Kundgebungen in Zug: «Klatschen reicht nicht»
  • Politik
Teilnehmerinnen des Walk of Care am Dienstag in Zug. (Bild: zvg)

Bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege gefordert Kundgebungen in Zug: «Klatschen reicht nicht»

5 min Lesezeit 2 Kommentare 29.10.2020, 19:39 Uhr

Vertreterinnen von Gesundheitsberufen begnügen sich nicht mit dem Applaus für ihren ausserordentlichen Einsatz in der Pandemie. Sie fordern nicht nur mehr Mittel fürs Gesundheitswesen – sondern auch mehr Schutz.

«Sie sind doch für Recht und Ordnung?», schallt dem Zuger Finanzdirektor Heinz Tännler (SVP) entgegen, als er am Donnerstagmorgen zur Sitzung des Kantonsparlament erscheint. «Ja, das bin ich», bestätigt der. «Dann helfen sie mit, dass das Arbeitsgesetz eingehalten wird», fordert ihn eine Spitalangestellte auf. Sie ist mit ihrem Kleinkind zur Kundgebung des Bündnisses für Gesundheitsberufe vor der Dreifachturnhalle der Kantonsschule Zug gekommen.

Am Spital im Kanton Zürich, in dem sie arbeite, zähle die Umkleidezeit nicht zur Arbeitszeit, sagt sie. Das sei widerrechtlich. Dies bestätigt ihr Nachbar, der am Kantonsspital Zug arbeitet. Er berichtet von langen Schichten – sechs Tage am Stück, davon die beiden letzten in der Nacht – mitunter gefolgt von nur von einem freien Tag.

Auch in Arbeitspause verfügbar

Die Rede ist von unbezahlten Pausen, welche die Mitarbeiter nicht in Anspruch nehmen können, weil sie für Patienten und Ärzte verfügbar bleiben müssen.

Diese und andere Mängel thematisieren die Kundgebungsteilnehmer in Zug nun schon zum zweiten Mal in dieser Woche. Am Dienstag rief das Bündnis der Gesundheitsberufe – bestehend aus den Gewerkschaft Syna, dem Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) und dem Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) zu einem «Walk of Care» beim Gewerblichen Bildungszentrum in Zug auf.

«Sie sind doch für Recht und Ordnung, Herr Tännler?» Der Zuger Finanzdirektor hört sich an, wo in der Pflege das Arbeitsgesetz verletzt wird.

Einkleiden gehört zur Arbeit

Nun wird bei den Kantonsrätinnen um Unterschützung geworben. «Klatschen reicht nicht», ruft man ihnen zu. Eine Petition fordert mehr Mitsprache und Schutz am Arbeitsplatz, die Umsetzung von geltendem Arbeitsrecht und konkret, dass «endlich auch in der Zentralschweiz» die Umkleidezeit als Arbeitszeit anerkannt wird.

«Die hohe Belastung in der Pflege macht es fast unmöglich, zu 100 Prozent zu arbeiten.»

Viviane Hösli, VPOD

«Das brennt den Leuten hier wirklich unter den Nägeln», sagt Viviane Hösli vom VPOD. Sie fordern bessere Arbeitsbedingungen, mehr Anerkennung der Gesundheitsberufe und Massnahmen, um genügend qualifiziertes Pflegepersonal auszubilden – und auch länger im Beruf zu halten.

Spitaldirektoren sind gefragt

«Die Höhe der Löhne an sich ist nicht das zentrale Problem», erklärt Viviane Hösli. «Sondern die hohe Belastung im Beruf. Sie macht es fast unmöglich, 100 Prozent zu arbeiten.» Daher reduzierten viele Angestellte in Gesundheitsberufen ihr Pensum.

Die Bittschrift soll an die Zentralschweizer Spitaldirektorenkonferenz gehen. «Die Spitäler sind für die Einhaltung des Arbeitsrechts zuständig», so Hösli. Die Kantone müssten dafür sorgen, dass die Spitäler genügend gut ausgerüstet werden.

«Falscher Adressat»

Im Kantonsrat geht’s später mit dem gleichen Thema weiter. Dort ist eine weitere Petition Gegenstand der Beratungen. Es sind «Forderungen der Pflegefachfrauen der spitalexternen Pflege des Kantons Zug», die bereits 2019 eingereicht wurden.

Viele Kantonsräte äussern Verständnis für die Probleme des Personals. Jedoch sei man der «falsche Adressat» (zentralplus berichtete). Man möge sich an die Arbeitgeber wenden oder an die Bundesparlamentarier, die etwas für die Pflegefachkräfte bewegen könnten.

Symbolische Unterstützung

Jean-Luc Mösch (CVP) aus Cham sieht das eigentlich auch so. «Doch ich habe seit März in meiner eigenen Familie gesehen, welch ungeheurem Druck die Leute in den Gesundheitsberufen ausgesetzt sind und setze ein Zeichen mit einem Ja zur Petition. Tut das auch, wenn ihr mögt.» Am Schluss finden sich im Rat überaschend viele Stimmen für die Bittschrift, die allerdings dennoch abgelehnt wird.

Vergeblich sind die leidenschaftlichen Voten von Luzian Franzini (ALG) und Anna Spescha (SP). Wortgewaltig seziert Rita Hofer (ALG) die Problematik. Weist auf den sich stetig verschärfenden Personalmangel im Gesundheitswesen hin.

Wo es hapert

Hofer erinnert daran, dass Pflegeberufe meist von Frauen ausgeübt werden. Daher seien Verbesserungen in der familienergänzenden Betreuung nötig, die sich nicht nur an Bürozeiten orientieren könne.

«Das Gesundheitswesen ist eine staatliche Aufgabe.»

Rita Hofer, Kantonsrätin ALG

Arbeitgeber seien verpflichtet, für den Schutz der Arbeitnehmenden zu sorgen. Gesetzlich sei dies geregelt, werde aber in der Praxis nicht umgesetzt. 20 bis 40 Prozent des Personals zeige Symptome von Burnout.

Regierung macht es sich einfach

Wenn die Regierung die Meinung vertrete, dass die Forderungen der Plfegefachfrauen nicht in ihren Kompetenzbereich gehören, so Hofer, «dann möchte ich doch daran erinnern, dass das Gesundheitswesen eine staatliche Aufgabe ist». Mit der Privatisierung der Aufgaben könne sich die Regierung nicht aus der Verantwortung nehmen.

Ausserdem: «Der Regierungsrat hat eine Vertretung im Verwaltungsrat des Kantonsspitals.» Der Kanton halte an der Betriebsgesellschaft die Mehrheit. «In diesen Funktionen hat der Kanton ein Mitspracherecht als Arbeitgeber», so Hofer.

Die Zuger ALG-Kantonsrätin Tabea Zimmermann Gibson informiert sich bei Vertreterinnen des Bündnisses der Gesundheitsberufe.

Zuständig sind andere

Im März sei mit dem Lockdown das Arbeitsgesetz von der Politik ausgehebelt worden, um die Coronapandemie zu stemmen. Eine Normalität wurde nicht wiederhergestellt. In der zweiten Welle der Pandemie seien ebenfalls Über-60-Stunden-Wochen denkbar.

Die Politik könne jederzeit ins Arbeitsgesetz eingreifen, aber umgekehrt wolle keine politische Behörde zuständig sein, wenn berechtigte Forderungen des Pflegepersonals auf den Tisch kämen, kritisiert Hofer.

Postulat hält Diskussion wach

Damit sich das ändert, deponiert die Hünenbergerin sogleich einen Vorstoss, welcher die Regierung verpflichten will, sich im Rahmen ihrer Oberaufsicht über das kantonale Gesundheitswesen in neun Punkten für wirksame Verbesserungen für Pflegekräfte einzusetzen.

Vorläufige Bilanz für die Vertreter der Gesundheitsberufe: Sie haben mit ihren Anliegen im Parlament auf Granit gebissen, aber aufmunternde Worte gehört.

Immerhin liegt ihr Anliegen, dass der Kanton sich für die Verbesserung ihrer Lage einsetzt, immer noch auf dem Tisch. Ansonsten konnte einigen Leuten vor Augen geführt werden, dass Klatschen für die Arbeit der Pflegenden in der Coronakirse nicht reicht. Aber den Applaus vergessen sollte man dennoch nicht.

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2 Kommentare
  1. Guellemaetteli, 30.10.2020, 15:48 Uhr

    Schliesst für drei Monate alle öffentlichen Einrichtungen: Polizei, Justiz, Politik, inkl. Bundesbern -macht alles für drei Monate dicht – keine Ein- und Ausreisen – arbeite wer will, allen Anderen drei Monate unbezahlten Urlaub – danach wird alles viel besser sein. Die Natur richtet sich weder nach dem Willen des Pflegepersonal noch nach dem Willen des Staatspersonals und schon gar nicht nach dem Willen der Politiker. Schickt alle die wollen in einen dreimonatigen unbezahlten Sonderurlaub. Und die, welche weiter arbeiten möchten, die, die etwas leisten möchten – lasst Sie siech selbst organisieren.

  2. Guellemaetteli, 30.10.2020, 15:38 Uhr

    Meine Meinung: Entlasst das unzufriedene Pflegepersonal in eine dreimonatigen unbezahlten Urlaub und lasst der Corona ihren lauf.

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