Anstieg an Beratungen

Luzerner Suchtberater rüsten sich für Pornosüchtige

Besonders während der Coronapandemie nahm der Pornokonsum zu. (Bild: Symbolbild: Adobe Stock)

Menschen melden sich häufiger wegen ihres Pornokonsums bei Klick – der Luzerner Fachstelle für Sucht. Deswegen will sie sich nun gezielt an Pornokonsumenten richten.

«Manchmal sass ich abends hin und zog mir Pornofilm um Pornofilm rein. Ich bin auf dieser Dopaminwelle geritten. Und weil ich wusste, dass diese Welle mit meinem Orgasmus vorbei ist, liess ich die Erregung immer wieder abschwellen. Und wieder ansteigen. Bis zu vier Stunden lang.»

Das erzählte Maurice in einem früheren Bericht von zentralplus. Der junge Zuger schilderte, dass er selbst jahrelang süchtig nach Pornos war (zentralplus berichtete).

Seit Corona nehmen die Beratungen über Pornokonsum zu

So wie Maurice geht es auch anderen. Immer mehr Männer suchen wegen ihres Pornokonsums Hilfe. Etwa bei der Luzerner Fachstelle Klick. Diese berät Menschen mit auffälligem Konsumverhalten – mit Alkohol, Glücksspielen oder Tabak. Giacomo Bellotto ist seit 24 Jahren als Berater bei der Fachstelle Klick tätig. «Anfangs waren es eher einzelne Klienten – insbesondere Männer –, die sich mit Fragen zu den Themen Sexualität und Pornografie an uns gewandt haben. Solche Beratungswünsche wurden immer mehr geäussert – und seit Corona auffällig häufig.»

«Bei den meisten steht die Erkenntnis dahinter, dass der Pornokonsum ein Übermass genommen hat, der für sie oder ihr Umfeld belastend ist.»

Giacomo Bellotto

Deswegen beschloss Klick vor einem Jahr, sich intern mehr mit dem Thema Sexualität und Pornografie auseinanderzusetzen, Weiterbildungen zu besuchen – und als Beratungsthema entsprechend aufmerksam zu machen. Seit dieser Woche sind die Themen Sex und Pornografie nun auch auf der Website der Fachstelle besser sichtbar.

Singles, Verheiratete und Paare suchen bei Klick Rat

Gründe für den Anstieg an Beratungen im Bereich Pornografie gibt es einige. Zum einen wurden während der Pandemie mehr Pornos geguckt. Zahlen von Pornhub, einem der grössten Anbieter weltweit, zeigten, dass in der Schweiz der Pornokonsum um mehr als 20 Prozent gestiegen ist (zentralplus berichtete).

Pornos sind einfach verfügbar – online und gratis. Gemäss Bellotto können Konsumierende durch diese Sexfilme ihre Fantasien und Wünsche schnell visuell erleben. Auch Singles, die womöglich Schwierigkeiten bei der Partnersuche haben. Gleichzeitig würden diese jedoch realisieren, dass sie im realen Leben alleine sind und ihre Bedürfnisse nach Nähe und Sex nur virtuell ausleben. «Manche spüren eine Leere, eine nicht erfüllte Sexualität.»

Zu Klick kommen Singles, verheiratete Männer und Paare. «Bei den meisten steht die Erkenntnis dahinter, dass der Pornokonsum ein Übermass genommen hat, der für sie oder ihr Umfeld belastend ist», so Bellotto. Nicht selten sagen ihm Männer in den Beratungen auch, dass sie süchtig nach Pornos oder Sex seien. Im Verlauf der Beratungen und der zunehmenden Auseinandersetzung der Klienten mit sich selbst stelle sich jedoch oft heraus, dass der Konsum zwar problematisch sei, aber keine Abhängigkeit entwickelt worden sei. Ein Erkennungsmerkmal für einen zu hohen Pornokonsum ist der soziale Rückzug. Wo nötig, triagiert die Fachstelle.

Hier wird dir geholfen

Wie viel ist zu viel? Bei diesen und ähnlichen Fragen hilft dir «Klick – Fachstelle Sucht Region Luzern», im restlichen Kanton die «Sozialberatungszentren». Sie unterstützen dich bei Themen wie digitale Welten, Alkohol, Glücksspiele, Medikamente und Tabak. Klick bietet auch anonyme, sichere Onlineberatung an.

Oft geht es um den Wunsch nach Nähe

Klienten erzählen in den Beratungen davon, dass sie beispielsweise auch bei der Arbeit bei einem WC-Gang auf Pornoseiten surfen. Oder wenn sie Frauen oder Männer auf der Strasse oder im Bus sehen, die Sexfantasien im Kopf bereits beginnen. Auch Paare wenden sich an die Fachstelle Klick, weil der Pornokonsum zu Konflikten innerhalb der Beziehung führt. Sei das, weil der eine Part Mühe mit dem Konsum oder spezifisch mit den Fantasien und Wünschen des anderen hat. Oder mit den übermittelten Rollenbildern in den Pornos. Oftmals werden Frauen als die Gefügigen dargestellt, die zu allem bereit sind. Doch auch für Männer können Pornos belastend sein, weil sie etwa zu Leistungsdruck führen oder am Selbstwertgefühl nagen können.

So kommt es, dass sich Menschen mit Fragen über ihren Pornokonsum bei Klick melden – in den Gesprächen jedoch ganz andere Themen auf den Tisch kommen. «Oft spreche ich mit den Klienten darüber, wer sie selbst als Mann sind, wie sie wirken, welche Schwierigkeiten sie haben – und wie es ihnen in ihren Beziehungen zu ihren Mitmenschen ergeht.» In der Beratung werden sich die Betroffenen diesen Auswirkungen bewusst und prüfen, wie mit den Herausforderungen und eigenen Grenzen umgegangen werden kann.

Obwohl im 21. Jahrhundert offen über Sex geschrieben und gesprochen werde, würden solche Themen oftmals noch tabuisiert. Und mit verborgenen Gefühlen wie Scham, Schuld und Hemmung verknüpft. Eine wichtige Frage dazu sei, welche Rollenbilder und Mythen erfüllter Sexualität Einfluss auf die Vorstellung hätten, was richtig und falsch sei, was getan und unterlassen werden solle. «Dies kann zu einer realitätsfremden Vorstellung mit belastenden Leistungserwartungen führen», so Bellotto. Die mögliche Konsequenz: Versagensängste.

Oft liege der Ursprung jedoch darin, dass sich Betroffene nach Harmonie, Geborgenheit oder dem Gefühl, angenommen zu sein, sehnen würden. In den Beratungen gehe es darum, dass jeder Klient einen persönlichen Umgang finde mit Pornos. Bellotto hofft, dass sie nun noch mehr Menschen erreichen.

Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Giacomo Bellotto, Sozialarbeiter und Berater bei Klick
  • Medienmitteilung von Klick
  • Website von Klick
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