Lohnen sich die 3,1 Millionen, Herr Borgula?
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Stadtrat Adrian Borgula erhofft sich von der geplanten «Elektronischen Busspur» (im Hintergrund schematisch ersichtlich) grosse Vorteile. (Bild: zentral+)

Spitalstrasse: ÖV soll Vortritt haben Lohnen sich die 3,1 Millionen, Herr Borgula?

5 min Lesezeit 06.01.2016, 05:00 Uhr

Tschau Stau: Auf der überlasteten Spitalstrasse solls dank ungewöhnlicher Massnahmen rassiger vorwärtsgehen – aber nur für die VBL-Busse. Stadtrat Adrian Borgula rechtfertigt im Interview die hohen Kosten. Und er verrät, wo sonst in Luzern die Autofahrer zugunsten der Busse bald auch in die Röhre gucken werden.

Die Stadt will die oft langen Staus auf der Spitalstrasse bekämpfen. Mit einer neuartigen sogenannten elektronischen Busspur soll zumindest der ÖV künftig schneller vorankommen. Zum Einsatz soll diese Massnahme auf der Strecke zwischen dem Kantonsspital und dem Schulhaus St. Karli beim Kreisel Kreuzstutz kommen (hier stellen wir das Projekt konkret vor). Wenns viel Stau hat, kann der Buschauffeur sämtliche Ampeln auf einem 200 Meter langen Abschnitt auf Rot stellen lassen.

«Ich bin auch selber immer wieder erstaunt, wie viel das jeweils kostet.»

Das ermöglicht dem Bus, die Autokolonne vor ihm auf der Gegenfahrbahn zu überholen und beim St. Karli-Schulhaus wieder auf die rechte Fahrbahn einzuspuren. Zudem soll die Bushaltestelle beim Kantonsspital vors Parkhaus verschoben werden. Adrian Borgula (Grüne), Vorsteher Direktion Umwelt, Verkehr und Sicherheit, nimmt gegenüber zentral+ Stellung.

zentral+: Adrian Borgula, 3,1 Millionen Franken für Busse, die ein paar Sekunden schneller sind sowie für eine verschobene Bushaltestelle – lohnt sich das? 

Adrian Borgula: Ja, das lohnt sich. Wobei ich auch selber immer wieder erstaunt bin, wie viel das jeweils kostet. Die Preise machen allerdings die Bauunternehmungen, nicht die Stadt. Aber hier braucht es etwa Anpassungen an den Strassen, es braucht neue Radstreifen, Signalanlagen, ein Trottoir muss verbreitert, eines verschmälert werden. Das geht schnell ins Geld. Zudem geht’s nicht nur um ein paar Sekunden. Auf der Strecke zwischen dem Kantonsspital und dem Kreuzstutz ist der Bus zu Stosszeiten bis zu acht Minuten schneller unterwegs. Fürs Gesamtverkehrssystem bringt das eine Entspannung an einem schwierigen Ort. Wir brauchen dort Lösungen, damit es attraktiver und zuverlässiger wird, mit dem öffentlichen Verkehr dorthin zu gehen.

zentral+: Eine separate Busspur wäre sicher praktischer, laut Stadtrat aber eine Million Franken teurer. Warum genau?

Borgula: Man müsste die Strasse um drei Meter verbreitern. Das kann man aber nur auf der Hangseite machen, und dazu müsste man die bestehende Stützmauer deutlich erhöhen. Das kostet viel und sieht zudem nicht schön aus. Solche Platzprobleme haben wir überall in der Stadt. Deshalb werden wir in Zukunft vermehrt solche intelligente Lösungen umsetzen. Auch im Gesamtverkehrskonzept sind ähnliche Massnahmen vorgesehen, die meist ebenfalls nur zu Hauptverkehrszeiten im Einsatz sind.

«Der grosse Vorteil von solchen Lösungen ist ja, dass sie nur bei Stau zum Zug kommen, sonst nicht.»

zentral+: Die elektronische Busspur tönt etwas gar kompliziert – sind Sie todsicher, dass das System funktioniert?

Borgula: Wir haben die Erfahrungen in Zug, wo 2015 eine elektronische Busspur eingeführt wurde, genau analysiert. Der Projektleiter von Zug hat unser Projekt ausgearbeitet. Wir haben mit den Verantwortlichen gesprochen und die Auswirkungen angeschaut. Fazit: Es läuft alles gut. Der grosse Vorteil von solchen elektronischen und intelligenten Lösungen ist ja, dass sie nur bei Stau zum Zug kommen, sonst nicht. Das entspricht den Forderungen seitens der Autolobby.

Auf dem rot markierten Abschnitt soll die elektronische Busspur zum Einsatz kommen.

Auf dem rot markierten Abschnitt soll die elektronische Busspur zum Einsatz kommen.

(Bild: google.maps)

zentral+: Die elektronische Busspur bevorzugt den ÖV, behindert aber den Autoverkehr. Autofahrer werden dann noch länger im Stau stehen. Entspricht das der stadträtlichen Strategie, um die Autofahrer aufs Umsteigen auf den ÖV zu bewegen?

Borgula: Eine Strategie ist das nicht, denn wir arbeiten primär mit Anreizmassnahmen. Mit einem flüssigeren ÖV haben die Leute eine gute Alternative zum Autoverkehr. Das kann dafür sorgen, dass mehr auf die Busse umsteigen – was wiederum mehr Platz für den Autoverkehr schafft. Viel länger warten müssen die Autofahrer zudem wegen der elektronischen Busspur nicht. Am Flaschenhals, das heisst am Kreisel Kreuzstutz, fahren sie nämlich gerade mal eine Buslänge später in den Kreisel, das sind oft bloss fünf bis zehn Sekunden länger. Demgegenüber stehen oft über hundert Leute im vollen Bus, die bis acht Minuten schneller am Ziel sind.

zentral+: Aber wenn mehr Leute auf den ÖV umsteigen und Platz für den Autoverkehr schaffen – dann wird doch dieser wieder attraktiver? Steigen dann nicht wieder Leute vom ÖV aufs Auto um?

Borgula: (überlegt) Das ist nicht auszuschliessen. Aber ohne gute Anreize fürs Umsteigen auf den ÖV zu schaffen, können wir die Stauproblematik sicher nicht entlasten.

zentral+: Auf dem 200 Meter langen Abschnitt können die Busse schneller Richtung Kreisel Kreuzstutz fahren. Aber dort herrscht zu Stosszeiten auch immer längerer Stau. Warten die Busse dann nicht einfach dort länger?

Borgula: Nein, denn der Bus ist ja schneller unten beim Kreisel. Aber es stimmt, dass wir beim Kreuzstutz die Situation auch verbessern müssen. Dieses Problem gehen wir derzeit zusammen mit dem Kanton an. Die konkreten Massnahmen sind jedoch noch nicht spruchreif.

zentral+: Die auf später geplante zweite Etappe an der Spitalstrasse kann wohl nicht funktionieren, ohne dass Parkplätze aufgehoben werden müssen. Warum?

Borgula: Auch dort herrschen enge Platzverhältnisse. Wenn wir mehr Platz für Fussgängerinnen und Fussgänger, Velos und Autos und Busse benötigen, dann muss man eventuell Parkplätze verlegen. Da suchen wir nun eine gute Lösung. Entschieden ist noch nichts.

Die Etappen eins und zwei auf der Spitalstrasse sollen zeitversetzt realisiert werden. Grün eingezeichnet sind die Abschnitte mit Busbevorzugungsmassnahmen. Blau markiert sind Abschnitte für Veloförderungsmassnahmen.

Die Etappen eins und zwei auf der Spitalstrasse sollen zeitversetzt realisiert werden. Grün eingezeichnet sind die Abschnitte mit Busbevorzugungsmassnahmen. Blau markiert sind Abschnitte für Veloförderungsmassnahmen.

(Bild: Stadt Luzern)

zentral+: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass das Projekt im Stadtparlament eine Mehrheit findet?

Borgula: Ich schätze die Chance als gut ein. Der Bericht und Antrag ans Parlament ist fachlich gut aufbereitet. Alle wissen, dass wir an der Spitalstrasse ein Verkehrsproblem haben. Zudem erfüllen wir mit dem Projekt einen parlamentarischen Auftrag. Meine Hoffnung ist zudem, dass sich nach der Abstimmung vom 25. November, als die SVP-Verkehrsinitiative «Für einen flüssigen Verkehr» klar abgelehnt wurde, eine neue Sachlichkeit in der Verkehrspolitik einstellen wird. Zudem profitieren vom neuen System viele Leute.

zentral+: Das Gesamtverkehrskonzept (GVK) sieht weitere Massnahmen vor, um den ÖV zu priorisieren. Was kommt als Nächstes dran?

Borgula: Das GVK beinhaltet ja ganz unterschiedliche Massnahmen mit dem Ziel, den ÖV zu fördern und den Verkehr zu verflüssigen. Eine ÖV-Massnahme betrifft etwa die untere Dreilindenstrasse. Dort stecken die Busse in Stosszeiten auch oft im Stau. Spätestens unten beim KV entstehen lange Wartezeiten, bis dann Richtung Schweizerhof weitergefahren werden kann. Deshalb wollen wir in Spitzenzeiten die Autos von der Dreilindenstrasse und vom Wesemlin auf den Abendweg und die Adligenswilerstrasse umleiten. Geplant sind an anderen Orten zudem weitere Fahrbahnhaltestellen oder Busspuren.

Spitalstrasse beim Schulhaus St. Karli: Vor dieser Ampel wird der vom Spital her auf der Gegenfahrbahn runterfahrende Bus wieder einscheren.

Spitalstrasse beim Schulhaus St. Karli: Vor dieser Ampel wird der vom Spital her auf der Gegenfahrbahn runterfahrende Bus wieder einscheren.

(Bild: bra)

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