Lehrer in Ausbildung unterrichten die Kinder
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Wegweiser zur «Internat/Tagesschule Horbach» auf dem Zugerberg. (Bild: hch)

Kaum Heilpädagogen an Zuger Schule Lehrer in Ausbildung unterrichten die Kinder

5 min Lesezeit 11.10.2014, 11:00 Uhr

Die private Tagesschule Horbach auf dem Zugerberg findet keine ausgebildeten schulischen Heilpädagogen (SHP). Gerade einmal zwei statt der verlangten sieben ausgebildeten Lehrer betreuen die Primarschüler. Die Schule füllt die Lücke mit Lehrpersonen in Ausbildung. Dies führt zu Beanstandungen.

zentral+ wollte wissen, wie sich die Situation an der Primarstufe der Sonderschule «Internat und Tagesschule Horbach» (ITH) jetzt, einige Jahre nach den betriebsinternen Querelen der heutigen Schulleitung mit ehemaligen Lehrpersonen präsentiert. Hat die Schule neue Lehrer mit heilpädagogischer Ausbildung gefunden? Kann sie die kompetente Betreuung der Kinder sicherstellen? zentral+ liegt die Aussage einer früheren Lehrerin vor, nach der an der Schule kein einziger schulischer Heilpädagoge mehr arbeite. Ein happiger Vorwurf. War das vielleicht damals nach der Kündigungswelle so? Wir bitten die Schulleitung, Stellung zu nehmen.

GGZ: «Abdeckung von 50 Prozent»

Schul- und Internatsleiter Thilo Behrendt ist nicht erreichbar, stattdessen meldet sich Peter Fehr, Direktor der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug (GGZ), welche die Schule betreibt: «Ihre Annahme, dass an der ITH keine SHP-Lehrerpersonen mehr unterrichten, ist im höchsten Mass befremdend.» Und weiter: «Auf Ihre Frage können wir antworten, dass die ITH aktuell eine Abdeckung mit SHP-Lehrerpersonen von 50 Prozent hat. Bei den Sozialpädagogen ist die Abdeckung gar 100 Prozent.»

Fehr weist darauf hin, dass die Suche nach Lehrern und Lehrerinnen mit heilpädagogischer Ausbildung in der ganzen Schweiz für alle Schulen, seien sie nun öffentlich oder privat, momentan sehr schwierig ist. «Es hat einfach viel zu wenige SHP- Lehrkräfte auf dem Arbeitsmarkt».

Wieviele Lehrer an der Horbach-Schule unterrichten, will GGZ-Direktor Fehr partout nicht kommunizieren. Das ist offenbar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Fehr spricht von einem «Feldzug» der Lehrerin, welche die Vorfälle in der Schule öffentlich gemacht hat, dies, obwohl sich die GGZ vor zwei Jahren auf einen grosszügigen Vergleich eingelassen habe. «Das Amt für gemeindliche Schulen des Kantons Zug ist Aufsichtsorgan der ITH und dem sind wir Rechenschaft schuldig», lässt der GGZ-Direktor wissen.

Internat kostet 180’000 Franken pro Jahr

Heilpädagogen: Kanton Zug zahlt am besten

Eigentlich müsste die Schule mit den Rahmenbedingungen im Kanton Zug keine Probleme haben, neues Personal zu finden. Zug zahlt die besten Löhne für SHP-Lehrkräfte gemäss der Lohndatenerhebung der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz. In der Zentralschweiz auf jeden Fall, in der übrigen Deutschschweiz verdient man nur noch in Solothurn mehr. Lehrkräfte an Zuger Kleinklassen der Primarstufe mit schulischer Heilpädagogik haben im Kanton Zug im ersten Jahr einen Jahreslohn von 86'993 Franken, im elften Jahr kommen sie auf 121'304 Franken, der Maximumlohn beträgt 136'101 Franken; das sind über 10'000 Franken im Monat. Zum Vergleich: der Maximallohn in Schwyz ist 127'000 Franken, in Luzern 125'000 Franken. «Wir haben auch Dank unseren Löhnen, neben Zürich, einen Magneteffekt», sagt Lukas Fürrer, «unsere Abdeckung mit SHP ist verhältnismässig gut im Kanton Zug.»

Doch das gilt für die vom Kanton direkt angestellte SHP-Lehrkräfte an öffentlichen Schulen. Ein Grund für das Problem der Schule, geeignete Lehrkräfte zu finden, seien neben dem grossen Mangel möglicherweise schlechtere Arbeitsbedingungen von Schulen mit privater Trägerschaft, sagt Barbara Kurth-Weimer, Präsidentin des Lehrerinnen- und Lehrervereins Kanton Zug.

Das Amt für gemeindliche Schulen hat die Aufsicht über ITH und sechs weitere Sonderschulen im Kanton Zug, die teilweise auch von Kindern aus anderen Kantonen besucht werden. Gemäss Lukas Fürrer, stellvertretender Generalsekretär der Direktion Bildung und Kultur, hat Zug eine Leistungsvereinbarung mit der ITH.

Zur Personal-Situation sagt Fürrer: «Wir sind im Bild über die schlechte Lage im Bereich der schulischen Heilpädagogen. Die ITH musste im Frühjahr einen Plan vorlegen, wie sie die Ausbildungssituation wieder in den Griff kriegen will.» Der Kanton sei aber nicht zuständig für die operative Führung oder auch die Personalführung der Schule, macht Fürrer klar.

Gemäss den Zahlen der Schule, die der Direktion vorliegen, präsentiert sich die Situation so: Die Primarschule auf dem Zugerberg besuchen zurzeit 17 Kinder. Neun stammen aus Zug, die übrigen aus anderen Kantonen. Die drei Klassen werden von je einer Klassenlehrperson unterrichtet. Von den drei Lehrkräften hat nur eine die erforderliche heilpädagogische Ausbildung abgeschlossen; die beiden anderen Pädagogen sind noch in Ausbildung. An der Sekundarstufe der ISH mit ihren 21 Schülern, davon neun aus Zug, ist die Situation ähnlich. Von den vier Klassenlehrpersonen hat dort ebenfalls nur eine die SHP-Ausbildung abgeschlossen, und drei sind in Ausbildung.

Gesamthaft beschäftigt die Schule in beiden Stufen also bloss zwei SHP-Ausgebildete von sieben Lehrpersonen. Das sind weit weniger als die von der GGZ angegebenen 50 Prozent. «Die 50 Prozent SHP im Schulbereich werden nur erreicht, wenn die SHP in Ausbildung mitgezählt werden», sagt Lukas Fürrer.

100 statt 50 Prozent Abdeckung erforderlich

Bezüglich der Ausbildungssituation werde in allen Sonderschulen eine vollständige Abdeckung durch Lehrpersonen mit einer Ausbildung in Schulischer Heilpädagogik SHP angestrebt, sofern diese Personen im Unterricht eingesetzt werden. Das heisst: Alle Klassenlehrer müssten die SHP-Ausbildung haben. Dies in der Realität zu erreichen, ist jedoch laut Fürrer sehr schwierig, weil es einfach zu wenig ausgebildete schulische Heilpädagogen gibt.

Lehrkräfte, welche nicht, respektive noch nicht, in Schulischer Heilpädagogik ausgebildet sind, erhielten deshalb vom Amt für gemeindliche Schulen nur eine befristete Lehrbewilligung, die zudem an Auflagen geknüpft ist. «Die Erteilung befristeter Bewilligungen ist gesetzlich geregelt», erklärt Lukas Fürrer.

Befristete Lehrbewilligungen

Die Sonderschule versucht ihr Personalproblem also mit Sondergenehmigungen des Kantons zu lösen. «Seit 2011 haben wir insgesamt 18 befristete Lehrbewilligungen erteilt». Gemäss Zielvereinbarung der Schule mit dem Kanton soll der nötige Sollbestand von ausgebildeten SHP-Pädagogen bis in zwei Jahren erreicht werden, wenn die betreffenden Lehrpersonen ihre Ausbildung abschliessen. Bis 2015 ist das eine Lehrkraft, bis 2016 wären es fünf weitere. Ob diese Lehrer bis dann an der Tagesschule bleiben und ihre Ausbildung dort abschliessen, ist eine Frage, die wohl nur die Lehrkräfte selber beantworten könnten.

Barbara Kurth-Weimer, Präsidentin des Lehrerinnen- und Lehrervereins Kanton Zug (LVZ) fragt sich, ob eine Schule ohne genügend heilpädagogisches Know-how den Ansprüchen an eine heilpädagogische Schule genügt und die mit dem Kanton vereinbarten Leistungen professionell erbringen kann. Die Rechtsberatung des LVZ wurde von entlassenen Lehrpersonen der Schule vor zwei Jahren informiert und beriet diese. «Seither ist laut meinen Informationen Ruhe eingekehrt an der Schule», sagt die LVZ-Präsidentin zu zentral+. Sie will das Gespräch suchen und die Schule wo möglich konstruktiv unterstützen.

Für Kanton Zug ist die Schule wichtig

Der Kanton ist auch sehr interessiert, dass die Schule ihre Probleme löst. Der Grund: «Für den Kanton Zug ist die ITH wichtig, weil die Plätze an solchen Schule sehr rar sind und der Aufbau einer kantonalen Schule zwar möglich, aber ein sehr kostspieliges und langwieriges Unterfangen wäre», sagt Lukas Fürrer von der Direktion Bildung und Kultur des Kantons Zug.

180’000 Franken kostet Betreuung im Internat

«Letztlich besteht eine Steuerungsmöglichkeit des Kantons auch über die Finanzen», sagt Fürrer. Ein Aufenthalt in der Tagesschule kostet pro Schüler zirka 90’000 Franken pro Jahr. Ein Aufenthalt im Internat mit Schule und Wohnen kommt auf zirka 180’000 Franken pro Jahr zu stehen. Gemäss der Vereinbarung zahlen die Wohngemeinde des Kindes und der Kanton Zug je die Hälfte der Schulkosten.
2013 erhielt die Primarstufe der ITH auf dem Zugerberg laut Jahresbericht der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug eine Leistungsabgeltung des Kantons Zug über 1,39 Millionen Franken und 1,66 Millionen Franken von anderen Kantonen. Die Sekundarstufe erhielt 1,69 Millionen von Zug und 1,24 Millionen von anderen Kantonen. Die ITH will demnächst ein neues Schulhaus realisieren, in dem sie beide Stufen zusammen führt.

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