Kultur
Martin Peikerts Plakate prägen die Werbung

Zu Lebzeiten verkannt: Ein Zuger mit Weltruhm

Drei Werke Peikerts: Zugerberg-Bahn, Rigi und Zugerland.

(Bild: Fotocollage zentralplus)

Zeitlebens bekam der Zuger Martin Peikert für sein Werk wenig Anerkennung – zumindest in seiner Heimat. Jetzt aber würdigt das Kunsthaus Zug den Künstler und Grafiker mit einer Ausstellung. «Endlich», sagt seine Tochter. Wäre früher etwas passiert, hätte man Peikert viel Leiden ersparen können.

Wer kennt sie nicht, die Plakate mit dem Zugerberg und dem Hasen, oder die Zugerland-Version mit den Kirschen? Martin Peikert, oder zumindest sein Werk, geniesst heutzutage fast Kult-Status. Nicht nur in Zug. Aber dort wird Peikert nun endlich Ehre erwiesen: Ab heute sind seine Plakate im Kunsthaus Zug ausgestellt.

Sein Werk prägte unser Tourismusbild

In der Ausstellung wird insbesondere das grafische Schaffen Peikerts beleuchtet. Das sind vor allem seine Tourismusplakate, für die er weltweit bekannt ist. Barbara Ruf, welche die Ausstellung kuratiert, erklärt, warum: «Martin Peikert hat eine singuläre Position in der Grafik und sein Werk ist sehr prägend für unser Tourismusbild.» Deshalb habe man sich auf diesen Teil des Werkes beschränkt.

Wie prägend Peikert war, zeige sich auch anhand der Tourismusregion Pontresina, für welche er insgesamt sieben Plakate gestaltet habe.

«Gute Künstler müssen sich nicht um die Aufträge kümmern. Sie kommen zu ihnen.»
Martin Peikert, kolportiert von seiner Tochter

Wie seine Tochter, Françoise Schweizer-Peikert, erzählt, pflegte Martin Peikert zu sagen: «Gute Künstler müssen sich nicht um die Aufträge kümmern. Sie kommen zu ihnen.» Und das war bei Peikert der Fall, wie Ruf bestätigte. «Das alleine zeigt schon, welch grosse Bedeutung Peikert bereits zu Lebzeiten hatte», sagt sie.

«Un homme distingué»

Wer war Martin Peikert? Seine Tochter Françoise Schweizer-Peikert sagt, sie würde ihren Vater als «distingué» beschreiben. Man könnte das in dem Zusammenhang wohl am ehesten mit «kultiviert» übersetzen.

Peikert, der mit seiner zweiten Frau Suzy Borboën und der gemeinsamen Tochter Françoise Schweizer-Peikert nur Französisch sprach, habe einen eleganten Lebensstil gepflegt, sagt seine Tochter. Er habe stets einen selbst in Form gebrachten Hut und ein Jackett getragen, das er kaum auszog. Peikert sei ein Mann gewesen, der ein Faible für das Schöne und Genussvolle gehabt habe, sagt Schweizer-Peikert. Er sei ein «feiner» Mann gewesen, ein geistreicher Gesprächspartner und allseits beliebter Unterhalter.

Martin Peikert, wie er zu arbeiten pflegte (links) und wie er in Erinnerung blieb: mit Hut und Jackett (rechts).

Martin Peikert, wie er zu arbeiten pflegte (links) und wie er in Erinnerung blieb: mit Hut und Jackett (rechts).

(Bild: Fotocollage zentralplus/Bilder zvg)

Maler, Bastler, Erfinder, Unterhalter, Grafiker

So schildert sie, wie ihr Vater an einer Erster-August-Feier mit einem selbstgebastelten Fotoapparat die ganze Familie zu fotografieren vorgab. Der Fotoapparat sei in Tat und Wahrheit aber eine mit Feuerwerk gefüllte Holzkiste gewesen, die Peikert zündete, als die ganze Familie versammelt vor dem Kasten sass. «In freudiger Erwartung, was mein Vater jetzt wieder vorhat», erzählt seine Tochter. 

Aber Peikert sei nicht nur der aufgestellte Unterhalter gewesen, der Komplimente verteilte, um den Menschen ein gutes Gefühl zu geben, der gerne mit einer guten Zigarre und einem feinen Glas Hochprozentigem ein Nachtessen ausklingen liess. Er sei auch Naturfreund, Pilzsammler und tief im Herzen Maler, Bastler und Erfinder gewesen, so Schweizer-Peikert.

Die Vielseitigkeit als Markenzeichen

Davon zeugen unzählige Werke, die nicht in der Ausstellung zu finden sein werden: selbstgebastelte Gebetsmühlen beispielsweise, Aquarelle, Ölbilder oder handgefertigte Miniaturfernseher, die, wenn man sie anschaltet, unter anderem Rehe im Wald zeigen. «Er hat so unglaublich viel geschaffen, ich staune immer wieder», sagt seine Tochter.

«Martin Peikert war offensichtlich ein Mann mit Ideen, vital in seiner Vielseitigkeit, originell in jenem populären Sinn.»
Jörg Hamburger, Grafiker

Entstanden sind über all die Jahre auch unzählige Prospekte, Wein-Etiketten und diverse Werbungen, so zum Beispiel für Coca Cola oder das Schuhhaus Dosenbach, für Globus oder eine Radiomarke. «Wohl aus der Not heraus, Geld zu verdienen», wie seine Tochter heute mutmasst. Trotz des Erfolgs ihres Vaters hätten sie in einfachen Verhältnissen gelebt, erzählt sie. Denn seine Arbeit sei damals nicht besonders gut bezahlt gewesen. 

Skizzen auf Bierdeckeln

Diese Vielfalt und sein Ideenreichtum zeichnen aber auch seine Plakate aus. So schrieb Jörg Hamburger, ein wichtiger Vertreter des in der internationalen Grafik als «Swiss Style» bekannten Stils, über Peikert: «Martin Peikert war offensichtlich ein Mann mit Ideen, vital in seiner Vielseitigkeit, originell in jenem populären Sinn.»

Die Skizzen seiner Arbeiten seien oft unterwegs entstanden, erzählt seine Tochter. Ab und an auch mal auf einem Bier-Untersatz aus Karton. Sie selbst besitzt einen Teil der Werke. Den Rest haben ihre Halb-Geschwister geerbt, die beiden Kinder aus der ersten Ehe Peikerts.

Schweizer-Peikert hat ihren Teil der Plakate der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) vermacht. Mit ihren Geschwistern hat sie keinen Kontakt mehr – zu gravierend sind die Differenzen darüber, wie mit Peikerts Erbe umgegangen werden soll. Auch deshalb habe es noch nie eine Gesamtschau des Werkes gegeben.

Wenig Anerkennung zu Lebzeiten

Als Peikert noch lebte, fand sein Werk ausserhalb der Werbebranche (und manchmal auch in der Branche selbst) wenig Anerkennung. «Das hängt damit zusammen, dass die Druckgrafik damals nicht denselben Stellenwert genoss, wie sie das jetzt tut», sagt Barbara Ruf.

»Martin Peikert war innerhalb der Vorgaben des Auftraggebers sehr kreativ. Das zeichnet ihn aus.»
Barbara Ruf, Kuratorin des Kunsthauses Zug

Heute schätze man Peikert dafür, dass er «einzigartige und innovative Lösungen im grafischen Bereich» geschaffen habe, sagt Ruf. «Er bot nicht nur der Tourismusregion, sondern auch dem Endverbraucher immer wieder etwas Neues. Er war innerhalb der Vorgaben des Auftraggebers sehr kreativ.» Das zeichne Peikert aus, sagt Ruf.

Seiner Zeit voraus

Seine Tochter sieht einen Grund für die fehlende Anerkennung auch darin, dass Peikert mit seinen für die damalige Zeit sehr modernen Plakaten den Menschen einen Schritt voraus war. Sie unterstreicht dies mit folgender Erzählung: Peikert sei von der Tourismusregion Grindelwald angefragt worden, ein Plakat zu gestalten. Er sei mit dem fertigen Werk ins Berner Oberland gereist – und am Boden zerstört zurückgekehrt.

Dem Tourismusdirektor habe sein Plakat nicht gefallen. Zehn Jahre später habe sich der neue Tourismusdirektor der Region gemeldet. Er habe das Plakat Peikerts in einer Schublade gefunden und würde es gerne verwenden.

Martin Peikert, Grindelwald.

Martin Peikert, Grindelwald.

(Bild: artnet.de)

Die letzte Enttäuschung auf dem Sterbebett

Dass seine Arbeit nicht gewürdigt wurde, als er noch lebte, das habe ihren Vater immer sehr beschäftigt, sagt Schweizer-Peikert. Er habe darunter gelitten, dass er – selbst in Zug – nicht zu den Ehren gekommen sei, die er aus heutiger Perspektive verdient hätte.

«Siehst du, jetzt hat es wieder nicht geklappt.»
Martin Peikert, kolportiert von seiner Tochter

Das spiegelt sich auch in einer weiteren Anekdote wider. Kurz vor seinem Tod habe sich eine junge Kunststudentin bei Martin Peikert gemeldet. Sie wolle unbedingt eine Ausstellung über sein Werk gestalten. Die junge Frau sei in den Archiven der heutigen ZHdK auf die Bilder gestossen, erzählt seine Tochter. Die  Studentin – Christine Kyburz, heute Kamm-Kyburz – versprach, sich nach ihrem Abschluss wieder zu melden, drei Monate später. Peikert sei begeistert gewesen.

Doch das Telefonat kam nicht früh genug. Kurz bevor Peikert starb, sagte er gemäss Erzählungen seiner Tochter noch: «Siehst du, jetzt hat es wieder nicht geklappt.» Es sei eine letzte grosse Enttäuschung gewesen, die nicht hätte sein müssen. Denn eine Woche später meldete sich Christine Kamm-Kyburz. Im Jahr darauf (1976) fand im Burgbachkeller eine Ausstellung seines Werkes statt.

Heute lebt das Erbe weiter

«Ich als Nicht-Zugerin war überrascht, welch grossen Stellenwert Peikert in Zug geniesst», sagt die Kuratorin Ruf. «Für die Leute in der Region hat Peikerts Werk einen riesigen Wiedererkennungseffekt.» Man könne fast sagen, Peikerts Plakate seien identitätsstiftend. «Und wenn man beachtet, wie die neugestalteten Zugerland-Plakate mit den Kirschen ausschauen, dann sieht man, dass Peikerts Erbe weiterlebt», so Ruf.

Alt versus neu: links das Werk Martin Peikerts, rechts die neue Version der Zuger Grafiker Ueli Kleeb und Caroline Lötscher.

Alt versus neu: links das Werk Martin Peikerts, rechts die neue Version der Zuger Grafiker Ueli Kleeb und Caroline Lötscher.

(Bild: Fotocollage zentralplus)

«Der Berg ruft» – Grand Tour durch die Alpen im Kunsthaus Zug

Vom 11. Juni bis am 14. August widmet das Zuger Kunsthaus den Tourismusbildern von Martin Peikert eine Ausstellung. Zusammen mit den Bildern der jungen polnischen Künstlerin Agnieszka Kozlowska rücken dabei die Schweizer Alpen ins Zentrum.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag: 12:00 – 18:00 Uhr, Samstag und Sonntag: 10:00 – 17:00 Uhr. Am Montag bleibt das Kunsthaus geschlossen. Jeweils am 1. Freitag des Monats ist der Eintritt ins Museum kostenlos.

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