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«Luzern galt lange Zeit als hässliche Stadt»
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Gibt es das «echte Alte» überhaupt? Blick auf die Luzerner Altstadt von der Spreuerbrücke.   (Bild: jwy)

Mit Historiker Valentin Groebner durchs Retroland «Luzern galt lange Zeit als hässliche Stadt»

9 min Lesezeit 13.01.2019, 05:03 Uhr

Die Türme der Kirche, das Holz der Brücke, die Freske in der Altstadt: In Luzern ist vieles nicht «echt», und oft viel neuer, als man denkt. Über unsere Sehnsucht nach dem Authentischen hat der Luzerner Historiker Valentin Groebner ein Buch geschrieben. Ein Spaziergang durch falsches und richtiges Altes in Luzern.

Nein, früher war nicht alles besser, im Gegenteil. Und was ist überhaupt dieses «Früher»? Wer mit Valentin Groebner eine halbe Stunde durch die Luzerner Altstadt spaziert, erhält einen nüchternen Blick auf das Historische und vermeintlich Authentische, das jährlich Millionen von Touristen in Luzern besichtigen.

Die idyllische Altstadt, die Geranien und die Jesuitenkirche mit den vermeintlich barocken Zwiebeltürmen: Groebner will aufzeigen, dass es kein einheitliches Früher gibt, keine heile alte Welt. Ausser im Tourismus, diesem «Versprechen, in die eigentlich verschwundene Vergangenheit zurückkehren zu können». Darüber hat der in Luzern lebende und forschende Historiker in seinem neuen Buch «Retroland» geschrieben (siehe Box).

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Als Wiener seit 10 Jahren in Luzern

Die Luzerner Altstadt als «grosse Rückkopplungsschleife ins 19., 16. und 15. Jahrhundert» – der Tourismus als «Zeitwiederbeschaffungsmaschine»: Das meint Groebner nicht etwa spöttisch. Sein Buch ist eine Spurensuche zwischen wissenschaftlicher Recherche und persönlichen Erlebnissen. Es ist dicht an Informationen und mit Wortwitz geschrieben.

Weil der Wiener seit fast zehn Jahren in der Touristenstadt lebt, kommt Luzern im Buch häufig vor. 80 Mal wird die Stadt erwähnt, wie ein Redaktor der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» gezählt hat.

Das wollten wir uns genauer anschauen, also begaben wir uns mit Valentin Groebner auf einen Stadtspaziergang ins «Retroland» an der Reuss.

Jesuitenkirche–Spreuerbrücke: Der Wunsch nach dem «richtigen» Alten

Jahrhundertelang füllte der im 14. Jahrhundert erbaute Freienhof die Lücke zwischen Luzerner Theater und Jesuitenkirche – bis er 1949 abgerissen wurde. Eine Lücke, die vielleicht durch einen Theater-Neubau wieder gefüllt wird. «In Luzern kann man sehr schön zeigen, dass das, was in einer Altstadt das Alte ausmacht, normalerweise nicht alt ist», sagt Groebner, während wir der Reuss entlanggehen. Er blickt auf die 1677 fertiggestellte Jesuitenkirche. Ihre Zwiebeltürme stammen allerdings aus den 1890er-Jahren. «Luzern sah zu wenig alt aus, also musste man das Stadtbild barocker machen.»

«Eine Altstadt muss man ununterbrochen neu machen.»

Auf der anderen Flussseite echtes Barock, das Rathaus aus dem 17. Jahrhundert. Am Ende des 19. Jahrhunderts galt es als Schandfleck, so Groebner. «Die Bausubstanz war in schlechtem Zustand, es wäre fast in die Reuss gerutscht.» Also sollte es 1899 abgerissen und neu gebaut werden – «aber so, dass es richtig alt ausschaut und doppelt so hoch».

Ein kontroverses Stück Stadtgeschichte auch beim Balthasar-Haus in der Kramgasse, besser bekannt als Schild-Gebäude. Trotz heftiger Proteste wurde das Haus aus dem 17. Jahrhundert in den 1960ern abgerissen und neu gebaut: Heute erinnern nur noch Teile der Fassade an das Original. «Bei der Eröffnung 1971 wurde mit dem Slogan geworben: Besuchen Sie das älteste Modehaus der Schweiz», sagt Groebner. Denn am besten verdaulich ist Vergangenheit als Remake (zentralplus berichtete).

Wo heute «Schild» eingemietet ist, wird künftig ein französisches Unternehmen zu Hause sein.

Das Balthasar-Haus in der Luzerner Kramgasse, wo heute noch der «Schild» eingemietet ist.

(Bild: les)

«Weil das alte Alte nicht alt genug war, braucht es eben neues Altes.» Geschichte im Rohzustand sei immer ein wenig unangenehm, weil sie in vertraute Klischees meist nicht passt – sie erinnert sozusagen an das Falsche. Das schönste Beispiel dafür sei die Spreuerbrücke. Im Gegensatz zur 1993 abgebrannten und wieder aufgebauten Kapellbrücke ist sie noch «original». Doch auch hier: «Auf der einen Seite ist es eine Brücke aus dem 15. Jahrhundert, aber mit lauter Holzteilen aus dem 21. Jahrhundert – sonst wäre sie gar nicht mehr da.»

Damit die Brücke heute als pittoreskes historisches Monument wirken kann, musste ausserdem ziemlich viel Vergangenes direkt links und rechts verschwinden. Wo heute Reusswehr und Kraftwerk zu sehen sind, stand bis 1932 ein dreistöckiges industrielles Gewerbegebäude. Auf der anderen Flussseite befand sich bis 1971 der sogenannte «Mississippi-Dampfer», eine öffentliche Badeanstalt. In den Wirtschaftswunderjahren war die freilich das «falsche Alte» und wurde abgerissen.

«Eine Altstadt muss man ununterbrochen neu machen. Aber gleichzeitig muss man ihr Gemachtsein zum Verschwinden bringen», sagt Groebner. Ein Satz, der sich setzen muss.

Mühlenplatz–Rössligasse–Hirschenplatz: Altstadt aus den 60ern

Wir sind auf dem Mühlenplatz angekommen, weiter geht’s die Rössligasse hinauf. Luzern, das auf seine Renaissance-Altstadt so stolz sei, stamme zum allergrössten Teil aus den 1960er- und 70er-Jahren. «Aber komischerweise ist auf diese Jahre niemand stolz», wundert sich Groebner. «Man kann sich schon fragen: Wie viel wollen die Luzerner im Jahr 2018 eigentlich von der Geschichte der eigenen Stadt wissen?»

Groebners «Retroland»

Valentin Groebner, geboren 1962 in Wien, lehrt als Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. Seit 2017 ist er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Das Buch «Retroland. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen» ist beim Verlag S. Fischer erschienen. Frankfurt am Main 2018. 219 Seiten, ca. 32 Franken.

Im 19. Jahrhundert war es ohne weiteres möglich, kitschig historistisch dekorierte Gebäude mitten in die Altstadt zu stellen. «Gemessen daran ist das 20. Jahrhundert schüchtern und sentimental. Mit den eigenen Sehnsüchten an die Stadt von früher wird ganz anders umgegangen, sehr viel defensiver», so Groebner.

Ist das alte und ursprüngliche Luzern also ein Mythos? Es gebe nicht das konservierte Luzern einer bestimmten Zeit. «Luzern galt lange als hässliche Stadt, schön wurde es eigentlich erst in dem Moment, als es zu verschwinden begann», sagt Groebner.

Im Buch findet man dazu viele Beispiele. Schopenhauer urteilte wenig schmeichelhaft über Luzern als «kleines, schlecht gebautes, menschenleeres Städtchen». Mark Twain fand zwei Generationen später, die Stadt bestehe hauptsächlich aus Andenkenläden, und der ehemalige Stadtarchivar, erzählt Groebner lachend, habe 1882 düster geschrieben: «Das alte Luzern geht unter.»

Haus am Hirschenplatz: Im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Gebäude mit solchen Fresken geschmückt.

Haus am Hirschenplatz: Im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Gebäude mit solchen Fresken geschmückt.

(Bild: jwy)

Nächster Halt Hirschenplatz mit den schönen Fassadenmalereien. In den 1880er-Jahren wurden zahlreiche Gebäude mit solchen Fresken geschmückt. «Vielleicht Phantomschmerz wegen der Zerstörung der Luzerner Holbein-Fresken zwei Generationen früher? Jedenfalls kamen sie als vervielfältigte Kopien wieder», sagt Groebner.

Er deutet auf das Gebäude am Hirschenplatz 7, dessen Fassade stolze Ritter schmücken. «Gemalt zum 400-Jahr-Jubiläum der Schlacht von Dornach», sagt Groebner. «Die tapferen Eidgenossen, die 1499 die Schwaben und Österreicher in Dornach besiegt haben, haben natürlich völlig anders ausgesehen. Aber ohne Ritter geht Mittelalter eben nicht, ein wunderbares Stück Theaterdekoration.»

«Die traditionelle Altstadt hat es natürlich nie gegeben, sondern immer nur Mischungen, Repliken, Remakes.»

Ist das jetzt nicht spöttisch gemeint? «Nein, das ist das echte Alte von 1899», sagt er und lacht. Das ungeordnete Nebeneinander von unterschiedlichen Zeitschichten würde gewöhnlich als irritierend empfunden. «Vergangenheit ist immer etwas, das nachträglich in Ordnung gebracht wird», sagt er.

Was wäre denn schlimm an einem Nebeneinander? «Wenn wir auf Städte schauen würden wie auf einen Stapel unterschiedlich alter Papiere, dann würde es sehr viel interessanter», findet Groebner. Komischerweise könne der touristische, sentimentale Blick mit dieser Gemischtheit schlecht umgehen. «Aber gewöhnlich wird das so beschrieben, als gäbe es eine Tradition, die rein und unvermischt bis zu uns reiche. Nur hat es die traditionelle Altstadt natürlich nie gegeben, sondern immer nur Mischungen, Repliken, Remakes.»

Historiker Valentin Groebner: «Vergangenheit ist immer etwas, das nachträglich in Ordnung gebracht wird.»

Historiker Valentin Groebner: «Vergangenheit ist immer etwas, das nachträglich in Ordnung gebracht wird.»

(Bild: zvg/Franca Pedrazzetti)

Kornmarkt–Kapellgasse–Kapellplatz: Warenhäuser als Schandfleck

Lässt sich der «sentimentale Blick» also besser touristisch vermarkten? «Wie überall in der Schweiz und in Deutschland wurden in den 60er- und 70er-Jahren die grossen Warenhäuser in die Altstadt gebaut», sagt Groebner. Und kaum war der Bahnhof 1971 abgebrannt, hat man den in eine grosse Shopping-Mall umgebaut.» Das ehemalige ABM- und später C&A-Haus auf dem Kapellplatz ist in den letzten Wochen abgerissen worden. «Es galt gerade noch nicht als schützenswert», sagt Groebner.

Anders sah es mit den Vorgängergebäuden aus: Hier stand im 16. Jahrhundert das Hertensteinhaus, von Hans Holbein bemalt «mit den ältesten Renaissance-Fresken nördlich der Alpen», wie Groebner im Buch festhält. Trotz Protesten von Historikern und Gebildeten wurde es 1825 abgerissen. Die Reste der Fresken werden heute im Kunstmuseum aufbewahrt.

Neu errichtet wurde ein Bankgebäude, das zu Beginn der 1960er wiederum abgerissen und durch das Warenhaus ersetzt wurde. «Das technische Wunderwerk von 1962 hat sich in einen Schandfleck verwandelt», sagt Groebner. Nun entstehen bis Ende 2019 neue Geschäfte und moderne Wohnungen.

«Es galt gerade noch nicht als schützenswert»: Das Haus von 1962 am Kapellplatz wurde abgerissen.

«Es galt gerade noch nicht als schützenswert»: Das Haus von 1962 am Kapellplatz wurde abgerissen.

(Bild: jwy)

Seebrücke–Quai: Gefährdete Grand Hotels

Auch viele der prunkvollen Grand Hotels am Reuss- und Seeufer haben es nur mit Glück in die Gegenwart geschafft. Am Beginn des 20. Jahrhundert galten sie für viele Zeitgenossen als überdimensioniert, kalt, protzig und hässlich. «Der Schweizer Heimatschutz wurde 1905 unter anderem dafür gegründet, um den Bau solcher neuer grosser Hotels zu verhindern und bestehende abzureissen. Das ist ihm zum grossen Teil gelungen.» In und um Luzern sei die Hälfte der Grand Hotels heute verschwunden, so Groebner.

Zum Beispiel das «Hotel du Lac» neben der Hauptpost, ein Prunkstück dieses Architekturtyps mit spektakulärer Jugendstil-Kuppel und einem historistischen Lichthof. 1947 sei es unter ungeklärten Umständen abgebrannt. «An dieses Stück Altstadt kann – oder will – sich heute niemand mehr erinnern.»

«Geranien haben an der Südspitze von Afrika geblüht, nirgendwo sonst.»

Intensiver Tourismus sei letztlich ein konservativer Faktor, meint er: «Man könnte das auch Selbstmusealisierung nennen. Weil 5,5 Millionen Leute pro Jahr nach Luzern kommen, glaubt man, immer dem Blick der Touristen entsprechen zu müssen.» Das Ergebnis sei ein selbstgemachtes Veränderungsverbot.

Tourismus ist wohl auch der Grund, warum in Luzern bis heute die Verkehrspolitik der 60er-Jahre verfolgt werde, obwohl die Topografie dafür definitiv ungeeignet sei. «Unregulierter Autoverkehr auf der Seebrücke ist die heilige Kuh schlechthin.»

Beruht der Tourismus also auf einer magisch stillgestellten Zeit? «In dem Moment, in dem China die Luxussteuer abschafft, kommt vermutlich niemand mehr nach Luzern, um hier Uhren einzukaufen», sagt Groebner. So nostalgisch die Fremdenverkehrsindustrie sich gibt, nachhaltig war die Branche nie. Auch nicht in der vermeintlich guten alten Zeit. Der gewaltige Tourismus-Boom nach 1880 war im August 1914 von einer Woche auf die nächste vorbei. «Niemand konnte sich damals vorstellen, dass das einfach aufhört. Aber so war es», sagt Groebner.

Kapellbrücke: Und die falschen Geranien

In der Berufung auf die Vergangenheit steckt nicht zuletzt Angst – Angst vor Veränderungen: «Das ist wohl ein verbreiteter Wunsch», sagt Groebner, «nämlich sich in einer geträumten Welt von früher wohnlich einzurichten.» Wir stehen vor der Kapellbrücke, dem touristischen Aushängeschild Luzerns.

Im Sommer zieren Geranien die Brücke, im Winter wirkt sie spröder, fast kahl. «So ist sie dem Original aus dem 14. Jahrhundert aber viel näher», sagt Groebner. «Denn damals haben Geranien nur an der Südspitze von Afrika geblüht, nirgendwo sonst.» Eine Blume mit Migrationshintergrund, die erst im 19. Jahrhundert in Mode kam – und deswegen untrennbar verbunden ist mit unserer heutigen Vorstellung einer idyllischen Altstadt.

Geranien an der Kapellbrücke: Eine Blume mit Migrationshintergrund, die erst im 19. Jahrhundert in Mode kam.

Geranien an der Kapellbrücke: Eine Blume mit Migrationshintergrund, die erst im 19. Jahrhundert in Mode kam.

(Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Und wie ist es, als Historiker in Luzern zu leben? «Unkompliziert», sagt er. Für ihn liegen die Stärken der Stadt im Alltag. Der See, die nahen Berge, die Schnelligkeit, mit der man sich zu Fuss und mit dem Velo bewegen könne, machen Luzern einfach zu einem sehr angenehmen Ort.

Im Gegensatz zu früher: «In den 1860er-Jahren durch Luzern zu spazieren, war kein Vergnügen», sagt Valentin Groebner. Gestunken habe es – in den engen Gassen am Wasser besonders schlimm. Und mit dieser Feststellung lässt er uns in der Altstadt zurück.

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