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«Luzern hat schon immer sehr zurückhaltend Objekte unter Schutz gestellt»
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Die erhaltenswerte Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB) wird nächsten Dienstag wieder eröffnet. Hier eine Aufnahme vor der Restaurierung. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Denkmalpflegerin sieht Nachholbedarf «Luzern hat schon immer sehr zurückhaltend Objekte unter Schutz gestellt»

6 min Lesezeit 08.12.2019, 16:21 Uhr

In der Zentralschweiz gehört die Denkmalpflege zu den jüngeren Disziplinen. Doch engagierte Menschen wie Cony Grünenfelder sind mit Hochdruck daran, zu erhalten, was Sinn macht. Das Beispiel der Zentral- und Hochschulbibliothek zeigt ihrer Meinung nach auf, wie viel es braucht, um ein Objekt unter Schutz zu stellen.

Es ging um die Rettung der «alten» Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB) beim Vögeligärtli in Luzern. Mit grosser Mehrheit – 75,66 Prozent – haben die Stadtluzerner Ende September 2014 Ja gesagt zu einer Initiative der Grünen, welche den Erhalt des ZHB-Gebäudes verlangte. Der Kantonsrat hatte zuvor beschlossen, dieses markante Haus im Herzen der Stadt abzureissen und durch einen Neubau zu ersetzen. Die anschliessende Gesamtrenovation ist nun beendet und die ZHB kann ihre Türen am 10. Dezember wieder öffnen.

Cony Grünenfelder (56), seit 2010 Leiterin der Kantonalen Denkmalpflege und früher schon in der Stadt Luzern mit dem Ressort Denkmalpflege und Kulturgüterschutz betraut, freut sich über diesen Erfolg. Das Beispiel ZHB zeigt ihrer Meinung nach exemplarisch auf, wie komplex der Weg sein kann, ein Objekt unter Denkmalschutz zu stellen. «Der Kanton Luzern hat schon immer vergleichsweise sehr zurückhaltend Objekte unter Schutz gestellt», sagt sie.

In der Praxis habe er sich erst dann eingeschaltet, wenn entweder bauliche Massnahmen bevorstanden oder ein Objekt bereits gefährdet war. Die Folge: Zuweilen kam die Unterstützung zu spät – wenn die Würfel schon gefallen waren.

Zurückhaltende Praxis

Zusammen mit der Tatsache, dass der Kanton Luzern viel später als andere Kantone ein flächendeckendes Bauinventar geschaffen hat, führte diese denkmalpflegerische Zurückhaltung dazu, dass es derzeit gemäss einer Erhebung des Bundesamts für Statistik nur gerade 960 Objekte auf Kantonsgebiet sind, die als Baudenkmäler geschützt sind.

Im Vergleich zu den landesweit über 75’000 unter Schutz stehenden Objekten liegt der Kanton Luzern damit deutlich im Rückstand. Und auch die anderen Zentralschweizer Kantone sind diesbezüglich auf den hinteren Rängen zu finden.

Cony Grünenfelder, Leiterin der Kantonalen Denkmalpflege Luzern. (Bild: Jutta Vogel)

Die Denkmalpflegerin will die zurückhaltende Praxis ihrer Behörde nicht beschönigen und weist darauf hin, dass die flächendeckende Inventarisierung der Baudenkmäler erst seit dem Jahre 2010 im Gange sei. Das kantonale Bauinventar, so die diplomierte Architektin, sichte den gesamten Baubestand, prüfe die bauhistorische Bedeutung und mache so die Eigentümerschaft und die Bevölkerung aufmerksam «auf die Schätze unserer reichhaltigen Baukultur».

Im Kanton Bern zum Beispiel seien die Objekte bereits seit über 25 Jahren umfassend inventarisiert und klassifiziert. Erst wenn der Kanton ein vollständiges Bauinventar zur Hand habe, könne man rechtzeitig erkennen, welches die schützenswerten Objekte sind.

Hohe Hürde bei schutzwürdigen Denkmäler

Für eine Unterschutzstellung ist eine ganze Palette von Kriterien massgebend: Einerseits ist es der historische Wert, andererseits werden baukünstlerische Kriterien sowie die Lagequalität auf die Waagschale gelegt. Cony Grünenfelder ergänzt: «Allerdings kann auch etwas unter Schutz gestellt werden, das aus bauhistorischer Sicht eher unbedeutend ist, aber aus historischer Bedeutung sehr wichtig.»

Besonders schutzwürdige Denkmäler werden ins kantonale Denkmalverzeichnis eingetragen und dürfen nicht abgebrochen oder zerstört werden. Sie sind so zu erhalten, dass ihr Bestand in Zukunft gesichert ist. Für bauliche Veränderungen ist die Zustimmung der Denkmalpflege notwendig, und an die Kosten der Erhaltung und Restaurierung werden finanzielle Beiträge ausgerichtet, wenn sie die ordentlichen Unterhaltskosten übersteigen.

Junge Denkmäler im Fokus

2018 habe die Kantonale Denkmalpflege besonders auf die «jungen Denkmäler» aufmerksam gemacht. Junge Denkmäler? Für Cony Grünenfelder sind es jene, die in der Nachkriegszeit entstanden sind und deren architektonische Qualitäten für die breite Öffentlichkeit oft erst auf den zweiten Blick erkenntlich sind. Sie spricht von der «Liebe auf den zweiten Blick». Just diese Denkmäler stünden heute unter grossem Druck. Weil ihnen oft die breite Akzeptanz in der Bevölkerung fehle. 

Im laufenden Jahr wurden mehrere prägende Bauzeugen des 20. Jahrhunderts in der Stadt Luzern mit Begleitung der Denkmalpflege restauriert, umgebaut oder erweitert. So zum Beispiel die Landungsbrücke 1 oder das Kirchgemeindehaus Lukas. Und natürlich die erwähnte Zentral- und Hochschulbibliothek.

Die Landungsbrücke 1, erbaut 1935, gehört zu den architektonisch wertvollsten Schiffstationen an Schweizer Gewässern und ist schweizweit die einzige Landungsbrücke mit einer Halle aus den 1930er-Jahren. Die Lukaskirche, etwa zur gleichen Zeit erstellt, gehört zu den Zeugen der frühen Moderne in Luzern.

Zu den besonders wertvollen Baudenkmäler gehören zudem die folgenden Bauten:

Widersprechende Interessen

Cony Grünenfelder weiss, dass Denkmalpflege viel mit Kommunikation und mit Überzeugungsarbeit zu tun hat. Denn einerseits sei es bei den meisten Objekten so, dass es neben denkmalpflegerischen Aspekten auch ökonomische und politische Interessen gebe, die sich zuweilen zuwiderlaufen.

Nachholbedarf beim Denkmalschutz

In der Schweiz gibt es rund 272’000 historische Bauten und Anlagen, darunter Schlösser, Kirchen, Monumente oder Brücken. Gut 75’000 gehören zu den geschützten Baudenkmälern, wovon 2700 von nationaler Bedeutung sind. Das zeigt die Denkmalstatistik des Bundes (Stand Ende 2016).

Der Kanton Luzern schützt im landesweiten Vergleich seine Baudenkmäler sehr zurückhaltend. Die 960 im Kanton Luzern geschützten Objekte machen nur knapp 1 Prozent des schweizweiten Totals aus – etwa gleich viel wie in Appenzell Ausserrhoden. Zum Vergleich: In den Kantonen Bern und Freiburg sind es je um die 8000 Objekte.

Interessant ist zudem, dass im Kanton Luzern nur gerade 151 Baudenkmäler mit nationaler Bedeutung unter Schutz stehen. Immerhin liegt der Anteil der Sakralbauten hier mit 39 Prozent weit über dem landesweiten Durchschnitt von 10 Prozent.

Auch die anderen Zentralschweizer Kantone figurieren in der Erhebung des Bundes auf den hinteren Rängen: Zug bringt es auf 566 geschützte Baudenkmäler, 33 davon mit nationaler Bedeutung. Im Kanton Schwyz sind es 629 bzw. 61 Objekte. Danach folgen Obwalden (483/26) und Nidwalden (209/17). In Uri fehlen die Angaben.

Aus diesem Grunde verfügt die Kantonale Denkmalpflege über ein Budget, um Subventionsbeiträge zu sprechen für Massnahmen, die über den ordentlichen Unterhalt hinausgehen. Die Eigentümer «sollen ein Stück weit entlastet werden für Leistungen, die sie erbringen, indem ein Denkmal erhalten bleiben kann, das im Interesse der gesamten Öffentlichkeit liegt».

Weniger Geld für Denkmalschutz

Das Problem: Durch die strikten Sparanstrengungen der letzten Jahre stehen Grünenfelder und ihrem Team derzeit nur gut 2 Millionen Franken jährlich zur Verfügung, um Eigentümer finanziell zu unterstützen. Vor Jahren sei dies noch mehr als das Doppelte gewesen. Was das für die Arbeit der Denkmalpflege bedeutet, liegt auf der Hand: «Unsere Akzeptanz ist natürlich grösser, wenn wir massgebliche Beiträge sprechen können.»

Derzeit begleitet Cony Grünenfelder die Generalrevision des Dampfschiffs «Stadt Luzern», das seit 2018 unter Schutz steht. Es ist nach der «Unterwalden» bereits das zweite Dampfschiff, bei dem die Denkmalpflege eine Generalrevision fachlich begleitet. Und wie die anderen vier aktiven Vierwaldstättersee-Raddampfer ist es als Kulturgut von nationaler Bedeutung im Bundesinventar verzeichnet.

Als schwimmendes Denkmal soll die «Stadt Luzern» mit dem Frühlingsfahrplan 2021 wieder den Fahrbetrieb aufnehmen. Die Dampferfreunde dürfen sich schon heute freuen.

Autor: Robert Bösiger.

Dieser Artikel ist zuerst im Magazin «Echt» erschienen.

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