Einmal Bartrasur bitte

«Seiten auf Null»: So ticken Barbershops in Luzern

Rebar vom City Barbershop an der Bruchstrasse in Luzern schneidet einem Kunden die Haare. (Bild: ewi)

In Luzern spriessen Barbershops wie Pilze aus dem Boden. Warum der Hype? Und wie kann ein Geschäftsmodell funktionieren, das Haarschnitte ab 20 Franken anbietet?

Es gibt in der Luzerner Innenstadt mittlerweile kaum noch eine Strasse, an der einem nicht die sogenannte «Barberpole» entgegenleuchtet. Dieser Stab in den diagonal verlaufenden Streifen in roter, weisser und blauer Farbe. Er zeigt unverkennbar an: Hier ist ein Barbershop. Und das heisst: Hier gibt es eine neue Frisur und einen frisch getrimmten Bart praktisch gratis.

Doch wie dieses Geschäftsmodell funktioniert, wirft Fragen auf. Ein weit verbreitetes Gerücht sagt, dass Barbershops bloss der Geldwäscherei dienen. Auch die zentralplus-Community ist neugierig. Sie hat sich darum einen entsprechenden Artikel als Möglichmacher-Geschichte des Monats Juni gewünscht.

Viele Barbershops in Luzern halten sich an die Regeln

Die Politik ist ebenfalls misstrauisch. Der Luzerner Kantonsrat verlangte vor über einem Jahr verschärfte Kontrollen (zentralplus berichtete). Insgesamt kontrollierte die Kantonale Industrie- und Gewerbeaufsicht (Kiga) 2021 38 Coiffeursalons und rund 70 Personen bezüglich Schwarzarbeit. Dabei unterschied die Kiga nicht zwischen herkömmlichen Coiffeursalons und Barbershops.

Die Kiga verzeichnete zwei Verstösse gegen das Sozialversicherungsrecht, fünf Verstösse gegen das Ausländerrecht sowie zwei Verstösse gegen das Quellensteuerrecht. Dabei sind Mehrfachverstösse pro Betrieb oder Person möglich.

Lea Marberger, Leiterin Flankierende Massnahmen bei Wirtschaft und Arbeit Luzern (wira), sagt dazu: «Diese Verstossquote ist als eher unterdurchschnittlich einzustufen.» Darum sind die Coiffeursalons in diesem Jahr schon wieder aus dem Fokus der Kiga gerückt: «Ein spezifisches Augenmerk bezüglich Coiffeurbetrieben liegt aktuell nicht vor», sagt Marberger.

Bezüglich Arbeitsbedingungen schneiden die kontrollierten Coiffeursalons jedoch schlechter ab. Für die Kontrolle des Gesamtarbeitsvertrags (GAV) des Coiffeurgewerbes (PK Coiffure) ist die Paritätische Kommission zuständig. 2021 kontrollierte die Kommission 23 Betriebe im Kanton Luzern. Die Analyse dieser Kontrollen ist noch nicht abgeschlossen.

Für die gesamte Schweiz liegen die Daten aber bereits vor. 40 Prozent der Betriebe halten die im GAV vereinbarten Richtlinien nicht ein. Der Kanton Luzern liege im Schweizer Durchschnitt, bestätigt Claudia Hablützel, Geschäftsleiterin bei der PK Coiffure.

Eitle Männer lassen Barbershops florieren

Schlau wird man aus diesen Zahlen noch nicht. Sprechen sie nun für oder doch eher gegen die Branche? Wir versuchen daher einen neuen Zugang zum Thema – auf qualitative, statt quantative Weise.

Warum haben die Barbershops einen so zwiespältigen Ruf? Wie ist der Hype überhaupt zu erklären? Und wie kann ein Geschäftsmodell funktionieren, das Haarschnitte für 20 Franken anbietet? zentralplus hat bei denen nachgefragt, die es wissen müssen: den Shop-Betreibern selbst.

In erster Linie hat der Trend mit einem veränderten Selbstverständnis von Männern zu tun. Joel, Mit-Inhaber von «Finest Barbers Luzern» am Hallwilerweg, erklärt: «Die Männer sind eitler geworden. Früher habe sich fast kein Mann die Augenbrauen gezupft. Jetzt gibt es Kunden, die lassen das alle zwei Wochen machen.»

«Barbershops sind Männertreffpunkte.»

Joel, Mit-Inhaber «Finest Barbers Luzern»

Barbershops verkörpern ein neues Verständnis von Männlichkeit. Auch bei konservativen Geschlechtervorstellungen reicht es für Männer nicht mehr aus, bloss auf Muckis zu setzen. «Männer haben realisiert, dass Frauen ein gepflegtes Äusseres attraktiv finden», sagt Joel. «Darum kommen manche sogar mehrmals pro Monat, um stets frisch gestylt auszusehen.»

Der etablierte Coiffeursalon «Birrer» an der Pilatusstrasse ist auch auf den Trend aufgestiegen. Die Barberpole vor dem Eingang zeigt das unverkennbar. (Bild: ewi)

Längst sind auch herkömmliche Haarsalons auf den Trend aufgestiegen. So leuchtet auch beim Salon «Birrer» an der Pilatusstrasse seit einiger Zeit ein «Barberpole» vor dem Eingang. «Wir haben gemerkt, dass die Nachfrage nach einer fachkundigen Bartpflege steigt», sagt Geschäftsinhaberin Laura. Also hat man den Salon eigens um eine Ecke im «Barbershop-Look» erweitert. Mit Erfolg, wie Laura betont.

Eine Bastion der Männlichkeit – und ein Jugendtreff

Barbershops liegen aber nicht bloss wegen der grösseren Eitelkeit der Männer so im Trend. Die Coiffeurläden haben auch eine soziale Komponente. «Barbershops sind Männertreffpunkte», sagt Joel. Hier ist «mann» unter sich, kann über Dinge reden, die «mann» andernorts vielleicht nicht sagen würde. Eine Bastion der Männlichkeit – und das ausgerechnet in einem Haarsalon.

Dementsprechend sind die Shops eingerichtet. Entweder machen sie auf rustikal, dunkles Holz und Leder prägen die Einrichtung. Oder sie machen auf glamourös, Gold und Marmor (meistens beides Fake) sind hier die tragenden Stilelemente. Beide Einrichtungsstile suggerieren klar: Ein Coiffeursalon ist ein bedeutsamer Ort. Ein Ort, den man mit Stolz mehrmals pro Monat besucht.

Gold und Marmor so weit das Auge reicht. Rebar posiert in seinem City Barberhop an der Bruchstrasse. (Bild: ewi)

Zuletzt hat die Beliebtheit von Barbershops auch eine kulturelle Dimension. Der frisch getrimmte Bart, die perfekt sitzende Frisur – all das ist Teil einer Jugendkultur. «Seiten auf Null» heisst es im Jugendslang, wenn die Haare an den Seiten komplett abrasiert werden.

Auf der Musikplattform Spotify finden sich nicht weniger als vier Lieder mit diesem Titel. Alle Lieder sind dem Genre «Deutschtrap» zuzuweisen. Dem Genre, das bei Jugendlichen seit einigen Jahren so hoch im Trend steht liegt wie keine andere Musikrichtung.

Auch das trägt dazu bei, dass der Besuch im Barbershop als cool gilt. So trifft man vor den Shops häufig auf kleine Gruppen junger, zumeist rauchender Männer, die vielleicht nicht mal einen Termin haben. Der Barbershop ist für manche ein Treffpunkt wie für andere eine Bar oder ein Sportplatz.

Barbershops setzen auf Massenabfertigung

Und was hat das nun alles mit dem zweifelhaften Geschäftsmodell der Günstig-Shops zu tun? Einerseits besteht eine wachsende Nachfrage nach dem spezifischen Angebot von Barbershops. Das haben alle Coiffeure, die für diesen Artikel befragt wurden, bestätigt. Herkömmliche Haarsalons sind selten auf die Bartpflege spezialisiert. Weil Barttragen seit einigen Jahren aber wieder im Trend liegt, schaffen Barbershops hier eine gut nachgefragte Alternative.

Der Trend hat aber eine Kehrseite: «Die Konkurrenz wird grösser», bestätigt Rebar vom City Barbershop an der Bruchstrasse. «Seit es so viele Shops gibt, haben wir weniger Kunden.»

«Die Abweichungen resultieren häufig nicht aus böswilliger Absicht.»

Claudia Hablützel, Geschäftsleiterin PK Coiffure

Und das gefährdet das Geschäftsmodell. Denn dieses beruht auf Quantität. Wer die Seiten auf Null hat, muss bereits nach wenigen Tagen wieder nachrasieren. Und das wiederum geht natürlich nur, wenn sich die Kosten für einen einzelnen Coiffeurbesuch in Grenzen halten. Der Aufwand für einen einfachen Maschinenhaarschnitt ist überschaubar. So kann ein Barbier drei bis vier Kunden pro Stunde Haare und Bart schneiden – wenn denn so viele Kunden kommen. Der Barbershop als Massenabfertigung. Das System und seine Kunden sind voneinander abhängig.

Nicht die typische Ausstattung in einem Coiffeursalon. Doch «Finest Barbers Luzern» gestalten mit dem Look bewusst eine Wohlfühloase – für Männer. (Bild: ewi)

Fehlbare Coiffeure: Strategie oder Versehen?

Dass es manche Betriebe mit dem Arbeitsgesetz und dem GAV nicht so genau nehmen, hat womöglich weniger mit krimineller Energie als mit Unwissenheit zu tun. Das bestätigt Claudia Hablützel von PK Coiffure: «Die Abweichungen resultieren häufig nicht aus böswilliger Absicht», nimmt sie die fehlbaren Betriebe in Schutz. Manchmal gehe ein Lohnstufenwechsel vergessen oder die Ansätze für die Versicherungsprämien würden nicht rechtzeitig angepasst.

Rebar vom City Barbershop sagt dazu: «In der Schweiz ist es sehr einfach, sich selbstständig zu machen. Ein eigener Barbershop ist für viele ein Traum. Das trägt dazu bei, dass es immer mehr Shops gibt.» Das Problem hierbei: Es ist einfacher, ein Geschäft zu eröffnen als eines sauber zu führen.

«Natürlich gibt es auch bei uns Mitbewerber, die es nicht mit allem ganz genau nehmen», räumt der Barbier Joel ein. «Doch die gibt es in jeder Branche.» Sein Unternehmen setzt bewusst auf höhere Preise, um sich von den übrigen Barbershops abzuheben und den Mitarbeitern faire Löhne zu zahlen. Hier steht Qualität vor Quantität – dafür kostet ein Kurzhaarschnitt schnell mal 90 Franken. Der Barbershop als Luxussalon. Selbst dafür hat es in diesem Trend Platz.

Verwendete Quellen
  • Persönlicher Austausch mit Joel, Rebar und Laura
  • Schriftlicher Austausch mit Claudia Hablützel
  • Schriftlicher Austausch mit Lea Marberger
  • Website von «Finest Barbers Luzern»
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