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Landen bald Luzerner «Müschelipastetli» auf unseren Tellern?
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Asiatische Körbchenmuscheln machen sich auch in Luzerner Gewässern breit – und sie sind essbar. (Bild: Wikimedia/Friedrich Böhringer)

Asiatischer Eindringling in Seen und Flüssen Landen bald Luzerner «Müschelipastetli» auf unseren Tellern?

3 min Lesezeit 08.08.2019, 11:52 Uhr

Viele Luzerner Gewässer sind rappelvoll mit asiatischen Körbchenmuscheln. Diese bedrohen die einheimische Tier- und Pflanzenwelt, sind aber essbar. Folgt nun bald schon das grosse Muscheltauchen – für Gaumen und Natur?

Wenn Manuel Vock sich Badehose und Taucherbrille samt Schnorchel überzieht, in den Zürichsee steigt, um bald darauf abzutauchen, dann freuen sich viele: experimentierfreudige Küchenchefs und Foodies ebenso wie besorgte Naturliebhaber – und nicht zuletzt die heimische Unterwasserwelt.

Der 28-Jährige ist seit kurzem Zürichs erster und einziger professioneller Muscheltaucher und macht als solcher Jagd auf ein ganz besonders berüchtigtes Weichtier: die Körbchenmuschel. Dies berichtete kürzlich der «Tages-Anzeiger».

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«Der Muschelbefall hat in den Luzerner Gewässern massiv zugenommen.»

Jörg Gemsch, Kanton Luzern

Diese aus Asien eingeschleppte Art hat zwar einen niedlichen Namen und ist sogar essbar. Ansonsten aber macht der ungebetene Gast, der ausgewachsen nur unwesentlich grösser als ein Zweifränkler ist, vor allem negativ von sich reden.

Weil er hierzulande keine Fressfeinde hat, überwuchert er Seegründe und Bachbette, zerstört den Lebensraum einheimischer Tier- und Pflanzenarten und führt so zu einer Verarmung der Artenvielfalt. Es scheint, als ob die Körbchenmuschel einzig auf Zürichs Tellern noch eine Rarität ist.

Auch Luzerner Gewässer betroffen

Die ersten Exemplare wurden vor gut 20 Jahren im Rhein bei Basel nachgewiesen. Längst aber hat sich das Problem über das gesamte Mittelland ausgebreitet, sodass sich inzwischen auch in Luzerns Seen und Flüssen unzählige Körbchenmuscheln tummeln.

Wie schlimm der Befall tatsächlich ist, dazu liegen keine Zahlen vor. Aufgrund «beschränkter Ressourcen» müsse man auf eine flächendeckende Überwachung verzichten, erklärt Jörg Gemsch, Fachleiter für Artenschutz und Biotopförderung der kantonalen Dienststelle für Landwirtschaft und Wald (Lawa).

Immerhin gibt es bestätigte Funde für den Rot-, Vierwaldstätter- und Sempachersee. Bekannt ist den kantonalen Behörden zudem ein starker Muschelbefall in Teilabschnitten der Sure. Für Gemsch ist aber auch ohne genaue Kennzahlen klar: «Der Muschelbefall hat in den Luzerner Gewässern massiv zugenommen.»

Es spricht nichts gegen das Muscheltauchen

Braucht nun auch Luzern seinen ersten Berufsmuscheltaucher? Zumindest vom biologischen Standpunkt her spreche nichts gegen ein solches Unterfangen, sagt Gemsch – sofern sämtliche rechtlichen Rahmenbedingungen, wie etwa Uferschutzzonen, eingehalten würden. Ganz nach dem Motto: Je weniger Muscheln, desto besser.

«Muscheln filtern nicht nur Nährstoffe aus dem Wasser, sondern auch Schadstoffe.»

Jörg Gemsch

Gewisse Bedenken hat Gemsch gleichwohl – ganz abgesehen davon, dass die Muscheln nicht nur umständlich zu essen und nicht gerade ein Gaumenfeuerwerk sind (Meinungen reichen von «geschmacklich wenig ergiebig» über «neutral» bis hin zu «schmeckt nach Eisen»). Ihr Verzehr könnte nämlich der Gesundheit schaden.

Denn: «Muscheln filtern nicht nur Nährstoffe aus dem Wasser, sondern auch Schadstoffe wie etwa Schwermetalle und Medikamentenrückstände.» Untersuchungen auf Schadstoffe ist daher für Gemsch «unverzichtbar».  

Sie pflanzen sich ungestüm fort

Sollten trotz dieser ungünstigen Voraussetzungen künftig Luzerner Muscheln gefischt und aufgetischt werden (wie wäre es mit Luzerner Muschelpastetli?): Durch Menschenhand respektive Muscheltauchen allein lässt sich das ökologische Problem kaum entschärfen. Zu stark haben sich die invasiven Eindringlinge schon ausgebreitet – im Bodensee wurden stellenweise bis zu 5000 Exemplare pro Quadratmeter gezählt.

Zu ungestüm pflanzen sie sich fort: Eine Jungmuschel ist in der Regel schon nach einem halben Jahr geschlechtsreif, lässt danach tausende Larven ausschwärmen, die über Strömung oder an Vögeln und Booten festgehaftet ihr Glück suchen. Und falls sie es nicht finden: Kein Problem, die Muscheln können sich auch selber befruchten! Die rund zehn Kilogramm Muscheln, die Vock derzeit aus dem Zürichsee taucht, sind dagegen ein Hauch nichts.

Hoffen auf Mutter Natur

Gemsch glaubt, dass vielmehr die Natur selber eine Antwort auf das Muschelproblem findet. Womöglich setzt eine heimische Tierart den ungebetenen Gast dereinst auf ihre Menükarte.

Vielleicht aber wird ihm auch ein – ebenfalls eingeschleppter – Parasit zusetzen. Mit ein wenig Geduld könnte gelingen, was eine ganze Armee von Muscheltauchern nicht erreichen wird: die Körbchenmuschel zumindest im Ansatz in Schach zu halten.

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