Liebe & Sexualität

Luzerner Sexologe Martin Bachmann im Interview
Übe und beobachte! Das rät der Experte beim Pornogucken

  • Lesezeit: 6 min
  • Liebe & Sexualität
Einer, der sich mit den Sorgen der Männer auskennt, ist der Sexologe Martin Bachmann.

Nicht wenige Männer suchen die Praxis des Sexologen Martin Bachmann auf, weil sie Angst haben, süchtig nach Pornos zu sein. Wir haben den Luzerner gefragt, wann die Sorge berechtigt ist.

«Ich lebte nur im Kopf.» Das sagte der 31-jährige Maurice. Er erzählte uns, wie sehr die Pornos sein Leben geprägt haben. Wie er seine Gefühle und den Frust verdrängte, sich zurückzog. Und wie sich der Porno im Kopf prompt abspielte, sobald er auf eine Frau traf (zentralplus berichtete).

Einer, der sich mit diesen Sorgen auskennt, ist Martin Bachmann. Der Krienser arbeitete 20 Jahre lang als Gewaltberater im Mannebüro Zürich. Da zeigte sich, dass Männer oft neben der Aggression noch mit anderen Problemen zu kämpfen hatten. Etwa mit der Sexualität. Nicht selten spielten Pornos eine bedeutende Rolle dabei. Vor eineinhalb Jahren eröffnete der Sexologe seine Praxis in Luzern.

zentralplus: «Ich bin pornosüchtig»: Martin Bachmann, wie oft hören Sie diesen Satz bei Ihnen in der Praxis?

Martin Bachmann: Relativ oft. Pornos haben ja ein schlechtes Image. Jemand, der sagt, er schaue gerne ab und zu Pornos – das ist rar. Für mich als Sexologe ist einer der entscheidenden Punkte: Fühlen sich die Menschen gut dabei, in der Art, wie sie Sexualität gestalten?

zentralplus: Und, wie fühlen sich die Menschen dabei?

Bachmann: Wenn jemand täglich Pornos schaut und zweistündigen Solosex währenddessen geniesst, ihn das glücklich macht und er sich dadurch nicht eingeschränkt fühlt: Go for it! Wenn ich kann und mag, dann habe ich ja auch gerne jeden Tag . Er lacht. Ich bin kein Papst, verteufle keinen Sex, nicht Pornos an sich mit und mit Selbstbefriedigung fangen fast alle an. Sex ist etwas Wunderschönes.

zentralplus: Wann haben auch Sie Grund zur Sorge?

Bachmann: Entscheidend ist das subjektive Empfinden. Aber wenn sich die Art, wie man Sex hat, auf andere Lebensbereiche negativ auswirkt, dann ist’s ein Problem. Wenn ich mich beispielsweise deswegen sozial isoliere, mich nicht mehr auf die Uni-Semesterarbeiten konzentrieren kann oder ich Zuhause eine Sauerei habe. Dann sehe ich den Pornokonsum nicht mehr als mögliche Erregungsquelle. Und Solo-Sex nicht mehr als Ressource, sondern als Belastung. Dann nimmt es viel Raum ein, nimmt zu viel Zeit in Anspruch, der Betroffene kann den Konsum nicht mehr steuern. Aber: Die meisten haben einen durchaus adäquaten Umgang mit Pornografie, wenn auch mit einem ambivalentes Gefühl.

zentralplus: Wie meinen Sie das?

Bachmann: Das Problem: Viele Männer geniessen es zwar, Pornofilme zu konsumieren, im Moment, in dieser sonst Vieles ausblendenden Blase. Einige fühlen sich aber, sobald der Kick vorbei ist, manchmal sehr schlecht, frustriert oder ganz leer.

«Die allermeisten von uns haben einen normalen Stress im Umgang mit Pornografie.»

zentralplus: Warum?

Bachmann: Sie schämen sich und hoffen, dass allenfalls ihre Partnerin davon nichts mitbekommt. Andere finden Solosex an sich eine Sünde, weil es nicht gottgewollt, schmutzig sei. Wenn sie dann einmal pro Woche einen Porno schauen, sind sie mehrere Tage lang depressiv verstimmt. Wieder andere landen beim Surfen auf Internetseiten, wegen denen dann plötzlich die Polizei vor der Tür steht. Unabhängig davon, was die Gründe sind: Mir geht es darum, die sehr ernstzunehmende Logik, die individuelle Sexologik dahinter zu erkennen, wenn Männer von sich sagen, dass sie süchtig sind.

zentralplus: Ich war erstaunt, wie sehr die Pornos dem Leben von Maurice den Takt vorgegeben haben (zentralplus berichtete). Ist das eine grosse Ausnahme?

Bachmann: In dieser Ausprägung: Ja. Der Mensch hat sich schon immer für Sex interessiert. Die allermeisten von uns haben einen normalen Stress im Umgang mit Pornografie. Sie ist ein Teil unseres Kulturguts, wie vieles sonst auch, Junge wachsen damit auf. Schliesslich sind auch Hollywood-Liebesschnulzen ähnlich unrealistisch wie Pornos. So, wie wir nicht Sex haben wie die Pornodarsteller auf Pornhub, so läuft’s auch in der Liebe nicht wie in Hollywood.

zentralplus: Was machen Pornos mit uns?

Bachmann: Männer, die Pornos schauen, sind emotional unglaublich involviert. Sie fantasieren allenfalls, mit Dutzenden Frauen in Dutzenden Stellungen Sex zu haben. Es ist ein wahnsinniges Kopfkino, das natürlich wirkt und funktioniert. Pornos zu schauen, das ist ein visuelles Feuerwerk. Aber: Der eigene Körper ist meist wenig involviert, der Solosex dabei kein sensorisches Ereignis.

zentralplus: Wie meinen Sie das?

Bachmann: Die Männer haben beim Pornoschauen oft sehr limitierten realen Sex. Diese Art von Sex findet körperlich mager statt. Sie werden nicht gehalten, nicht gestreichelt – sie sitzen da, auf ihrem Bürostuhl oder Sofa und holen sich einen runter. Der Körper ist oft sehr angespannt, die Atmung allenfalls stockend. Die Handbewegungen am Penis je nachdem schnell und mechanisch. Und neben Geilheit schwingen Gefühle wie ein schlechtes Gewissen und Scham mit. Oder die Angst, vom WG-Kameraden im Zimmer nebenan erwischt zu werden. Da ist oft auch recht viel Stress dabei eigentlich. Der Penis kriegt eigentlich sehr wenig Aufmerksamkeit.

«Beobachtet! Übt!»

zentralplus: Was kann man da machen?

Bachmann: Das ist natürlich individuell. Wenn Menschen ihre Sexualität verändern wollen, weniger Stress, mehr Genuss suchen, dann lohnt sich, hin zu schauen, wie unser Sex-Leben denn konkret aussieht. Zu beobachten, wie wir Sexualität körperlich gestalten. Zu reflektieren, wie man sich selber befriedigt. Ist die rechte Hand am Penis, die linke oder beide? Berühre ich nur den Penis oder auch andere erogene Zonen?

zentralplus: Dann geben Sie den Männern quasi als Hausaufgabe zu masturbieren und sich dabei selber zu beobachten?

Bachmann: Ich rate wirklich: Beobachtet! Übt! Weil eben Sexualität weitgehend erlernt, antrainiert ist. Von Pornosucht betroffene Männer können lernen, wie sie mit einer veränderten Art Sex zu haben, vom Bildschirm weniger abhängig werden können. Wie der Sex quasi aus dem Internet wieder in den eigenen Körper kommen kann. Und sie so genussvollen, variantenreichen und nachhaltigen Sex wieder geniessen können.

zentralplus: Wie empfehlenswert ist es, Porno-abstinent zu leben?

Bachmann: Einen Porno-Stopp einzulegen ist oft wichtig und nötig, um richtig herunterzukommen. Es wird sichtbar, was im Körper passiert, wenn man diese visuelle Lawine bricht. Das unterstützt zu lernen, wieder normal mit Frauen zu reden und nicht nur reine Porno-Fantasien im Kopf zu haben. Ich behaupte aber: Ganz auf Pornos zu verzichten, ist für viele schwierig. Gut ist es auf jeden Fall, einen massgebenden Umgang damit zu lernen. Wie ja auch sonst mit vielem.

«Eine Pornosucht kann unseren Blick auf Sexualität bös verzerren.»

zentralplus: Inwiefern bereichern Pornos unsere Beziehungen und unsere Sexualität?

Bachmann: Pornographie kann der Inspiration dienen. Wir können aus Pornos etwas lernen, uns anregen lassen. Sie können ein Angebot sein, dass uns dazu einlädt, selbst herauszufinden, auf was wir zum Beispiel auch noch stehen. Seien dies neue Praktiken oder Sachen, die wir gar nicht wollen. Wir können so unsere sexuelle Selbstsicherheit stärken.

zentralplus: Lohnt es sich, mit dem Partner über Pornos zu reden?

Bachmann: Pornos können ein guter Anlass sein, mit dem Partner, der Partnerin, über Sexualität zu sprechen. Wenn man das als Paar gemeinsam tut, so kann es sehr bereichernd sein.

zentralplus: Und was geschieht, wenn jemand exzessiv Pornos konsumiert?

Bachmann: Wenn wir Pornographie aber sehr häufig nutzen, gar dranghaft, und sonst eingeschränkte Lernfelder bezüglich der Sexualität haben, kann es ungünstig prägen und beeinflussen. Eine Pornosucht kann sehr ernste Folgen haben, unseren Blick auf Sexualität bös verzerren, droht das Sexleben gewalthaltiger werden zu lassen und schreckliche Geschlechterstereotype über Männer und Frauen übelst zu reproduzieren. Dann lohnt es sich sehr, Hilfe zu holen.

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