«Kunst ermöglicht es, über Themen wie Sex ganz anders zu sprechen»
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Fanni Fetzers Traum ist es, dass das Kunstmuseum ein offenes Haus, ähnlich einem Park ist. (Bild: ida)

Luzerner Kunstmuseumsdirektorin Fanni Fetzer «Kunst ermöglicht es, über Themen wie Sex ganz anders zu sprechen»

5 min Lesezeit 1 Kommentar 04.10.2020, 05:00 Uhr

Kürzlich wurde sie zu einer der 100 erfolgreichsten Schweizer Unternehmerinnen gekürt: Fanni Fetzer, Direktorin des Kunstmuseums Luzern. Wie sie das Kunsthaus prägt und wie Kunst es möglich macht, mit schweren, sperrigen Themen konfrontiert zu werden.

Draussen herrscht ein wildes Treiben, doch das sieht man hier nur durch die Glasscheiben des KKL-Gebäudes. Denn im Innern des Hauses, im vierten Stock, wo sich das Kunstmuseum Luzern befindet, ist es ruhig.

Genau auf die Minute schreitet Fanni Fetzer, in gestreiftem Rock und blauem Pullover, ins Café des Hauses. Die Direktorin des Kunstmuseums wurde kürzlich als eine der 100 erfolgreichsten «Women in Business» geehrt (zentralplus berichtete).

Dass sie einst Chefin eines Kunstmuseums wird, hätte sich Fetzer als junge Frau nicht erträumt. Wohl auch, weil es ein Beruf ist, der den wenigsten in den Sinn kommt. Einst wollte Fetzer, die gerne in der Natur ist und Tiere liebt, Bäuerin werden.

Dem Kunstmuseum eine Handschrift geben

Fanni Fetzer hat gelernt, auf ihre Intuition zu hören. «Und darauf zu vertrauen, was einen selbst begeistert.» Sie will dem Kunstmuseum Luzern eine Handschrift geben. Das sei kein Manifest mit starren Regeln. Aber eine klare Haltung solle spürbar sein. «Ein Berufskollege aus einem grossen Kunsthaus sagte bei seinem Stellenantritt, sein Programm sei wie eine Schüssel Jelly Beans: Für jeden Geschmack sei etwas dabei. Ich bin vom Gegenteil überzeugt.»

«Wenn ich eine Idee habe, von der ich überzeugt bin, möchte ich sie umsetzen.»

Als «tough» würde sie sich selbst nicht bezeichnen. Aber als unabhängig und selbständig, als Person, die gerne selbst entdeckt und anpackt. «Wenn ich eine Idee habe, von der ich überzeugt bin, möchte ich sie umsetzen.»

Das realisierte sie insbesondere, als sie als junge Frau während sechs Jahren für die Kulturzeitschrift «Du» als Journalistin tätig war. «Was die Männer in den Redaktionssitzungen sagten, wurde damals tendenziell stärker gewichtet.» Unabhängig davon merkte Fetzer, dass sie ihren Gestaltungsdrang ausleben möchte. «Ich wäre lieber in einem kleinen Haus Chefin als in einem grossen Haus tätig zu sein und dafür auf niedriger Hierarchiestufe mit wenig Gestaltungsmacht.» Und gestalten kann sie im Kunstmuseum Luzern, wo sie seit 2011 Direktorin ist.

Über Umwege in die Kunstmuseen gefunden

Über Umwege fand Fetzer den Weg in Schweizerische Kunstmuseen. Als junge Frau wollte sie Architektur oder etwas Gestalterisches studieren. Sie besuchte den Vorkurs der «Kunsti» in Zürich, hörte nach einem Semester jedoch auf. «Ich realisierte, dass es mir überhaupt nicht liegt. Ich war nicht fähig, eine eigene gestalterische Sprache zu entwickeln», sagt sie heute. Sie interessiere sich für unterschiedliche Techniken, Inhalte und Stile. «Ich schreibe und rede viel lieber über Kunst, als selbst welche zu machen.»

Erst studierte sie Politikwissenschaften, Volkskunde, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und arbeitete parallel dazu als Journalistin. 2004 wagte sie einen Neuanfang und bewarb sich für eine Stelle im Kunstmuseum Thun. Während ihrer Tätigkeit am Kunsthaus Langenthal absolvierte sie ausserdem den Master in Kulturmanagement.

«In meiner Jugend sah ich Kunst als meine Freizeitbeschäftigung, während ich dachte, ich ginge einst in die Politik. Heute ist die Kunst mein Beruf und Politik interessiert mich sehr in meiner Freizeit», sagt die gebürtige Bündnerin. Beim Gespräch redet sie über Politik und darüber, wie integrativ eine Gesellschaft sein könnte. Täglich Zeitung zu lesen, an die Urne zu gehen und Abstimmungssonntage mitzuverfolgen sind für Fetzer Selbstverständlichkeiten.

Marginalisierte und vergessene Künstlerinnen sichtbar machen

Fetzer rückt immer wieder Künstlerinnen und Künstler in den Fokus, die unbekannt oder längst in Vergessenheit geraten sind. «Ich interessiere mich für Alltagsthemen, aber auch für vergessene und verborgene Sachen», sagt sie.

Einer davon ist der Luzerner Hans Emmenegger. Es war im Kunstmuseum Luzern, wo Fetzer seine Werke in der eigenen Sammlung für sich entdeckte. Sie war begeistert. Der damalige Sammlungskonservator schlug ihr vor, eine Retrospektive zu machen: Sie wollte unbedingt!

«Das Werk löste in mir eine grosse Beklemmung aus.»

«Hans Emmenegger ist ein Maler von Weltrang», sagt die 45-Jährige. Zwar würde bei einer solchen Ausstellung nicht viel Publikum aus Basel, Zürich oder Wien anreisen. Aber mit entsprechendem Storytelling, das man unter die richtigen Leute bringt, erreiche man viel. Der Künstler, den man über unsere Kantonsgrenze hinweg wenig wahrnahm, ist nun nächstes Jahr in Gruppen- und Einzelausstellungen in der Romandie, im Tessin und in Paris zu sehen. Fetzer nennt das Aufbauarbeit. «Dass uns das gelungen ist, darauf bin ich besonders stolz.»

Die Künstler, die mit den Prostituierten im Bett lagen

Das Kunstmuseum Luzern versteht sich laut Fetzer als ein offenes Haus – ähnlichem einem Park, einfach mit Dach. Es soll ein Ort der Begegnung und des Austausches sein. Ein Haus, in dem auch über schwierige Themen offen gesprochen werden kann. «Kunst ermöglicht es, beispielsweise über Sex oder Prostitution ganz anders sprechen zu können.»

Beispielsweise gab es im Kunstmuseum Luzern vor sechs Jahren eine Ausstellung von Mauricio Dias und Walter Riedweg: Sie zeigten eine Videoarbeit mit südamerikanischen Prostituierten.

Die Künstler fertigten eine Maske ihrer eigenen Gesichter an, welche sich die Sexarbeiter überzogen. Gemeinsam mit den Künstlern Dias und Riedweg sitzen sie, nur mit Morgenmantel bekleidet, auf einem blauen Bett und sprechen über männliche Prostitution. «Berührend und tragisch», sagt Fetzer. «Es löste in mir eine grosse Beklemmung aus. Wenn ich jetzt wüsste, dass ein Sexarbeiter neben mir sitzt, hätte ich extrem Mühe, über seine Lebenssituation zu reden. Ich wäre gehemmt und hätte ein schlechtes Gewissen, weil ich ein privilegiertes Leben habe.»

Anders im Kunstmuseum: Heikle Themen wie Prostitution, Pornografie, wirtschaftliche Abhängigkeit und Verzweiflung könne man niederschwellig in Kunstprojekten aufgreifen und Menschen vor Augen führen. Es gehe nicht darum, überhitzte Konflikte auszulösen und prompt Lösungen zu finden. «Vielmehr ist es eine Art Pause von der harten Debatte, wie sie in der Politik oft geführt wird.» Die Kunst konfrontiert dennoch mit etwas, es wird hin- und eben nicht wegschaut.

Das alles soll im 4. Stock des Hauses möglich sein. Fetzer spricht von einer Balance zwischen etwas Sinnlichem, Ästhetischen, etwas Schönem – aber auch etwas Schwierigem, Sperrigem, was sie mit ihren Ausstellungen finden möchte.

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1 Kommentare
  1. Billie Holiday, 04.10.2020, 12:13 Uhr

    Ein Kunstmuseum als „geschützter Rahmen“, also „safe space“, wie die tobenden Toleranten sagen. Ausgerechnet!

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