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Lost In The Dark – oder Nachtwandern auf den Pilatus
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Sonnenaufgang auf dem Pilatus: Blick auf den Vierwaldstättersee (Bild: Luca Wolf).

Repo: Was man alles für einen Sonnenaufgang tut Lost In The Dark – oder Nachtwandern auf den Pilatus

8 min Lesezeit 1 Kommentar 09.10.2016, 05:00 Uhr

Wenn man vom Pilatus aus den Sonnenaufgang sehen will, kann man entweder oben übernachten – oder mitten in der Nacht rauflaufen. Unser Autor lief. Und schwitzte, und verlief sich, und traf auf sonderbare Tiere und ängstliche Menschen. Aber am Schluss wurde er für die Mühen belohnt. Und wie!

Der Dani hats schon getan, der Stefan auch und der Philipp sowieso. Sie alle sind schon bei Nacht auf den Pilatus gewandert, um den Sonnenaufgang zu sehen. Und sie alle haben anschliessend davon geschwärmt: «Magisch», «sensationell», «einmalig», etc. sei es gewesen. Da will ich – ein zum Wandervogel konvertierter Städter – mich nicht lumpen lassen. Also auf, an die Planung. Denn Planung ist das A und O bei solch einem Unterfangen (siehe Box).

  • Wettercheck: Sieht gut aus, sonnig den ganzen Tag, sagt Meteo Schweiz. Wer sich lieber an Prophezeiungen hält, kann sich den hier merken: «Hat der Pilatus einen Hut, bleibt im Land das Wetter gut. Hat er einen Nebelkragen, darf man eine Tour wohl wagen. Trägt er aber einen Degen, bringt er uns gewiss bald Regen.»
  • Tourenplanung: Mit dem Velo nach Kriens, von der Talstation der Pilatus-Bahnen auf die Krienseregg, von dort weiter auf die Fräkmüntegg und dann via Gsäss-Weg zur Klimsen-Kapelle, von wo aus es nur noch ein (steiler) Klacks ist auf den Pilatus. Länge: rund 10 Kilometer. Höhendifferenz: etwas über 1700 Meter. Pipifax, denk ich mir. Falsch gedacht, wie sich später zeigen wird.
  • Zeitplanung: Sonnenaufgang ist um 7.30 Uhr. Gemäss Webseite der Pilatus-Bahnen dauert die Wanderung von Kriens bis ganz nach oben über 5 ½ Stunden. Von meiner Wohnung bis zur Talstation der Pilatus-Bahnen in Kriens brauch ich mit dem Velo etwa 15 Minuten. Dann müsste ich also um … 01.45 Uhr los? Viel zu früh! Also frag ich Philipp, der macht solche Wanderungen zum Aufwärmen vor dem Frühstück. Philipp sagt: In 4 Stunden bist du oben. Tönt viel besser, heisst aufstehen um 2.45 Uhr, losradeln um 3.15 Uhr, ablaufen um 3.30 Uhr, oben ankommen und mit dem Sonnenaufgang um die Wette strahlen um 7.30 Uhr. Schaff ich locker, denk ich mir. Schon wieder falsch gedacht, wie wir gleich sehen werden.
  • Mit-Wanderer organisieren: Fehlplanung. Keiner will. Vielleicht sollte ich das nächste Mal nicht erst am Abend davor anfragen …

Sonnenaufgang auf dem Pilatus: Blick auf den Vierwaldstättersee und die Gebirgskette (Bild: Luca Wolf).

Sonnenaufgang auf dem Pilatus: Blick auf den Vierwaldstättersee und die Gebirgskette (Bild: Luca Wolf).

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Der Pilatus ist ein sehr schöner Wanderberg. Ob von Alpnach aus, von Hergiswil (NW), Entlebuch, Luzern oder vom Eigenthal: Der Berg bietet viel Abwechslung, ein tolles Panorama – er rockt. 2129 Meter hoch ist er auf dem Tomlishorn, der höchsten Erhebung. Mein Wanderziel ist der Esel, der hinter der Bergstation steil nach oben führt. 2119 Meter ragt er in die Höhe, dank dem Ausblick auf den Vierwaldstättersee perfekt geeignet, um den Sonnenaufgang zu bestaunen.

Igel, Schafe, keine Ratte

Freitagmorgen, 2.45 Uhr, der Wecker klingelt. Drei Stunden Schlaf für einen 42-Jährigen – ich zweifle, ob ich das schaffe, will mir vor meiner Freundin aber keine Blösse geben. Um 3.15 Uhr radle ich schlaftrunken Richtung Kriens. Bei der Talstation der Pilatus-Bahnen heisst es: Velo abstellen, Stirnlampe montieren und losmarschieren. Schon nach wenigen Hundert Metern bleibe ich abrupt stehen. Eine fette Ratte lümmelt auf der Strasse rum. Ich pirsche mich an und realisiere: Es ist ein Igel. Igel, die davonrennen, mit ihren kurzen Beinchen, sehen lustig aus.

Weiter geht’s. Schon bald reflektieren ein Dutzend Augenpaare das Licht meiner Stirnlampe. Ich erschrecke schon wieder. Es sind aber nur Schafe. Schlafen Schafe eigentlich nachts nie? Mit Überlegungen zu den Schlafgewohnheiten von Schafen lasse ich die letzten Häuser hinter mir und dringe in die unzivilisierte Wildnis vor.

Neumond = zappenduster

Erst jetzt wird mir bewusst, wovon Philipp gesprochen hat, als er mich am Vorabend auf den aktuellen Neumond hinwies: Weil fast kein Mondlicht scheint, ist es viel finsterer als sonst. Stockfinster, um genau zu sein. In den Waldteilstücken sehe ich ohne Licht die Hand vor Augen nicht. Ganz allein nachts im zappendusteren Wald – das war ich noch nie. Angst hab ich zwar keine, aber anfangs gucke ich zwei, drei Mal zurück, weil ich glaube, etwas gehört zu haben. Naja, vielleicht hab ich zwischendurch doch ein ganz kleines bisschen Angst …

Aber ich komme flott voran. Nachts wandern, dachte ich mir, dauert länger als tagsüber, weil man nicht viel sieht. Doch bei mir ist’s andersrum. Weil ich nur gerade den Weg vor mir sehe, gibt’s keine Natur zum Angucken. Und weil mich die Unruhe plagt, nicht rechtzeitig zum Sonnenaufgang oben zu sein, lege ich noch einen Extragang zu.

Sonnenaufgang auf dem Pilatus: Blick auf den Vierwaldstättersee (Bild: Luca Wolf).

Sonnenaufgang auf dem Pilatus: Blick auf den Vierwaldstättersee (Bild: Luca Wolf).

Der Pilatus ist ja ein Publikumsmagnet. Fast 690’000 Gäste waren letztes Jahr oben. Das war Rekord, der fünfte in Serie. Und das, obwohl die einjährigen Bauarbeiten an der neuen Dragon-Ride-Bahn erst im April 2015 abgeschlossen waren. Der Pilatus ist entsprechend auch ein mächtiger Wirtschaftszweig. Über 30 Millionen Franken setzten die Bahnen letztes Jahr um, das Geschäft brummt.

Haltlos durch die Nacht

Die 3,5 Kilometer via Graustein auf die Krienseregg schaff ich in einer Stunde. Ohne Halt (der Sonnenaufgang wartet nicht!) marschiere ich durch die Nacht weiter via Mülimäs Richtung Fräkmüntegg. Der Schweiss, er fliesst. Unterwegs glotzen mich immer mal wieder Tieraugen an. Sind das Rehe? Oder Füchse? Oder was gibt’s sonst noch für Tiere, die bei stockdunkler Nacht durch den Wald streunen können, ohne sich die Haxen zu brechen? Ich weiss es nicht und ziehe von dannen.

Die violette Route zeigt den Weg der Wanderung von Kriens via Krienseregg, Fräkmüntegg und Klimsen-Kapelle auf den Pilatus.

Die violette Route zeigt den Weg der Wanderung von Kriens via Krienseregg, Fräkmüntegg und Klimsen-Kapelle auf den Pilatus.

Es ist kurz vor 5 Uhr, die 3,4 Kilometer bis zur Fräkmüntegg hab ich schon fast hinter mir. Dann erschrecke ich das dritte Mal. Ich erblicke zwei kurze, reflektierende Längsstreifen, die im Dunkeln erstarren. Und zwar genau auf dem Weg, den ich eingeschlagen habe. Beim Näherkommen steht da eine Wanderin und schaut mich ängstlich an. Ich grüsse freundlich («Guten Morgen …»), sie sagt kein Wort, und ich bilde mir ein, dass sie sich von mir verfolgt fühlt. Also verzichte ich auf den sonst szenenüblichen Smalltalk und setze mich rasch ab. Im Hintergrund höre ich ein erleichtertes «Grüezi». Das ist die erste und letzte Person, die mir auf dem gesamten Weg begegnet.

Sonnenaufgang auf dem Pilatus: Blick auf den Vierwaldstättersee (Bild: Luca Wolf).

Sonnenaufgang auf dem Pilatus: Blick auf den Vierwaldstättersee (Bild: Luca Wolf).

Lost in the Dark

213 tote Berggänger in einem Jahr

Gemäss SAC starben letztes Jahr in der Schweiz 213 Berggänger, das war ein Drittel mehr als 2014. Knapp 2800 Personen mussten vom SAC oder der Rega vergangenes Jahr gerettet werden. Der Grossteil der tödlichen Unfälle ereignete sich in den Walliser und Bündner Alpen. Aber auch am Pilatus kommt es immer wieder zu Todesfällen. Erst Mitte September stürzte ein 57-jähriger Luzerner beim Mittaggüpfi und verstarb. Die häufigste Ursache für Todesfälle sind Sturz oder Absturz, Lawinenunfälle und Erkrankungen wie des Herz-Kreislaufs. Häufig sind Wanderer auch schlecht ausgerüstet und zu wenig informiert. Gute Vorbereitung ist absolut zwingend, Infos gibt’s unter anderem beim SAC.

5.20 Uhr, ich erreiche den Seilpark unterhalb der Fräkmüntegg, 1400 Meter über Meer. Es wird langsam kälter, deshalb ziehe ich trotz heftiger Schweissausbrüche die Windjacke an. Ich biege nach links ab, um auf dem Gsäss-Nauen-Weg die rund 460 Höhenmeter bis zur Klimsen-Kapelle unterhalb des Pilatus zu wandern. Oder zu klettern. Denn dieser Abschnitt hat den Schwierigkeitsgrad T3. Hier lauten die Anforderungen gemäss SAC: Gute Trekkingschuhe, gute Trittsicherheit, gutes Orientierungsvermögen, gute Ausdauer, elementare alpine Erfahrung. Denn einige Passagen sind steil und zwischendurch muss gekraxelt werden. Und das, in meinem Fall, nachts. Mir wird flau im Magen, und ich laufe los.

Doch bereits nach 10 Minuten geht nichts mehr. Ich sehe beim Einstieg in den Wald keine Markierung mehr, keinen Weg, kein gar nichts. Nur ich allein im dunklen Wald. Keine Ahnung, wo’s langgeht, also trete ich den Rückzug an. Plan B tritt in Kraft: Ich nehme den Heitertannliweg, der von der Fräkmüntegg auf der rechten Seite nach oben führt. Der ist zwar auch T3, aber diese Route kenne ich besser. Jetzt heisst es Tempo-Tempo. 20 Minuten hab ich verlöfflet, die dürfen mich nicht um den Sonnenaufgang bringen.

Pilatus kurz nach Sonnenaufgang: Blick vom Oberhaupt auf den Esel (Bild: Luca Wolf).

Pilatus kurz nach Sonnenaufgang: Blick vom Oberhaupt auf den Esel (Bild: Luca Wolf).

Dem Tageslicht entgegenkraxeln

Vier Kilometer sind es von der «Fräki» auf den Pilatus. Vier steile, im Felsen verlaufende Kilometer. Und es sind die vier coolsten, denn ich kraxle gerne. Zwar muss ich mich extrem konzentrieren, weil hier jeder Fehltritt übel ausgehen könnte und nachts so schnell keine anderen Wanderer da sind, um zu helfen. Aber die Stirnlampe leuchtet den Weg prima aus, und die Kälte erfrischt angenehm. Zudem wird’s nun langsam hell, der Tag erwacht.

Um 7 Uhr erreiche ich keuchend die Klimsen-Kapelle. Die Umrisse des Vierwaldstättersees sind durch die Dunkelheit bereits erkennbar, am Horizont färben sich die Gebirgsketten rötlich.

Blick von der Klimsen-Kapelle unterhalb des Pilatus auf den Vierwaldstättersee und den sich anbahnenden Sonnenaufgang (Bild: Luca Wolf).

Blick von der Klimsen-Kapelle unterhalb des Pilatus auf den Vierwaldstättersee und den sich anbahnenden Sonnenaufgang (Bild: Luca Wolf).

Jetzt nur keine Zeit verlieren, in 30 Minuten muss ich nicht nur auf dem Pilatus sein, sondern weiter oben auf dem Esel. Letzter Schlussspurt durch die steile Geröllwand. Mir zittern die Oberschenkelmuskeln, das Knie fängt an zu schmerzen, den Schweiss wische ich im Minutentakt von der Stirne. Oder anders ausgedrückt: Mir geht die Puste aus. Aber so kurz vor dem Ziel versagen – wär doch zu doof. Und etwas peinlich, wo ich doch vor meiner Freundin so angegeben habe …

Ergreifendes Naturschauspiel

Aber fast auf die Minute genau komme ich oben um 7.30 Uhr an – und genau jetzt startet die Sonnenaufgangsszene. Zu Tode erschöpft, aber glücklich und fasziniert verfolge ich, wie die Sonne Schritt für Schritt die Zentralschweiz in immer helleres Licht taucht. Das Panorama mit den unendlich vielen Bergsilhouetten ist Weltklasse. «Magisch», «sensationell», «einmalig»? Ich gebe Dani, Stefan und Philipp recht, schiesse zwei Dutzend Bilder und lasse mich vollends von der Natur überwältigen. Allein ist man um diese Zeit aber nicht. Etwa acht, neun Touristen, die auf dem Pilatus übernachtet haben, erfreuen sich mit mir am Geschehen.

Ein Steinbock klettert am frühen Morgen direkt unterhalb von Pilatus Kulm (Bild: Luca Wolf).

Ein Steinbock klettert am frühen Morgen direkt unterhalb von Pilatus Kulm (Bild: Luca Wolf).

Dass sich uns anschliessend noch eine etwa zehnköpfige, wild herumhüpfende Steinbockherde präsentiert, ist das Tüpfelchen auf dem i. Herrlich und extrem eindrücklich zu sehen, wie diese Tiere selbst im allersteilsten Hang sorglos nach feinen Gräsern suchen und miteinander spielen. Und das nur wenige Meter von uns Besuchern entfernt.

Finde den Steinbock: Blick von Pilatus Kulm auf den Vierwaldstättersee (Bild: Luca Wolf).

Finde den Steinbock: Blick von Pilatus Kulm auf den Vierwaldstättersee (Bild: Luca Wolf).

Mehr kann man von einem Morgen nicht verlangen! Zufrieden und todmüde lasse ich mich von der Bahn runter nach Kriens gondeln. Der Tag kann beginnen.

Schönes Schattenspiel am frühen Morgen auf höhe Krienseregg (Bild: Luca Wolf).

Schönes Schattenspiel am frühen Morgen auf höhe Krienseregg, fotografiert bei der Rückkehr, von der Pilatus-Bahn aus (Bild: Luca Wolf).

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1 Kommentare
  1. Tonino Bucherinsky, 09.10.2016, 09:00 Uhr

    Welch ein Glück dieses Paradies
    https://flic.kr/p/vUJse3
    wieder und wieder geniessen zu können.‼️