Luzern, wie hast Du’s mit dem Genderstern?
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Sprache soll niemanden ausschliessen, darüber ist man sich einig. Der Weg dahin ist im Deutschen aber holprig. (Bild: Unsplash/The Creative)

Gleichstellung in der Sprache Luzern, wie hast Du’s mit dem Genderstern?

4 min Lesezeit 11 Kommentare 19.04.2021, 17:07 Uhr

Das generische Maskulinum ist am Ende, doch was kommt jetzt? Immer öfter ist der Genderstern zu sehen, all zu beliebt ist er jedoch nicht. Die Stadt Luzern will ihren Sprachleitfaden überarbeiten – wie genau, steht aber noch nicht fest.

Worte haben Gewicht. Das ist unbestritten. In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für – insbesondere gendergerechte – Sprache gewachsen. In Stellenanzeigen trifft man heute kaum mehr auf ein «Abteilungsleiter gesucht», sondern stets auf eine Formulierung, die Frauen genauso anspricht. So weit, so klar. Doch was ist mit Menschen, die sich keinem der beiden Geschlechter zuordnen?

Diese Frage hat die Debatte vorangetrieben und kontroverser gemacht – Stichwort: Genderstern. Mit dieser Form würde es im Inserat heissen: «Abteilungsleiter*in gesucht».

Nicht viel zu sehen, aber immer öfter

Obwohl oft kontrovers diskutiert, hat sich der Genderstern in den letzten Jahren mehr Platz verschafft. In Deutschland setzt beispielsweise das ZDF auf den Genderstern, auch einige Städte und Universitäten praktizieren diese Form der gendergerechten Sprache. In der Schweiz gibt es ebenfalls einzelne Universitäten und Hochschulen, die ihn empfehlen.

Im Kanton Zug haben kürzlich zwei Gemeinden je ein Stelleninserat mit dem Genderstern publiziert. Ansonsten sieht man ihn in der Kommunikation der Behörden aber nur selten. In Luzern gibt es bloss einzelne Institutionen oder Organisationen, die den Genderstern verwenden. Beispielsweise das Kompetenzzentrum Migration Fabia, der Verein Netzwerk Neubad oder das Treibhaus.

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Die Universität und die Hochschule nutzen hingegen meist neutrale Formulierungen wie «Studierende». Ebenso die Behörden bei Kanton und Gemeinden, die in der Regel die männliche und die weibliche Bezeichnung verwenden. Das mag damit zusammenhängen, dass die Umsetzung sehr umstritten ist. Oft fallen Begriffe wie «Sprachterror» und «Gender-Unfug». Doch was ist die Alternative? Eine sprachlich ideale Lösung im Deutschen fehlt.

In einer Umfrage des «Tages-Anzeigers», an der laut eigenen Angaben über 18’000 Personen mitmachten, kam der Genderstern kürzlich sehr schlecht weg. Der Rechtschreibrat – die massgebliche Instanz im deutschsprachigen Raum für Fragen der Orthografie – äusserte sich im März ebenfalls zurückhaltend: Der Genderstern wird nicht ins Regelwerk der Rechtschreibung aufgenommen, aber weiterhin beobachtet.

Kanton Luzern ergänzt Sprachleitfaden

Im Kanton Luzern schreibt ein Leitfaden die geschlechtergerechte Sprache vor. «Die Formulierungen sind so zu wählen, dass niemand aufgrund des Geschlechts diskriminiert wird», sagt Informationschef Andreas Töns. «Sei es, indem ausdrücklich die männliche und die weibliche Form genannt werden, sei es, indem geschlechtsneutrale Bezeichnungen verwendet werden.»

Beim Genderstern pflege der Kanton eine «pragmatische Haltung»: Einzelne Organisationseinheiten, bei denen «eine besondere Gender-Sensibilität besteht», können sie anwenden. Die Ergänzung des Sprachleitfadens, der diese Handhabung konkretisiere, sei in Erarbeitung.

«Sprechen wir von Stadträten, sehen viele nur Männer vor sich. Reden wir von Stadträtinnen, haben alle nur Franziska Bitzi und Manuela Jost im Kopf.»

Michèle Bucher, Luzerner Stadtschreiberin

Die Stadt Luzern verzichtet bislang auf den Genderstern. Sie kommuniziert mit neutralen Begriffen oder erwähnt beide Geschlechter. Gemäss einer Weisung, die letztes Jahr im Personalmagazin publiziert wurde, entspreche der Genderstern nicht den Prinzipien der Verständlichkeit, Eindeutigkeit, Vorlesbarkeit, korrekter Grammatik und der Rechtssicherheit. «Dies einfach auf die gesamte städtische Kommunikation zu übertragen macht die Vielfalt der städtischen Bevölkerung absichtlich unsichtbar und ist nicht mehr zeitgemäss», kritisieren die SP-Politikerinnen Maria Pilotto und Tamara Celato.

Die beiden stören sich zudem daran, dass die Stadt auf einen über zehnjährigen Sprachleitfaden zurückgreift, um die aktuelle Praxis zu begründen. In einem Postulat fordern sie eine «inklusive» Kommunikation der Behörden (zentralplus berichtete).

Grundsatzentscheid steht noch aus

«Die Diskussion ist wichtig», sagt Stadtschreiberin Michèle Bucher. Das betont auch der Stadtrat in seiner Stellungnahme zum Postulat, das er entgegennehmen will. Ein explizites Bekenntnis zum Genderstern sucht man in seiner Antwort aber vergeblich. «Es ist noch kein Grundsatzentscheid gefallen», erklärt Bucher. Man sei offen für verschiedene Möglichkeiten.

Denn der Genderstern habe auch Nachteile, beispielsweise was die Maschinenlesbarkeit betrifft. Unter anderem deshalb setzt SRF in den sozialen Medien seit kurzem auf den Gender-Doppelpunkt (Abteilungsleiter:in).

Auch SRF gendert in den Social Media seit kurzem mit dem Doppelpunkt:

Ob die Stadt Luzern diesen Weg geht oder einen anderen, will sie zuerst vertieft analysieren. Im gleichen Rahmen soll der Sprachleitfaden überarbeitet werden. Dabei geht es ganz grundsätzlich um die Frage, was eine zeitgemässe Kommunikation – auch in Bezug auf Menschen mit Behinderungen und anderen Muttersprachen – beinhaltet und wie sie in der Stadtverwaltung umgesetzt werden kann. Für diese Abklärungen veranschlagt die Stadt Kosten von rund 20’000 Franken. Das Stadtparlament entscheidet und diskutiert nächste Woche über das Thema.

Warten auf Empfehlungen aus Bern

Was die gendergerechte Sprache betrifft, wartet die Stadt Luzern auch ab, was in Bundesbern geschieht. Die Bundeskanzlei wird demnächst eine neue Empfehlung publizieren, an der sich die Stadt Luzern orientieren will.

Klar ist laut der Luzerner Stadtschreiberin: «Unsere Erfahrung zeigt: Mitmeinen funktioniert nicht. Sprechen wir von Stadträten, sehen viele nur Männer vor sich. Reden wir von Stadträtinnen, haben alle nur Franziska Bitzi und Manuela Jost im Kopf.» Dass der Trend in diese Richtung geht, zeigt auch die Tatsache, dass der Duden das generische Maskulinum kürzlich abgeschafft hat.

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11 Kommentare
  1. Fränzi, 20.04.2021, 10:15 Uhr

    Also ich finde das gendern wichtig. «Wie wir sprechen, so denken wir.» Und es ist defintiv an der Zeit umzudenken!

    1. Peter Bitterli, 20.04.2021, 16:25 Uhr

      „Wie wir sprechen, so denken wir.“ Der Satz ist zweifelsohne in vielfacher Hinsicht richtig und übrigens auch umkehrbar. Und genau deswegen liegen Sprechverbote und -gebote nicht drin, denn unsere Verfassung garantiert uns ja Gedankenfreiheit. Redefreiheit übrigens auch.

  2. Peter Bitterli, 19.04.2021, 22:09 Uhr

    Gendern ist dumm, hässlich, zerstört das Sprachgefühl und ist last but not least totalitär. Ausserdem geht es am Ziel vorbei.
    Dumm ist es grundsätzlich, weil es das grammatikalische mit dem biologischen Geschlecht gleichsetzt bzw. verwechselt. Dumm ist es in Einzelfällen, weil immer wieder Hirnlosigkeiten in der Art von „liebe Masken und Maskerinnen“ (Fasnachtsanrede) gebraucht werden, also feminine oder gar neutrale Substantive noch einmal gegendert werden. „Maske“ ist weiblich. „Die Mitgliedin“ ist das berühmte Beispiel auf der Basis eines Neutrums. Siehe dazu auch Sprachgefühl.
    Über die Hässlichkeit sämtlicher in Anwendung befindlicher Varianten kann wohl kein grosser Dissens bestehen.
    Gegen jegliches Sprachgefühl geht etwa das beliebte „Beamtin“. „Der/die Beamte“, sind Kurzformen für „der/die Beamtete“, also Partizipien. Ausgerechnet Partizipien werden aber immer wieder von den Genderern als vorbildlich hingestellt: die Lernenden, die Geflüchteten. Hat man kein Sprachgefühl mehr, fällt auch nicht auf, dass es nach der Regel von „Beamtin“ dann auch „die Geflüchtetin“ heissen müsste.
    Das Totalitäre findet sich darin, dass den Menschen ihre Sprache gestohlen und ihnen eine andere aufoktruiert werden soll. So war das auch mit dem deutschen „Schlauchapfel“ für „Banane“. So ist es mit dem „Neusprech“ in der bekanntesten literarischen Distopie. Gerne wird an dieser Stelle mit der sich wandelnden Sprache argumentiert. Sprache wandelt sich aber im Gebrauch von unten nach oben, nicht durch Diktat von oben nach unten.
    Die „euphemistische Tretmühle“ besagt, dass Wörter, die an Stelle von früheren, jetzt tabuisierten in Gebrauch kommen, nach sehr kurzer Zeit ihrerseits wieder tabuisiert und ersetzt werden, weil ja das schiere Faktum, das durch den Ersatz der Hülse geleugnet werden soll, immer noch besteht. Einmal rumgedreht, erscheint am Ende unter Umständen das ursprüngliche Wort wieder als das untabuisierte und alle zwischenzeitlichen sind böse geworden. Dass es Weiblein und Männlein gibt, wird durch das Gendern nicht aus der Welt geschafft. Wieso soll es auch?
    So, und Gendern verunmöglicht Literatur, Witz, kraftvolle Rede, Sprache als Kulturleistung. Es ist antizivilisatorisch.

    1. Otto Fiasko, 20.04.2021, 07:52 Uhr

      Danke Herr Bitterli für Ihren erhellenden Beitrag.

      Ich meinerseits bekomme mittlerweile Wallungen wenn mir diese aufdoktrinierte Schreibweise vor die Augen kommt.
      Es ist nicht für mich nicht nachvollziehbar, warum einer undefinierten Mikro-Minderheit dieser sprachlich kaputte Teppich ausgerollt wird.

    2. Sandra Klein, 20.04.2021, 07:54 Uhr

      Wohl das erste Mal, bei dem ich Herrn Bitterli voll und ganz zustimmen kann.

    3. Hugo Ball, 20.04.2021, 09:41 Uhr

      Bitterli, ich danke Ihnen für Ihre weisen Äusserungen und prägnanten und wichtigen Darstellungen der Faktenlage. Sie sind eine Gallionsfigur im Widerstand gegen diese kulturmarxistischen Herrschaftstechniken und Totalitarismen durch die Hinter- oder Falltür. Meine allerbesten, hochachtungsvollen Grüsse sind Ihnen gewiss.

      Wer mehr Infos zum Thema ausfindig machen möchte, der recherchiere in dieser Angelegenheit doch mal bei Jacques Derrida, der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno und M. Horkheimer, John Money oder Alfred Kinsey (Aber Vorsicht, die menschenverachtenden Experimente von Money und Kinsey könnten durchaus eine Schockwirkung erzeugen) u.v.m. Marx zu studieren kann natürlich auch nicht schaden, um zu begreifen, was hier Unglaubliches vor sich geht. Im Sinne der Demokratie ist dies alles jedenfalls dezidiert nicht.

  3. Rahel Müller, 19.04.2021, 18:38 Uhr

    Ich persönlich mag den Gender-Doppelpunkt sehr. Nach einer kurzen Umgewöhnungsphase fällt es mir leicht, diesen zu benutzen. Ich glaube, die ewig-meckernden verschwenden viel mehr Energie damit, sich aufzuregen, als der Umstieg sie kosten würde.

  4. Mek, 19.04.2021, 18:02 Uhr

    Schreibt doch Alles in der weiblichen Form, das ist mir als Mann komplett egal. Diese Diskussion um unsere Schriftsprache ist komplett belanglos.

    1. Paul Bründler, 19.04.2021, 19:44 Uhr

      @Mek: Da bin ich auch dabei. Wenn dann dieses Theater um «Gender» und diese unsägliche, spaltende Identitätspolitik endlich aufhören würde, könnte man mich meinetwegen auch «Frau» nennen.
      Ich bin dafür, dass Politik und Medien sich wieder um richtige Probleme kümmern und aufhören, die Menschen zu verblöden.

  5. Lucommenter, 19.04.2021, 17:37 Uhr

    Einigen Beamt:innen scheint langweilig zu sein. Weniger wäre mehr.

    1. Rene3, 20.04.2021, 11:15 Uhr

      Genau. Zuerst kontrolliert man die Sprache, danach die Gedanken.

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