Liebe & Sexualität

Jan ist seit über 30 Jahren in der BDSM-Szene
Bekenntnisse eines Putzsklaven

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Jan*, spricht offen über seine Neigung zu BDSM-Praktiken. (Bild: zvg)

Studios und Fetischpartys für sadomasochistisch orientierte Menschen werden heute professionell betrieben und sind längst Teil des Erotik-Geschäfts. Ein neues Phänomen sind diese Praktiken darum nicht. Eine Begegnung mit einem Mann, der sich selbst als Sklave bezeichnet.

Der grossgewachsene und gutmütig wirkende Mann empfängt mich in seiner kleinen Einzimmerwohnung. An der Wand hängt ein grosser Flachbildschirm, daneben eine jener Hifi-Anlagen, welche lediglich noch in Wohnungen von Über-50-Jährigen zu finden sind, im Tape eine «Kasperli»-Kassette. Das einzige Fenster würde einen herrlichen Blick in die Schweizer Hochgebirgswelt freigeben; wenn es denn nicht gerade so trüb und nass wäre. Während er es sich nun auf dem Bett bequem macht, stellt er fest, dass ich nach dem Zügelhelfer vor einem Jahr just der zweite Besuch sei.

Dann meint er mit Blick auf sein etwas gewöhnungsbedürftige Accessoire am Hals: «Die Leine am Hals gibt mir einfach ein gutes Gefühl. Seit ich wieder alleine lebe, trage ich sie, wenn ich zu Hause bin.» Er sei ein alter Hase in der Sadomasoszene und sich zu unterwerfen sei halt einfach seine Welt, meint er weiter. Dass gewisse harmlosere sadomasochistische Praktiken wie etwa das Fesseln oder das Spiel mit den Peitschen seit den Filmen von «Fifty Shades of Grey» heute eine grössere gesellschaftliche Akzeptanz erfahren, beobachtet auch er.

Doch für ihn, der sich schon das halbe Leben lang in der -Szene bewegt, ist das, was in diesen Filmen gezeigt wird, nur Nasenwasser (BDSM steht für die englischen Bezeichnungen von: Knechtschaft & Disziplin, Dominanz & Unterwerfung, Sadismus & Masochismus). Aber gehen wir der Reihe nach und fragen, wie das mit dem Halsband und der Unterwerfung gekommen ist.

zentralplus: Jan*, wie hat sich die Neigung zu BDSM-Praktiken bei dir bemerkbar gemacht?

Jan: In jungen Jahren wünschte ich mir natürlich auch eine Freundin. Ich war in der Cevi (christliche Jugendgruppe mit evangelikal-protestantischer Ausrichtung), aber dort hat sich halt nie ein näherer Kontakt zu einem Mädchen ergeben. So hat sich das bei mir früh in eine andere Richtung entwickelt. Ich war damals um die zwanzig. Von Anfang an war mir klar, dass ich «devote» (unterwürfig) bin. Zwischen Unterwerfung und Dominieren switchen, das ist nichts für mich. Meine Rolle ist einfach die des Sklaven. An den ersten Besuch bei einer Herrin kann ich mich nicht mehr erinnern. Es war wohl eine, die ich bezahlt habe.

zentralplus: Wie bist du damals in die Szene gekommen und wie hat sich das weiterentwickelt?

Jan: Wie gesagt, ich entdeckte meine Neigung zum Fetisch vor mehr als dreissig Jahren. Damals gab es noch Zeitschriften wie das «OK», den «Treffpunkt» und den «SAZ (Schweizer Sexanzeiger)». Dort fand ich, wonach ich suchte. Viel später gab es in meinem Leben eine längere Phase, wo ich in konventionellen Verhältnissen gelebt und mich von BDSM ferngehalten habe. Ich hätte es gerne gehabt, wenn meine Frau da mitgemacht hätte, aber sie wollte das nicht. So ging die Beziehung auseinander. Seither praktiziere ich wieder.

Heute ist die Szene über das Internet organisiert. Es gibt Fetischhallen, Clubs und Partys. In Bern, Basel, Zürich und Luzern finden monatliche Stammtische statt, wo sich Leute aus der Szene treffen. Auch ich gehe da ab und zu hin. An einer Fetischparty im Zürcher «Utopia» nehmen manchmal bis zu 500 Leute teil. An solchen Orten gibt es jeweils eine Bar, einen Tanzraum und einen Spielbereich. Vor Corona war ich praktisch jedes Wochenende an einer Party. Manchmal findet man dort eine Partnerin für einen Abend, doch eigentlich suche ich etwas Dauerhaftes. Grosse Erwartungen, an einer Party eine Frau mit entsprechenden Neigungen kennenzulernen, habe ich im Gegensatz zu früher aber nicht mehr.

* Name geändert.

Der Herrin zu Diensten

Wenn Jan heute zu seiner Domina in die Zentralschweiz fährt, ist das für ihn nichts Aussergewöhnliches mehr. Und so gestaltet sich der Ablauf einer Session: Als Erstes geht Jan vor seiner Herrin auf die Knie, sie legt ihm die Leine um den Hals, er küsst ihre Füsse. Manchmal drückt sie ihre Zigarette in seine zu einem Aschenbecher geformten Hände. Dann befiehlt ihm seine Gebieterin, ihre Wohnung zu putzen. Manchmal putzt er drei Stunden, auch schon war er den ganzen Tag damit beschäftigt. Meistens geht sie die dann aus dem Haus und erledigt etwas.

Wenn sie zurückkommt, gibt es die Belohnung: Mal spuckt sie ihn an, manchmal bekommt er eine Ohrfeige oder sie macht ihm ein Branding in die Haut. Jan bevorzugt keine dieser Belohnungen, Schmerzen verspürt er während des Einbrennens nicht. Wenn er am Ende der Session seinen Kopf auf den Schoss seiner Herrin legt, während sie die Leine in ihren Händen hält, ja, dann fühlt er sich so richtig geborgen. «So, jetzt ist es aber Zeit für einen Kaffee», unterbricht Jan sich selber, geht zum Kühlschrank und tischt dazu feine Vermicelles auf.

Die hat er gestern vor Ladenschluss für die Hälfte bekommen. Jan ist finanziell nicht auf Rosen gebettet, Extravaganzen kann er sich mit seinem Lohn nicht leisten. Auch der Besuch eines BDSM-Studios nicht, denn da kostet eine Stunde schon mal dreihundert Franken oder mehr. Doch mit ein bisschen Kreativität lässt sich bekanntlich für vieles eine Lösung finden: Weil er die Wohnung seiner Domina putzt, muss er auch für den Rest nichts bezahlen.

zentralplus: Entwickelt sich mit der Zeit zu einer Domina so etwas wie eine Beziehung?

Jan: Ja, klar. Mit einer Herrin aus Deutschland hatte ich eine sehr nahe Beziehung. Bei ihr blieb ich manchmal auch über Nacht. In sie hatte ich mich wirklich verliebt. Doch nach einem Jahr hatte sie einen Anderen und ich ging dann nicht mehr zu ihr. Das war schwierig für mich. Da, schau, sie hat mir ein Tattoo mit ihren Initialen gestochen. In einer Beziehung müsste, so wie ich mir das vorstelle, ganz klar die Frau den dominanten Part übernehmen. Mit meiner Domina in der Zentralschweiz könnte sich möglicherweise etwas in diese Richtung entwickeln.

zentralplus: Was hast du schon alles ausprobiert an BDSM-Praktiken?

Jan: Ich habe schon vieles ausprobiert: Streckbett, Pranger, Gynäkologenstuhl, auch NS – Natursekt, Urin. Auch das Fesseln und das Auspeitschen gefallen mir. Und eben, ich trage gerne meine Fetische in Form von Frauenkleidern. Doch mein schönster Fetisch sind die Füsse. Etwas mag ich aber nicht: mit dem Skalpell lasse ich mich nicht behandeln. Brandings, auch Kerzenwachs, das geht, aber Cuttings, das will ich nicht.

zentralplus: Hattest du nie Befürchtungen, dass etwas ausser Kontrolle geraten könnte oder dass du seelischen Schaden davon trägst?

Jan: In den Clubs und an Partys gelten klare Verhaltensregeln, die auch eingehalten werden. Alles, was dort geschieht, basiert auf gegenseitiger Einwilligung. Manchmal schliesst eine Herrin mit ihrem Sklaven einen schriftlichen Vertrag ab, auch da werden verbindliche Vereinbarungen festgehalten. Auch ich habe schon mal einen Vertrag mit einer Herrin abgeschlossen. Zweifel oder Ängste, auch psychische Krisen hatte ich wegen meiner Neigung nie. Für mich war einfach früh klar, dass ich diesen Weg gehen wollte.

zentralplus: Kaum zu glauben …

Jan: … aber wahr. Klar, brauchten meine Eltern Zeit, als sie von meinen Vorlieben erfuhren. Aber heute habe ich ein gutes Verhältnis zu ihnen.

zentralplus: Möchtest du denn in einer Beziehung nicht als gleichberechtigter Mensch wahrgenommen werden, deine Bedürfnisse mitteilen, dich austauschen?

Jan: Doch, wie gesagt, ich wünsche mir eine feste Beziehung. Aber die Rollen müssten klar verteilt sein. Gegen aussen könnte man sich ja schon auf Augenhöhe begegnen, aber zu Hause müsste das anders sein. Warum muss denn immer der Mann über die Frau herrschen?

zentralplus: BDSM-Praktiken sprengen gängige Vorstellungen, was Sexualität ist oder sein sollte. Geht es dabei vielleicht mehr um psychologische Aspekte als um Sexualität im engeren Sinn?

Jan: Ja, für mich ist Sexualität im eigentlichen Sinn nicht so wichtig. Ein körperlicher Austausch kann sich ergeben, muss aber nicht unbedingt sein. Ich kann gut enthaltsam leben. Manchmal trage ich während einer Session einen Peniskäfig, den Schlüssel dazu gebe ich dann der Herrin. Psychische Erziehung spielt bei BDSM-Praktiken ganz bestimmt eine Rolle. Es wäre schön, wenn solche Praktiken gesellschaftlich mehr akzeptiert wären.

Nicht mehr religiös, sondern psychologisch motiviert: ein Peniskäfig als Weg zur Enthaltsamkeit.

Tatsächlich sind viele von Jan beschriebenen BDSM-Praktiken nach wie vor ein grosses gesellschaftliches Tabu. Die Szene findet deshalb abseits von der Öffentlichkeit statt. Offen davon zu sprechen, insbesondere im beruflichen Umfeld, ist riskant. Das hat auch Jan erfahren. Deswegen will er sich öffentlich weder zu seinen familiären noch beruflichen Verhältnissen konkreter äussern.

Dass sich Menschen freiwillig erniedrigen lassen oder schmerzhaften Behandlungen unterwerfen, ist für viele Menschen abstossend oder zumindest befremdlich. Ein neues Phänomen sind körperliche Züchtigungen und sadomasochistische Praktiken jedoch nicht. Davon zeugt ein Blick in vergangene Jahrhunderte.

So erfuhr im Hoch- und Spätmittelalter die Züchtigung des Körpers einen regelrechten Boom. Zahlreiche Überlieferungen sind erhalten. Die Dominikanerin Katharina von Gebersweiler aus Colmar etwa schreibt: «Einige mühten sich mit häufigen Kniebeugen […] Andere geisselten und zerrissen sich jeden Tag aufs heftigste das Fleisch durch Rutenstreiche, andere mit knotenreichen Riemen, welche zwei, drei Ausläufer hatten, andere mit Eisenketten; noch andere aber mit Dornengeisseln.»

Damals war die Motivation indes streng religiös: Durch die Nachahmung und Teilhabe an den Leiden Christi sollte die Seele aus dem Gefängnis des Körpers befreit werden und den Gepeinigten den Lohn im Jenseits sichern. Doch kehren wir nun zurück in die Gegenwart, zu Jan.

Ein Zerwürfnis und zwei Fragen

Kürzlich ist es zwischen Jan und seiner Herrin zu einem Zerwürfnis gekommen. Sie waren in Kontakt getreten, um miteinander eine Session zu vereinbaren. Er hätte am Abend in die Zentralschweiz reisen und Putzarbeit erledigen sollen.

Er hätte mit ihr etwas essen wollen, sie nicht. Nach einem Arbeitstag war ihm das alles zu viel. Über WhatsApp kam es zu einem Schlagabtausch. Jan fuhr nicht. Es sind zwei Fragen, die ihn jetzt umtreiben: Was denkt sie über mich? Vermisst sie mich?

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Jan
Weitere Quellen
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2 Kommentare
  1. Andreas Bründler, Kriens - Bleiche, 11.04.2022, 03:45 Uhr

    Interessante Reportage. Gibt dem Leser einen Einblick in eine Welt die man sonst nicht kennt. Auf einer menschlichen Ebene verstehe ich Jan sehr gut. In meinem Leben habe ich immer wieder Menschen getroffen, vor allem in meinem beruflichen Umfeld, die BDSM-Vorlieben hatten. Am Anfang war ich ehrlich schockiert. Aber mit der Zeit, als ich mich mehr damit auseinandergesetzt habe, habe ich diese Menschen besser verstanden und auch akzeptiert. Vor allem im künstlerischen Umfeld bin ich auf solche Menschen gestossen. Einmal wollte man mich da auch hineinziehen. Aber da bin ich einfach anders gepolt. Das ist nichts für mich. Ich wünsche Jan viel Glück bei der Suche nach seiner Erfüllung.

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    1. Marlis Huber, 11.04.2022, 18:22 Uhr

      Vielen Dank für den wertvollen Kommentar!

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