Letizia Ineichen: «Wir sehen gerade, was es heisst, wenn diese Strukturen wegbrechen»
  • Kultur
  • Sport
«Diese Farben»: Die zukünftige Kultur- und Sportchefin der Stadt Luzern im Südpol. (Bild: jal)

So tickt Luzerns neue Kultur- und Sportchefin Letizia Ineichen: «Wir sehen gerade, was es heisst, wenn diese Strukturen wegbrechen»

5 min Lesezeit 15.11.2020, 08:00 Uhr

Mitten in der zweiten Coronawelle hat Letizia Ineichen, die zukünftige Kultur- und Sportchefin der Stadt Luzern, ihre neue Stelle angetreten. Für die 41-Jährige zeigt die aktuelle Situation, was Sport und Kultur für die Gesellschaft bedeuten.

«Diese Farben», sagt Letizia Ineichen und zeigt im Südpol auf die Wand, die in grellen Farben leuchtet. «Ob Bild, Choreografie oder Melodie: Kultur reflektiert, hinterfragt und sucht Antworten auf aktuelle Geschehnisse. Das hat mich stets genährt.»

Wir treffen die 41-Jährige im Kulturzentrum in Kriens, am Rande der Stadt Luzern, bei der Letizia Ineichen zukünftig als neue Kultur- und Sportchefin amtet (zentralplus berichtete). Anfang November hat sie die Stelle angetreten. Es sind grosse Fussstapfen, in die sie tritt.

Rosie Bitterli Mucha war 20 Jahre lang in dieser Funktion tätig, seit es diese Abteilung gibt, und prägte die städtische Kultur- und Sportpolitik. Künftig übernimmt sie die Projektleitung für das neue Theater, doch zuvor, bis Ende Jahr, arbeitet sie ihre Nachfolgerin ein. «Das ist super, um von ihrem grossen Know-How profitieren zu können», sagt Letizia Ineichen.

Ein Marathon pro Jahr

Für die Stadtluzernerin war klar, dass sie sich auf diese interessante Stelle bewerben würde. Die Kombination der Themen Sport und Kultur finde sie «genial». Sie singt selber gerne, regelmässig auch im Vokalensemble Collegium Vocale, und bezeichnet sich als «Bewegungsmensch».

Selber mit Skifahren – sie war lange begeisterte Skilehrerin – und Korbball gross geworden, ist sie heute in Sachen Sport vor allem joggend – ein Marathon pro Jahr – , auf dem Velo oder beim Schwimmen anzutreffen. Noch stärker ausgeprägt ist ihre musische Bildung. Wer ihren Werdegang anschaut, ist kaum überrascht über ihren neuen Job. Letizia Ineichen studierte an der Musikhochschule Luzern und ist bis zuletzt als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule tätig.

Die Vorgängerin von Letizia Ineichen hat sich ein grosses Know-How erarbeitet: Rosie Bitterli war 20 Jahre Kultur- und Sportchefin.

«Ich bin schon früh in klassische Musik ausgebildet worden, diese hat mich immer fasziniert.» Nach dem Studium arbeitete sie ein Jahr in einem musikpädagogischen Entwicklungsprojekt in Paraguay, wo sie ganz andere Töne kennenlernte; Singer-Songwriter, Jazz, Folklore. «Starke Stimmen wie jene von Omara Portuondo oder Mercedes Sosa höre ich nach wie vor sehr gerne. Sowieso Musik, die melancholisch ist und einem nahe geht.»

Nicht nur in ihrem privaten Leben geniessen die beiden Themen hohe Priorität. «Veranstaltungen, Freizeitangebote, Vereine: Sie prägen das gesellschaftliche Leben enorm. Und sie bedeuten auch viel für die Ausstrahlung einer Stadt.»

Diese Relevanz zu unterstreichen, erachtet sie als eine wichtige Aufgabe ihrer neuen Stelle. «Wir sehen ja gerade aktuell, was es heisst, wenn diese Strukturen wegbrechen. Nicht nur für die einzelnen Menschen, sondern für das gesellschaftliche Leben und den sozialen Austausch.» 

Besondere Zeiten – und beeindruckende Zeichen

In der Tat leiden Kultur ebenso wie Sport derzeit stark unter der Coronakrise. Für Letizia Ineichen war der Arbeitsbeginn Anfang November, mitten in der zweiten Welle, speziell, denn die Krise hat vielem eine zusätzliche Dimension verliehen. Davon lässt sie sich aber nicht beirren. «Ich bin eine sehr optimistische und pragmatische Person», sagt sie und lacht. Es bringe nichts, mit der Situation zu hadern. «Es braucht aber Lösungen, Rat und Tat – verbunden mit einer ordentlichen Prise Optimismus.»

Sie beobachtet mit Genugtuung, wie Kulturschaffende und Sportvereine bereits neue Wege finden und aus der schwierigen Lage das Beste machen. «Das ist beeindruckend – aber gleichzeitig auch ein grosser Kraftakt.» 

Letizia Ineichen bezeichnet sich selber als Allrounderin.

Für Letizia Ineichen ist es zentral, dass die Behörden schauen, wie sie das auffangen können. Nicht nur finanziell. «Wir müssen uns auch fragen: Welche Formen und Gefässe gibt es als Alternative?» Ihren zukünftigen Job sieht sie darin, im Sinne einer Dienstleistung die Rahmenbedingungen für Kultur und Sport möglichst positiv zu gestalten.

Machen die Behörden in dieser Krise denn genug, gerade in der Kulturstadt Luzern?

«Das ist eine berechtigte Frage», sagt Letizia Ineichen und umschifft eine konkrete Antwort. Sobald es um das Finanzielle gehe, entscheide letztlich die Politik. «Für mich persönlich ist klar: Kultur und Sport haben eine derart hohe gesellschaftliche Relevanz, dass sie grosse Priorität haben müssen.» Auch hier sehe sie ihre Aufgabe darin, diesen Stellenwert aufzuzeigen – damit die Politik die «richtigen» Entscheide treffen.

Die Politik ist ihr gar nicht fremd

Letizia Ineichen, die Schwester des kantonalen Parteipräsidenten, war lange Zeit Vizepräsidentin der städtischen CVP und ist daher mit den politischen Abläufen vertraut. In eine Partei- oder Personenecke lasse sie sich aber keinesfalls drängen. «Das Schöne am neuen Job ist, dass es nicht um die Partei, sondern um die Themen geht.» 

Und davon gibt es einige, die in den nächsten Jahren anstehen. Etwa das neue Luzerner Theater, die Debatte um die Billettsteuer oder die bröckelnde Solidarität der Agglogemeinden in der Kulturförderung, um nur ein paar wenige zu nennen.

«Ein weisses Blatt zu sein hat auch viel Gutes.» 

Für Letizia Ineichen geht es nun erst mal darum, sich einen Überblick zu verschaffen und mit all den Institutionen, Sportvereinen, Kunstschaffenden den Austausch suchen. «Stur auf dem eigenen Zug geradeaus zu fahren, bringt niemanden weiter, man sollte immer nach links und rechts schauen», sagt die Luzernerin, die sich selber als Allrounderin bezeichnet. 

Den Südpol, seit kurzem flankiert vom Campus der Musikhochschule und dem Probehaus des Sinfonieorchesters, hat sie als Treffpunkt gewählt, weil er exemplarisch für Kooperationen und den Austausch stehe. Gleichzeitig hat sie vom Südpol aus, Richtung Allmend, auch den Sport im Blick, der ihr ebenso wichtig sei wie die Kultur.

Die Vorteile des Unbekannten

Hinter den Kulissen ist hie und da zu hören, dass manche überrascht waren, dass Letizia Ineichen die neue Luzerner Kulturchefin wird. Denn in manchen Kreisen gilt sie als Unbekannte. «Ich war vielleicht weniger in den sogenannt typischen Kulturkreisen unterwegs – aber was ist schon typisch?», sagt Letizia Ineichen dazu, und sieht darin ebenso positive Züge. «Ein weisses Blatt zu sein hat auch viel Gutes.» 

Jetzt freut sie sich erstmal, die ganze kulturelle und sportliche Breite der Stadt zu erkunden, darunter auch neue oder altbekannte Orte. «Ich bin sehr motiviert, nun in diese Vielfalt einzutauchen.» 

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

Dieser Artikel hat uns über 800 Franken gekostet. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Wie viel ist Dir unabhängiger Journalismus wert?

Schön besuchst Du zentralplus. Für Dich gehen wir vor Ort, sind mitten drin und nahe dran. Doch ganz gratis geht Qualitätsjournalismus nicht. Um die unabhängige Stimme zu den Grossverlagen in der Zentralschweiz zu bleiben, benötigen wir Deine Unterstützung. Zeig uns mit Deinem freiwilligen Abo oder einem einmaligen Beitrag, was wir Dir wert sind.

Schön besuchst Du zentralplus. Du verwendest einen Adblocker. Werbung ist für eine wichtige Einnahmequelle, die uns hilft, die unabhängige Stimme zu den Grossverlagen in der Zentralschweiz zu bleiben. Denn gratis geht Qualitätsjournalismus nicht. Zeig uns mit Deinem freiwilligen Abo oder einem einmaligen Beitrag, was wir Dir wert sind.

CHF