Kultur

Grenzen sind zum Überwinden da
Zuwebe-Film fragt: Was erwarten Behinderte vom Leben?

  • Lesezeit: 3 min
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Fahren zur Freiheit ohne Grenzen: Martin im Swiss Track. (Bild: zvg)

Ein Imagefilm kann Tiefgang haben, wenn die Darsteller echt wirken. Die Luzerner Filmemacherin Ursula Brunner hat sie für «Das Leben ist kein Ponyhof» in der Zuwebe gefunden – einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen in Baar.

Der Beginn ist schauderhaft – man möchte am liebsten gleich wieder wegzappen: Postkartenansichten aus der Region Zug, ein paar gesichtslose, propere Wohn- und Gewerbebauten, dazu seichte Musik. Doch was beginnt wie ein harmloses Imagefilmchen einer Zuger Bildungseinrichtung oder eines Wirtschaftsverbands, entpuppt sich als Dokumentarstreifen mit menschlichem Mehrwert.

Die Rede ist von «Das Leben ist kein Ponyhof» der Luzerner Filmemacherin Ursula Brunner (geboren 1961). Sie hat anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Zuwebe (früher: Zuger Werkstätten für Behinderte) in «Das Leben ist kein Ponyhof» während 25 Minuten drei Menschen mit Beeinträchtigung in ihrem Arbeitsleben porträtiert.

Heute werden Menschen mit Beeinträchtigungen besser gefördert

Peter, Martin und Lily gehen alle in der Zuwebe ein und aus, aber sie stehen gleichzeitig für den Wandel, den das Leben von handicapierten Menschen im Lauf der letzten Jahre erfahren hat.

Peter, bereits pensioniert und ein Arbeitsleben lang an einer Industriemaschine tätig, nutzt die Zuwebe, um eine Tagesstruktur aufrechtzuerhalten. Der wenig Limitierte hatte einst keine Förderung erhalten, sondern war in Heime abgeschoben worden und bekam sein Leben lang Grenzen aufgezeigt.

Swiss Track statt Rasenmäher

Martin, mit Behinderung im Rollstuhl, wurde von Kindesbeinen an mit Therapien gefördert. Er arbeitet heute in der Zuwebe und möchte eigentlich mehr vom Leben – bekommt aber seine Grenzen aufgezeigt. Er denkt laut über sein Dasein nach («Das Leben ist kein Ponyhof») und klagt über die zeitweise schlechte Arbeitsauslastung bei der Zuwebe («lieber eine blöde Arbeit als gar keine»).

Sinnbildlich für die gewollte Überwindung seiner Grenzen steht Martins Hobby: Er fährt mit seinem Swiss Track – der Zugmaschine für seinen Rollstuhl – gern quer durch die Schweiz. Und erinnert mit seiner eigensinnigen Beharrlichkeit an den widerborstigen Hauptdarsteller aus David Lynchs Film «The Straight Story» («Eine wahre Geschichte») aus dem Jahr 1999. Der war mit einem Rasenmäher quer durch Amerika getuckert.

Selbstverständlich und erschütternd

Die Dritte im Bunde, Lily, ist in der Lehre. Die leicht geistig Behinderte hat noch grosse Erwartungen ans Leben, möchte am liebsten Kinder und nach China reisen. Es ist ebenso absehbar wie erschütternd, dass ihre grossen Pläne zu scheitern drohen.

Macht eine Lehre in der Zuwebe und hat grosse Pläne: Lily.

Macht eine Lehre in der Zuwebe und hat grosse Pläne: Lily.

(Bild: zvg)

Genau hier liegt das Berührende am kurzen Dok-Film: in der Selbstverständlichkeit und Unvermitteltheit, mit der die Behinderten über ihre Grenzen, aber auch über Träume, Wünsche und Ziele sprechen. Es sind authentische Antworten zu denselben existenziellen Fragen im Leben, die sich auch «normalbegabte» Zuschauer stellen.

«Tempo herunterfahren»

Ursula Brunner dreht seit Jahren Dok-Filme fürs Schweizer Fernsehen und hat 2017 den Innerschweizer Filmpreis mit einer Arbeit über allein erziehende Väter gewonnen (zentralplus berichtete). Daneben macht sie aber auch Imagefilme für Non-Profit-Organisationen. «Ich mache das natürlich auf meine Weise und bin auch hier das Thema dokumentarisch angegangen», sagt sie.

Wie lange sie für den kurzen Streifen gearbeitet hat, kann sie nicht beziffern. «Ich bin über einen Monat lang nach Baar gefahren und habe nach den Vorgesprächen immer mal wieder ein wenig gedreht», sagt sie. Bei der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen müsse man flexibel sein. «Wenn man mit ihnen zusammen ist, kommt es oft zu überraschenden Situationen», erzählt die Filmemacherin. «Man kann schon mit ihnen plaudern, aber muss sich auf sie einlassen – und dafür das Tempo anpassen und herunterfahren.»

Peter (links) erinnert sich in der Zuwebe an alte Zeiten.

Peter (links) erinnert sich in der Zuwebe an alte Zeiten.

(Bild: zvg)

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