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«Luzern ist wie ein Disneyland für Erwachsene»
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Die junge Schauspielerin Juliane Lang machte Luzern für ein paar Jahre zu ihrem Zuhause. Nun zieht es sie weiter. (Bild: zvg)

Juliane Lang verlässt das Luzerner Theater «Luzern ist wie ein Disneyland für Erwachsene»

5 min Lesezeit 27.05.2015, 09:37 Uhr

Luzern als Station eines Nomadenlebens: Die 27-jährige Schauspielerin Juliane Lang verlässt das Ensemble des Luzener Theaters nach vier Jahren in Richtung Trier. Sie hat zentral+ erzählt, was sie an Luzern vermissen wird, was überhaupt nicht und was wir alle hier gebrauchen könnten.

Juliane Lang kommt gerade vom Schwimmen im See. Bei der Wassertemperatur würden wohl so einige harte Kerle den grossen Zeh schnell wieder herausziehen. Aber Lang nützt noch jeden Moment am und im Vierwaldstättersee. Denn die Schauspielerin geniesst ihre letzten Wochen in der Lebensabschnitts-Heimat Luzern. Hier fand sie nach der Ausbildung in Berlin ihr erstes festes Engagement an einem Theater. Das war 2011. Sie hat die Stadt schnell zu ihrem Zuhause gemacht und wird nun mit einem lachenden und einem weinenden Auge weiterziehen.

Wir sitzen auf der Dachterrasse des Luzerner Theaters. Wäsche hängt zum Trocknen an der Sonne, ein paar Mitarbeiter des Hauses verbringen hier gerade ihre Pause. Schon bald ist Langs Zeit in Luzern abgelaufen. «Wir sind Nomaden, ein bisschen wie Schausteller, einfach etwas länger an jedem Ort», sagt Lang. Und ein Wechsel habe immer beides: Vorfreude auf den neuen Ort und die Wehmut, den alten Ort zu verlassen. «Denn ich habe Luzern sehr lieb gewonnen.»

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Die Schauspielerin hat sich in Luzern schnell einen Namen gemacht. Ob in Hauptrollen wie als Antigone oder Johanna, ob im Ensemble: ihre Darstellungen wurden von Kritikern hoch gelobt.

Konflikte tun gut

Allen Vorurteilen zum Trotz habe sie sich in Luzern als Deutsche nie diskriminiert oder angegriffen gefühlt. «Klar, Idioten gibt es überall, aber ich fühlte mich hier sehr gut aufgenommen.» Vor allem in ihrer WG, in welcher sie ein grosses Gemeinschaftsgefühl, aber auch sehr viel Freiheit erlebt habe. «Ein Ort wird ja erst liebens- und lebenswert, wenn du Menschen hast, mit welchen du darin gemeinsam lebst.»

«Solange ich Hummeln im Hintern habe, werde ich nicht bleiben können.»

Doch weshalb wurde es eigentlich Luzern? «Ich hatte einfach Lust auf die Schweiz. Darauf, eine andere Kultur kennenzulernen.» Das Haus sei zwar klein, decke aber ein breites Spektrum ab, sei sehr vielseitig und das Ensemble sei toll. «Ich sage das nicht bloss aus Höflichkeit. Der Zusammenhalt und die gemeinsame Arbeit im Luzerner Theater sind toll. Ich kann mir nur wünschen, in Zukunft wieder in solchen Ensembles zu arbeiten.» Sie habe hier auch viel gelernt. «Vor allem offen zu sein, dass es sich lohnt, Problemen auf den Grund zu gehen und dass Auseinandersetzungen und Konflikte gut tun, wenn sie inhaltlicher Natur sind.»

Harte Konkurrenz?

Von Neidkultur oder harter Konkurrenz, wie man es aus dem Business oft hört, kann sie nicht berichten. «Ich glaube, dieses Bild täuscht. Ich hatte nie das Gefühl, dass wir es nötig hätten, uns gegenseitig die Butter vom Brot zu nehmen.» Doch eine andere Kultur wünschte sich sich manchmal mehr. «Wir sollten die konstruktive Streitkultur besser pflegen.»

Besonders gefallen haben Lang am Luzerner Theater die Förderung von jungen Autoren im Rahmen der Hausautorenschaft und der Umgang mit neuen Texten. Das habe sie auch selbst zu mehr Auseinandersetzung mit Literatur und dazu inspiriert, selbst im kleinen Rahmen Lyrik zu machen. Dies zum Beispiel in Form von Schnipselgedichten, gemeinsam mit der ehemaligen Hausautorin des Luzerner Theaters, Martina Clavadetscher.

Ein Schnipselgedicht von Juliane Lang.

Ein Schnipselgedicht von Juliane Lang.

In Luzern laufe kulturell allgemein sehr viel: «Es existiert viel Eigeninititative, junge Leute, die ihre Projekte und Ideen verwirklichen. Aber es braucht natürlich auch die Leute, die hingehen», spricht Lang ein bekanntes Problem der Kulturszene an. «So viele Möglichkeiten und eine grosse Auswahl zu haben, ist toll. Aber es  ist ein zweischneidiges Schwert. Denn diese vielen Möglichkeiten führen auch zu einer Sattheit.» Das sei eine Schwierigkeit am angenehmen, reich gefüllten Leben hier.

«Luzern ist manchmal schon zu perfekt: ein Disneyland für Erwachsene», sagt Lang. Erst mit der Zeit blicke man hinter die Fassaden und entdecke auch die Probleme und Abgründe.

Während der Zeit in Luzern habe sie vor allem durch einen ihrer Mitbewohner und die Teilhabe am Leben der Stadt einen Einblick in die Politik erhalten. «Ich habe mehr Lust auf Demokratie bekommen – als Ausländerin kann ich das sagen», scherzt sie mit einem kleinen Sticheln zur tiefen Wahlbeteiligung an der letzten Regierungsratswahl.

Vieles zum Vermissen

«Ich werde die Gelassenheit vermissen, aber nicht die Langsamkeit. Die Landschaft, den See und die Menschen, die mir nahe gekommen sind oder denen ich nah kam, aber nicht die Touristenmassen und die Busstaus», sagt Lang.

Juliane Lang

Lang studierte an der Hochschule für Schauspielkunst «Ernst Busch» in Berlin. Während des Studiums spielte sie unter anderem am Südthüringischen Staatstheater, wo sie 2004 den Preis als beste Darstellerin im Rahmen der Theatertage erhielt. Sie wirkte auch an zahlreichen Theaterproduktionen in Berlin mit. Mit «Der kleine Bruder» erhielt sie gemeinsam mit dem Ensemble den Förderpreis des Theatertreffens deutschsprachiger Schauspielstudierender 2010.

Darüber hinaus wirkte sie in diversen Kurzfilm- und Hörspielproduktionen mit. In den Spielzeiten 2011/12 bis 2014/15 gehört Juliane Lang fest zum Schauspielensemble des Luzerner Theaters.

Doch auch wenn es ihr an einem Ort gut gefällt, sesshaft werden ist für die 27-Jährige noch kein Thema: «Das wäre mir zu bequem, zu einfach, mich schon festzulegen, dann fehlt es an mentalem Druck – ein Luxusproblem», amüsiert sie sich. «Solange ich Hummeln im Hintern habe, werde ich nicht bleiben können.» Aber garantieren wolle sie auch das nicht. «Ich muss jetzt erstmal hier Abschied nehmen und dann in Trier ankommen.» Alles Weitere sei sowieso kaum planbar.

«Es ist wieder ein kompletter Neustart. Das ganze Team wird frisch sein.» Eine grosse Veränderung, wie bald auch am Luzerner Theater, steht also in Trier an. Neben Lang wird auch der Dramaturg Ulf Frötzschner vom Luzerner Theater nach Trier wechseln. Er wird dort die Leitung der Sparte Schauspiel übernehmen.

Gespannt auf die Entwicklung

Was war denn eigentlich ihre Lieblingsrolle während des Engagements in Luzern? «Das ist fies», lacht Lang. «Es hört sich jetzt kitschig an, aber ich versuche immer die aktuelle Rolle zu meiner Lieblingsrolle zu machen.» Grundsätzlich sei es jedoch schon so, dass Hauptrollen natürlich richtig reinhauen würden, gibt die junge Schauspielerin zu. «Doch am Schluss sind es auch immer einzelne Momente, Bilder oder Rückmeldungen, weshalb man eine Produktion mehr oder besser in Erinnerung behält. ‹Maria Stuart›, ‹Der grosse Krieg›, ‹Antigone› oder ‹Idioten› fallen mir dabei spontan ein.»

Sie werde aber sicher auch wieder vorbeischauen. «Ich bin sehr gespannt, was am Theater passieren wird und was das neue Team daraus macht.» Ausserdem wolle sie selbstverständlich auch ihre Freunde wiedersehen. «Wenn es passt, dann halten Freundschaften auch trotz der Distanz.»

«Ich komme wieder, um hier meine paar Euros auszugeben», sagt Lang und lacht.

 

Ein paar Einblicke in Juliane Langs Zeit am Luzerner Theater finden Sie in der Slideshow:

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