Leonardo Genoni: «Wir müssen uns steigern, um Meister zu werden»
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Für ihn hat es mit seiner Leistung erst in den letzten drei bis vier Wochen gepasst: EVZ-Goalie Leonardo Genoni. (Bild: Patrick Straub/freshfocus)

EVZ-Goalie über die Rekord-Qualifikation Leonardo Genoni: «Wir müssen uns steigern, um Meister zu werden»

7 min Lesezeit 10.04.2021, 05:00 Uhr

Der fünffache Meister-Goalie ist 2019 zum EV Zug gestossen, um den Klub zum zweiten Meistertitel seit 1998 zu hexen. Nach fast zwei Jahren erlebt Leonardo Genoni am Dienstag seine Playoff-Premiere mit den Zugern. Ein Gespräch mit dem 33-Jährigen über die Auswirkungen von Spielen ohne Zuschauer, seine Corona-Erkrankung und darüber, was es braucht, um den Titel zu holen.

Er ist die Lichtgestalt unter den Schweizer Torhütern. Dreimal wurde der Zürcher Schweizer Meister mit dem HC Davos (2009, 2011 und 2015) sowie zwei weitere Male mit dem SC Bern (2017 und 2019). Darüber hinaus gewann Leonardo Genoni mit der Schweiz die WM-Silbermedaille 2018.

Im gleichen Jahr hat ihn der EV Zug engagiert, mit einem Fünfjahresvertrag, gültig ab der Saison 2019/2020. Im Dress der Berner war Genoni ein gewichtiger Grund dafür, dass die Zuger 2017 und 2019 als Final-Verlierer vom Eis stapfen mussten.

zentralplus: Leonardo Genoni, haben Sie keine Bedenken, zentralplus zum Interview zu treffen?

Leonardo Genoni: (erstaunt). Warum sollte ich? Habe ich etwas verbrochen?

zentralplus: Nicht dass ich wüsste. Aber nach unserem ersten langen Gespräch vor ziemlich genau einem Jahr wurde das darauffolgende Playoff abgesagt. Das Interview konnte nicht veröffentlicht werden.

Genoni: (schmunzelt). Aha, dann geht die Gefahr von Ihnen aus.

zentralplus: Nein, das glaube ich nicht. Denn es gab ein weiteres Gespräch zwischen uns, nach dem Cup-Aus gegen Langenthal. Und diesem Interview blühte das gleiche Schicksal wie dem vorangegangenen. Weil am gleichen Tag EVZ-Trainer Dan Tangnes positiv auf Corona getestet wurde und die gesamte Mannschaft daraufhin ein erstes Mal in Quarantäne geschickt wurde.

«Ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht abergläubisch bin.»

Genoni: Echt? Das war mir nicht bewusst. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht abergläubisch bin. Wie sich das letzte Jahr ab März entwickelte, konnte ja niemand erahnen. Dieser Blick zurück ist für mich letztlich ein Lächeln wert, wenn man sieht, wie das Ganze bis zum heutigen Tag gehandhabt wird. Es ist ein Jahr vergangen, und nach einem kurzen Intermezzo spielen wir seit langer Zeit wieder ohne Zuschauer.

zentralplus: Wie blicken Sie auf die nächsten Wochen, in denen das Playoff stattfinden soll?

Genoni: Die ganze bisherige Saison war eine spezielle. Und welchen Einfluss es aufs Spiel haben wird, keine Zuschauer im Stadion zu haben, hätte ich mir nicht vorstellen können. Aber ich glaube, dass die Liga die aktuelle Corona-Situation mit ihrem Schutzkonzept gut im Griff hat. Mit den Tests, die durchgeführt werden, sollten so viele Spiele wie möglich drinliegen.

zentralplus: Und wenn die Meisterschaft vor dem eigentlichen Playoff-Ende abgebrochen werden müsste, ist der EVZ Meister, falls er zu diesem Zeitpunkt als Dominator der Qualifikation noch immer im Titelkampf dabei ist. Ein möglicher Trost?

Genoni: Eventualitäten mag ich in meiner Gedankenwelt nicht durchspielen. Ich lebe im Hier und Jetzt.

zentralplus: Sie wurden im Verlauf dieser Saison selbst positiv auf Corona getestet. Was war das für ein Erlebnis?

Genoni: Zunächst war ich schockiert, weil ich nicht damit rechnete, positiv getestet zu werden. Zu Beginn hatte ich keine Symptome. Aber weil ich Vater dreier Kinder bin, habe ich mich im Untergeschoss unseres Hauses in Isolation begeben. Keine einfache Zeit, weil ich warten musste, bis sich gewisse Beschwerden einstellten. Das gab mir zu denken, weil vieles über die Erkrankung unbekannt war.

zentralplus: Hat es Sie heftig erwischt?

Genoni: Nein, nicht schlimm. Andere in unserem Team traf es heftiger.

zentralplus: Auch keine zeitweiligen Nachwirkungen auf Ihre Gesundheit und Ihren Job?

Genoni: Nein, zum Glück keine.

zentralplus: Kostet eine vom Corona-Virus geprägte Saison mehr Kraft als jede vorangegangene? Wegen der Umstände gerade im mentalen Bereich?

«Wir haben im Moment gelebt. Und das mussten wir erst mal lernen.»

Genoni: Der grösste Unterschied für mich war, dass die Saison später anfing. Und dann kamen noch Pausen wegen verschiedener Quarantänen hinzu. Was in nächster Zeit passierte, war darum nicht planbar. Und das hat uns gutgetan.

zentralplus: Inwiefern?

Genoni: Wir haben im Moment gelebt. Und das mussten wir erst mal lernen. Es gab weniger Ablenkung für uns durch äussere Einflüsse, durch das Publikum und die Medien. Ich bin stolz darauf, wie wir uns als Mannschaft geschlagen haben. Es gab nur ganz wenige Spiele, in denen wir nicht gepunktet haben. Wir spielten eine sehr solide Qualifikation. Aber das Kapitel ist nunmehr abgeschlossen.

zentralplus: Was macht eine Corona-Saison mit einer Mannschaft, die ohne Zuschauer, ohne Energie aus den Rängen auskommen muss?

Genoni: Es braucht Selbstmotivation, das ist entscheidend. Und das haben wir gelernt. Wir haben viele Leader im Team. Diese sind mit gutem Beispiel in dieser Saison vorangegangen. Das half in dieser Saison enorm.

zentralplus: Daraus ergab sich eine beeindruckende Leistungskonstanz.

Genoni: Der grösste Teil unserer Mannschaft konnte seine Leistung stets abrufen. Die musste nicht immer entscheidend oder herausragend sein, das strebt letztlich ja jedes Teammitglied an. Es reichte, wenn man zumindest sein eigenes Level abrief.

zentralplus: Der EV Zug legte eine Rekord-Qualifikation ohne Beisein von Zuschauern hin. Darf man daraus schliessen, dass der positive Einfluss der Zuschauer aufs Spiel überschätzt wird?

Genoni: Das glaube ich nicht. Unser Spiel weckt und lebt von Emotionen. Für uns fühlte es sich gerade deshalb nicht gut an, weil die Zuschauer fehlten. Wir dürfen von uns behaupten, dass wir mit unseren Leistungen in der vorangegangenen Saison die Zuschauer-Auslastung nahezu an die maximale Auslastung der Bossard Arena getrieben haben. Vielleicht hätten wir mit dieser Qualifikation noch mehr Begeisterung bei unserem Publikum auslösen können. Auch wenn wir 37 Punkte liegen gelassen haben.

«Wir haben das Ziel unseres Goalie-Teams klar verpasst.»

zentralplus: Wie beurteilen Sie Ihre eigene Leistung bis jetzt?

Genoni: Positiv gesehen: Ich legte einen Steigerungslauf gegen Ende der Qualifikation hin. Die letzten drei bis vier Wochen haben ganz gut gepasst. Negativ beurteilt: Wir haben das Ziel unseres Goalie-Teams klar verpasst. Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, weniger als 100 Gegentore zu kassieren. Da liegen wir deutlich darüber, auch weil wir bei meinen Einsätzen zum Teil zu viele Gegentore zuliessen. Darum gelange ich zum Urteil, dass das nicht die beste Qualifikation in meiner bisherigen Karriere war.

zentralplus: Immerhin haben Sie in Ihren 38 Quali-Spielen 28 Siege mit dem EVZ davongetragen.

Genoni: Ich möchte betonen: Diese Quote ist in erster Linie einem Teameffort zu verdanken. Aber für unser Goalieteam wird es schwierig, bei gelegentlich sechs Gegentoren pro Match in einer 52 Spiele dauernden Qualifikation den Durchschnitt unter zwei Gegentore zu senken. Aber wissen Sie was?

zentralplus: Schiessen Sie los.

Genoni: Der Schlüssel zum Gewinn der Playoffs ist, die Quote an Gegentoren zu minimieren. Dann müssen wir umso weniger Treffer erzielen, um zu siegen.

zentralplus: Es gibt Journalisten, die Ihnen nicht mehr zutrauen, an das Level anzuknüpfen, das den fünffachen Meistergoalie Leonardo Genoni beim SC Bern noch ausgezeichnet hat.

Genoni: Das Schöne am Sport ist doch, dass wir Profis uns an jedem Tag aufs Neue beweisen müssen. Und das macht mir Spass: Ich sehe einen Fortschritt bei der Entwicklung unserer Mannschaft und bei mir selber.

«Alles, was der Qualifikationssieg noch hergibt, ist das erste Heimrecht in den Playoffs.»

zentralplus: Wie schwer ist es, nochmals an das Topniveau von Leonardo Genoni heranzukommen?

Genoni: Es ist eine Herausforderung. Ich freue mich sehr auf die nächsten Wochen. Nach fast zwei Jahren der Zusammenarbeit mit dem EV Zug werde ich endlich Playoff-Erfahrung erhalten.

zentralplus: Von Ihnen wird erwartet, dass Sie den entscheidenden Unterschied auf dem Weg der Zuger zum zweiten Titelgewinn nach gut zwei Jahrzehnten ausmachen werden. Wie gehen Sie damit um?

Genoni: Ich habe an mich selbst höchste Erwartungen, also ist der Druck von aussen gar kein Thema. Ich komme jeden Tag ins Training, um mein Bestes zu geben, um so wenig Fehler wie möglich zu machen. Dazu muss man auch wissen: Alleine kann ich keine Spiele gewinnen, ich habe noch nie ein Tor geschossen. Eishockey ist und bleibt Teamsport. Und vielleicht hilft es auch, dass ich das, was ich mache, nicht zu ernst nehme.

zentralplus: Sie wissen, was es braucht, um Meister zu werden. Wie hilft dieses Wissen in der Garderobe?

Genoni: Man muss sich klar darüber sein, dass die Qualifikation abgeschlossen ist und man ihr keine grosse Bedeutung mehr zuweisen darf. Alles, was der Qualifikationssieg noch hergibt, ist das erste Heimrecht in den Playoffs. Wir müssen uns stattdessen bewusst sein, dass die Leistung, die wir bis jetzt erbracht haben, nicht reicht, um Meister zu werden. Wir müssen nochmals Fortschritte machen. Dieses Wissen treibt ein Team an, und die Leistungsträger müssen mit Leistung vorangehen.

Lesen Sie morgen Sonntag den zweiten Teil des Interviews mit Leonardo Genoni über die Implementierung einer neuen Leistungskultur im EV Zug.

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