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Liebe «Die Diebe», was wollt Ihr eigentlich?
  • Kultur
Liliane Bürli alias Lili Vanilly und Bujar Berisha sind «Die Diebe». (Bild: Jana Avanzini)

Luzerner Kollektiv legt die Masken ab Liebe «Die Diebe», was wollt Ihr eigentlich?

5 min Lesezeit 14.08.2019, 11:59 Uhr

Es gibt sie seit über zwei Jahren, «Die Diebe» in Luzern. Ein Kollektiv, das vielen Rätsel aufgibt. Ein Besuch in der Zentrale brachte Klarheit und warf gleichzeitig einen Haufen neuer Fragen auf.

Seit April 2017 flattern regelmässig mysteriöse Newsletter in die virtuellen Postfächer zahlreicher Luzerner. «Die Diebe» schreiben darin von Liebe und Spam, von Pässen und Musik. Oft politisch, oft poetisch und oft vollkommen verwirrend.

Zu Beginn erschienen die Texte spannend. Nach einer Weile jedoch wurde die Verwirrung grösser und es schien keine Auflösung zu geben, auch die Website half nicht weiter. So gab man das Rätselraten irgendwann auf. Und oft auch das Lesen.

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Klein und gemütlich

Die Mails liess man trotzdem weiterhin kommen. Und irgendwann siegte wieder die Neugier. Ein Besuch im fünften Stock des roten Parkhauses an der Luzerner Baselstrasse sollte nun endlich Klarheit bringen. Und tat es tatsächlich.

Ein kleiner, aber gemütlicher Band- und Büroraum verbirgt sich hier. Hübsch eingerichtet, es riecht nach frischem Kaffee und im Hintergrund läuft «Air». Liliane Bürli alias Lili Vanilly und Bujar Berisha sind «Die Diebe» und haben hier, im ehemaligen Bandraum von The Unborn Chicken Voices und Who’s Elektra ihre Zentrale eingerichtet. Die Zentrale, das ist Video-, Foto- und Musikstudio, Büro, Sitzungszimmer und Veranstaltungsraum.

Sorgfältig und legal geklaut

Strumpfhose, Spitzenkleid und Fingernägel von Lili Bürli leuchten im selben Magenta, ein Ledergürtel mit goldenen Raubkatzen und Ketten liegt darüber. Ihre braunen Haare fallen wild in die Stirn und über die Schultern.

Die Hände der 32-Jährigen sind fast ständig in Bewegung, wenn sie spricht, sie lehnt sich auf dem Bürostuhl vor und zurück. Bujar Berisha sitzt derweil mit übergeschlagenen Beinen auf dem schwarzen Ledersofa, schwarze Jeans, schwarze Lederschnürstiefel, die Hände verschränkt über dem Bauch auf dem hellen Jeanshemd liegend.

Liliane Bürli und Bujar Berisha diskutieren in ihrer Zentrale.

Erstmal wollen wir wissen, weshalb so viele und scheinbar immer mehr Menschen den Newsletter der Diebe, oder «Briefli», wie Bürli sie nennt, erhalten. «Die Mailadressen sind in sorgfältiger Handarbeit zusammengestohlen», gesteht sie und lacht. Wie das funktioniert? «Oft sind in Abwesenheitsnotizen einer Person andere als Kontaktperson angegeben.» Gerade in Ferienzeiten liessen sich so haufenweise neue Mailadressen von Mitarbeitenden grosser Unternehmen sammeln.

Doch wofür? Was tun denn die Diebe eigentlich, wenn sie nicht gerade merkwürdig-irritierende Texte versenden? Die einfachste Antwort wäre: Hauptsächlich Musik – als «DIE DIE BE». Und alles, was sie drumherum gelernt, weil gebraucht haben, alles, was sie sowieso schon können und dazu passt, bieten sie nun anderen Künstlerinnen und Künstlern an.

Das Angebot reicht von Film-, Foto- und Videoaufnahmen, über Booking und Balkantourmanagement bis hin zu Textarbeit, Social-Media-Auftritt und Marketing – alles festgehalten auf einer Preisliste mit fröhlich-unseriösen Zahlenspielereien. Doch das ist nicht alles. «Wir haben haufenweise Pläne und Träume und sind erst in der Aufbauphase», sagt Bürli und Berisha nickt vielsagend.

Ernst und politisch gemeint

Bujar Berisha ist in Luzern kein Unbekannter. Der 35-jährige, selbständige Fotograf gehörte mit Who’s Elektra schon lange zum sogenannten Kulturkuchen. «Dieses Projekt ist unterbrochen. Nicht nur die Gitarren heulen», heisst es auf der Website der Diebe zu Who’s Elektra.

«Wir möchten, dass sich die Menschen offener begegnen.»

Liliane Bürli

Als die Band vor drei Jahren auf Stand-by schaltete, fand Berisha seine heutige musikalische und berufliche Komplizin per Zufall in der Industriestrasse. Lili Bürli ist in Langnau bei Reiden grossgeworden, hat Kulturwissenschaft studiert und danach neben unterschiedlichen Kulturvermittlungs- und Bandprojekten im Marketing gearbeitet.

Für ihre Freunde seien diese musikalischen und kulturellen Experimente stets Hobby gewesen. «Aber ich meine das bitterernst – schon immer», sagt sie und lacht.

Und das tut sie wirklich. Auch wenn sie von ihrem Plan spricht, ein Fitnessprogramm aufzubauen. Kein Sarkasmus. «Wir möchten, dass sich die Menschen offener begegnen», so Bürli.

Relevant und politisch

Die beiden haben ganz klare unklare Vorstellungen davon, was sie wollen. Nur ist das bisher nicht allen klargeworden. Dies ist wahrscheinlich der Grund dafür, weshalb sich die Auswahl an künstlerisch tätigen Komplizinnen und Komplizen noch etwas beschränkt präsentiert.

«Kunst muss relevant sein, etwas wollen, Veränderung wollen.»

Bujar Berisha

«Die Haltung muss passen», so Berisha. Kunst müsse relevant sein, etwas wollen, Veränderung wollen. Damit sei sie sehr oft situationsbedingt auch politisch. «Kunst als reine Ästhetik frustriert mich», ergänzt Bürli. Dazu passt auch, dass Berisha und Bürli dabei sind, im Kosovo eine NGO aufzubauen und Equipment für ein Kulturlokal in Pristina zu organisieren.

Der Kaffee ist mittlerweile ausgetrunken und irgendwo sind wir abgeschweift. Berisha und Bürli sind in einer Grundsatzdiskussion über Heimat und Sicherheit angekommen. Und über Wahrnehmung.

Berisha, der mit acht Jahren aus dem Kosovo in die Schweiz kam, nimmt oft die Beobachterrolle ein. Er habe schon als Kind, aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse, die Rolle des Zuschauers, die des Aussenseiters eingenommen. Eine Konditionierung, die schwierig aufzulösen sei, aber auch viele Vorteile mit sich bringe – besonders aus künstlerischer Sicht.

Spielen und lernen

Ständig tauchen im Gespräch weitere Projekte und Produkte auf, welche die beiden in den letzten zweieinhalb Jahren produziert oder angerissen haben. Einige befinden sich in der Warteschlaufe, andere sind bereits umgesetzt oder stehen an. Wie die Label-Night am 25. Oktober im Neubad-Keller, die Arbeit am eigenen Album oder die dreisprachige Publikation «Flug mit der Feuerkutsche» von Schriftsteller Prend Buzhala und Illustrator Peter Bräm. Oder der eigene Youtube-Kanal mit den «Danachrichten», in welche reinzuschauen sich definitiv lohnt.

Die Herangehensweise der beiden an ihre zahlreichen Ideen und Projekte hat durchs Band etwas Spielerisches, Genüssliches. «Wir experimentieren, testen, starten die Dinge, üben damit und entdecken im Prozess neu», so Bürli. «Wir suchen nach Lösungen.»

Doch präsentieren werden sie derer keine. Die Diebe machen ihre Suche öffentlich, und das Publikum, freiwillig und unfreiwillig, zum Teil davon.

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