Luzern – das Jazz-Mekka der Schweiz
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Rea Hunziker (links) und Alessandra Murer proben gemeinsam in ihrer Wohnung in Kriens. (Bild: rob)

Studentenleben an der Jazzschule Luzern – das Jazz-Mekka der Schweiz

6 min Lesezeit 19.05.2015, 12:46 Uhr

Zürich, Basel und Bern übertrumpfen das kleine Luzern in vielen Belangen. Nicht aber, wenn es um Jazz geht: Aus der ganzen Schweiz kommen junge Musiker, um an der grössten Schweizer Jazzschule in Luzern zu studieren. zentral+ besuchte eine Jazz-WG mit zwei Sängerinnen, die in Luzern eine neue Heimat gefunden haben – und vom grossen Erfolg träumen.

Berühmt-berüchtigt sind die alljährlichen Abschlusskonzerte in der Jazzkantine Luzern. Wer spannende, neue Klänge hören will, wer musikalische Experimente liebt und erfrischende Improvisationen sucht, wird sich den einen oder anderen Abend im Keller an der Grabenstrasse nicht entgehen lassen. Rund 30 junge Studenten und Studentinnen werden in den nächsten Tagen ihre Abschlusskonzerte präsentieren. Im Publikum sitzt die «Jazz-Polizei», eine Jury, die jeden Ton aufs Genaueste mitverfolgt und bewertet. Die Nervosität ist deshalb gross, das Lampenfieber spürbar. Umso interessanter ist es für die Zuhörer.

Die grössten Talente in Luzern

Wer in der Schweiz Jazz, elektronische oder improvisierte Musik studieren will, der geht nach Luzern. Seit Jahrzehnten ist sowohl die grösste wie auch innovativste Schule in der Innerschweiz stationiert – und stellt zumindest von den Ausmassen her Zürich, Bern, Basel locker in den Schatten. Ambitionierte Talente, die es auch international zu etwas bringen wollen, pilgern allesamt in die Leuchtenstadt.

Das haben auch Alessandra Murer und Rea Hunziker getan. Sie wohnen zusammen in einer «Jazz-WG» in Kriens und stehen kurz vor dem Abschluss der Ausbildung. Ihre Wohnung ist klein, die Einrichtung bescheiden. In der Stube hat es ein Elektro-Piano, ebenso im Zimmer von Alessandra, wo zudem noch ein Laptop und ein Effektgerät herumstehen. Auch Notenbücher sind in fast allen Räumen anzutreffen. Eine Musiker-Wohngemeinschaft halt.

Üben bis in die späte Nacht hinein

«Bei uns gibt es keinen Alltag, keinen Rhythmus und keine Routine», beschreibt die 30-jährige Alessandra ihr Leben. Manchmal hat die Sängerin bereits um 9 Uhr erste Kurse, dann wieder erst am Nachmittag. Geübt wird, wenn Zeit vorhanden ist: Manchmal am Morgen, manchmal bis spät in die Nacht hinein. «Unser Tagesrhythmus ist eher nach hinten verschoben», sagt Rea Hunziker und lächelt. Manchmal, wenn man bis ein Uhr im Proberaum war, stehe man nicht schon wieder früh morgens auf, sagt die 25-jährige Sängerin.

Beide Frauen stammen nicht aus Luzern – Alessandra kommt aus Beckenried, Rea aus dem aargauischen Baden. Was gefällt ihr an der Jazzschule Luzern? Eigentlich wäre Zürich ja viel näher gelegen. «Die grosse Institution ist super, man lernt viele Leute kennen und hat die Möglichkeit, mit vielen verschiedenen Musikern zusammenzuspielen. Man kann sich die Leute aussuchen, das ist sehr spannend.»

Keine Zeit zum Kochen

Der Alltag der beiden jungen Frauen ist abwechslungsreich. «Wir sind mega viel unterwegs», sagt Alessandra. Zeit, um in Ruhe zu zweit zu kochen, gebe es selten. «Wir trinken dafür oft spät am Abend einen Kaffee und tauschen uns aus.»

Das «Jazzer-Leben» in Luzern gefällt den beiden Studentinnen. In Zürich sei zwar mehr los, finden beide. «Aber Luzern ist am Kommen», sagt Rea. Es gäbe vermehrt Jam-Sessions, etwa im Treibhaus, in der Gewerbehalle, in der Kulturbrauerei oder in der Bar59. Alessandra nickt. «Vieles hat hier einen Self-Made-Touch. Aber das ist sympathisch.» Viele Studenten und Ehemalige kreieren eine Szene, die Luzern sehr belebt.

Brasil Jazz und Elektro-Pop

Beide Frauen haben neben diversen Projekten an der Jazzschule ihre eigene Band, quasi ihr ureigenes «Baby». Alessandras Combo heisst «Coco-Galaxy» und bewegt sich stilistisch im Elektro-Pop-Bereich. «Aber ich singe auch klassische Jazzstandards, vor allem für Auftragsauftritte.» Reas Leidenschaft ist der brasilianische Jazz, ihre Band heisst «Rea Som». Selbstverständlich singe sie alle Stücke auf portugiesisch, betont sie. Auch sie tritt zwischendurch mit traditionellen Jazzstücken auf.

Dass man mit der Musik nicht reich wird, wissen beide nur zu gut. Deshalb unterrichten sie auch noch als Gesangslehrerinnen und arbeiten zudem einen Tag im Service. «Freie Tage, an denen wir gar nichts machen, gibt es nicht», sagt Rea. Das Studium, gelegentliche Konzerte, fleissiges Üben und der Broterwerb: Alles zusammen füllt die Woche der beiden Frauen ziemlich gut aus. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht, denn Geld für ausgiebige Shopping-Nachmittage ist sowieso keins da. Alessandra: «Wir kommen mit 2’000, maximal 2’500 Franken pro Monat aus.» Rea betont aber, dass das kein Problem ist: «Es geht uns nicht schlecht, wir haben alles, was wir brauchen.»

«Viele Studenten gehen nach dem Studium wieder fort von Luzern. Wer jedoch dem Charme dieser Stadt erliegt, will hier nicht mehr weg.»

Alessandra Murer, Gesangsstudentin

Brotlose Kunst?

Nun kommt das Diplomkonzert, an dem beide Sängerinnen sich von ihrer besten musikalischen Seite zeigen wollen. «Ich habe eine Band, mit der ich Eigenkompositionen im Soul-Jazz-Elektro-Bereich vortrage. Dafür arbeite ich zur Zeit viel am Computer und probiere neue Sounds aus», sagt Alessandra. Die Nervosität ist bei beiden natürlich gross. «Aber es ist eine positive Nervosität», versichert Rea.

Und nachher? Von was lebt eine Jazzsängerin? Da machen sich die zwei keine Illusionen: Von der Jazzmusik kann man in der Schweiz kaum leben. «Wir werden unterrichten und daneben unsere musikalischen Projekte verfolgen», sagt Alessandra. Sie wird Luzern auch nach dem Studium treu bleiben, Rea weiss noch nicht, wohin es sie verschlagen wird. «Viele Studenten gehen nach dem Studium wieder weg von Luzern.» Für den einen oder anderen biete die Stadt zu wenig. «Wer jedoch dem Charme dieser Stadt erliegt», beteuert Alessandra, «will hier nicht mehr weg.»

Seit 43 Jahren die grösste Schule der Schweiz

Vor 43 Jahren wurde die Jazzschule Luzern gegründet – bis heute ist sie die grösste Jazzschule der Schweiz und heisst unterdessen etwas umständlich «Institut für Jazz- und Volksmusik der Hochschule Luzern – Musik». Total studieren rund 120 Studenten und Studentinnen diese Fachrichtung.

Die Ausbildung funktioniert nach dem Bologna-Modell: Drei Jahre bis zum Bachelor, weitere zwei Jahre bis der Master erreicht ist. Vom 23. Mai bis zum 22. Juni finden die Masterkonzerte in der Jazzkantine Luzern statt (www.hslu.ch/masterkonzerte). «Pro Jahr schliessen zwischen 20 und 30 Studenten ihr Studium ab», sagt Hämi Hämmerli, Leiter des Instituts für Jazz- und Volksmusik.

Hämi Hämmerli ist selber Kontrabassist und tritt als Jazzmusiker regelmässig in verschiedenen Formationen auf. Seit 20 Jahren leitet er die Jazzschule Luzern. Geplant ist, dass die ganze Hochschule Luzern – Musik 2019 in einem Neubau neben dem Südpol einziehen wird. «Die spezielle Ambiance in der Jazzkantine in der Altstadt wird dann verloren gehen, was eigentlich schade ist», sagt Hämmerli. Andererseits begrüsst er es, dass die ganze musikalische Hochschulwelt an einem Standort vereint sein wird.

Dass ausgerechnet Luzern das «Mekka des Jazz» in der Schweiz ist, hat seine guten Gründe, weiss Hämi Hämmerli. «Damals gab es nur die Jazzschule Bern, die auf traditionellen Bebop ausgerichtet war. Die Idee in Luzern war es, dazu einen Kontrapunkt zu setzen.» So entstand rund um den Luzerner Gitarristen Christy Doran eine innovative, progressive Schule, die bis heute offen auf neue musikalische Einflüsse eingestellt ist. Und die trotz boomender Jazzschulen in Basel, Zürich, Lausanne, etc. ihre Vormachtstellung behaupten konnte. Dies auch darum, weil namhafte internationale Jazzvirtuosen seit Jahren in Luzern unterrichten.

Die überregionale Ausstrahlung zeigt sich auch bei den Studierenden: Nur gerade ein Viertel stammt aus der Zentralschweiz, die übrigen kommen aus anderen Regionen der Schweiz und aus dem Ausland. Auch einige bekannte Musiker haben ihre Lehrjahre in Luzern verbracht, so etwa Adi Stern, Lea Lu, Sarah Büchi oder Julian Sartorius (Ex-Schlagzeuger von Sophie Hunger).

Die Jazzschule hat eine kulturelle und gesellschaftliche Ausstrahlung auf die ganze Region. «Die Institution hat sicher eine Bedeutung für Luzern, die nicht zu unterschätzen ist», sagt Hämmerli. So finden zum Beispiel in der Jazzkantine jedes Jahr 80 bis 90 Konzerte statt. «Zudem haben wir diverse Kooperationen mit verschiedenen kulturellen Veranstaltern, etwa mit dem Luzerner Jazzclub, mit den Stanser Musiktagen, dem Luzerner Theater, dem Jazzfestival Willisau und partiell auch mit dem KKL», so Hämmerli.

Insgesamt sind 541 Studierende an der Hochschule Luzern – Musik eingeschrieben. Es gibt das Institut für Klassik und Kirchenmusik, für Musikpädagogik, für Jazz und Volksmusik sowie das Institut für Neue Musik, Komposition und Theorie. 

 

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