«Ländler-Sound» kann auch anders
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Nicht nur am Ländlerfest ist das Schwyzerörgeli beliebt. Immer mehr Musiker reizen die Möglichkeiten des Traditionsinstrumentes aus. (Bild: zvg/ Fremdfötzelige Musikanten)

«Fremdfötzelige Musikanten» und moderne Volksmusik «Ländler-Sound» kann auch anders

3 min Lesezeit 1 Kommentar 07.12.2015, 14:23 Uhr

Das Schwyzerörgeli kann viel mehr als nur «Ländler». Roger Bürglers neuer Film darüber ist im Bourbaki zu sehen und zeigt Musiker, die mit dem alten Instrument neue Töne anschlagen. Aber auch sonst entdecken immer mehr Musiker die Volksmusik neu.

Trachten, Stumpen, Kafischnaps und Ländlermusik – das sind oft die ersten Assoziationen, die man in der Schweiz mit einem Schwyzerörgeli verbindet. Es ist das Volksmusikinstrument schlechthin.

Die kleine Knopfharmonika hatte über Jahrzehnte hinweg einen schweren Stand. Nach seiner Erfindung 1885 erlebte es jedoch bis Anfang der 30er-Jahre eine Hochkonjunktur. Das Örgeli verdrängte in vielen Regionen der Schweiz sogar viele andere Instrumente aus der traditionellen Musik. Aber schon bald galt es als verstaubt und uncool.

Klischees verschwinden

Und nicht nur dem Schwyzerörgeli ging es so. Auch das Alphorn, das Hackbrett, die Klarinette oder das Jodeln waren in der urchig traditionellen Ecke gefangen. Das änderte sich erst Ende der 90er-Jahre, als Musiker wie Markus Flückiger das Schwyzerörgeli völlig neu einsetzten und die heute angesagte Neue Volksmusik mitbegründeten. Aber auch Musiker wie Klarinettist Dani Häusler, Sängerin Corin Curschellas oder Komponist Domenic Janett verbanden Instrumente der Volksmusik mit neuen Stilrichtungen.

Filmemacher und Schwyzerörgeli-Spieler Roger Bürgler bemerkt: «Die Klischees sind am Verschwinden. Das vor allem, seit das Publikums ausserhalb der Ländlermusik-Szene festgestellt hat, dass das Schwyzerörgeli beispielsweise nicht einfach ein Volksmusikinstrument ist, sondern in jedem erdenklichen Musikstil eine spannende Bereicherung sein kann – dank seinen Eigenheiten und seinem Klang.»

Aha-Erlebnis

Trotzdem bringt man die klassischen Volksmusik-Instrumente immer mit Ländler in Verbindung. «Der Klang darf auch mit der Ländlermusik assoziiert werden», sagt Bürgler und ergänzt: «Daran gibt es nichts auszusetzen. Wer sich aber die Mühe nimmt, das Instrument in anderen Musikstilen und vor allem in Kombination mit anderen Instrumenten zu hören, darf mit einem Aha-Erlebnis rechnen.»

Ländlermusik wurde weiterentwickelt, historisch hinterfragt und zum Teil mit Elementen anderer Genres wie Rock, Jazz, Klassik oder auch elektronischer Musik gemischt. In diesem Sog ist heute eine ganze Generation Musikanten an Stubeten und Konzertsälen anzutreffen.

«Swissness ist ein Wort der Stunde, und Schwingfeste sind auch beim urbanen Publikum plötzlich hip.»
Roger Bürgler, Filmemacher

Doch öffnet sich die Volksmusik stärker, oder öffnen sich andere Musiker gegenüber der Volksmusik? «Beides trifft zu», sagt Bürgler. «Dadurch, dass sich die sogenannte Neue Volksmusik auch in traditionellen Kreisen mehrheitlich durchgesetzt hat und gleichzeitig ein völlig anderes Publikum anzusprechen vermochte, ist das Interesse vor allem auch beim jüngeren Publikum gewachsen.» Einen zusätzlichen Einfluss können aber auch die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Europa sein. «Swissness ist ein Wort der Stunde, und Schwingfeste sind auch beim urbanen Publikum plötzlich hip.» Eine ähnliche Entwicklung sehe er in der Volksmusik und explizit beim Schwyzerörgeli. «Es beinhaltet nicht nur den Namen unseres Landes, es ist – vielleicht zusammen mit dem Alphorn – auch ein wenig der Soundtrack der Schweiz. Und darauf ist man heute stolzer als auch schon», sagt Bürgler überzeugt.

Auch die Hochschule Luzern förderte diese Entwicklung offensichtlich. Mit der Schaffung eines neuen Studiengangs, in dem der Volksmusiknachwuchs eine professionelle Ausbildung geniesst, machen Musikwissenschaftler einen Schritt auf die Volksmusik zu.

Wissenschaft und Film

Johannes Rühl und Dieter Ringli von der Musikhochschule Luzern haben sich nun intensiv mit dem Phänomen «Neue Volksmusik» auseinandergesetzt. Die Musikwissenschaftler machen in ihren Studien die Entwicklung an den letzten drei Jahrzehnten fest. «Viele Musikerinnen und Musiker hatten plötzlich Spass daran, mit dem Traditionsmaterial zu arbeiten und es aus der verstaubten Ecke zu holen», so Rühl. Aus den Recherchen ist nun ein Buch entstanden: «Die Neue Volksmusik: Siebzehn Porträts und eine Spurensuche in der Schweiz».

Die Geschichte des Schwyzerörgelis und vor allem die musikalische Entwicklung sind auch Thema des neuen Kino-Dokumentarfilms «Fremdfötzelige Musikanten» des Schwyzer Filmemachers Roger Bürgler – am 8. Dezember nochmals im Bourbaki zu sehen. «Fremdfötzelige Musikanten» seien solche, die mit Konventionen brechen, über die Grenzen ihrer Volkmusiktradition hinausschauen. Das gefällt nicht allen, und trotzdem sind ihre Einflüsse immer mehr etabliert und akzeptiert. Solche Musikanten, ihre Geschichten und Instrumente stehen im Zentrum des Dokumentarfilms. Es treten Zeitzeugen, Szenenkenner, Örgelibauer- und Restaurateure und natürlich Musikanten auf.

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1 Kommentare
  1. Venanz Nobel, 10.12.2015, 19:18 Uhr

    Einerseits haben insbesondere die Jenischen schon immer einen eigenen, «wilden» Stil des Ländlers gepflegt, der den modernen Interpreten, ob bewusst oder nicht, in vielem Vorbild war. Andererseits gab es auch eine ganze Schar von «Vorläufern», die nicht, wie im Artikel steht, «erst Ende der 90er-Jahre» diverse Fusion-Experimente machten und damit z.T. auch schon grossen Erfolg hatten. In den 1970ern vereinigten z.B. die Engadiner Ländlerfreunde und die Basler „PS Corporation“ den Ländler mit Dixie-Jazz. Der jenische Musiker Counousse war wohl einer der ersten, die auf dem Schwyzerörgeli auch Musette spielten und mit „Zigeunerjazz“-Musikern wie der Gruppe Dschané unterwegs war. Die Streichmusik Alder, die zB. 2005 am Montreux Jazz Festival auftraten, begannen auch schon etliche Jahre früher, sich für die Welt zu öffnen, ansonsten dieser Gig in Montreux wohl kaum 2005 „schon“ zustande gekommen wäre…
    Schnell würde das alles den Rahmen und Platz eines Zeitungsartikels sprengen. Der Artikel ist ja gut und gefühlvoll geschrieben. Ich hoffe nur, dass weitere Leute, insbesondere auch bei der Musikhochschule, angeregt werden, ihre Augen für das Aussergewöhnliche, das es eben nicht erst seit 15 Jahren gibt, zu öffnen.

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