Langzeitgymnasien abschaffen? Alte Diskussion flammt neu auf
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Werden Untergymnasien in Luzern gestrichen, wäre auch das Langzeitgymnasium Beromünster in seiner Existenz gefährdet. (Bild: Facebook/Kantonsschule Beromünster)

Lehrer fürchten um Existenz Langzeitgymnasien abschaffen? Alte Diskussion flammt neu auf

5 min Lesezeit 05.02.2020, 05:01 Uhr

Der Verband Luzerner Mittelschullehrerinnen und Mittelschullehrer befürchtet eine neue Attacke auf die Langzeitgymnasien. Der Luzerner Gewerbeverband plane, diese abzuschaffen, so der Vorwurf. Der Geschäftsführer des Gewerbeverbands, FDP-Kantonsrat Gaudenz Zemp, winkt ab.

Der Luzerner KMU- und Gewerbeverband (KGL) und sein Direktor FDP-Kantonsrat Gaudenz Zemp sollen anscheinend mitten in der Vorbereitung sein, das Untergymnasium im Kanton Luzern abzuschaffen. Das jedenfalls behauptet der Verband der Luzerner Mittelschullehrerinnen und Mittelschullehrer (VLM) in einer Mitteilung, die sie am Dienstag den Medien verschickten.

«Verschiedene Quellen haben uns übereinstimmend bestätigt, dass Diskussionen im Gange sind und sogar schon Vorbereitungen laufen», sagt Markus Elsener, Präsident des VLM, gegenüber zentralplus. Von mehreren Seiten seien ihm die Informationen bestätigt worden: aus dem Kantonsrat, der Bildungsverwaltung und von Schulleitungen.

VLM wurde in Diskussionen nicht involviert

«Einmal mehr wird dieselbe Diskussion aufgerollt, Langzeitgymnasien zu streichen», fügt Markus Elsener an. Denn das Untergymnasium steht im Kanton Luzern seit Jahrzehnten unter Beschuss. Immer wieder führten auch finanzpolitisch motivierte Überlegungen dazu, das Untergymnasium abschaffen zu wollen. Dabei mache das gerade aus finanzpolitischer Sicht keinen Sinn, sagt Elsener. Sämtliche Studien und Berechnungen der letzten Jahre hätten gezeigt, dass eine Abschaffung ein Nullsummenspiel ist.

Mit der Frage, ob Langzeitgymnasien abgeschafft werden, flammt ein alter Streit auf. Zuletzt standen sie 2016 erneut unter Druck, als die Luzerner Regierung aus Spargründen prüfen wollte, Langzeitgymnasien zu schliessen. Der KGL betont immer wieder, dass man die Berufslehre und die Berufsmaturität stärken soll. Zemp meinte früher: Wer das Gymi macht, ist für die Berufslehre verloren.

Genau diesen Zusammenhang bestreitet Elsener vehement und weist auf die Zahlen des Statistischen Jahrbuchs des Kantons Luzern hin. Diese würden zeigen, dass eine hohe Gymnasialquote mit einer hohen Berufsmaturitätsquote korreliert, was eben gerade nicht auf eine gegenseitige Konkurrenz hinweise.

«Und jetzt folgt also eine erneute Attacke durch den Gewerbeverband», so Elsener. Der VLM sei dabei nicht vom Gewerbeverband in entsprechende Diskussionen involviert worden. Hintergangen fühle man sich nicht. «Aber wir sind überrascht», sagt Elsener. «Es ist unverständlich, dass wir als Betroffene in dieser Frage bis heute vom Gewerbeverband oder von Herrn Zemp nicht kontaktiert wurden.» Für die Mittelschullehrerinnen und -lehrer sei das erneute Infragestellen des Untergymnasiums «sehr emotional». Man wolle nicht warten, bis die FDP einen Vorstoss lanciert, sondern sich jetzt aktiv in die Diskussion einschalten, so Elsener weiter.

Er sammelt als Kantonsrat Fakten und Zahlen

Der Direktor des KGL und FDP-Kantonsrat Gaudenz Zemp winkt ab. «Da liegen ein paar Missverständnisse vor», schreibt er auf Anfrage. Als Mitglied der Kommission Erziehung, Bildung und Kultur evaluiere er derzeit eine «möglichst ergebnisoffene Überprüfung» des Luzerner Systems mit Kurz- und Langzeitgymnasium. Seit rund einem halben Jahr sammle er dazu Fakten und Zahlen.

«Meine Arbeit erfolgt im normalen Rahmen meiner Funktion als Kantonsrat.»

Gaudenz Zemp, Geschäftsführer KGL und FDP-Kantonsrat

In diesem Rahmen habe er mit Bildungspolitikern anderer Fraktionen und weiteren bildungsinteressierten Personen gesprochen. «Mit den gesammelten Fakten und Zahlen werde ich versuchen, andere Kantonsräte davon zu überzeugen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für eine ergebnisoffene Überprüfung des Langzeitgymnasiums gekommen ist», so Zemp.

Elsener zeigt sich überrascht

«Meine Arbeit erfolgt im normalen Rahmen meiner Funktion als Kantonsrat», so Zemp weiter. «Es gab bisher keine Veranlassung, mich mit dem VLM auszutauschen.» Auch der KGL sei bisher nicht aktiv in die Gespräche involviert worden. «Es ist kein Geschäft des KGL», stellt Zemp klar. «Es ist zurzeit auch keines der FDP-Fraktion. Ich führe diese Gespräche als Bildungspolitiker.»

«Es erstaunt sehr, dass gerade ein FDP-Kantonsrat der Verwaltung schon wieder die gleichen Abklärungen in Auftrag geben will.»

Markus Elsener, Präsident VLM

Markus Elsener zeigt sich überrascht. In den letzten 15 Jahren habe es mehrere grössere Berichte bis zu 120 Seiten gegeben, die Langzeitgymnasien «von allen möglichen Seiten» beleuchtet haben, so Elsener. «Es erstaunt also sehr, dass gerade ein FDP-Kantonsrat schon wieder die gleichen Abklärungen der Verwaltung in Auftrag geben will», sagt Elsener. Abklärungen, die das Bildungs- und Kulturdepartement schon vor über drei Jahren zum Konsolidierungsprogramm KP17 ausgeführt hat und «mit einem unmissverständlichen Fazit abgeschlossen hat». Nämlich darauf zu verzichten, Langzeitgymnasien aufzuheben. Deswegen fragt sich Elsener, was Zemp in den bisherigen Berichten gefehlt habe.

Gerade wenn es um die Chancengerechtigkeit gehe, sei es unausweichlich, dass auch dezentrale Standorte wie das Langzeitgymnasium in Beromünster und Willisau erhalten bleiben. «Wenn die Kanti in Beromünster schliessen müsste, weil die Untergymnasien gestrichen werden, würde das die regionale Chancengerechtigkeit massiv beeinträchtigen», ist Elsener überzeugt.

«Sehr gute Gründe für Überprüfung», so Zemp

Zemp hingegen erwidert, dass es ihm nicht nur um finanzielle Aspekte ginge, die er untersuche. Er befasse sich «umfassend» mit der Frage, also auch mit der Frage, wie sich die Chancengleichheit, der Berufswahlprozess und die Steuerung des Systems optimieren liessen. «Nach einem halben Jahr Recherche und Abklärungen kann ich feststellen: Es gibt sehr gute Gründe für eine Überprüfung», so Zemp.

Dabei seien die Erfahrung in den 17 Kantonen, welche nur ein Kurzzeitgymnasium haben, genauso in die Überlegungen miteinzubeziehen wie neue Studien. Komme dazu, dass sich mit dem neuen Bildungskostenteiler auch die Situation für die Gemeinden verändert habe. Hier seien auch die Auswirkungen auf die Schulkreise zu prüfen, sagt Zemp abschliessend: «Die Situation lässt sich überhaupt nicht mehr mit jener vor fünf Jahren vergleichen.»

Markus Elsener, Präsident des Verbands der Luzerner Mittelschullehrer (links) und Gaudenz Zemp, Geschäftsführer des KMU- und Gewerbeverbands Luzern (rechts).

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