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Kunst um der Kunst willen?
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Witzig und berührend – die Schlafsack-Szenen in «Anatomie der Angst 1/4». (Bild: jav)

«Anatomie der Angst 1/4» im Südpol Kunst um der Kunst willen?

4 min Lesezeit 12.02.2017, 14:56 Uhr

Am Samstag gab es im Südpol ein Theater-Experiment zum Thema Angst zu sehen. Produktionsleiterin Annette von Goumoens betonte im Vorfeld, dass es auch scheitern dürfe. Gescheitert ist es nicht, doch für die weiteren Teile besteht noch viel Luft nach oben.

Die Anatomie der Angst, die würde man gerne verstehen. Es würde die Angst bestimmt weniger furchteinflössend machen, wenn man sie sezieren und ihre Einzelteile definieren könnte.

Gespannt und etwas ängstlich machten wir uns daher am Samstagnachmittag zum Südpol auf: Zur ersten von drei Vorstellungen von «Anatomie der Angst 1/4» an diesem Abend. Die Aufführung mit elf Kunstschaffenden um Annette von Goumoens zeigt die Ergebnisse von etwas mehr als einer Woche interdisziplinärer, künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Thema Angst.

Kein klarer Beginn der «Aufführung»

Die beteiligten Schauspieler, Sänger, Musiker oder einfach «die Teilnehmenden» mischen sich vor der Aufführung unter das Publikum. In bequemer Trainingskleidung, die sie auch während der Aufführung anbehalten, stellen sie sich dazu, grüssen bekannte Gesichter und unterhalten sich mit Freunden. Sie sind ganz eindeutig in keiner Rolle, es gehört zu keiner Inszenierung und doch bleibt man als Zuschauer etwas vorsichtig bei der Interaktion.

Als wir Zuschauer den kleinen Saal betreten, sitzt Annette von Goumoens in der Mitte des Raumes am Flügel und fordert auf, sich ganz nahe an sie heranzustellen. Das sehr junge Publikum der ersten Vorstellung folgt: Berührungsängste gibt es scheinbar nicht. In einer kurzen Übung am Klavier wird gemeinsam eingesungen. In der Gruppe braucht sich keiner zu schämen. Danach setzen wir uns an die Wand. Wir sitzen rund um die Fläche herum. Ich fühle mich etwas wie an einem Theaterworkshop – bloss, dass ich nur zuschaue.

(Bild: jav)

(Bild: jav)

Angst vor Hingabe

In 13 Teile à je fünf Minuten ist die Vorstellung gegliedert. Anhand von improvisiert aufgehängten Plakaten und einer digitalen Stoppuhr weiss man also während des ganzen «Stücks» immer, wo man steht und wie lange es noch dauern wird.

In den 13 ganz unterschiedlichen Teilen setzt sich die Gruppe mit dem ersten Teil der Angst-Bibel auseinander, aus welcher gleich zu Beginn gelesen wird – und später immer wieder. Der Fokus liegt in diesem ersten Teil von «Anatomie der Angst» bei der Angst vor Hingabe.

Ein Experiment soll es sein. Kritik, Fragen, Anregungen seien sehr willkommen. Na, dann los:

Die Elf

Rahel Ilona Eisenring: Illustratorin & Trickfilmerin
Davide Giovanzana: Schauspieler & Regisseur
Melinda Giger: Künstlerin & Performerin
Evelyne Gugolz: Schauspielerin & Sprecherin
Manuel Kühne: Schauspieler & Regisseur
Nicole Lechmann: Schauspielerin & Theaterpädagogin
Niklaus Mäder: Bassklarinettist & Sänger
Hans-Peter Pfammatter: Jazzmusiker & -pianist
Nicola Romanò: Cellist
Annette von Goumoëns: Musical Theatre Performer & Singer-Songwriter
Isa Wiss: Stimme & Performance

Die einzelnen Teile scheinen Aufführungen der Versuche zu sein, über die Form an das Thema heranzukommen. Doch oft gelingt das leider nicht: Zu viel Form und zu wenig Inhalt dominiert die «Bühne». Wenn die Darsteller die immer gleichen Bewegungsabläufe und bekannten Übungen aus der Theaterpädagogik ohne grosse mimische Veränderungen vollführen, kurze Erzählungen mit Bewegung verbinden oder Tiere mimen, bleibt das Thema oft auf der Strecke. Manchmal erscheint es durch die Aufteilung in fünfminütige Übungen etwas wie Theatersport, aber eben ohne die Komik.

Ich sehe Bewegung, ich höre wissenschaftliche Texte zum Thema Hingabe, doch es berührt mich nicht. Das Spannende sind die Menschen, ihre Gesichter, ihre Art sich zu bewegen, zu schreien und zu grochsen, teilweise auch die wissenschaftlichen Abschnitte aus der Angst-Bibel.

Tolle Ideen, spannende Künstler

Es sind auch ganz tolle und gelungene Auseinandersetzungen mit dem Thema dabei. Die fünf Minuten mit kleinen «Sketchen» in Schlafsäcken haben Witz und Tiefgründigkeit.

Als die Sängerin Isa Wiss «Berühr mich nicht», «Sag mir, wie viel Wert ich hab», «Streichle mich» singt und dann beginnt, Manuel Kühne mit «Nicht so» und «Das ist ekelhaft» zu beschimpfen, geht das richtig nahe.

Das Pose-Stehen für ein Familienfoto zerfällt, während monotoner Gesang einen Text über das Gefühl der Bedrohtheit erzählt. «Die Angst vor der Hingabe ist ein Filter für die Realität.» – Das erste Mal während dieses Workshops habe ich das Gefühl, das die Darsteller dem Publikum etwas voraus haben – in der Auseinandersetzung mit dem Thema selbstverständlich. Nicht in ihren darstellerischen und musikalischen Fähigkeiten. Denn die tierischen Darstellungen von Manuel Kühne beispielsweise sind wahrlich eine grosse Freude.

Bloss, die gleichzeitige Gegenüberstellung zum gelesenen, wissenschaftlichen Text aus der Angst-Bibel zum Thema Hingabe kennen wir schon. Es wäre schön gewesen, hätte man sich etwas stärker von dem Buch gelöst.

(Bild: jav)

(Bild: jav)

Zu viel Form, zu viel Kunst

Die Frage nach dem Inhalt nämlich, nach der tieferen Auseinandersetzung mit dem Thema, die wird nicht beantwortet. Viele Teile der Aufführung bleiben in der Workshop-Form gefangen. Für geübte Theatergänger und -spieler spannend – für weniger Theateraffine wahrscheinlich seltsam anmutend. Da könnte die Idee aufkommen, es gehe nur um die Kunst um der Kunst willen.

Trotzdem hätte ich gerne beobachtet, wie sich die «Vorführung» im Verlauf der weiteren Aufführungen am selben Abend noch veränderte. Und wie die Schauspieler immer erschöpfter, aber vielleicht auch lockerer werden würden. Und auch auf die nächsten Experimente über die Anatomie der Angst bleibe ich gespannt. Denn interessant ist das Thema allemal.

Die nächste öffentliche Präsentation «Anatomie der Angst 2/4» findet Ende April im Kleintheater statt.

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