Luzern hat viele Parkplätze? Der TCS widerspricht
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Die Parkplätze in der Stadt Zug werden an Sonn- und Feiertagen wieder gratis. (Bild: jal)

Neuer Park-Bericht der Stadt kurbelt Diskussion an Luzern hat viele Parkplätze? Der TCS widerspricht

7 min Lesezeit 04.07.2017, 08:57 Uhr

Strassencafé statt stehende Autos: Ein neuer Bericht empfiehlt, Parkplätze in Luzern anders zu nutzen. Denn die Stadt habe vergleichsweise viele Strassenparkplätze. TCS-Präsident Peter Schilliger relativiert die Zahlen – und sagt, was in seinen Augen gemacht werden müsste.

90 bis 100 Fussballfelder – so gross wäre die Fläche, wenn man alle Parkplätze der Stadt aufrechnen würde. Das sagte Adrian Borgula, Stadtrat (Grüne), diesen Montagmorgen bei der Präsentation des neuen Fachberichts Parkierung. Auf 80 Seiten hat ein Zürcher Planungsbüro im Auftrag der Stadt die Parkplatz-Situation in Luzern analysiert, besonders im Stadtzentrum.

Der Bericht kommt zum Schluss: An Parkplätzen fehlt es der Stadt nicht. So habe Luzern etwa deutlich mehr Strassenparkplätze als die ähnlich grossen Städte St. Gallen und Winterthur (zentralplus berichtete). Nur würden die Parkplätze nicht optimal genutzt. Deshalb bringen die Autoren mehrere Vorschläge ins Spiel (siehe Box am Textende).

Stimmt, aber …

Luzern hat überdurchschnittlich viele Parkplätze? Bei der lokalen TCS-Sektion Waldstätte hinterfragt man diese Aussage. «Man blendet aus, dass das ganze Gebiet von Littau einen wesentlichen Teil davon ausmacht», sagt Präsident und FDP-Nationalrat Peter Schilliger. «Man vergleicht also Äpfel mit Birnen, wenn man nun sagt, Luzern habe viel mehr Parkplätze als St. Gallen und Winterthur.» Tatsächlich schreiben auch die Autoren des Berichts, dass für einen Vergleich der Kernzonen die Daten fehlen. Oder anders gesagt: Ob Luzern im Zentrum ebenso gut dasteht wie über das ganze Stadtgebiet hinweg, bleibt offen.

Trotz der Kritik: Dass die Stadt eine Analyse in Auftrag gegeben hat, begrüsst TCS-Präsident Peter Schilliger grundsätzlich sehr. «Der Fachbericht ist sehr wertvoll.»

Inhaltlich zieht er jedoch andere Schlüsse. So ortet Schilliger das grösste Problem darin, dass im Zentrum viele Strassenparkplätze von Anwohnern genutzt werden, die eine Dauerparkkarte haben. Laut dem Bericht sind im Hirschmatt- und Bruchquartier zwischen 60 und 80 Prozent der Parkplätze auf diese Weise belegt. Dass die Nachfrage nach Parkkarten gross ist, zeigen die Verkaufszahlen: 2015 sind rund 12’500 Stück verkauft worden – doppelt so viele wie 2006. Und das, obwohl sie mit 60 Franken pro Monat und 600 Franken pro Jahr deutlich teurer sind als in anderen Städten – was Luzern 2009 den Rüffel des Preisüberwachers einbrachte. Trotzdem sind die städtischen Parkkarten halt immer noch günstiger als ein Privatparkplatz, der monatlich schnell mal mit 200 Franken zu Buche schlägt.

Eine Stichprobe zeigt, wie stark die Strassenparkplätze im Zentrum genutzt werden:

 

 

«Genau diese Parkplätze fehlen dann für das Gewerbe und die Kunden», bemängelt Schilliger und skizziert auch schon eine Lösung. «Entweder haben wir zu wenig Parkplätze oder zu viele Anwohnerparkkarten. Die Stadt kann also im Zentrum weniger Parkkarten ausgeben – oder den privaten Hausbesitzern erlauben, wieder mehr Parkplätze zu erstellen.» Das Problem ist in seinen Augen nämlich hausgemacht: Indem die Stadt Bauherren verbiete, mehr als die vorgeschriebene Zahl Parkplätze zu bauen, verlagere sie die Autos der Anwohner vom Privatbereich auf die Strasse.

Genug private Plätze?

Doch in diesem Punkt widerspricht man vonseiten der Stadt. «Es gibt nicht zu viele Dauerparkkarten und wir wollen diese auch nicht beschränken», sagt Roland Koch, Bereichsleiter Mobilität bei der Stadt. Und auch an privaten Parkplätzen fehlt es nicht, wie Stadtrat Adrian Borgula mit Verweis auf die Studie sagt. Denn diese zeigt: Mit fast 50’000 privaten Parkplätzen ist Luzern eigentlich gut versorgt. Und das nicht nur am Stadtrand.

Im Hirschmattquartier beispielsweise gibt es 2’000 private Parkplätze – und nur 1’700 Anwohner und Gewerbetreibende mit Autos. «Wir haben eigentlich genügend private Parkplätze für Anwohnende und die ansässigen Gewerbebetriebe im Quartier», sagt Borgula. «Nur wissen wir heute zu wenig genau, wofür die eigentlich verwendet werden.» In der Baubewilligung wird zwar jeweils festgelegt, wie viele Parkplätze für welchen Zweck genehmigt werden – doch kontrolliert wird das nicht. «Wir werden prüfen, ob wir für die Zukunft ein Monitoring aufbauen wollen», sagt Koch.

Stadtrat Adrian Borgula (links), TCS-Präsident Peter Schilliger (Mitte) und Roland Koch, Leiter Mobilität bei der Stadt Luzern. (Bilder: zentralplus)

Stadtrat Adrian Borgula (links), TCS-Präsident Peter Schilliger (Mitte) und Roland Koch, Leiter Mobilität bei der Stadt Luzern. (Bilder: zentralplus)

Schilliger würde es begrüssen, wenn die Stadt private Parkplätze öffentlich zugänglich machen würde. Auch der Fachbericht erwähnt die Möglichkeit des sogenannten Parkplatz-Sharings. Dass die Stadt hingegen Bauherren ermöglicht, künftig mehr Parkplätze zu erstellen, wie Schilliger fordert, dürfte eher unwahrscheinlich sein.

Politische Debatte wird erst geführt

So oder so: Welche der Vorschläge letztlich umgesetzt werden, ist noch völlig offen. Der Bericht soll die Basis für die politische Diskussion bilden und diese versachlichen. «Der Stadtrat findet die Empfehlungen interessant, wird aber erst noch schauen, welche Schlüsse er daraus zieht», sagt Adrian Borgula. 

Klar ist aber: In eine ganz andere Richtung dürfte es kaum gehen. Denn die Stossrichtung der Empfehlungen entspricht in vielem der bisherigen stadträtlichen Verkehrspolitik. Etwa, was die Aufwertung des öffentlichen Raums betrifft. Die Studie empfiehlt, teilweise Strassenparkplätze aufzuheben und mehr Velo- und Carsharing-Parkplätze zu schaffen. Zudem soll die maximale Parkdauer auf eine Stunde begrenzt werden. Mehr Kurzparkplätze also – und im Gegenzug diejenigen Autofahrer, die länger als eine Stunde parkieren, in die Parkhäuser locken. «Wenn man das forciert, profitiert das lokale Gewerbe, weil die Parkplätze auf der Strasse nicht von Dauerparkierern blockiert werden», sagt Roland Koch.

 

So stellen sich das die Planer vor: Statt Parkplätze auch mal ein Café, Velos oder ein Mobility-Auto.

So stellen sich das die Planer vor: Statt Parkplätze auch mal ein Café, Velos oder ein Mobility-Auto.

(Bild: zvg)

Adrian Borgula nennt den Mühlenplatz als Vorbild – die Neugestaltung sei da nur möglich gewesen, weil man das Altstadt-Parking aufgestockt und die Parkplätze dorthin verlagert habe. «Das ist ein sehr erfolgreiches Modell», sagt Borgula, «und heute möchte wohl niemand die Aufwertung des Mühlenplatzes wieder rückgängig machen.»

Gegen diese Pläne wehrt sich auch der TCS nicht grundsätzlich, wie Schilliger sagt. «Das geht aber nur, wenn die Stadt bereit ist, an anderen Orten Parkraum zu schaffen, beispielsweise durch ein neues Parkhaus oder im Rahmen privater Bauprojekte.» Denn was eine Umlagerung in Parkhäuser angeht, ist Schilliger eher skeptisch. «Die Auslastung der Parkhäuser ist sehr gut – da gibt es nicht mehr so viele freie Plätze.»

Gemäss dem Fachbericht sind die zentralen Parkhäuser am Samstag sehr gut besucht, unter der Woche bestünden aber noch Reserven. Für Roland Koch ist daher klar: «Die Parkhäuser sind zwar gut ausgelastet, aber es gibt immer noch viele freie Plätze.»

Die Fakten liegen nun zwar auf dem Tisch – einig ist man sich deshalb aber noch lange nicht.

Das empfiehlt der Fachbericht

Das Zürcher Planungsbüro Suter/von Känel/Wild AG hat auf 80 Seiten die Parkplatz-Situation in Luzern analysiert – und gibt am Ende Empfehlungen ab:

  • So sollen in der Neustadt und im Bruchquartier Parkplätze umgenutzt werden. Anstelle der Autoparkplätze soll Platz für Velos, Fussgänger, Motorradabstellplätze und Carsharing-Angebote geschaffen werden.
  • Tagsüber sollen Dauerparkkarten nicht mehr überall und immer gültig sein, damit die Parkplätze für potenzielle Kunden nicht von Anwohnern blockiert werden. Auch die Option, Parkkarten nur noch jenen zu vergeben, die nachweislich keinen privaten Parkplatz mieten können, wird ins Spiel gebracht.
  • Die maximale Parkdauer soll auf eine Stunde begrenzt werden. Bei Autofahrern, die länger parkieren, sei die Akzeptanz für ein Parkhaus laut Erhebung hoch.
  • Höhere Preise: Damit das Parkieren auf der Strasse nicht günstiger ist als im Parkhaus, schlägt der Bericht einen Stundentarif von zirka 3 Franken vor.
  • Zentrale Parkhäuser sollen mittels gestaffelten Tarifen auf jene ausgerichtet werden, die maximal 4 Stunden bleiben. Wer länger parkieren will, soll ein Parkhaus weiter entfernt suchen. Sprich: Im Zentrum würde ein Parkhaus nach 3 oder 4 Stunden einen teureren Ansatz verrechnen. Auch günstigere Tarife am Vormittag, wo die Parkhäuser weniger ausgelastet sind, sind eine Option.
  • Das Parkplatzreglement soll überarbeitet werden.
  • Eine Pilotstudie soll Anreize schaffen für Pendler und Anwohner, auf das Velo und den öffentlichen Verkehr umzusteigen.
  • Bei Um- und Neubauten sollen autoarme Nutzungen gefördert werden.

Das Grundkonzept wird in den kommenden Monaten vervollständigt und 2017 oder 2018 dem Parlament vorgelegt. Ab 2018 sollen dann die einzelnen Themen in detaillierten Teilkonzepten erarbeitet und die ersten Massnahmen umgesetzt werden.

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