Liebe & Sexualität
Wo Singles und Paare zwanglosen Sex haben

«Cruising World»: Besuch in Luzerns grösstem Swingerclub

Marc Gilardi, der Geschäftsführer des Swingerclub Cruising World und Wanda, welche stets ein offenes Ohr für alle Gäste hat. (Bild: ida)

In der «Cruising World» in Littau treffen sich Menschen, um unverbindlichen und zwanglosen Sex mit Fremden zu haben. Wir haben uns umgeguckt – und mit Geschäftsführer Marc Gilardi gesprochen.

Wir erhaschen einen Blick ins Zimmer: Mit dicken, schweren Metallketten ist eine grosse Schaukel an der Decke befestigt. Auf einem Bildschirm an der Wand läuft ein Porno, eine Frau und ein Mann treiben's miteinander. In der Ecke steht ein Spender mit Taschentüchern, Desinfektionsmitteln, Kondomen und Gleitmitten. Das gehört in jedes Zimmer, wie Marc Gilardi erklärt. Er führt uns durch die Räume der «Cruising World» in Littau. Einem Swingerclub. Oder viel mehr einer «Swingerworld», wie der Geschäftsleiter präzisiert.

«Man cruist hier durch die Räume. Es ist eine erotische Erlebniswelt der besonderen Art. Es geht darum, gesehen zu werden – oder anderen zuzuschauen.» Und zu sehen gibt es hier viel.

Wir tappen durch kleinere Räume, die dunkler sind und durch Räume, die ganz weiss beleuchtet sind, andere erstrahlen in Rot, Pink oder Lila. Es gibt Räume, die rundum mit Spiegeln ausgestattet sind und ausnahmsweise ohne Bildschirm, über den ein Porno flimmert. Hier wollen sich die Menschen scheinbar selbst dabei zugucken, wie sie gerade Sex haben. Diese Räume lassen sich auch abschliessen – wenn ein Paar mal für sich sein will.

In den Swingerclub «Cruising World» geht's nackt – oder knapp bedeckt

Es riecht frisch geputzt, als wir an der Sauna vorbeilaufen und einen Jacuzzi und eine Fläche mit mehreren Duschen sichten. Im Hintergrund läuft moderne Pop(p)musik. Auch ein Dampfbad gibt es hier. Und überall gibt's genügend Liegeflächen und schwarze Matten. «Hier geht's eigentlich überall zur Sache», sagt Gilardi noch.

«Das ist ein Job wie jeder andere. Wenn man beruflich 20 Jahre lang mit Sex zu tun hat, wird man vermutlich auch ein wenig abgestumpft.»

Marc Gilardi

Jetzt gerade nicht. Doch das ist der Zeit geschuldet: Es ist Mittwoch, kurz vor 12 Uhr. Und draussen drückt die Sonne.

Ganz alleine sind wir aber auch heute nicht. Auf einer Matte in einem Raum erspienzeln wir ein nacktes, behaartes Bein. Später wird uns noch ein nackter Mann begegnen, das weisse Tuch hält er locker in seiner Hand. Einen Dresscode gibt's laut Gilardi nicht. Die meisten laufen nackig umher – oder lose mit Tuch bedeckt – oder haben sich ein Dessous übergezogen.

«Cruising World»: Am Staldenhof 3 gibt's Sex und Erotik

Das «Cruising World» in Littau gibt es seit mehr als 15 Jahren. Dahinter steht Patrik Stöckli, der in der ganzen Schweiz sechs solche Swingerclubs eröffnet hat. Zudem führt er acht Erotikshops – direkt neben dem «Cruising World» hat's ebenfalls einen.

Gilardi führt uns vom Swingerclub durch den Erotikshop, wo wir uns nach Regalen voller Sextoys, Dessous und Kostümen hinter einer Tür an einen Tisch setzen. Gilardi ist hier seit bald zwei Jahrzehnten als Geschäftsführer tätig. «Das ist ein Job wie jeder andere, wirklichen Reiz an der Materie habe ich nicht. Wenn man beruflich 20 Jahre lang mit Sex zu tun hat, wird man vermutlich auch ein wenig abgestumpft», sagt er.

«Wir hören von Paaren oft, dass die Swingerclubs ihre Beziehung oder die Ehe gerettet hat.»

Marc Gilardi

Auch wenn er selbst kein aktiver Swinger sei, versteht er seine Gäste gut. «Die Menschen kommen zu uns, weil es hier ‹knistert›. Sei das, um sich einen Kick zu holen, indem andere einem zugucken oder man selbst anderen zuschauen kann.» Wobei «knistern» wohl etwas brav ausgedrückt ist. Denn im Swingerclub geht's ordentlich zur Sache: Im Vordergrund geht's um unverbindlichen, zwanglosen Sex.

Warum Paaren der Swingerclubbesuch helfen kann

Es gebe Paare, die im Club nur mit sich etwas hätten. Andere wiederum würden nach mehreren Sexpartnern Ausschau halten. «Wir hören von Paaren oft, dass die Swingerclubs ihre Beziehung oder die Ehe gerettet hat», sagt Gilardi. Nicht selten ist ein Trennungsgrund, weil man sich auseinandergelebt hat, sich langweilt.

«Hier können Paare, die gemeinsam hier hinkommen und das gemeinsam erleben, ihr Liebesleben neu aufflammen lassen. Wenn Paare darüber sprechen und ihre eigenen Regeln definieren, so kann der Besuch in den Swingerclub quasi legitimieren: Wir gehen fremd, aber wir gehen gemeinsam fremd.»

In einem Swingerclub kann alles passieren – nichts muss. Rücksicht aufeinander zu nehmen und die Wünsche des Gegenübers zu akzeptieren, wird hier grossgeschrieben. Prostitution ist verboten.

Seit Corona gibt's bei den Swingerinnen Nachholbedarf

Kommen würde alle – ab 25 Jahren aufwärts. Männer sind in der Überzahl, doch auch Frauen gehören zu den Stammkundinnen. Singles und Paare. Ob Hetero, Bi- oder Homosexuell, cis oder trans: Hier seien alle willkommen.

Das «Cruising World» läuft laut Gilardi gut. «Wir haben nach der Eröffnung schweizweit ziemlich schnell stabile Zahlen geschrieben.» Auch wenn sie in den beiden Corona-Jahren je nach Monat Umsatzbussen zwischen 50 und 90 Prozent in Kauf nehmen mussten. Jetzt laufe das Geschäft etwa so gut wie vor Corona. «Wir spüren einen grossen Nachholbedarf. Die Menschen sind wieder sorgloser.» Das zeigt sich auch in der Anzahl der Besucher: Täglich kommen zwischen 50 bis 100 Swingerinnen und Swinger in den Swingerclub.

Der Eintritt kostet Männer und Paare 38 Franken, Singlefrauen kommen gratis rein.

Im Swingerclub werden versteckte Seiten ausgelebt

Wir verlassen den Raum und gehen nochmals zurück zur Kasse vor dem «Cruising World». Wanda ist die «Tätschmeisterin», wie Gilardi sagt. Sie putzt die Räume, bedient die Kasse und hat stets ein offenes Ohr für die Gäste. Das 16. Jahr sei sie jetzt hier, sagt Wanda, als wir uns gemeinsam an einen Tisch setzen. Sie kennt die Menschen, die hier ein- und ausgehen wie keine andere. «Für Paare ist sicherlich das Spiegelzimmer der Favorit im ‹Cruising World›», erzählt sie. Aber auch die Pyramide mit mehreren Liegeflächen sei beliebt, wenn es zu Gruppensex komme.

«Es gibt Männer, die sich in der Garderobe eine Stunde lang zurechtmachen, bis sie mit Dessous, Perücke, langen Fingernägeln und angeklebten Wimpern in den Swingerclub eintreten.»

Wanda

Viele leben sich im Swingerclub aus, erzählt Wanda. Sie erzählt von Besuchern, die im Alltag eine Partnerin haben und hier ihre bisexuelle Seite ausleben würden. Andere spielen gerne mit den Geschlechterrollen. «Es gibt Männer, die sich in der Garderobe eine Stunde lang zurechtmachen, bis sie mit Dessous, Perücke, langen Fingernägeln und angeklebten Wimpern in den Swingerclub eintreten.»

Es ist quasi ein Ort des Entfaltens. «Es ist schön, dass die Menschen hier einen Ort haben, wo sie sich ausleben können», sagt Wanda. «Auch wenn es mich selbst nie gereizt hat, in einen Swingerclub zu gehen.» Diese Meinung habe sie in all den Jahren nie geändert. Doch sei es auch gut, als Angestellte Abstand zu den Kunden zu haben.

Kabinen mit Sexfilmen: Ein Relikt aus alten Zeiten

Direkt neben dem Eingang in den Swingerclub stehen vermutlich die letzten Kabinen Luzerns, in denen Pornofilme laufen. Sexkinos gehören wohl zur aussterbenden Spezies. So hat es sich auch vor vier Jahren am Kauffmannweg in der Stadt Luzern ausgestöhnt, als das Sexkino «Monika M.» vor dem Aus gestanden ist (zentralplus berichtete).

«Auch unsere Erotikshops wären ohne die Standorte des ‹Cruising World› alles andere als rentabel.»

Marc Gilardi

«Auch unsere Videokabinen sind heute mehr ein Relikt aus der Vergangenheit», sagt Marc Gilardi. In Zeiten, in denen man sich in Sekunden einen Porno am Handy erklickt, komme natürlich niemand mehr hierhin, um einen Pornofilm zu gucken. «Sie taugen heute mehr als Museumsrelikt», sagt Gilardi und lacht.

Erotikhandel muss sich immer wieder neuerfinden

In Zeiten von Gratispornos brach dem Erotikhandel ein ganzer Geschäftszweig ein. «Früher haben wir mit den Pornofilmen gutes Geld verdient.» Gut 70 Prozent des ganzen Umsatzes habe man damit gemacht. Heute seien es keine zehn Prozent mehr. So kam es, dass sich Erotikshops immer neu erfinden mussten und anderes bieten mussten. Auch in den Filialen des Erotikmarkts habe man laut Gilardi bereits vor 15 Jahren vermehrt auf den Verkauf der neuesten Sextoys und besonderen Dessous gesetzt.

«Auch unsere Erotikshops wären ohne die Standorte des ‹Cruising World› alles andere als rentabel», so Gilardi. «Davon allein könnten wir nicht leben.» 2017 musste der Inhaber Patrik Stöckli deswegen auch 6 seiner 14 Erotikshops schliessen. Idealerweise versuche man laut Gilardi, die Kundinnen vom Erotikshop ins «Cruising World» zu locken und die Gäste im Swingerclub dazu zu bringen, sich erst im Erotikshop ein Dessous oder Toys kaufen, die sie nachher gleich testen können.

Auch Swingerhotels wären denkbar

Doch auch der Swingerclub erfindet sich in gewissen Dingen immer wieder etwas neu.

Eine mögliche Vision sei es womöglich, auf Swingerhotels zu setzen. Für solche pilgern nämlich heute viele ins französische Cap d'Agde, auf Gran Canaria oder Lanzarote, wo es solche Hotels bereits gibt.

Vom Überleben der Swingerclubs ist Gilardi aber felsenfest überzeugt. «Die Menschen gehen immer offener und selbstbewusster mit Sex um», sagt er.

Verwendete Quellen
  • Besuch im «Cruising World» in Littau
  • Persönliche Gespräche vor Ort mit Marc Gilardi und Wanda
  • Website «Cruising World»
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