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Lässt die Stadt Luzern ihre Tauben hungern?
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Anstoss der Debatte: Ein Plakat macht beim Schwanenplatz in Luzern auf die Probleme mit den Tauben aufmerksam. (Bild: bic)

Tierschützer kritisieren Fütterverbot für Tauben Lässt die Stadt Luzern ihre Tauben hungern?

6 min Lesezeit 15.11.2017, 12:22 Uhr

Ratten der Lüfte oder schützenswerte Tiere? Tauben polarisieren. Mit einer neuen Kampagne versucht die Stadt Luzern die Bevölkerung davon abzuhalten, die Tauben zu füttern. Damit stösst sie aber auf Kritik der Taubenfreunde. Diese werfen der Stadt vor, den Tierschutz zu missachten. Dahinter verbirgt sich eine Grundsatzdiskussion.

Seit letzter Woche stehen sie wieder überall in der Stadt: Die Plakate, welche die Leute vom Füttern der städtischen Tauben abhalten sollen (zentralplus berichtete). Denn Luzern sieht in den Tauben, oder besser in der Grösse derer Population, ein Problem.

Insbesondere die anfallende Menge an Kot ist der Stadt ein Dorn im Auge. Bis zu 25 Tonnen sind es jedes Jahr. Ein Problem für Gebäude und Baudenkmäler. Die Tauben verursachen hygienische Probleme und führen zu kostenintensiven Reinigungen. 

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Weniger Futter soll Problem lösen

«Das gut gemeinte Füttern ist falsch verstandene Tierliebe», schreibt die Stadt in ihrer Mitteilung. Dadurch will sie die Bevölkerung vom Füttern der Tiere abhalten. Grundsätzlich fänden die Tauben genügend Nahrung und seien nicht auf den Menschen angewiesen.

«Weniger Futter, weniger Tauben, weniger Kot.»

Amt für Umweltschutz, Stadt Luzern

Wenn sie leicht und schnell an Nahrung gelangen würden, widmeten die Tauben die restliche Zeit des Tages der Fortpflanzung. Die Population steige rasant an und die Menge Kot nehme entsprechend zu, schildert die Stadt das Problem.

Stadt füttert die Tauben nicht

Anders als andere Städte verzichtet Luzern deshalb auf die Fütterung der Tauben in ihren Taubenschlägen. Diese befinden sich im Rathaus und im alten Zeughaus. Dies ist der Kern der Strategie, um dem Taubenproblem Herr zu werden.

«Durch die Eingrenzung von Nahrungsquellen konnten wir die Population strark eindämmen», sagt Monika Keller, bei der Stadt verantwortlich für den Umgang mit den Tieren. Die lancierte Plakatkampagne soll ihren Teil dazu beitragen, dass sie nun nicht wieder anwächst.

In der Stadt nicht gern gesehen: Tauben werden mit Brot gefüttert.

In der Stadt nicht gern gesehen: Tauben werden mit Brot gefüttert.

Tatsächlich scheint der Plan aufzugehen. Seit 2001 konnte die Zahl der Tauben auf weniger als die Hälfte reduziert werden. Heute leben noch zwischen 2000 und 3000 Tauben in der Stadt.

Denn für die Stadt gibt es eine einfache Gleichung: «Weniger Futter, weniger Tauben, weniger Kot.» Um dies zu erreichen, will sie die Taubenfütterer auch in persönlichen Gesprächen auf den Strassen sensibilisieren.

Missachtung des Tierschutzes?

Das sieht der Verein «Stadttauben Schweiz» anders. Dieser setzt sich für den Schutz und einen artgerechten Umgang mit Tauben in den Städten ein. Er wirft der Stadt vor, mit ihrer Strategie den Tierschutz zu missachten. Die jüngste Plakatkampagne nehme man als Anstoss für eine Grundsatzdiskussion, sagt Moena Zeller, Präsidentin des Vereins.

«Dies stellt ein gravierendes Tierschutzproblem dar.»

Verein Stadttauben Schweiz

Ihrer Ansicht nach gehe die Stadt Luzern bei ihrem Umgang mit den Tauben von einem grundlegenden Missverständnis aus. Die Stadt glaube, dass es sich bei den Tauben um Wildtiere handle, deren Fortpflanzungsverhalten von der Jahreszeit und dem Angebot von Nahrung abhänge, so der Verein.

Die Tauben wurden gemäss Zeller jedoch während Jahrhunderten domestiziert und hätten sich so an das Leben in menschlicher Obhut angepasst. «Dies macht die Tauben abhängig von menschlicher Fürsorge», so der Verein. Die Stadt habe darum eine Verantwortung, damit die Tauben artgerecht leben können, so Zeller (siehe Box).

Welche Verantwortung hat der Mensch?

Die Stadt Luzern bewegt sich nach Ansicht des Vereins «Stadttauben Schweiz» mit seiner Strategie in eine komplett falsche Richtung. «Die Tauben werden quasi als Ratten der Lüfte dargestellt», sagt Vanessa Gerritsen von der Stiftung «Tier im Recht», die den Verein Stadttauben Schweiz unterstützt. «Gegen diese Stigmatisierung kämpfen wir.»

«Es stellt sich die Frage, ob sich die Stadt hier der Tierquälerei schuldig macht.»

Vanessa Gerritsen, Juristin der Stiftung «Tier im Recht»

«Wenn der Mensch sich weigert, den Tieren die entsprechende Nahrung zur Verfügung zu stellen oder den Zugang dazu einschränkt, ist dies aus Sicht des Tierschutzgesetzes problematisch», sagt die Juristin. Aufgrund der Vergangenheit der Domestizierung der Tiere hat der Mensch eine gewisse Verantwortung ihnen gegenüber. Die Stadt Luzern komme dieser aber nicht nach.

Monika Keller im Taubenschlag der Stadt im alten Zeughaus.

Monika Keller im Taubenschlag der Stadt im alten Zeughaus.

(Bild: giv)

Stadt weist Vorwürfe zurück

Monika Keller von der Stadt kontert: «Die Tauben sind Wildtiere», sagt sie. «Wir können sie nicht daran hindern, irgendetwas zu tun oder zu lassen.» Die Tiere würden einfach dort brüten, wo es ihnen passt. Nur mit aufwendigen Abwehrmassnahmen könne man sie von ungeeigneten Stellen fernhalten.

Folglich sei eine Steuerung des Verhaltens der Tiere nicht möglich. «Wir können kaum verhindern, dass die Tauben beispielsweise Abfall fressen», so Keller. Die einzige Vorgehensweise, die fruchtbar sei, um weniger und gesündere Tauben zu haben, sei die Reduktion des Futters. Eine direkte menschliche Verantwortung für das Wohl der Tauben, wie es der Verein fordert, sieht sie nicht.

«Die Pille hat sich in Genf nicht bewährt.»

Monika Keller, Amt für Umweltschutz der Stadt Luzern

«Bisher konnte uns niemand Zahlen oder Fakten liefern, die eine andere Strategie als unsere als erfolgreich herausstellt», sagt Keller. Grossflächige Sterilisationen der Männchen, wie sie der Verein zum Beispiel fordert, seien nicht realisierbar. Der Aufwand wäre immens und der Eingriff für die Tiere gross.

Auch die Pille für die Weibchen habe sich beispielsweise in Genf nicht bewährt. Grundsätzlich sei man aber offen für neue Ideen. «Diese müssen aber Hand und Fuss haben», sagt die Beauftragte für die Stadttiere.

Dass die fehlenden Daten bis jetzt ein Problem darstellten, räumt Vanessa Gerritsen. Der Verein sei noch jung und könne deshalb noch keine entsprechenden Studien vorweisen. Man sei aber daran, dies möglichst rasch nachzuholen.

Städte mit anderen Strategien erfolgreich

Der Verein «Stadttauben Schweiz» fordert ein Umdenken in Luzern. «Eine gezielte Fütterung durch die Stadt hat in Bern zu einigen Erfolgen geführt», sagt Präsidentin Moena Zeller. Die Tauben würden sich nun in einem engen Radius um die Futterstellen im Tierpark Dählhölzli bewegen. Man hat dadurch eine Konzentration der Tiere erreicht.

So kamen die Tauben nach Luzern

Die hiesige Stadttaube ist eine Unterart der Felsentaube. Sie hat sich mit der Entwicklung der Städte als eine eigene Unterart herausgebildet. Genetisch ist sie gemäss Monika Keller von der Stadt indes kaum von der Felsentaube zu unterscheiden, weshalb sie die Stadt als Wildtier definiert.

Die ursprüngliche Heimat der Stadttauben liegt in den Felsen der Atlantik- und der Mittelmeerküsten. In unsere Region wurden sie von den Römern gebracht. Die Domestizierung der Tiere hat folglich in der römischen Antike ihren Ursprung. Ziel der Haltung von Tauben war vor allem die Nutzung des Kots als Dünger, aber auch der Verzehrs des Fleisches. Auch die Nutzung von Brieftauben war in Europa lange von einiger Bedeutung.

Weiter konnte man unter anderem auch durch den Austausch von Eiern Erfolge erzielen. Auf den Strassen Berns hätte man die Population von 10’000 auf 500 Tauben reduziert. Der Austausch von Eiern wird auch in Luzern praktiziert.

Ähnliches gebe es aus verschiedenen deutschen Städten zu berichten. Ein Fütterungsverbot sei indes keine geeignete Strategie zur Geburtenkontrolle der Tauben. Vielmehr sei es eine «Populationsreduktion durch Hungernlassen», so der Verein.

Dies führe zu einer hohen Sterblichkeit und grossem Leid. Insbesondere bei den Jungvögeln. «Wenn das Verhungern von Jungvögeln in Kauf genommen wird, stellt sich die Frage, ob sich die Stadt hier der Tierquälerei schuldig macht», sagt Juristin Gerritsen von der Stiftung «Tier im Recht». Folglich sei eine strafrechtliche Relevanz möglich, jedoch bisher nicht nachweisbar.

Trotz der scharfen Kritik an der Stadt erkennt der Verein Stadttauben Schweiz immerhin auch eine Gemeinsamkeit. «Wir sind mit der Stadt einig, dass Brot und andere Essensreste für die Tauben schädlich sind», sagt Moena Zeller.

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