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Kuriose Entdeckung: Stadt Luzern ist plötzlich um einen Steg reicher
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Benno Knüsel verkauft seit zehn Jahren am Nationalquai seine Crêpes – nun zieht er weiter, nicht ganz freiwillig. (Bild: jal )

Crêperie am Quai muss wegen Sanierung weichen Kuriose Entdeckung: Stadt Luzern ist plötzlich um einen Steg reicher

5 min Lesezeit 3 Kommentare 04.07.2019, 10:25 Uhr

Der Steg gegenüber des Musikpavillons muss saniert werden. An sich kaum der Rede wert. Doch erst deswegen haben die Behörden gemerkt, dass der Steg der Stadt gehört. Mit Folgen: Die Schifffahrtsgesellschaft muss den irrtümlich eingesackten Mietzins zurückzahlen. Und Crêperie-Betreiber Benno Knüsel die Koffer packen.

Seit über zehn Jahren verkauft Benno Knüsel auf einem Steg am Nationalquai in der Stadt Luzern seine Crêpes. Doch bald wird damit Schluss sein. In zwei Wochen verlässt der 59-Jährige das Gelände gegenüber dem Pavillon. Er hat seine Stammgäste auf einem selbstgemalten Schild darüber informiert. Und als Grund «Unsicherheiten mit der Platzvergabe der Stadt» genannt. In den sozialen Medien stösst dies auf grosses Bedauern – und die Frage: Wieso ist es so weit gekommen?

Vorweg: Am Ursprung des Wechsels stand eine kuriose Wende. Bislang unterhielt Benno Knüsel einen Vertrag mit der SGV, der Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee. «Doch diesen Sommer habe ich plötzlich die Kündigung erhalten.»

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Dem Ganzen geht eine längere Geschichte voraus. Auslöser war, dass die Behörden herausgefunden haben, dass der Steg gar nicht der SGV gehört, sondern im Eigentum der Stadt Luzern ist. Tatsächlich zeigt ein Blick ins Grundbuchamt, dass die ganze Fläche beim Pavillon – samt Steg – der Stadt gehört. Doch wieso hat man das erst jetzt realisiert?

Historischer Vertrag

Martin Wicki, Delegierter der SGV Holding für Sonderprojekte erklärt: «Wir müssen alle vier Jahre unsere Stege zuhanden des Bundes untersuchen lassen. Beim letzten Mal im Herbst 2016 hat sich ergeben, dass beim Landesteg 10 Sanierungsbedarf vorliegt und die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist. Der Landesteg musste deshalb geschlossen werden.» Seit Februar 2018 ist er aus Sicherheitsgründen zum See hin mit einem Zaun abgesperrt.

«Damit hat das Problem die Seite gewechselt.»

Martin Wicki, SGV

Daraufhin sei man an die Stadt Luzern gelangt, die im Zuge weiterer Abklärungen gemerkt habe, dass der Steg ihr gehört. Ein Vertrag von 1888 belege dies. «Damit hat das Problem die Seite gewechselt», sagt Martin Wicki. Von der SGV wurde der Steg nur noch für Extrafahrten angefahren, etwa bei Hochzeiten oder Jubiläen.

Die SGV hat damit rund zehn Jahre lang irrtümlich den Mietzins eingenommen. «Das Geld haben wir der Stadt Luzern zurückerstattet und den zu Unrecht erstellten Vertrag mit Herrn Knüsel gekündigt.» Was anschliessend passiert sei, entziehe sich seiner Kenntnis, so Wicki.

Ein Schild informiert die Gäste über den bevorstehenden Wechsel – und wirft Fragen auf.

Ein Schild informiert die Gäste über den bevorstehenden Wechsel – und wirft Fragen auf.

(Bild: jal)

Die Besitzverhältnisse sind das eine. Denn an sich hätte die Stadt den laufenden Vertrag ja einfach übernehmen können. Was die Sache für den Betreiber schwierig macht, ist der schlechte Zustand des Stegs. Gerüchten zufolge erwägten die Behörden gar, den Steg abzureissen.

Doch wie die Stadt diesen Donnerstag mitteilt, hat man sich gegen einen Rückbau und für eine Sanierung entschieden. Diese wird rund 300’000 Franken kosten und soll bis Ende Jahr erfolgen. «Damit folgt der Stadtrat der Empfehlung des kantonalen Denkmalschutzes.» Ein Gutachten der Denkmalpflege zeigt, dass es sich beim Steg um eine Eisenkonstruktion von der Maschinenfabrik Bell aus dem Jahr 1892 handelt. «Diese gehört am Vierwaldstättersee zu einer der wenigen original noch erhaltenen Konstruktion dieser Art», schreibt die Stadt in einer Mitteilung. Dem Steg komme gemäss Denkmalpflege unter anderem deshalb «ein bedeutender Denkmalwert als wichtiger ortsbaulicher sowie verkehrs-, wirtschafts-, kultur- und tourismusgeschichtlicher Bauzeuge der Belle Époque» zu.

Gut für Steg, schlecht für Crêpier

Für Crêpier Benno Knüsel heisst das: Die Stadt Luzern hat seine befristete Nutzungsbewilligung im Hinblick auf den Beginn der Bauarbeiten per Ende September 2019 aufgehoben.

«Ob im Raum Kurplatz zukünftig ein Standplatz für einen Verpflegungsstand auf öffentlichem Grund ausgeschrieben werden soll, ist offen.»

Stadt Luzern

Benno Knüsel ist sich bewusst, dass sich die Hintergründe abenteuerlich anhören. Einen Groll gegenüber den Verantwortlichen hegt er aber nicht, eher macht er ein gesellschaftliches Phänomen aus. «Schmerzt der Zeh, hat man gleich Angst, dass der ganze Fuss abstirbt», sagt er bildhaft gesprochen. Und meint damit: Das Sicherheitsbedürfnis sei so gross, dass man aus Sorge vor möglichen Gefahren – in diesem Fall der sanierungsbedürftige Steg – lieber bereits vorsorglich eingreife.

Dabei hat er nichts dagegen, dass der Steg saniert wird. Ursprünglich sei sogar die Idee im Raum gestanden, dass er sich finanziell an der Sanierung beteiligen würde. Im Gegenzug wäre sein Vertrag verlängert worden. Das sei nach Gesprächen mit den Beteiligten letztlich aber gescheitert.

Alp statt See

Für Benno Knüsel hat sich in der Zwischenzeit eine andere Tür geöffnet: Er konnte ein Beizli auf der Seebodenalp übernehmen. Diese Option und die Unsicherheit über die Zukunft am Nationalquai haben zum Entscheid geführt, die Crêperie aufzugeben.

Vom See geht’s nun also auf den Berg. Die Stadt Luzern nach zehn Jahren zu verlassen, fällt Benno Knüsel nicht leicht. «Die Internationalität und das Flair am See werde ich sicher vermissen», sagt er. Viele Touristen flanieren am Quai entlang und legen bei Benno Knüsel einen Halt ein. Gerade kürzlich habe er fast den ganzen Abend indische Gäste bedient, sagt er und schmunzelt. «Das dauerte etwas länger, weil ich ihnen jeweils mehrfach versichern muss, dass die Crêpes vegetarisch sind.»

«Ich mochte es, mich mit den Leuten zu unterhalten oder sie mit einem Spruch aus ihrer Lethargie zu reissen.»

Benno Knüsel, Crêperie-Betreiber

Ohnehin war es die Begegnung mit den Menschen, die er stets geschätzt habe. «Ich mochte es, jeweils für einen kurzen Moment den Leuten gegenüberzustehen, mich mit ihnen zu unterhalten oder sie mit einem Spruch aus ihrer Lethargie zu reissen.» Meistens habe er sehr schnell erkannt, ob jemand das Gespräch suche oder lieber schweige. Auch, ob jemand einen Crêpe will oder nur ein Getränk, habe er bereits von weitem gewusst. «Man lernt die Menschen gut kennen in diesem Beruf», sagt Knüsel.

Die Crêperie war in den letzten Tagen öfters geschlossen, bald wird Betreiber Benno Knüsel seine Tätigkeit ganz beenden.

Die Crêperie war in den letzten Tagen öfters geschlossen, bald wird Betreiber Benno Knüsel seine Tätigkeit ganz beenden.

(Bild: jal)

Crêpes noch bis Ende September – und dann?

Trotz seines Wegzugs: Die Crêperie wird weiterbestehen – zumindest bis Mitte September. Ein Bekannter von ihm werde den Stand für die verbleibende Zeit übernehmen.

Im Laufe des insgesamt rund 20-jährigen Crêperiebetriebes sei um diesen Ort ein sozialer Treffpunkt für alle Altersgruppen und Nationalitäten entstanden. «Das ist durchaus erhaltenswert», sagt Benno Knüsel. «Die Boulespieler, viele Stammkunden und ich hoffen sehr, dass ein Weiterbestehen der Crêperie möglich sein wird.»

Ob sich diese Hoffnungen erfüllen werden? Der Steg steht anschliessend der Öffentlichkeit wieder zur Verfügung, schreibt die Stadt Luzern. Sie hält allerdings fest: «Ob im Raum Kurplatz zukünftig ein Standplatz für einen Verpflegungsstand auf öffentlichem Grund ausgeschrieben werden soll, ist offen.»

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3 Kommentare
  1. Martina, 09.07.2019, 10:06 Uhr

    Eine ganz besondere Ära geht dem Ende zu. Die Creperie war über 20 Jahre mehr als ein Geschäft. Sie war ein sozialer Treffpunkt in Luzern. Luzerner aller Altersgruppen und Berufsbereiche, Menschen ohne Arbeit und Studenten haben sich dort regelmässig, viele täglich getroffen und ausgetauscht über ihr Leben. Boulepieler begegneten Juweliersangestellten, eine Familie aus Dubai Luzernern. Lachen, Tränen, Tiefe und Alltäglichkeit wechselten sich ab in diesen Gesprächen. Ich kenne persönlich 5 Menschen, die sagen, dass die Creperie ihr “zu Hause” in Luzern ist und es ein grosser Einschnitt ist in ihrem Leben, wenn es diesen Platz nicht mehr gibt.
    Selbst MitarbeiterInnen der Sip kamen immer wieder vorbei und bedankten sich bei Benno, dass er den sozialen Frieden im Umkreis so sehr stärke.

    Am letztem Samstag haben die Boulespieler extra ein Abschiedstournier für Benno organisiert und über 50 Personen haben mit ihm und gutem indischen Essen gefeiert.

    Ich hoffe sehr, dass die Mitarbeitenden der Stadt den Wert dieser Einrichtung in ihrem Wert für Luzern erkennen und an die Familie Furrer weitervermieten. Sie sind seit 20 Jahren mit dieser sozialen Kultur und der Creperie verbunden und werden sie im gleichem Geist weiterführen.

    Martina Franck

  2. Monika Tüfer, 08.07.2019, 11:34 Uhr

    Viel mehr wie nur eine Crêperie!

    Gott sei dank ist dieser „Fehler“passiert, sonst wäre die 20 jährige Crêperie-Ära wohl nie ins Leben gerufen geworden!

    Ich bin Benno und seinen Vorgängern Kai und Markus überaus dankbar für ihren so wertvollen, sozialen, kulinarischen, kulturellen Beitrag für die Öffentlichkeit.

    Ich werde mich immer wieder gerne zurückerinnern an die vielen herzöffnenden, verbindenden, authentischen Begegnungen und Genuss Momente, die uns Benno bescherte. Es wurde gelacht, getanzt, gesungen, gefeiert, gebadet, geweint, diskutiert und Gespräche geführt über Gott und die Welt.

    Tiefe Freundschaften und ein ganzes Netzwerk von weltoffenen Menschen sind daraus entstanden.

    Ein bunter, lebendiger, kostbarer Begegnungsort unvergleichlicher Art.
    Das ist es vor allem, was in meinen Augen Denkmalgeschützt werden sollte!

    Ein Farbtupfer für die Stadt Luzern. Sowohl für die Bevölkerung, wie auch für die Touristen von unermesslichem Wert.

    Ich freue mich, dass der Steg saniert wird und hoffe das auch die Crêperie danach wieder weitergeführt wird.

  3. Joseph de Mol, 04.07.2019, 11:02 Uhr

    Bei der Stadt weiss die linke Hand nicht, was die rechte tut! Wahrscheinlich gingen auf diese ominöse Art und Weise bereits Liegenschaften und ganze Grundstücksflächen in die Hände Privater über. Würde mich nicht verwundern. Vielleicht würde die Stadt anstatt “bei der Digitalisierung vorwärts machen” lieber mal einen Sachverständigen Notar anstellen, der die Bücher und Verträge von einst systematisch überprüft. Er hätte sein Jahresgehalt vermutlich in 24h bereits wieder hereingespielt. Diese liederliche Einstellung bei der Stadt kann ich mir nur damit erklären, dass es sich ja “nur” um öffentliches Eigentum handelt! Einem privaten Landbesitzer würde so ein “faux-pas” mit Sicherheit nicht unterlaufen!