Kultur
Wenn Robin Hood sich den Luxus gönnt

Beltracchi – Meister der Selbstinszenierung

Wolfgang Beltracchi und die Selbstinszenierung. (Bild: Die Kunst der Fälschung)

Wolfgang Beltracchi ergaunerte sich mit Fälschungen Millionen. Nachdem er aufgeflogen war und für seine Taten ein paar Jahre in einer Zelle geschlafen hatte, schröpft er nun nicht mehr den Kunstmarkt, sondern seine eigene Geschichte. Meggen gefällt's.

Wolfgang Fischer war ein seltsames Kind, wie er über sich selbst sagt. 1951 wurde er geboren, verbrachte seine Kindheit in einem kleinen Dorf am Waldrand. Es gab Wiesen, Kühe und nur wenige Menschen. Wolfgang war kränklich und still, er wurde von den anderen Kindern gemieden.

Sein Vater, Kirchenmaler und Restaurator, führte ihn ins Kunsthandwerk ein. Doch bald rebellierte der Junge. Mit 17 flog er von der Schule und wird er heute nach der Zeit danach gefragt, erzählt er Geschichten eines wilden Wanderlebens – davon, dass er jahrelang wie ein «psychedelisches Karnickel durch Europa» tingelte.

Ein Rockstar wollte der junge Wolfgang Fischer damals werden. Und ein Rockstar ist er geworden.

Beltracchi auf Bildschirmen und Bühnen

Er hat seinen eigenen Dokumentar-Kinofilm, mehr als ein Dutzend Bücher wurden von ihm oder über ihn geschrieben. Er malte für Art on Ice im Hallenstadion, war Botschafter von Ford Schweiz und hält er Vorträge, gibt es einen Publikumsansturm. Will man die Artikel zählen, die über die «lebende Legende» erschienen sind, gibt man nach einigen Hundert auf.

Er war in haufenweise Talkshows und hatte gar eine eigene Fernsehserie, in der er andere Promis porträtierte. Die szenische Lesung «Unverfälscht» über die «kriminell schöne Liebesgeschichte» von ihm und seiner Frau – mit Ex-Tatort-Darsteller Stefan Gubser – tourt ausverkauft umher. Nun folgt ein internationaler Spielfilm, basierend auf seinem Leben (zentralplus berichtete). Die Entwicklung des Drehbuchs läuft.  

Den Vorwurf von Selbstinszenierung lässt Beltracchi aber nicht gelten: «Die drei wichtigsten Dinge für einen Künstler sind: être présent, être présent, être présent», sagte er einst. Und daran hält er sich.

Kritische Fragen unerwünscht

Bis 2018 jedenfalls nahm er alles an medialer Aufmerksamkeit, was zu kriegen war. Woraus auch dieser Artikel schöpft. Denn mittlerweile wird er vom Zürcher Galeristen Guido Persterer vertreten. Und damit hat der Wind gedreht. Ganz genau wird heutzutage ausgewählt, wer mit ihm sprechen, wer über ihn berichten darf. zentralplus gehört nicht dazu. Doch selbst dem gefeierten Podcast «Zeit Verbrechen» wurde kein Gespräch eingeräumt.

Journalisten, die sich schon länger mit seinem Fall beschäftigen, will Beltracchi nicht treffen. Ist auf einem Podium jemand dabei, der kritisch werden könnte, sagt er ab. Dass der «halbdokumentarische» Kinofilm über ihn vom Sohn seines Anwalts gedreht wurde, ist kaum Zufall. Und auch nicht, dass sein jahrelanger Komplize Otto Schulte-Kellinghaus nirgends mehr erwähnt wird. Denn der passt nicht in die Inszenierung des gigantischen Genies, gepaart mit einer monumentalen Liebesgeschichte.

Gerne werden die Beltracchis mit dem Gangsterpaar «Bonnie und Clyde» verglichen (zentralplus berichtete). Beltracchi aber sieht sich nicht als Kriminellen. Sein Betrug sei nicht aus Gier und nicht in böser Absicht geschehen. Er habe sich einfach aus seinen Lebensumständen heraus entwickelt, aus seiner Begabung heraus. Gerne und oft nennt er sein Talent für die Imitation anderer Handschriften «meinen genetischen Defekt».  

Die Geschichte des Kunstfälschers

Seine Vergehen wurden schon oft erzählt: Wolfgang Beltracchi malte Bilder im Stile alter Meister – und verkaufte sie als Originale. Entweder erfand er neue Titel und Motive, angelehnt an Schaffensphasen der Künstler, oder er schuf Bilder zu Titeln, die als verschollen galten.

Er studierte die Künstler, schliff alte Leinwände ab, malte darauf das neue Bild, fälschte Aufkleber von Galerien und besorgte alten Staub aus fernen Ländern, um ihn unten in die Rahmen zu füllen. Seine Frau Helene Beltracchi, die er 1992 kennengelernt und deren Namen er angenommen hatte, war seine Komplizin. Ihr Grossvater hielt als fiktiver Sammler her. Selbst alte Fotos fälschte das Ehepaar, auf welchen Helene Beltracchi als ihre eigene Grossmutter vor den Bildern posierte, um deren Echtheit zu beweisen.

Liebesbriefe aus der U-Haft

Als die Berliner Polizei 1995 gegen sie ermittelte, verliessen die Beltracchis Deutschland, mit ihren beiden Kindern, und lebten in Südfrankreich, wo sie nochmals richtig loslegten.

Am 27. August 2010 wurde Beltracchi schliesslich verhaftet, kam in Untersuchungshaft, wo er Porträts von Mitgefangenen malte und Liebesbriefe an seine Frau schrieb. 8'000 A4-Seiten insgesamt – zum Teil veröffentlicht in einem Buch der Beltracchis.

2011 wurde Wolfgang Beltracchi dann in Köln wegen gewerbs- und bandenmässigen schweren Betrugs in Tateinheit mit Urkundenfälschung verurteilt. Es ging um 14 Bilder. 170 Zeugen waren geladen – nicht einer wurde vernommen. Ein umstrittener Deal mit der Staatsanwaltschaft machte dem ein vorzeitiges Ende. Wie viele Bilder insgesamt gefälscht wurden, wo all das Geld geblieben war, das über Andorra und Panama floss – ungeklärt.

Zu sechs Jahren im offenen Vollzug wurde Wolfgang Beltracchi verurteilt. Seine Frau zu vier Jahren. Tagsüber arbeiteten sie in diesen Jahren gemeinsam in einem Atelier in Köln – bloss nachts mussten sie in die Zellen. Am 9. Januar 2015 wurde er aus der Haft entlassen.

Almosen für die Armen?

Seine Geschichten hören sich aufregend an, sexy, aber sicher nicht böse. Der Kunstmarkt in seiner Perversion sei es, der solche Fälschungen provoziere, betont Beltracchi gerne. Eigentlich sei er bloss ein rebellisches Ausnahmetalent, das den Reichsten einen Streich spielte.

Der Heldentitel «Robin Hood» wird ihm in diesem Zusammenhang nicht selten zugesprochen. Auch auf seiner eigenen Website vergleicht sich Beltracchi mit dem mutigen Mythos Hood, der von den Reichen nahm und den Armen gab. Den Armen. Und nicht: Der von den Reichen nahm und sich ein paar Luxusvillen leistete.

Money, money, money

Unbestritten hat Beltracchi meisterlich als Restaurator, Maler und Kunsthistoriker gewirkt. Doch dass er auch kopierte und projizierte – nicht bloss freihändig «neue Werke» schuf – das verschweigt er gerne. So wie auch das Geld.

Wie reich sie durch ihren Betrug geworden sind, wie viel auch merkantile Begabung zu ihren Betrügereien gehörte, das wollen die Beltracchis nicht gedruckt sehen. Sie stiegen in den besten Hotels der Welt ab, verkehrten in den teuersten Läden. «Ganz normal eigentlich», sagte Beltracchi.

Man geht von einem Betrugsgewinn zwischen 35 und 50 Millionen Euro aus, den sie in rund 40 Jahren erbeuteten. Ein Weingut in Südfrankreich mit 28 Hektaren, eine fünf Millionen Euro teure Glasvilla in Freiburg, eine Gesichtsstraffung. Dann wollte er sich noch einen Palazzo in Venedig kaufen. «Da war ich geil drauf», sagt er. Um in anderen Gesprächen zu betonen, um Geld sei es nie gegangen.

Mittlerweile verkauft er seine Bilder für Preise zwischen 80'000 Franken und einer Viertelmillion. Beltracchi-Shirts gibt es schon für läppische 180 Euro.

Keine Kopien in der Kunst?

Auch Ruhm habe ihn nie interessiert, sagte er in einem Interview. Und in einem anderen: «Wenn ich zum Bäcker gehe, will immer irgendwer ein Autogramm. Grossartig!»

Da spricht er von seiner neuen Heimat Meggen. Hier nutzt Beltracchi den ehemaligen Tanzsaal als Atelier (zentralplus berichtete). Der passt zu seinem Stil. In bunten Strickjacken zeigt er sich hier als humorvoller und hochbegabter Alt-Hippie mit einem Faible für Kuchen.

So schreibt der Gewerbeverein Meggen begeistert von seinem Star-Einwohner: «Wolfgang Beltracchi, weltweit bekannter Kunstmaler, lud uns in sein Atelier ein. Auf seine humorvolle, sympathische, ehrliche Art und Weise erzählte er uns von seiner Begabung, die Handschrift der weltweit besten Kunstmaler zu studieren, und wie er damit neue Kunstwerke fertigt. Er machte uns dabei auch bewusst, dass es in der Kunst keine Kopien gibt und Kreativität eine Vereinigung von Wissen, Intuition und Vermögen ist. Es erstaunt nicht, dass die ganze Welt etwas von ihm will.» Eine wahrhaft schöne Be- oder Umschreibung.

Wolfgang Beltracchi – ein Spieler ohne Grenzen

Rund 300 seiner Fälschungen sollen heute noch im Umlauf sein, brüstet er sich gerne. In allen möglichen Museen und Sammlungen sollen sie hängen, woran Experten auch zweifeln. Denn Beltracchi könnte seine Bilder jederzeit ohne Konsequenzen enttarnen, die Taten sind verjährt. Doch dieses Überlegenheitsgefühl abzugeben …

Wolfgang Beltracchi hält sich für besser als die Künstler, deren Handschrift er übernimmt. Malen sei nichts Besonderes, sagt er und macht sich auch gerne über zeitgenössische Kunst lustig. Er schimpft mit Leidenschaft über den Kunstmarkt und umgekehrt ist es nicht anders. Von einem gespreizten Pfau, einem Mega-Ego, einem «talentierten Pinsler, mehr nicht» ist da neben den lobenden Worten auch die Rede. Seine Bilder seien keine Innovation, sondern Dekoration. Das Leben dahinter, die Tragik, der Mut – alles, was Kunst ausmache, gehe ihm ab.

Schriftsteller Daniel Kehlmann jedoch sagte: «Beltracchi ist hochintelligent.» Und Galeristin Sofia Komarowa: «Er ist ein Spieler. Vielleicht ein bisschen gierig, aber auf jeden Fall talentiert und feinfühlig.»

Die Faszination jedenfalls, die er ausübt, ist unbestreitbar. Da ist Talent, da ist Ego, da ist Chuzpe. «Er akzeptiert keine Grenzen», sagte Helene Beltracchi einmal über ihren Mann. Und er hat offensichtlich auch keinen Grund dazu.

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