sei beispielsweise fraglich, weshalb Ärzte lediglich entschädigt werden, wenn sie Medikamente oder eine Behandlung verschreiben: «Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Eingriffe vorgenommen werden, die gar nicht zwingend notwendig sind. Es gibt deshalb Überlegungen, dass Ärzte auch eine Belohnung erhalten, wenn sie etwas nicht verschreiben.»

«Es fehlen den Ärzten Informationen zur Wirkung von Behandlungen.»

Settimio Monteverde, Co-Leiter klinische Ethik am Universitätsspital Zürich

Falsch wäre aus Sicht Monteverdes eine Art technologischer Imperativ, der gebietet, alles zu machen, was möglich ist. «Oftmals haben Patienten klare Vorstellungen über ihre Therapie, wenn sie in der Klärung ihrer Vorstellungen und Wünsche entsprechend unterstützt werden. Es ist deshalb besonders wichtig, dass das medizinische Personal sich die Zeit nimmt für solche Gespräche.»

Defizite bestünden auch in der Forschung: «Es fehlen oftmals Daten zur ökonomischen Auswirkung von Behandlungen», so Monteverde. Solche Forschung sei schwierig zu finanzieren. Doch wäre sie gerade in Fragen der Grenzen der Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens besonders wichtig.

Ethiker fordert offene Debatte

Monteverde gibt Beat Meister denn auch trotz der scharfen Kritik an seinem Vorstoss in einem Punkt Recht: «Wir müssen in der Schweiz eine offene Debatte darüber führen, was medizinisch alles ermöglicht werden soll.» Diese müsse aber von der Gesellschaft als Ganzes geführt werden und aus einem gesellschaftlichen Konsens entstehen, der alle Beteiligten und potenziell Betroffenen miteinbeziehe. Gerade dies sei aber im Vorstoss nicht zu erkennen. Settimio Monteverde sieht gerade deshalb Forschungsbedarf, damit die Politik Entscheide auf Basis wissenschaftlicher Daten treffen könne.

«Die invasive Spitzenmedizin bei den Höchstbetagten hat einfach etwas Verschwenderisches.»

Beat Meister, SVP-Kantonsrat und Arzt

Ein weiterer wichtiger Faktor sei, dass Gesundheitsfachpersonen im Bereich der Beratungskompetenz noch besser geschult werden: «Problematisch sind Situationen, in denen unverhältnismässig teure Behandlungen aus Verlegenheit gegenüber den Patienten, aus Zeitmangel oder auf Druck der Angehörigen verschrieben werden, obwohl Ärzte und Pflegepersonen der Überzeugung sind, dass der Nutzen grenzwertig ist», so Monteverde. «In diesem Bereich könnten Spitäler Geld sparen.»

Was ist gerechter als die tickende Uhr?

SVP-Politiker Beat Meister sieht weitere Probleme im System: Junge Familien litten unter den Krankenkassenprämien und die Schweiz importierte immer mehr ärztliche und pflegerische Kräfte aus dem Ausland, wo diese Leute sicher auch Lücken hinterlassen: «Die invasive Spitzenmedizin bei den Höchstbetagten hat einfach etwas Verschwenderisches», ärgert sich Meister.

Die kritischen Argumente von Monteverde zu seinem Vorstoss kann Meister nachvollziehen: «Experten finden immer gute praktische und ethische Gründe, um gegen Beschränkungen der therapeutischen Freiheit zu argumentieren.» Die Politik sollte Meisters Ansicht nach aber auch Leitlinien setzen, damit die Anspruchsmentalität nicht in den Himmel wächst. «Alterslimiten sind einfach zu erheben und für alle offensichtlich. Was ist gerechter als die tickende Uhr?» Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bestehe ausserdem bereits mit den Allgemein- und den Privatversicherten, so der SVP-Politiker aus Hochdorf.

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2 Kommentare
  1. Cornelia Mayinger, 08.08.2017, 22:06 Uhr

    71 Mia wurden für die Gesundheitskosten 2014 in der Schweiz ausgegeben. 16,4 Mia beträgt der Reingewinn der zwei Schweizer Pharmariesen 2016. Soviel wie fast 24% der Gesundheitskosten. Ein Zusammenhang wäre wohl aber herbeigeredet… Hauptsache SVP findet wieder eine Bevölkerungsgruppe von Wehrlosen um sie an den Pranger zu führen und von der eigentlichen Frage abzulenken: warum Gesundheit ein so gutes Geschäft ist.

  2. Leo Nauber, 05.08.2017, 16:42 Uhr

    «Wir müssen in der Schweiz eine offene Debatte darüber führen, was medizinisch alles ermöglicht werden soll.»
    Genau das muss geschehen. Nicht irgendwann, ab sofort, breit und tief.
    Altersguillotine ist wohl nicht das Richtige. Aber wo werden Grenzen gesetzt ohne nach Diffamierung zu schmecken?

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