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«Lachhaft, was einige Schweizer Politiker über Eritrea sagen»
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Daniel Mekonnen im Einsatz für die Menschenrechte. (Bild: Geneva Summit for Human Rights and Democracy)

Menschenrechtsaktivist im Luzerner Exil «Lachhaft, was einige Schweizer Politiker über Eritrea sagen»

3 min Lesezeit 1 Kommentar 20.08.2016, 11:37 Uhr

Seit 15 Jahren darf er sein Land nicht mehr betreten: Daniel Mekonnen wurde wegen seiner regimekritischen Tätigkeit der eritreische Pass aberkannt. Seit November 2015 lebt der 43-Jährige in Luzern. Befristet, als Gast der Stadt und einer Zuger Stiftung.

Etwas unscheinbar, fast schüchtern wirkt Daniel Mekonnen im ersten Moment. Doch die Geschichte des 43-jährigen Menschenrechtsaktivisten ist alles andere als unscheinbar. Seit 20 Jahren setzt er sich für die Menschenrechte in Eritrea ein: Geboren in der Nähe der eritreischen Hauptstadt Asmara, wurde er nach seinem Jus-Studium mit gerade mal 26 Jahren der erste eritreische Richter im Land.

Wer kämpft, landet auf der schwarzen Liste

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Mekonnen arbeitete jedoch nicht nur als Jurist, sondern auch als Schriftsteller, als Dichter und gründete das «Eritrean Movement for Democracy and Human Rights». Das war zu viel Regimekritik für die eritreische Regierung – sein Pass wurde nicht mehr verlängert. «Ich kam auf eine schwarze Liste in der eritreischen Botschaft», berichtet Mekonnen. Auch viele seiner Freunde stünden auf dieser Liste.

«Jedes Recht muss man sich erkämpfen.»

Als er von seinen Erlebnissen zu erzählen beginnt, verwandelt sich seine Erscheinung – die Zurückhaltung fällt ab. Mekonnen hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, gegen die Verbrechen in Eritrea anzukämpfen. «In Eritrea gibt es keine Verfassung, kein Parlament, keine Gesetze», erklärt er mit gedämpfter Stimme. Seit Eritrea 1998 unabhängig von Äthiopien wurde, herrsche eine noch grössere Unsicherheit in der Bevölkerung: Präsident Afewerki lasse wegen «ständiger Gefahr» den Wehrdienst auf unbestimmte Zeit leisten. «Es ist grauenhaft. Man verliert alle seine Rechte, wird zum Eigentum des Staates», berichtet Mekonnen.

Während die Männer im Dienst der Armee stehen, drohten den Frauen und Kindern Sklavenhaltung und sexuelle Missbräuche, erzählt er mit fester Stimme. Seit nun fast 20 Jahren herrscht dieser Ausnahmezustand. Regeln gebe es keine, keine Verfassung, die Grundrechte definiere, keinen Schutz: «Jedes Recht muss man sich erkämpfen.»

Gewalt im Verborgenen

Dieser Zustand, den Mekonnen pragmatisch als «absolutes Chaos» bezeichnet, treibt monatlich 5000 Eritreer zur Flucht, auch in die Schweiz. Dass in Bundesbern die Situation in seinem Land von gewissen Politikern verharmlost wird, kann der Aktivist nur mit viel Humor ertragen: «Ich kann nur darüber lachen, was gewisse Politiker über die Situation in Eritrea sagen.»

Es sei aber leider so, dass von aussen alles halb so schlimm wirke: «Asmara ist eine schöne Stadt mit historischen Wurzeln, hat wenig Kriminalität und ist sicher. Daher bekommt man bei einer Reise nicht das Gefühl, dass es den Menschen hier schlecht geht.» Die teils unterirdischen Gefängnisse und geheimen Orte, an die nicht mal offizielle Personen kommen, blieben im Verborgenen.

Exil in Europa

Seit dem 1. Januar 2009 lebt Mekonnen in Europa, unter anderem in Belgien, Irland, Deutschland, Norwegen und nun in der Schweiz. Dabei lebte er von seiner Tätigkeit als Dozent an Universitäten, zuletzt in Oslo. Zu dieser Zeit lernte er seine Frau kennen, die in Genf lebt – und entschied sich, in die Schweiz zu kommen. Er hatte Glück: Das Deutschschweizer PEN-Zentrum hat kurz zuvor das «Writers in Exile»-Programm umgesetzt und dafür die Wohnung des verstorbenen Schriftstellers Otto Marchi von der Stadt Luzern übernehmen können.

Seit November 2015 wohnt er in Luzern, befristet für ein Jahr. Für länger reicht das Geld der Stadt Luzern, der Landis-&-Gyr-Stiftung und des Deutschschweizer PEN-Zentrums nicht. Mekonnen läuft derweil die Zeit davon: «Es sind nur noch wenige Monate. Ich hoffe sehr, dass wir das Projekt fortsetzen können.»

Positive Erfahrungen in Luzern

Trotz Einschüchterungsversuchen und Drohanrufen, die er wegen seiner Arbeit regelmässig erhalte, fühlt sich Mekonnen wohl im Luzerner Exil. Hier kann er in Ruhe an seinen Projekten arbeiten, gerade bereitet er zwei Konferenzen vor. «Ich finde Luzern wunderschön, die Landschaft und die Leute hier gefallen mir», sagt er strahlend. Er habe kaum negative Stimmungen gegenüber seiner Herkunft wahrnehmen können, auch nicht im Austausch mit Landsleuten.

Zwar komme es vor, dass gerade minderjährige Flüchtlinge Mühe bei der Integration hätten, dabei handle es sich seines Wissens jedoch um Einzelpersonen: «Warum sollten wir von ein paar wenigen Ausnahmen auf eine ganze Nation schliessen?»

Luzern oder Genf?

Als Nächstes will Mekonnen seine Gedichte aus seiner Muttersprache Tigrinya ins Deutsche übersetzen und als Buch veröffentlichen. Und herausfinden, ob er Deutsch oder Französisch lernen will, je nachdem, in welchem Teil der Schweiz er weiterhin leben wird. Ob Luzern oder Genf, wo seine Frau und ihr gemeinsames, knapp ein Jahr altes Kind leben. Am allerliebsten aber, und das ist für ihn klar, würde er zurück nach Eritrea. Und dort für bessere Bedingungen, insbesondere in der Bildung, kämpfen.

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1 Kommentare
  1. Boris Kerzenmacher, 26.08.2016, 13:34 Uhr

    “Haupteinnahmequelle sind die Eritreer im Ausland mit ihren Abgaben: 1 Monatsgehalt jährlich + Versorgung der Angehörigen + 700 000 Eritreer besuchen jährlich ihre Heimat und bringen Devisen ein.” http://www.weiterleben-eritrea.de/eritrea.php
    Wenn das stimmt, hat das Regime in Eritrea keinen Grund Flüchtlinge zurückzuhalten bzw. zurückzunehmen.