Let’s talk about Sex, Chlamydien, Tripper & Co.
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Thomas Kaufmann, Leiter des Checkpoint, und Marlies Michel, Geschäftsstellenleiterin von S&X Sexuelle Gesundheit Zentralschweiz. (Bild: ida)

Luzerner Fachstelle erweitert Geschlechtskrankheitentests Let’s talk about Sex, Chlamydien, Tripper & Co.

7 min Lesezeit 23.08.2020, 17:43 Uhr

Bei der Luzerner Fachstelle S&X Sexuelle Gesundheit Zentralschweiz lassen sich jährlich Hunderte auf sexuell übertragbare Infektionen testen. Zwar werden immer weniger positiv auf HIV getestet – doch andere Geschlechtskrankheiten sind auf dem Vormarsch. Die Fachstelle erweitert nun ihr Angebot und eröffnet einen Checkpoint.

Let’s talk about Sex, Baby
Let’s talk about you and me
Let’s talk about all the good things
And the bad things that may be

sangen Salt ’n’ Pepa schon 1991. So schön Sex auch sein kann – er kann auch seine Schattenseiten haben. Seit 20 Jahren werden zwar immer weniger Menschen in der Schweiz positiv auf HIV getestet. Dafür sind andere Geschlechtskrankheiten auf dem Vormarsch – wie Chlamydien und Tripper.

In Luzern wird am 25. August offiziell ein Checkpoint eröffnet, bei dem man sich auf die häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen testen lassen kann. Das bereits bestehende Testangebot von S&X Sexuelle Gesundheit Zentralschweiz ist neu Teil der nationalen Checkpoint-Gruppe und bietet insbesondere der schwulen Community eine Anlaufstelle (siehe Box).

Wir haben mit der Geschäftsstellenleiterin Marlies Michel gesprochen.

zentralplus: Marlies Michel, letztes Jahr haben sich über 1’000 Personen bei der Fachstelle S&X Sexuelle Gesundheit Zentralschweiz beraten lassen. Was treibt die Menschen um?

Marlies Michel: Die Menschen suchen uns in erster Linie auf, um sich auf sexuell übertragbare Infektionen testen zu lassen. In den Vor- und Nachtestgesprächen kommen aber ganz unterschiedliche Themen zur Sprache: Liebe, Beziehungen, sexuelle Orientierung, Aussenkontakte, Prostitutionsbesuche, zu viel Sex, kein Sex, Stress. Aber auch alternative Beziehungsformen wie Polyamorie und offene Beziehungen kommen zur Sprache. Das war vor 20 Jahren noch kaum der Fall.

Hier kannst du dich testen lassen

Wer mehrere Sexpartnerinnen und oder -partner hat – fünf oder mehr pro Jahr – sollte sich laut Empfehlung des Bundesamts für Gesundheit einmal im Jahr auf sexuell übertragbare Infektionen testen. Beim Checkpoint von S&X Sexuelle Gesundheit Zentralschweiz gibt’s einen umfassenden Check, bei dem du auf HIV, Syphilis, Chlamydien, Gonorrhoe, Hepatitis B und C getestet wirst. Der Test kostet 100 Franken, zuvor musst du dich online oder telefonisch anmelden. Der Checkpoint ist jeden Donnerstagnachmittag geöffnet.

zentralplus: Das sind eine ganze Reihe an psychosozialen Themen.

Michel: Das stimmt. Bei einem Gespräch vor dem HIV-Test stellen wir dem Klienten, der Klientin, bereits jede Menge an persönlichen Fragen. Wann war der letzte ungeschützte Sex, in welchem Umfeld, mit welchem Geschlecht? Viele denken sich dann wohl, dass sie so viele intime Fragen beantwortet haben, dass sie auch alles andere erzählen können. Im Verlaufe des Gespräches sinkt deshalb die Hemmschwelle, über persönliche Themen zu sprechen.

zentralplus: Sind wir zu wenig gut aufgeklärt?

Michel: Wer zu uns kommt, ist in der Regel genügend sensibilisiert. An den Schulen, wo unsere Fachstelle Aufklärungsunterricht anbietet, merken wir hingegen: Es ist viel Halbwissen vorhanden. Die Leute wissen ein bisschen etwas über sexuell übertragbare Infektionen – aber sie wissen es nicht genau. Beispielsweise denken einige, dass bestimmte Sexualpraktiken riskant sind, obwohl das nicht stimmt. Früher sagte man, dass Oralsex ein HIV-Risiko sei. Heute weiss man: Es ist ein vernachlässigbares Risiko.

«Der Klassiker ist die Kondompanne.»

zentralplus: Nach welchen Situationen und Erlebnissen suchen Menschen die Fachstelle S&X auf?

Michel: Der Klassiker ist die Kondompanne. Oder es wurde erst gar kein Kondom benutzt – etwa nach einer Party, bei der es mit einem Kollegen oder einer Kollegin zum Geschlechtsverkehr kommt. Alkohol- und Drogeneinfluss sind Risikofaktoren, aber auch Kontakte mit Sexarbeitenden.

zentralplus: Wer kommt zu S&X?

Michel: Hauptsächlich sexuell aktive Menschen zwischen 25 und 45 Jahren. Aber auch ganz junge Menschen, die vor ihrem ersten sexuellen Kontakt stehen oder Leute im hohen Alter. Viele lassen sich auch einfach regelmässig testen, weil sie wechselnde Sexualpartnerinnen und -partner haben. Oder Paare, die erst die Bestätigung haben wollen, dass niemand von ihnen einen Infekt hat. Statistisch gesehen suchen mehr Männer – auch heterosexuelle – unsere Beratungsstelle auf. Der Checkpoint ist ein Angebot mit dem Hauptfokus auf die Zielgruppe schwule Männer respektive MSM –Männer, die Sex mit Männern haben. Hier finden sie eine umfassende gayfriendly Beratung und Testangebote.

«In Spitälern und Arztpraxen sind sich Ansprechpersonen zum Teil nicht gewohnt, dass Männer Sex mit Männern haben.»

zentralplus: MSM?

Michel: Wir unterscheiden zwischen offen lebenden Schwulen und MSM, den Männern, die Sex mit Männern haben. Es gibt bi- oder heterosexuelle Männer, die verheiratet sind oder eine Partnerin und nebenbei sexuellen Kontakt mit anderen Männern haben.

zentralplus: Warum ist es so wichtig, gerade Homosexuelle und MSM mit dem Checkpoint anzusprechen?

Michel: Bei einem Hausarzt gibt es häufig viel mehr Hürden, um über sexuelle Erfahrungen zu sprechen. Im medizinischen System allgemein, aber auch in Spitälern und Arztpraxen sind es sich Ansprechpersonen zum Teil nicht gewohnt, dass Männer Sex mit Männern haben. So ist bei vielen Homosexuellen und MSM die Angst da, nicht verstanden zu werden.

zentralplus: Spüren oder hören Sie denn in den Beratungen, dass Männer vorher Probleme hatten, sich ihrem Arzt anzuvertrauen?

Michel: Ja, ganz klar. Gerade bei den MSM, die eine Partnerin, eine Ehefrau, haben. Nach einer allfälligen Risikosituation dann mit dem Hausarzt – der die Partnerin oder bei jungen Menschen die Eltern kennt – über den Vorfall zu sprechen, kann ein Grund sein, es nicht zu tun. Und das kann fatale gesundheitliche Folgen auch für die Partnerin haben.

zentralplus: Wie schafft es die Fachstelle, auch diese vulnerablen Zielgruppen anzusprechen?

Michel: Es braucht spezifisches Wissen über die Lebenswelt der Männer, die Sex mit Männern haben. Wie beispielsweise: Wie und wo lernen sie sich kennen, wo treffen sie sich, wie gut sind sie informiert über gesundheitliche Risiken, welche Drogen werden allenfalls konsumiert, welche Beziehungsformen pflegen sie und so weiter. Zu diesem Zweck haben wir einen Mitarbeiter, der viel in der Partyszene unterwegs ist und niederschwellige Präventionsarbeit leistet.

zentralplus: Was tut er konkret?

Michel: Er versucht Brücken zu schlagen und schickt die Männer teilweise zu uns in die Fachstelle. Zudem haben wir üblicherweise einen Walk-In, bei dem man spontan für einen Test vorbeikommen kann. Coronabedingt fällt dieser momentan leider weg. Der Walk-In ist aber wichtig, er ermöglicht einigen niederschwelligen und unkomplizierten Zugang zum Checkpoint. Es gibt einige, die sagen, sie seien zufällig in der Gegend gewesen und hätten sich dann kurzfristig entschieden, sich auf sexuell übertragbare Infekte testen zu lassen.

zentralplus: Auf welche Geschlechtskrankheiten werden Menschen bei S&X am häufigsten positiv getestet?

Michel: Eindeutig Chlamydien. Das ist ein bakterieller Infekt, sehr viele Leute haben Chlamydien ohne jegliche Symptome. Dann folgt Gonorrhoe, besser bekannt unter Tripper, seltener Syphilis.

zentralplus: Vor einigen Jahren hat man bei S&X am häufigsten Menschen auf Tripper positiv getestet.

Michel: Ja. Tripper und Chlamydien sind bakterielle Infekte, mit denen man sich viel schneller als HIV anstecken kann. Um sich mit HIV anzustecken, muss es ungeschützten Sexualverkehr gegeben habe. Um sich Chlamydien oder Tripper einzufangen, braucht es nicht zwingend Sex. Wenn’s ganz blöd geht, kann man sich bereits beim Küssen mit Tripper oder Syphilis anstecken. Das sind Schmierinfektionen.

«Manchmal denke ich, dass es gut ist, wenn man nicht im Detail über alle möglichen sexuell übertragbaren Infektionen informiert ist.»

zentralplus: Schweizweit sinkt die Anzahl Neuinfektionen mit HIV seit 2002. Dafür werden mehr Menschen positiv auf Geschlechtskrankheiten wie Chlamydien getestet. Sind die Menschen fahrlässiger geworden, was den Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten anbelangt?

Michel: Ich glaube ja. Wobei fahrlässig das falsche Wort ist. Ich würde sagen: Sie sind sorgloser geworden. Des Risikos sind sich die meisten schon bewusst. Manchmal denke ich auch, dass es gut ist, wenn man nicht im Detail über alle möglichen Infektionen informiert ist. Man kann sich nie vor allen sexuell übertragbaren Infektionen schützen – dann dürfte man ja niemanden mehr anfassen, was nicht das Ziel sein kann. Die Situation ist insofern ähnlich wie bei Covid. Und wir sehen: So einfach ist es nicht.

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