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Lieber Mensch statt Mann
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Die Schauspielerin Wiebke Kayser sitzt auch in der Pause konzentriert auf der Bühne. (Bild: Ingo Höhn)

Wiebke Kayser wütet als Hamlet Lieber Mensch statt Mann

5 min Lesezeit 1 Kommentar 08.10.2015, 11:44 Uhr

Eine Konstante am Luzerner Theater ist seit 2008 die Schauspielerin Wiebke Kayser. Und so wird es auch bleiben, wie sie verrät. zentral+ hat sie bei den Endproben einer ihrer bisher grössten Herausforderungen besucht. Eine Rolle, die sie fordert, aber auch erlöst.

Im leeren Foyer des Luzerner Theaters riecht es nach Essen. In die Stille hinein tönt eine Stimme durch die Boxen: «Wir starten.» Gleich beginnt eine der letzten Proben für Hamlet.

Die Probe verläuft bis auf zwei, drei Patzer reibungslos. Ein Texthänger wird fast einwandfrei überspielt: «Nun ja. Ähm, wo war ich mein Junge?», einmal bleibt die Bühne leer: «Wo bleibt Jonas? Hallo?» Ein Mitarbeiter blättert verwirrt im Text. Scheinbar wurde einiges an Text gestrichen. Es wird erstmals mit den Kostümen geprobt. Die Innentasche eines Sakkos ist zu klein für den Brief, der da rein soll. Der Schauspieler bemüht sich eine Weile, scheitert und improvisiert. Amüsement bei den wenigen Zuschauern: Bei Regisseur Andreas Herrmann und einigen Mitarbeiter des Hauses. Dramaturgin Carolin Losch flüstert: «Das ist gekauft.»

«Ich habe eher zu viel Respekt vor Rollen.»

Die Sinne werden bei dieser Inszenierung ganz schön gefordert: riesige Bilder, grelles Licht, Dunkelheit, Rauch, Wind, Geschrei. Während der Probe werden auch Fotos gemacht, zwei Fotografen sind ständig in Bewegung. Wir sitzen auf dem Balkon und es vibriert jedesmal, wenn sich der Fotograf bewegt, wie ständige kleine Erdbeben.

(Bild: Ingo Höhn)

(Bild: Ingo Höhn)

Und auf der Bühne wütet und leidet Wiebke Kayser als Hamlet, ebenfalls wie bei zahlreichen Erdbeben.

Ebenso Freude wie Respekt

Nach der Probe setzen wir uns in die Garderobe. Die Schauspielerin ist erschöpft. «Es ist eine sehr aufreibende Rolle, und wir spielen auch über drei Stunden.» Die Konzentration und die Anspannung fallen langsam von ihr ab. Die Müdigkeit übernimmt.

Sie habe nie daran gedacht, Hamlet zu spielen. Ophelia ja, auch Hamlets Mutter die Königin habe sie schon gespielt. «Aber ich habe auch keine ‹Traumrolle›. Manchmal hätte ich das ganz gerne. Aber bei mir ist es eher so, dass ich zu viel Respekt vor Rollen habe. Erst, wenn ich sie angeboten bekomme, dann beginne ich, mich damit zu beschäftigen.»

Die grösste Herausforderung bei Hamlet sei die Dimension des Stückes. «Die Mehrschichtigkeit. Dieses Schizophrene, es ist nicht nur Zwiespältigkeit, es ist eine Mehrfachspältigkeit», sagt Kayser lachend. Emotional und auch gedanklich sei es eine grosse Herausforderung, sich darauf einzulassen. «Man kennt alles aus dem eigenen Leben, aber im Kleinen, nicht in solchen Dimensionen wie in dieser Rolle, in diesem Stück.»

Mensch statt Mann sein

Es sei eine Rolle, über die sie sich sehr freue. «Aber gleichzeitig denkt man: Ach du lieber Gott – wie soll ich das machen, wo setze ich an?»

Wo setzt man an? Damit den Mann zu spielen? Nein, findet Kayser. Das Androgyne, das sei sowieso da. «Jeder Mensch hat beide Seiten. Und diesmal bediene ich die weibliche Seite nicht, sondern nur die männliche.» Doch das «Männliche» an sich sei nicht speziell erarbeitet.

«Es hat etwas Befreienderes: Die Rolle, die uns Frauen gegeben ist, abzulegen.»

Kayser spielt in Luzern öfters mal Männerrollen. Ist es denn noch etwas Besonderes? «Ja. Es ist etwas anderes», sagt sie und überlegt. «Es hat etwas Befreienderes: Die Rolle, die uns Frauen in der Gesellschaft gegeben ist, ablegen zu können. Die weibliche Rolle fällt weg. Man ist sich pur.» Das schätze sie sehr. «Wenn man in die Rolle eines Menschen steigen kann und nicht in die Rolle eines Mannes oder einer Frau.»

Bereits seit den 20er Jahren spielen auch Frauen die Rolle des Hamlet. Es kommt also nicht selten vor. Trotzdem wirkt es gerade bei der 158 Zentimeter grossen Wiebke Kayser nochmals speziell. «Am Anfang habe ich bei der Vorstellung auch gelacht, als ich überlegte, wie gross Lilli Lorenz, die die Ophelia spielt ist. Aber jetzt ist es völlig ok. Das gibt’s ja auch. Männer mit grossen Frauen.»

Wiebke Kayser als Hamlet und Lilli Lorenz als Ophelia. (Bild: Ingo Höhn)

Wiebke Kayser als Hamlet und Lilli Lorenz als Ophelia. (Bild: Ingo Höhn)

Zitternde Knie

Bereit für die Premiere? «Auf jeden Fall. Es läuft sehr gut», sagt die 44-jährige Schauspielerin. «Aber es ist natürlich auch mit Angst verbunden.» Auch heute habe sie noch immer zitternde Knie. «Sehr sogar. Man hat ja auch den eigenen Anspruch an sich. Man will dem gerecht werden und natürlich auch, dass es dann vor Publikum funktioniert.»

Und doch sei es anders als früher. «Ich kann mich heute zum Glück besser konzentrieren. Als ich jünger war, konnte ich teilweise kaum denken vor lauter Aufregung.»

«Ja, ich habe das Glück am Luzerner Theater bleiben zu dürfen.»

Mit Regisseur Andreas Herrmann arbeitet sie schon seit 20 Jahren zusammen – schon bei ihrem ersten Engagement in Bern, direkt nach der Schauspielschule, die sie in Berlin absolvierte. «Das ist einmalig. Mit Menschen arbeiten zu können, die man gut kennt und denen man so vertraut. Da geht vieles einfacher.»

«Sehen oder nicht sehen»

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Die Gewinner werden am Donnerstag, 15. Oktober um 9 Uhr ausgelost und per E-Mail benachrichtigt.

Kayser ist bereits sei 2008 am Luzerner Theater. Und wie sie verrät, wird das auch unter der neuen Intendanz so bleiben. «Ja, ich habe das Glück bleiben zu dürfen. Das ist toll. Ich habe auch keinen Drang, das zu ändern.»

Vom typischen Schauspieler-Nomadenleben kann also keine Rede mehr sein. Das habe sie zwar nie so geplant, aber gut sei es allemal. Denn Wiebke Kayser ist auch Mutter einer 10-jährigen Tochter. «Gerade wenn man Familie hat, kann und will man das auch nicht mehr so. Das Kind würde nur darunter leiden.»

Kurz rebelliert

Ihre Tochter wachse schon auch ein bisschen im Theater auf. «Gerade schwirrt sie auch irgendwo hier rum», sagt die Schauspielerin lachend.

Kayser selbst stammt aus einer Theaterfamlie, die Mutter Schauspielerin, der Vater Regisseur. «Ich hatte eine kurze Phase der Rebellion – in welcher ich nicht dasselbe machen wollte, wie meine Eltern. Da wollte ich Klavierbauer werden.» Das habe sich aber schnell wieder gelegt. «Seither wollte ich nie mehr etwas anderes.»

Wiebke Kayser nach der Probe in der Garderobe. (Bild: jav)

Wiebke Kayser nach der Probe in der Garderobe. (Bild: jav)

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1 Kommentare
  1. Christian Eberli, 08.10.2015, 12:50 Uhr

    Wiebke Kayser ist eine grossartige Schauspielerin, für mich war es eine Bereicherung mit ihr spielen zu dürfen und ich empfinde es als Glück für die Luzerner Kultur, dass Kayser am Luzerner Theater bleiben wird.