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Kulturlokal Uferlos muss einer Wohnüberbauung weichen
  • Kultur
Eingang zum Uferlos: Noch bis Sommer 2020 gehen hier Partygäste ein und aus. (Bild: jwy)

Luzerner Club schliesst im Sommer 2020 Kulturlokal Uferlos muss einer Wohnüberbauung weichen

5 min Lesezeit 18.03.2019, 18:19 Uhr

Und schon wieder verschwindet Kultur und Gewerbe aus dem Geissensteinquartier: Auf Sommer 2020 müssen das Uferlos und viele benachbarte Gewerbebauten einem Neubau weichen. Die gute Nachricht: Der Besitzer verspricht kostengünstige Wohnungen.

Nach fast 25 Jahren ist für das Uferlos Schluss: Der kleine Kulturraum ist gleichermassen beliebt für kleine Konzerte wie für rauschende Elektro-Partys. Doch nun hat der Besitzer andere Pläne und den Betreibern auf Sommer 2020 gekündigt.

Grund dafür: Das ganze Gebäude am Geissensteinring 14 macht einer Wohnüberbauung Platz, wie der Besitzer eine Meldung des Newsletters Ron Orp vom Montag bestätigt.

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Die Kündigung betrifft nicht nur das Uferlos, sondern weiteres Kleingewerbe und Ateliers – etwa die Tanzerei, ein Architekturbüro, verschiedene kleine Schreinereien oder einen Steinbildhauer. Die zwölf Gebäude zwischen Geissensteinring 8 und 18 sind alle Teil eines rund 3’500 Quadratmeter grossen Areals, das der Pneumatikhaus AG gehört. Auch Wohnungen sind Teil davon.

Marode Bausubstanz

«Wir haben letztes Jahr aufgrund der maroden Substanz unserer Gebäude entschieden, dass diese einem Neubau weichen müssen», sagt Alexander Rieder, Inhaber von Pneumatikhaus. Das KMU kennt man in Luzern vom prominenten Gebäude am Pilatusplatz, wo das Familienunternehmen lange seinen Hauptsitz hatte. Inzwischen ist die Firma in Rothenburg daheim.

«Der Erhalt eines einzelnen alten Gebäudes wäre auf der länglichen Parzelle mit Hanglage nahezu unmöglich», begründet Rieder. Und eine Sanierung würde sich nicht mehr lohnen: «Das wäre ein Fass ohne Boden», so Rieder. Die Mieter seien schon im August 2018 informiert worden. «Damit diese möglichst lange Zeit haben, sich darauf vorzubereiten.»

Das 3’500 Quadratmeter grosse Grundstück am Geissensteinring mit dem Uferlos wird 2020 überbaut.

Das 3’500 Quadratmeter grosse Grundstück am Geissensteinring mit dem Uferlos wird 2020 überbaut.

(Bild: Google Maps)

Wohnraum für 100 Personen

Anstelle der jetzigen Gebäude sind Gewerbeflächen im Erdgeschoss und rund 66 preiswerte Mietwohnungen für rund 100 Personen in den Obergeschossen geplant. Die Besitzer setzen auf kleine Wohnungen, zu zwei Dritteln werden 1,5- und 2,5-Zimmer-Wohnungen gebaut. Den Wettbewerb hat das Team von Scheitlin Syfrig Architekten in Luzern gewonnen.

Anfang April werde das Projekt der Stadt vorgestellt, so Rieder. «Mit der Baubewilligung rechnen wir spätestens Anfang 2020, Baustart ist der 1. Juli 2020.» Rund 20 Millionen Franken investiert das KMU in die neuen Immobilien.

«Dumm gelaufen»

Milo Grüter, Mitbetreiber des Uferlos, hat damit gerechnet, dass irgendwann Schluss ist – aber nicht so schnell: «Es war klar, dass hier irgendwann etwas passiert, aber die Kündigung kam letztlich doch überraschend», sagt er.

In der jetzigen Form gibt es das Uferlos seit 2014, die Betreiber Milo Grüter und Lukas Meyer sind beide als DJs bestens im Luzerner Nachtleben vernetzt. Vergangenen Sommer haben sie nochmals rund 20’000 Franken in Akustik und Schallschutz investiert. «Dumm gelaufen», sagt Grüter nicht ohne Wehmut. «Es ist eine der letzten zentralen Ecken der Stadt mit Kleingewerbe und Kultur.»

In den verbleibenden eineinhalb Jahren machen sie das Beste aus der Situation und geben im Uferlos nochmals Vollgas. Nicht ohne Hoffnung, dass sie durch Verzögerungen des Bauprojekts allenfalls doch noch länger bleiben können. Das Lokal laufe sehr gut. Wie und ob es danach weitergeht und ob sie ein neues Lokal suchen, ist noch offen.

Das Gewerbehaus am Geissensteinring macht 2020 Wohnungen Platz.

Das Gewerbehaus am Geissensteinring macht 2020 Wohnungen Platz.

(Bild: jwy)

Vorher war das Uferlos zwischen 1995 und 2014 das Lokal der Homosexuellen-Arbeitsgruppe Luzern (Halu) und ein beliebter Treffpunkt für Schwule, Lesben und Bisexuelle. «Andersrum ist nicht verkehrt» – dieser Spruch an der Aussenwand zeugt noch von der Vergangenheit.

2014 hat Halu das Lokal abgegeben, weil es nicht mehr lief wie gewünscht (zentralplus berichtete). Es übernahm Lukas Meyer, der das Lokal heute mit Milo Grüter betreibt.

Zusammenhang mit Industriestrasse?

Überraschend kam die Kündigung auch für die anderen Mieter nicht, etwa einen Gewerbetreibenden, der schon mehr als 20 Jahre am Geissensteinring wirkt. «Es war immer klar, dass wir irgendwann rausmüssen.» Nun sei es aber natürlich mühsam, etwas Neues zu finden. Er vermutet: «Mit all den Überbauungen rundherum hat der Verwalter das Gefühl bekommen, er müsse jetzt auch aufräumen.»

Tatsächlich liegt das Gewerbehaus in einem Gebiet, das in den nächsten Jahren umgewälzt wird: Die nahe Industriestrasse wird komplett mit gemeinnützigen Wohnungen und Gewerbe überbaut. Und auch auf dem EWL-Areal gleich auf der anderen Strassenseite des Geissensteinrings, wo heute noch Rohre lagern, ist Grosses geplant (zentralplus berichtete).

«Ich bin überzeugt, dass günstiger Wohnungsbau auch ohne Subventionen möglich ist.»

Alexander Rieder, Inhaber Pneumatikhaus

Inhaber Alexander Rieder verneint den Zusammenhang, der Zeitplan sei Zufall. 2018 habe das Pneumatikhaus ihr letztes Projekt in Rothenburg abgeschlossen. «Zwei parallele Baustellen wären zu viel für uns.» Aber er freut sich, dass auch in der Nachbarschaft etwas geht und die Industriestrasse und das EWL-Areal aufgewertet werden. «Wir stehen in Kontakt mit den Projektverantwortlichen.» Und weil in der Industriestrasse grössere Wohnungen geplant sind, würden sie ausgleichend eher kleinere Wohnungen anbieten.

«Ich bin der festen Überzeugung, dass günstiger Wohnungsbau dank Kostenbewusstsein auch ohne Subventionen möglich ist», sagt Rieder, der für die Jungfreisinnigen für den Kantonsrat kandidiert. Am Geissensteinring soll dies gezeigt werden.

Kultur verschwindet zusehends

Mit der Häuserzeile verschwindet erneut ein Stück Kultur und Gewerbe an einer zentralen Lage. Auch Alexander Rieder bedauert diese Veränderungsprozesse. «Das ist jedoch leider unaufhaltbar. Gerade für uns, die mehrere Nummern kleiner sind als die Nachbarn. Somit ist unser Einfluss beschränkt.»

Gerade die Kultur hat im Quartier einen immer schwereren Stand: Die Boa und das La Fourmi sind die bekanntesten Betriebe, die in der jüngeren Vergangenheit eingegangen sind. Daneben sind zahlreiche Nischenangebote verschwunden, wie der Gentlemen’s Club, das Tim Buktu oder die Veranstaltungen im Gewerbegebäude. Nun ist bald auch das Uferlos Geschichte.

Das Gebäude am Geissensteinring beherbergt Kleingewerbe und Kultur.

Das Gebäude am Geissensteinring beherbergt Kleingewerbe und Kultur.

(Bild: jwy)

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