Kultur
Historisches Drama mit Millionenbudget

Zuger Adrian Illien schreibt Mega-Serie «Davos» fürs SRF

Der Zuger Drehbuchautor Adrian Illien hat während 3,5 Jahren an «Davos» gearbeitet. (Bild: SRG / Urs Rey)

Derzeit dreht das «SRF» mit «Davos» eine neue Spielfilm-Serie mit Millionenbudget. Die Drehbücher dafür stammen aus der Feder des Zuger Autors Adrian Illien. zentralplus hat mit ihm über die Herausforderungen eines solchen Projekts gesprochen.

Serien laufen dem klassischen Film allmählich den Rang ab. Wurden früher viele Serien tendenziell kostengünstig und schnell fürs Fernsehen produziert, hat in den vergangenen Jahren ein regelrechter Qualitätssprung stattgefunden. Seien es Produktionen wie «Breaking Bad» oder das Fantasy-Spektakel «Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht» – auf dem Fernsehbildschirm wird Unterhaltung in Kinoqualität geboten – und dank Netflix, Amazon und Co. werden regelrechte Binge-watching-Marathone ermöglicht (zentralplus berichtete).

Auch das «SRF» hat in der Vergangenheit immer wieder grosse Projekte realisiert. Darunter auch aufwändige historische Stoffe wie den Zweiteiler «Gotthard», der ein geschätztes Budget von zehn Millionen Franken verschlang. Vor Kurzem sind die Dreharbeiten zu einer Serie von ähnlichem Kaliber gestartet. Mit einem Zuger Schreibtalent an vorderster Front.

Von «Davos» in die Welt hinaus

Intrigen, politische Verstrickungen und menschliches Drama: Damit will die sechsteilige Spielfilmserie «Davos» über die Landesgrenzen hinaus begeistern. Stefan Eichenberger, einer der Produzenten der schweizerisch-deutschen Koproduktion, äussert sich in einer Medienmitteilung: «Es war immer unser Ziel, die erste Schweizer Serie zu produzieren, die von Beginn an für ein internationales Publikum konzipiert ist.»

Während für die Regie Jan-Eric Mack («Wilder») und Anca Miruna Lăzărescu («Wir sind die Welle») verantwortlich zeichnen, stammt ein wichtiger Bestandteil der Produktion aus dem Kanton Zug: Die Drehbücher des Mega-Projekts hat unter anderen Adrian Illien verfasst; der Zuger ist als Hauptautor für die Bücher verantwortlich.

An der Kanti das Flair zum Film entdeckt

Im Zentrum der Geschichte, die zur Zeit des Ersten Weltkriegs spielt, steht die einheimische Krankenschwester Johanna Gabathuler. Diese gerät unerwartet zwischen die Fronten der heimlich in Davos operierenden Spione. Um ihre uneheliche Tochter zurückzugewinnen, lässt sie sich auf ein tödliches Spiel mit dem deutschen Geheimdienst ein – und wird bei einem riskanten Plan, der über Krieg oder Frieden entscheidet, plötzlich zum Zünglein an der Waage.

«‹Davos› ist das bisher grösste Projekt, an dem ich beteiligt bin», sagt Illien gegenüber zentralplus. «Das ist sehr spannend, gleichzeitig ist es aber auch nicht immer einfach, mit dem Druck umzugehen.» Davor hat er schon für die Schweizer Krimiserie «Der Bestatter» oder die deutsche Soap «Sturm der Liebe» Drehbücher geschrieben. Die Leidenschaft für Film und Drehbuch entdeckte der 39-Jährige während seiner Schulzeit an der Kanti in Zug. Auf den Schulrechnern hat Illien seinen Matura-Film geschnitten. Dann schlug er einen im Rückblick eher ungewohnten Weg ein: «Studiert habe ich Internationale Beziehungen, also etwas völlig anderes», sagt er und lacht.

Adrian Illien findet den Weg zurück zum Drehbuch

Schliesslich zog es ihn nach Deutschland, wo er als Produzent tätig war, und danach wieder zum Drehbuch. Zwei Jahre lang schrieb er für «Sturm der Liebe» an den Drehbüchern mit. In dieser Zeit habe er viel über das Handwerk gelernt, erzählt er. «Es hat seinen Reiz, mit einem Autorenteam pro Tag ein Drehbuch für eine 45 Minuten lange Folge zu schreiben.» Besonders weil man das Ergebnis – und damit Stärken und Schwächen der eigenen Arbeit – schon wenige Monate später auf dem Bildschirm sehen kann. «Beim Film dauert es oft mehrere Jahre, bis man das fertige Werk sieht und weiss, ob alles so funktioniert, wie man sich das ausgedacht hat.»

Trotzdem lockte es ihn zurück in die Schweiz und zum «SRF», wo er sechs Jahre lang unter anderem als Redaktor tätig war. Seit 2019 ist Illien als selbstständiger Autor unterwegs.

Das Team um «Davos» (v.l.n.r.): Tobias Dengler (Kamera), Jan-Eric Mack (Regie), die Hauptdarsteller Dominique Devenport und David Kross, Anca Miruna Lăzărescu (Regie), Timon Schäppi (Kamera). (Bild: Frank Dicks)

So kam der Zuger Autor zu «Davos»

Zu «Davos» stiess Adrian Illien, als die Idee zum Projekt und das Genre schon stand. «Das ‹SRF› plante schon länger eine historische Serie, die in der Sanatoriumswelt von Davos spielt», erinnert er sich. Die Autoren Michael Sauter und Thomas Hess hätten dann eine Geschichte entwickelt und Illien angefragt, als Head Writer einzusteigen. Ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. «Das Projekt hat mich sehr interessiert.» Zusammen mit der deutschen Autorin Julia Penner bildete sich der vierköpfige «Writers Room» – so die offizielle Bezeichnung eines Autorenteams.

So funktioniert ein «Writers Room»

Bevor jedoch auch nur ein Wort geschrieben wurde, stand die Recherche an: «Ich habe mich schon im Vorfeld in das Thema eingelesen, damit ich konkrete Fragen stellen kann», erzählt Illien. Für den historisch interessierten Illien war das eine spannende Zeit. «Wir haben in Davos selber recherchiert, mit vielen ansässigen Leuten gesprochen und uns mit Museen, Archivaren und historischen Beratern ausgetauscht.» So habe sich Stück für Stück ein Gesamtbild aus jener Zeit zusammengesetzt.

Historische Stoffe seien immer eine Herausforderung. Gesellschaftliche Gepflogenheiten, Sprechweisen, politische Stimmungen – das alles soll so wahrheitsgetreu wie möglich wiedergegeben werden und gleichzeitig spannend sein. Es sei nicht immer einfach, zwischen historischer Genauigkeit und dramaturgischer Notwendigkeit abzuwägen. «Aber das Ziel und die Hoffnung ist, stets eine historische Wahrhaftigkeit wahren zu können.»

Vier Autoren – eine Vision

Im «Writers Room» entwickelte das Team dann die Geschichte gemeinsam, arbeitete sich langsam vor: «Der Prozess kann sehr anstrengend sein. Man kämpft um seine Ideen, muss sich aber auch eingestehen können, dass die Idee eines anderen Teammitglieds besser ist als die eigene.» Als man sich einig war über die grossen, dramaturgischen Bögen, teilte sich das Team die Folgen unter sich auf.

Als Head Writer hatte Illien eine gewisse Entscheidungsgewalt: «Es braucht jemanden, der den ganzen Schreibprozess zusammenfasst, damit alles aus einem Guss wirkt, und notfalls auch eine Entscheidung trifft – mit allen Konsequenzen.»

«Davos» kostet über 15 Millionen Franken

Berücksichtigen mussten Illien und sein Team beim Schreiben der Bücher von «Davos» auch den Produktionsaufwand. «Historische Stoffe sind immer sehr aufwändig.» Kostüme, Kulissen, Requisiten – viele Dinge mussten eigens für die Serie hergestellt werden. Ein teures Unterfangen. Das aktuelle Budget der Serie beläuft sich auf rund 15 Millionen Franken. Mehr als die Hälfte davon konnte die Produktionsgesellschaft im Ausland akquirieren. Ganz final sei das Budget aber noch nicht, schreibt «SRF» auf Anfrage.

Die Arbeit an den Drehbüchern haben insgesamt rund 3,5 Jahre gedauert. «Wir waren aber nicht durchgehend damit beschäftigt», sagt Illien. «Es gab Wochen oder gar Monate, in welchen der Writers Room nicht zusammenkam.» Das gab ihm auch die Zeit, an anderen Projekten zu arbeiten. «Das ist das Los der Selbstständigkeit», sagt er gut gelaunt.

Release-Datum von «Davos» ist noch unklar

Mit dem Start der Dreharbeiten von «Davos» ist Illiens Aufgabe aber noch nicht ganz erledigt. Zwar wurde der Writers Room aufgelöst, er selbst begleitet das Projekt jedoch weiterhin und schreibt – wo nötig – neue Passagen und Dialogzeilen. Wetterumschwünge, die den Drehplan durcheinanderbringen, Inputs von Schauspielerinnen, Covid-Erkrankungen oder Probleme mit der Location – ein Drehbuch ist quasi ein stetiger Prozess. Illien nennt ein Beispiel: «Wir hatten eine Szene geschrieben, die in einem Tunnel spielen sollte. Dann wurde eine Steinschlagwarnung ausgerufen und nun müssen wir eine andere Location suchen.»

Gedreht wird «Davos» noch bis März 2023. Unter anderem in den Regionen Prättigau und Engadin im Kanton Graubünden sowie in Deutschland in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hamburg. Support erhält die Serie auch vom Kanton Zug. Der Regierungsrat gab Anfang November bekannt, das Projekt mit 100'000 Franken aus dem Lotteriefonds zu unterstützen. Wann genau die Serie über die heimischen Bildschirme flimmert, ist gemäss «SRF» noch nicht bekannt.

Für Adrian Illien geht es nach «Davos» direkt weiter. Auch wenn er sein nächstes Projekt noch nicht offiziell ankündigen darf, sagt er zu zentralplus: «Es sind mehrere Dinge in Arbeit.»

Auch eine Luzernerin ist bei «Davos» mit von der Partie

Abgesehen von Adrian Illien ist die Zentralschweiz auch vor der Kamera vertreten. Denn mit Dominique Devenport (26) spielt eine gebürtige Luzernerin die Hauptrolle (zentralplus berichtete). Zuletzt hatte sie die Titelrolle der «Sisi» in der gleichnamigen RTL-Serie. Neben Devenport sind auch deutsche Schauspieler wie David Kross dabei, der in der Bestsellerverfilmung «Der Vorleser» an der Seite von Oscar-Preisträgerin Kate Winslet spielte.

Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Adrian Illien, Drehbuchautor
  • Schriftlicher Austausch mit Silja Hänggi, Mediensprecherin SRF
  • Medienmitteilung SRF
  • Medienmitteilung Regierungsrat Kanton Zug
  • Imdb-Eintrag von Adrian Illien
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